14. Mai 2017 | Hauptkirche St. Jacobi Hamburg

„Zu königlichen Menschen werden…“

14. Mai 2017

4. Sonntag nach Ostern – Kantate, Frauen schreiben Reformationsgeschichte, Predigt zu Matthäus 21, 14-17

Königliche Musik, liebe Gemeinde, das ist heute dran an diesem besonderen Sonntag Kantate. Ein prächtiger, satter Schlussakkord für all die beindruckenden Reformatorinnen nebenan im Südschiff, die uns gehörig neue Lieder gesungen haben. Und in die einzustimmen wir heute aufgefordert sind, sogar mit Händel und dankenswerterweise mit dem Chor. Königliche Musik also, da oben und hier unten, gemeinsam geschmettert, erlöst, gebrummt, getönt. Nur heraus damit! Es kommt heute nicht, jedenfalls nicht bei allen, auf die richtige Note an, sondern auf den guten Ton. Gönnen wir also der und dem anderen seinen Brustton der Überzeugung ohne mit Wilhelm Busch zu denken: Achje, leider ist Musik immer mit Geräusch verbunden….

Kantate gehört allen. Atmen wir doch buchstäblich einen, seinen Geist. Singen stiftet an zur Gemeinschaft der Vielstimmigkeit. Das ist gut zu hören, finde ich, in dieser Zeit. In der die Egoismen lautstark miteinander streiten. Also: Kantate statt Kakophonie! Singet. Alle für den Einen zum Lob.

Für ihn. Für ihn stehen sie alle da und singen laut Hosianna! Gleich zieht er in Jerusalem ein, der Messias, ihr König. Begeistert schwenken sie die Palmwedel, breiten vor ihm einen roten Teppich ihrer Kleider aus. So erzählt es das Matthäusevangelium direkt vor unserem Predigttext. Ein wahrhaft königlicher Empfang.  – Und dann kommt er, auf einem Esel, still und sanftmütig und ohne große Gesten. Das soll er sein? fragen die einen. Ein armseliger Prediger? Ja, Hosianna, singen die anderen, das ist der wahre König, der die Wahrheit liebt. Nichts brauchen wir mehr! Einer, die Erniedrigten aufrichtet und die Despoten vom Thron stößt….

Doch was der als erstes umstößt, sind die Tische der Händler im Tempel. Jesus ist zornig. Der Tempel eine Räuberhöhle! schimpft er. Er wirft Stände um, die Händler schreien, Tauben flattern aufgeregt, Münzen scheppern auf den Boden – und rollen direkt in die Hände der umher laufenden Kinder. Gut so! Gut gehüteter Besitz verteilt sich nun um.

Die Honoratioren wüten: Wer ist das, der hier so ein Chaos anrichtet?! Ist dem gar nichts heilig, dass er hier alles auf den Kopf stellt?

An dieser Stelle setzt unser Predigttext ein: Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme und er heilte sie. Mitten in diesem Chaos, ja fast beiläufig – heilt er. Unbemerkt, so scheint‘s. Nur die Kinder, sie sehen, wie um diesen Jesus die Menschen getröstet aufatmen, wie sie ungläubig froh auf einmal gehen können und das Licht sehen. Da ist plötzlich so viel Vertrauen und Gnade im Raum - und die Kinder, sie lassen‘s raus - unbändig froh!

Das Chaos im Tempel, liebe Gemeinde, ist nicht nur  Lärm und Turbulenz, es ist zutiefst schöpferisch. Denn in all der Unruhe wird eine neue Welt sichtbar, jedenfalls für jene, die es sehen können. Da landen die Münzen auf einmal in den Taschen der Armen, da führen die Kinder plötzlich das große Wort, da fühlen sich die Erstarrten und Erlahmten seit langem erstmals wieder lebendig. Und die Blinden sehen neu. Seht hin: Nicht auf dem Kopf steht hier die Welt, dieser König hat sie vielmehr auf die Füße gestellt!

Hosianna, singen deshalb die Kinder. Begeistert wie die Großen singen, ja schreien sie heraus, was sie sehen, fühlen, glauben: Das ist er, der König der Kinder!

