Neue Anfänge nach 1945?

Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen

Eine Wanderausstellung der Nordkirche 2016

Worum es geht

„Neue Anfänge nach 1945?“

Unter diesem Titel geht eine Wanderausstellung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland der Frage nach, wie der Neuanfang nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Bereich der Kirche verstanden und in die Wege geleitet wurde. Betrachtet wird der Zeitraum zwischen 1945 und 1985.

Wie wurden in den nordelbischen Kirchen das Kriegsende und die militärische Niederlage Deutschlands empfunden und gedeutet? Wie konsequent versuchte man, mit den menschenverachtenden Sichtweisen und Denkmustern des Nationalsozialismus zu brechen? Welche personellen und inhaltlichen Kontinuitätslinien aus der NS-Zeit waren weiterhin wirksam? Wann und auf welche Weise konnten sich neue Weichenstellungen durchsetzen?

In sechs Themenfeldern dokumentiert die Ausstellung, in welcher Weise sich die im lutherischen Norden lange Zeit vorherrschende nationalprotestantische Mentalität, die die Hinwendung zum Nationalsozialismus gefördert hatte, nach 1945 zunächst wieder durchsetzte und Wirkungsmacht entfaltete. Im Vordergrund stehen konkrete Fälle und Beispiele aus den nordelbischen Landeskirchen und Gemeinden. Gezeigt wird auch der mühevolle Weg von Auseinandersetzung und Dialog über Jahrzehnte, der schließlich zu einer Veränderung der Kirche führte.

Die Ausstellung wurde am 29. Januar 2016 in der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg eröffnet. Sie wandert seitdem durch zahlreiche Kirchen im norddeutschen Raum.

„Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“

Stuttgarter Schulderklärung vom 19. Oktober 1945

„Auch wenn es viele einzelne positive Befunde gibt, so ist das Gesamtbild unserer Kirche von einer Verweigerung zur Auseinandersetzung oder gar zum Dialog mit dem Judentum geprägt: Mittäterschaft wurde geleugnet; Bekenntniswidrigkeit zur Bagatelle erklärt, und gegenüber ehemals Verfolgten verhielt man sich vielfach schäbig. Der Nationalprotestantismus, der dem Nationalsozialismus in vielem den Weg bereitet hatte, konnte sich nach 1945 wieder durchsetzen und Wirkungsmacht entfalten.”

Heimatvertriebene, Flüchtlinge
und »Displaced Persons«

Die evangelische Kirche spielte eine zentrale Rolle bei der Integration der Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Das Thema Flucht und Vertreibung hatte auch großen Einfluss auf ihre politische Positionierung..

Ignoriert wurde in der kirchlichen Öffentlichkeit der Nachkriegszeit aber zumeist, dass die Ursachen der Flüchtlingsströme und der katastrophalen Lage Deutschlands in der nationalsozialistischen Kriegspolitik zu suchen waren. Stattdessen wurde die Not der deutschen Bevölkerung vor allem den Besatzungsmächten angelastet.

Die evangelische Kirche, die sich anstrengte, deutschstämmige Flüchtlinge und Heimatvertriebene zu integrieren, engagierte sich nicht für die entwurzelten „Displaced Persons“, jüdische KZ-Überlebende und ins Deutsche Reich verschleppte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Osteuropa.

Zu Beginn der 1960er Jahre entspann sich eine innerkirchliche Kontroverse um die Ostpolitik und die Flüchtlingsfrage, die starke Auswirkungen auf die politische Entwicklung und das gesellschaftspolitische Klima in der Bundesrepublik hatte.

Zum Thema Heimatvertriebene, Flüchtlinge und „Displaced Persons“

Der „Osten, die große blutende Wunde des Volkes“

Antisemitismus und neue Begegnungen

Vom Völkermord an den Juden wollten die meisten Menschen im frühen Nachkriegsdeutschland nichts wissen. Gegen die offen gelegten Fakten über die deutschen Verbrechen schotteten sie sich ab.

Auch im kirchlichen Raum wurde das Leid der Juden ausgeblendet und verdrängt. Mitverantwortung und Mittäterschaft der Kirche an der Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung, z. B. durch die denunzierende Tätigkeit der Kirchenbuchämter, wurden bagatellisiert oder geleugnet.

Unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses 1961 und der Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1963/65 zeigten auch die Kirchenleitungen Nordelbiens mehr Bereitschaft zu einer generellen Anerkennung der gesellschaftlichen Schuld an diesem Zivilisationsbruch. Allerdings war nur von den Opfern die Rede, nicht von den Tätern.

Antisemitische Haltungen der kirchlichen Instanzen erschwerten noch bis in die 1970er Jahre die Kontaktaufnahme mit den jüdischen Gemeinden. Zunächst begründeten Einzelne den christlich-jüdischen Dialog. In den Folgejahren nahm er feste Formen an, vor allem innerhalb der Hamburger Landeskirche.

Zum Thema „Antisemitismus und neue Begegnungen“

„Der Antisemitismus beginnt wieder sein Haupt zu erheben …“

NS-Täter und Kriegsverbrecher
im Schutz der Kirche

Gleich nach Kriegsende gewährte die evangelische Kirche vielen belasteten Nationalsozialisten als „verlorenen Söhnen“ Vergebung. Ihre Fürsorge galt den kriegsgefangenen Soldaten und Internierten, fast ausschließlich inhaftierte nationalsozialistische Funktionäre, Angehörige der SS, des Sicherheitsdienstes, der Gestapo sowie mutmaßliche Kriegsverbrecher.

