7. April 2019 | Segelschulschiff „Greif“ im Hafen zu Greifswald-Wieck

„Sehet welch ein Mensch!“

07. April 2019 von Hans-Jürgen Abromeit

Sonntag Judika, Predigt über Johannes 18, 28 – 19, 5

Liebe Freundinnen und Freunde der „Greif“, liebe Gemeinde!

Ein Gottesdienst auf der „Greif“, das ist schon ein besonderes Erlebnis! „Vor Gericht und auf See, da ist man allein in Gottes Hand“, sagt eine alte Redewendung. Wenn auf See bei starkem Wellengang das Schiff aufsteigt und dann ins Wellental abstürzt, kann einem das schon eine leichte Panik schicken. Je mehr Landratte, desto stärker. Ja, überhaupt – Wasser, Luft, Wind und Meer üben eine besondere Faszination aus. Warum eigentlich? Warum schauen wir gern aufs Wasser? Freuen uns an Wellen und Gischt? Genießen es mit der Greif einen Segeltörn zu machen und dabei die Ostsee zu erleben?

Mit dem Wasser verbindet uns ein zwiefältiges Gefühl. Wasser ist Leben. Zuviel Wasser, ungebändigtes Wasser bedroht uns. Das Meer steht für Zweierlei. Wir haben eine Urahnung, dass alles Leben aus dem Wasser kommt. Andererseits kann das Meer uns auch bedrohen, auch das Leben nehmen. Man kann auf dem Wasser sich ängstigen und unglaubliche Furcht empfinden. Von einer solchen furchteinflößenden Schifffahrt hörten wir im Evangelium, aber auch von dem, der Sturm und Angst beruhigen kann. Vielleicht bewegen uns diese Geschichten ums Wasser so, weil in ihnen die Unsicherheit unseres Lebens zum Ausdruck kommt. Wir leben so, als ob es immer so weiter ginge. Dabei hat keiner von uns sein Leben in der Hand. Ja, vielleicht geht es gut, noch ein paar Jahre und Jahrzehnte. Aber es kann auch ganz anders kommen. Eine unerwartete Krankheit macht alle Lebensträume zunichte. Zu oft habe ich schon erlebt, wie hoffnungsvollem Leben ein schnelles Ende gesetzt wurde. Eine Beziehung war glücklich. Man dachte, die hält fürs Leben. Und dann wendet sich doch ein Partner ab, weil er oder sie einen anderen hat. Für den übriggebliebenen ist es wie ein Untergang. Unser Leben ist wie allein vor Gericht oder auf See – wir sind in Gottes Hand.

Wir leben zur Zeit in der Passionszeit. Vor Ostern denken wir an das Leiden und Sterben Jesu Christi. Da erinnern wir uns daran, dass der Begründer des christlichen Glaubens auch einen solchen Untergang erlebt hat. Die, die ihm vorher noch zugejubelt hatten, waren enttäuscht, weil Jesus ihre Wünsche nicht erfüllt hatte. Auch seine engsten Anhänger wandten sich ab. Das Jerusalemer Establishment machte ihm den Prozess. Die jüdischen Gegner Jesu schleppen ihn vor den römischen Statthalter Pilatus. Und – Sie wissen ja - dann galt: „Vor Gericht und auf See, da ist man allein in Gottes Hand“.

Johannes 18, 33 „Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir's andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe? Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber. 19,1Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!“

Jesus steht ganz allein vor dem Gouverneur Pilatus. Sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Er ist des Aufruhrs angeklagt. Er habe sich als Thronanwärter ausgegeben, als Messias, also faktisch als kommender König. Das ist ein ungeheurer Vorwurf. Das wäre Revolution. Stimmt das? Pilatus befragt Jesus: „Beanspruchst du, der König der Juden zu sein?“ Jesus sagt: „Nein und ja. Ich werde nicht in Konkurrenz zu eurer Herrschaft treten. Ich werbe um die Herzen. Nicht eine Revolution um weltliche Macht werde ich bringen, sondern ich bringe eine Revolution ganz anderer Art. Es ist eine Revolution der Herzen.“

Diese Welt wird nicht verändert, wenn mit Gewalt ein Machtanspruch gegen einen anderen durchgesetzt wird. Auftrag und Machtanspruch Jesu sind nicht von dieser Welt. Diese Welt ist eine Welt der Lüge. Fake-News bestimmen häufig die Situation. Jesus ist gekommen, um für die Wahrheit zu zeugen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Sein Reich ist das Reich der Wahrheit. Er sucht Menschen, die sich dieser Wahrheit verschreiben. Er weiß, wer auf seiner Wellenlänge liegt, der wird ihm folgen.

Ja, Jesus ist ein König. Er ist ein Herrscher, der mit Liebe, Barmherzigkeit und Gewaltlosigkeit die Herzen gewinnt. Sein Reich ist nicht ein Reich der Vergeltung, sondern ein Reich der Vergebung und der Gnade. Da bekommt nicht jeder, was er verdient, sondern Jesus hat sich verurteilen lassen, hat sich selbst in die Hände seiner Feinde gegeben, um zu vergeben. Er ist diesen Weg gegangen, der für ihn zum Tod geführt hat, damit er uns Vergebung und Erlösung ermöglichte. Ohne Vergebung gibt es kein Leben. Jesus ist der König der Vergebung und Erlösung. Wer zu ihm gehört, der kann einen Neuanfang machen, weil ihm vergeben ist.