Entrüstet schreiten die Hüter der Ordnung ein: Merkt der denn nicht, was die Kinder da schreien und dass er zu weit geht?? So studiert und klug und ernsthaft die Hohepriester sind, sie fürchten sich. Vor dem Chaos. Dem Verlust ihrer Autorität. Gefangen in ihrer Ordnung können sie gar nicht sehen, was die Kinder sehen: Dieser da ist der Sohn Davids! Derjenige, der alles wieder zurecht bringt. Eben der wahre König, der König der Kleinen, auch der Unmündigen und Säuglinge. Einer, der uns unendlich zart in Händen hält. Der uns aufrichtet, nicht richtet. Der uns neu, ungetrübt sehen lässt, woher wir kommen. Und der uns Kraft gibt, aufzustehen und zu gehen. Nicht in Angst. Sondern – das ist ja der Gegenimpuls zur „Enge“ der Angst – in Freiheit. Als Söhne und Töchter Gottes.

Was wir in diesem Evangelium heute hören, liebe Gemeinde, ist eine der kürzesten Reformationsgeschichten überhaupt. In vier Versen geschieht eine grundlegende Wandlung der Verhältnisse. Hier wird reiner Tisch gemacht. Im heiligen Raum der Gnade müssen die Geldwechsler und Ablassprediger draußen bleiben und all die Angstmacher unserer Zeiten auch. Hier singt die Freiheit ihr Lied, die den Nächsten hemmungslos liebt.

Sie konnte dieses Lied auf wunderbare Weise singen. Sie hätte sogar am Hamburger Konservatorium Sopranistin werden können, hätte sie nicht etwas „Ordentliches“ lernen müssen sollen 1942, nämlich höhere Handelsschule… Meine freiheitsliebende Reformatorin am heutigen Kantate-Sonntag ist Ada Ehmler. Aufgewachsen in einem pietistischen Elternhaus kennt sie Glaubens-Ordnungen, rauf und runter: Gehorchen. Beten. Setzen. Gott ist ein gestrenger, „gesichtsloser“ Zensor. „Das gehört sich nicht!“  –wie oft hat sie das gehört. 

Als BDM-Mädel gehorcht sie, selbstredend, und erlebt  schockiert die Reichspro-gromnacht. Bitteres Erwachen, immer wieder, noch Jahre später. Nie wieder will sie mitmachen bei irgendeiner Art von Rassismus, sagt sie in den 70-ern, als sie sich der Anti-Apartheitsbewegung anschließt. Das gehört sich nicht?! Demonstrieren vor Banken? Ja hört ihr denn nicht, hält sie den Kirchenautoritäten entgegen, wie sie schreien nach Gerechtigkeit? Dort in Südafrika, und nicht nur dort? Und seid ihr blind und lahm? Seht  ihr denn nicht, dass wir deren Rassismus und Menschenverachtung mit ermöglichen? Indem wir den Falschen Kredite geben und Waffen, indem wir Früchte kaufen, ihren Lügen glauben? Wir versündigen uns – das alte Wort bekommt bei Ada eine politische Dimension. Wir versündigen uns, wenn wir so ein Apartheits-System mit aufrechterhalten, das andere zu Opfern macht und Entrechteten. Das gehört sich nicht! Und ist nicht mehr hinzunehmen.

Und Ada hebt ihre klare Stimme. Kein Geschrei wie im Tempel, aber auch kein bisschen leise. Diese lang schon schmerzende Sehnsucht nach Freiheit  - auch für sich selbst und ihren Glauben als eine der Töchter Gottes –  diese Sehnsucht nach einem anderen Gottesbild bricht sich Bahn, natürlich in einem Seminar des Frauenwerks. Ada erlebt auf einmal die Güte Gottes als allumfassend. Diese Erfahrung holt sie endgültig heraus aus dem kleinen Karo der Gesetzlichkeit, wie es ihre Eltern lebten. Gottes Barmherzigkeit eröffnet Horizonte. 1978 steigt sie mit ein in die Südafrika –Boykott-Bewegung. Damit die Welt wieder auf die Füße kommt. Immer treu mit Kamera und Liebe begleitet von Gottfried, ihrem Mann. Ihm ist es zu verdanken, dass all die Aktionen von Ada so gut dokumentiert sind. Zu gern wäre er hier gewesen – zur Eröffnung dieser Ausstellung und zur Finissage auch. Leider war er schwer erkrankt und ist nun vorgestern Abend gestorben, ganz friedlich. Ich weiß, dass viele hier ihn kannten; nehmen wir ihn mit in unsere Fürbitte und mit hinein in unsere Herzen und Gedanken. 