Die Kirchenleitungen reichten Gnadengesuche ein. Sie beharrten auf der Unschuldsvermutung und sprachen von „angeblichen“ oder „so genannten Kriegsverbrechern“.

In Gebetswochen, Weihnachtsgottesdiensten und Unterschriftensammlungen forderten die evangelischen Kirchen die Freilassung der Internierten und Kriegsgefangenen.

Für die Überlebenden der Massenmorde und der Lager hingegen wurden keine „seelsorgerischen Handreichungen“ verschickt. Das Mitgefühl galt den Tätern, nicht den Opfern. Erst im Zusammenhang mit den Auschwitz-Prozessen in den 1960er Jahren setzte ein Umdenken zum Umgang mit den NS-Tätern ein.

Alternativen für kritische kirchliche Auseinandersetzung werden vor allem in der früh eingerichteten Gedenkstätte Ladelund praktiziert.

Zum Thema „NS-Täter und Kriegsverbrecher im Schutz der Kirche“

„Das Mitgefühl galt den Tätern, nicht den Opfern.“

Streit um Schuld und Mitverantwortung

Die vier Landeskirchen Nordelbiens gingen bei ihrer „Selbstreinigung” unterschiedliche Wege. Während die Lübecker Landeskirche Geistliche der „Deutschen Christen” konsequent aus ihren Ämtern entfernte, nahm Eutin hochgradig NS-belastete Theologen auf.

Schleswig-Holstein und Hamburg führten größtenteils die Zusammenarbeit mit vormals regimetreuen Kirchenleuten fort. Nur wenige radikale Theologen der „Deutschen Christen” mussten aus dem Dienst ausscheiden. Unter ihnen war der ehemalige Pastor an der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi, Robert Stuewer, der in der NS-Zeit den Gebrauch hebräischer Begriffe wie „Halleluja” und „Amen” in seinen Gottesdiensten untersagt hatte.

Die „Stuttgarter Schulderklärung” von 1945 traf in Norddeutschland überwiegend auf heftige Ablehnung.

Erst in den 1960er Jahren kann sich eine kritische Aufarbeitung entfalten. Eine von der EKD berufene Kommission für die Geschichte des „Kirchenkampfes” begann mit der Herausgabe regionaler Einzelstudien.

Diese Erklärung ist „ein nicht zu rechtfertigendes Eingeständnis einer einseitigen Kriegsschuld …“

Haltung zu Krieg und Wiederaufrüstung

Die Alliierten beschlossen nach Kriegsende die vollständige Entmilitarisierung Deutschlands. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer ab 1950 eine Politik der Wiederaufrüstung betrieb, lösten seine Pläne innenpolitische Auseinandersetzungen und Bürgerproteste aus.

Auch die evangelische Kirche war in dieser Frage gespalten. Die Kirchlichen Bruderschaften sowie bekannte Kirchenvertreter wie Martin Niemöller und Gustav Heinemann bezogen eindeutig Position gegen die Remilitarisierung.

Die von prominenten evangelischen Wehrgegnern mitgetragene „Paulskirchenbewegung“ konnte 1955 hunderttausende Menschen gegen die Wiederbewaffnung mobilisieren.

In den nordelbischen Landeskirchen fanden diese Aktivitäten nur wenig Resonanz. Die vereinzelten Friedensinitiativen wurden von den Kirchenleitungen und zahlreichen Pastoren scharf kritisiert, ihr Engagement als Ausdruck „politischer Religion“ diffamiert.

Zu innerkirchlichen Differenzen kam es auch in der Frage des Totengedenkens im Kirchenraum. Gestritten wurde darüber, an welche Toten man erinnern wollte und auf welche Art und Weise ihrer gedacht werden sollte.

Zum Thema „Haltung zu Krieg und Wiederaufrüstung“

„ … diese Verwirrung der Gewissen durch christlich aufgemachte Aufrufe …“

Antikommunismus und Diffamierungen

In der Frühzeit des Kalten Krieges war die Evangelische Kirche – wie die gesamte bundesrepublikanische Gesellschaft – antikommunistisch geprägt.

Die oft traumatischen Erfahrungen der Menschen bei ihrer Flucht aus den Ostgebieten und der Vertreibung durch die Rote Armee ließen ihnen den Kommunismus als Schreckensbild erscheinen. Sie nahmen nicht wahr, mit welch ungeheuren Anstrengungen und Opfern die Bevölkerung der Sowjetunion die Befreiung vom Nationalsozialismus erreicht und bezahlt hatte.

Der deutsche Angriffs- und Vernichtungskrieg hatte allein in der Sowjetunion 25 bis 30 Millionen Tote gefordert, davon etwa 15 Millionen Zivilisten.

Im Bereich der nordelbischen Kirchen hielt sich dennoch die Überzeugung, der Krieg gegen die Sowjetunion sei im Grunde gerechtfertigt gewesen.

Besonders in der schleswig-holsteinischen Landeskirche ging man mit Bespitzelung und Rufschädigung gegen jene Pastoren vor, denen Sympathie für linke Strömungen nachgesagt wurden. Erst mit der „Ostdenkschrift“ 1965 kommt eine neue Weichenstellung zustande.

Zum Thema „Antikommunismus und Diffamierungen“

„Es waren Bolschewisten und der Bolschewismus predigt und unterstützt die Gottlosenbewegung.“