Pilatus versteht das alles nicht und ihn interessiert das auch nicht. Abgedrehte religiöse Spinnereien sind das für ihn. Was sind das schon für Wahrheiten? Aber er versteht: Schuldig im Sinne der Anklage ist Jesus nicht. Er will den Kaiser in Rom nicht vom Thron stoßen. Und darum sagt er zu den Jesus verklagenden Juden: „Ich finde keine Schuld an ihm!“ Er will ihn freilassen. Aber die Menge will lieber einen verurteilten Räuber, Barabbas, aus dem Gefängnis holen lassen. Er probiert, ob das Volk vielleicht von Jesus ablässt, wenn er ihn foltern lässt oder ihn lächerlich macht. „Sehet, welch ein Mensch!“ Und das hat den Unterton: Das ist doch keine ernsthafte Gefahr für das römische Reich. Das ist ein religiös Überspannter, der ist doch abgedreht. Eine Lachnummer! Es dauert nicht lange, und dann haben ihn alle vergessen.

Und immer schon haben Mächtige versucht, sich Jesus und seinen so ganz anderen Anspruch auf Wahrheit vom Leibe zu halten. Wilhelm Pieck[1], der erste und einzige Präsident der DDR, nach dem dieses schöne Schiff zuerst benannt war und dem es persönlich geschenkt wurde, wollte z. B. Religion von der Jugend fern halten, damit – wie er sagte – die „Popen“ sie nicht verwirrt. Noch nie haben die politischen Machtmenschen verstanden, welche Erweiterung ihres Lebens Jesus ihnen bringen könnte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass wir heute auf der alten „Wilhelm-Pieck“ Gottesdienst feiern und in dieser Passionszeit auf einen Teil dieser grandiosen Geschichte hören. Es ist die bedeutendste Geschichte aller Zeiten, die Geschichte vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Es ist diese Geschichte, durch die Jesus zur zentralen Gestalt unserer Kultur geworden ist.

Die Schlussszene ist typisch: Da steht Jesus vor unseren Augen. Pilatus sagt: Er hat keine Schuld! Und doch steht er da, gezeichnet von der Geißelung, Folter hinterlässt Spuren. Die Soldaten haben ihm die Dornenkrone aufgesetzt. Hier und da rinnt ein schmales Blutrinnsal an seinem Gesicht herunter. Dazu haben die Kriegsknechte ihm einen Purpurmantel umgehängt. Auf diese armselige Figur zeigt Pilatus und sagt: „Sehet, welch ein Mensch!“

Die einen sehen in der Tat nur eine Spottfigur und halten Jesus für gescheitert. Die anderen lassen sich von diesem ersten Eindruck nicht in die Irre führen und wissen: Das ist der Mensch schlechthin. An ihm werden sich alle Menschen messen lassen müssen. Er hat eine Macht, doch unsichtbar. Die Welt wird nachhaltig nicht durch Waffen und Gewalt verändert, sondern durch Liebe. Indem Jesus äußerlich gesehen untergeht, gewinnt er Macht über die Herzen. Durch sein Sterben schafft er Erlösung. Der Tod wird durchsichtig für das, was danach kommt. Er ist nicht mehr eine letzte Grenze, sondern das Tor zu einer größeren Welt. Das Leiden aus Liebe schafft eine Wirklichkeit, die die Welt des Kampfes und der Auseinandersetzung hinter sich lässt. Dieser Mensch ist ein neuer Mensch, weil er so eng mit Gott verbunden ist, wie vorher und nachher kein anderer Mensch jemals gewesen ist. „Sehet, welch ein Mensch!“

Jesus verwandelt diese Welt, weil er das Tor zur Ewigkeit aufgestoßen hat. Dadurch verliert die Angst, die uns manches Mal befällt, ihre Schrecken. Die Menschen, die gestorben sind, sind uns nur vorausgegangen. Er, der für uns gestorben ist, hat Macht über die Mächte der Krankheit und des Todes. Er kann uns die Angst vor den Tod nehmen und kann auch die Krankheit heilen. Weil er uns vorausgegangen ist, weil er der Mensch ist, wie Gott sich ihn gedacht hat, deswegen führt er uns auch an unser großes Ziel, wie wir es mit dem Seefahrerpsalm zu Beginn unseres Gottesdienstes im Wechsel gebetet hatten: „Du bereitest mir einen Hafen am Ende der Zeit. Du beschwichtigst die Wellen mit Öl und lässt mich sicher segeln.“

Ja, wir haben mit Jesus einen, der uns zur Seite steht, in unserem ganzen Leben. In der Gestalt des Königs mit der Dornenkrone steht uns der bei, der durch das Leid zur Herrlichkeit führt. Das ist die Wahrheit, die er zu bezeugen gekommen ist. Wer in Gottes Hand ist, ist gut aufgehoben, auch auf dem Meer des Lebens.

Amen.

[1] Wilhelm Gräb / Thomas Thieme, Religion oder Ethik? Die Auseinandersetzung um den Ethik- oder Religionsunterricht in Berlin, Göttingen 2011, 30.

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