In den 90-ern lernte ich beide kennen, auf einer Hoffnungswanderung. Sehr symbolisch: Denn diese überaus unbequeme, deutliche, herrlich liebevolle, großherzige und kompromisslos singende Protestantin hat mich aufgerüttelt und als junge Pastorin damals zutiefst hoffnungsfroh gemacht.

Zu einem königlichen Menschen werden – dazu ermutigen mich Frauen wie Ada und viele der Reformatorinnen, die wir mit der Finissage heute weiter auf die Reise schicken. Weil sie uns sagen: Bleibt geradlinig! Zeigt Haltung gegenüber den Machtdemonstrationen auch heutiger Despoten diesseits und jenseits des Atlantik. Haltung – königliche Haltung! –, die getragen ist von bodenständiger Barmherzigkeit. Mit ihrem ganzen Leben und Wirken sagen sie: Reformation ist keine leisetretende  Veränderung, sondern ein bewusstes „Ab jetzt geht´s anders“! Im Namen Jesu gehört die Welt auf die Füße!

Zu königlichen Menschen werden – dazu gehört auch das Lied der Freiheit. Und unseren Mut es zu singen! Für all die Verstörten und Verängstigten unserer Tage. Wir brauchen in diesem Europa mit all den Parolenbrüllern die religiös Musikalischen. Die wissen, dass es gerade jetzt darum geht, in diesem Weltkonzert mit all seinem Streit den Ton der Mitmenschlichkeit durchzutragen.

Mitsamt der Kinder! Ihnen gilt in meiner Predigt der Schlussakkord. Mit einer besonderen Geschichte. Jedes Jahr am 20. April finden sich am Roman-Zeller-Platz in Schnelsen an die zweihundert Grundschulkinder der 4. Klassen, um zu gedenken. Mit Kerzen, Blumen und Liedern gedenken sie in Anwesenheit von Angehörigen und tatsächlich Zeitzeugen, die Auschwitz überlebt haben, zwanzig ermordeter jüdischer Kinder. Wenige Tage vor der Befreiung im Mai 1945 wurden sie in der Schule im Bullenhuser Damm von den Nazis erhängt, um deren grausamen medizinischen Menschenversuche zu vertuschen. Die Jungen und Mädchen, zwischen 5 und 12 Jahre alt, waren deportiert aus Frankreich, den Niederlanden, Polen, der Tschechoslowakei.

Die Geschichte ist eigentlich kaum auszuhalten; doch die Kinder setzen sich damit so beeindruckend auseinander, schreiben Gedichte und Briefe an die Ermordeten. „Lieber Walter, wie furchtbar, dass du keine Kindheit hattest - vielleicht gibt es ja im Himmel auch Briefmarken zum Sammeln?“ so lesen sie an der kleinen Klagemauer ihre Texte vor. Am Ende der Zeremonie dann singen sie. „Hevenu Schalom aleichem“ - „Wir wollen Frieden für alle.“ Sie singen immer so schön. Nicht virtuos, sondern ehrlich. Nach und nach stimmen die anderen ein. Auf Hebräisch, Englisch, Französisch: Schalom! Aleichem. Versöhnt die Gemeinschaft der Singenden.

Das ist königliche Musik, liebe Gemeinde. Wie ein gesungenes Gebet. Unerhört dicht. Gott so nah. Und in mir stiegen auf einmal die Tränen auf. Achduje, dachte ich nur, Fassung bewahren, du muss doch gleich reden... Contenance! Da merke ich, wie mich jemand in die Seite stupst. Steht einer von diesen sagenhaften Viertklässlern neben mir, zwinkert und flüstert: „Komm, lass es raus!“

Noch seltenhat sich mir der Sinn des Evangeliums an Sonntag Kantate so unmittelbar erschlossen.  Damit die Welt auf die Füße kommt, braucht es manchmal ein Hosianna der besonderen Art. Eines, das nie aufhört, mit den Wundern Gottes zu rechnen.  Und mit seinem Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus.
Amen.

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