12. September 2021 | Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

Gottesdienst am 15. Sonntag nach Trinitatis

12. September 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Lukas 17,5-6

Liebe Gemeinde!

„Ich bin veracht‘, der Herr hat mich um Leiden am Tage seines Zorns gemacht …“ So schön haben Sie diese Bachkantate eben gesungen und gespielt, lieber Chor und liebes Orchester. Hinreißend. Zugleich habe ich mich bei diesem Text mit leiser Heiterkeit gefragt, ob der mir womöglich etwas Bestimmtes sagen will. Denn zugegeben, man macht sich ja einige ernsthafte Gedanken bei so einem runden 60. Geburtstag, den ich nun zufällig heute begehen darf. Es ist ja nicht der 30. Doch so viel Moll und Sorgenlast mit der Quintessenz: „Ich bin ein armer Erdenkloß, auf Erden weiß ich keinen Trost.“ Nun ja, ehrlich, das trifft nicht so ganz mein Lebensgefühl.

Erleichtert habe ich nun festgestellt, dass diese Kantate von Bach für das Evangelium zum 15. Sonntag nach Trinitatis komponiert wurde. Man schenkt also nicht mirvor den Wein der Freuden, den bitter‘n Kelch der Tränen ein. Ich danke Bach und euch dafür.

Denn: Sorget nicht, das ist das Thema. Seht euch die Spatzen und Lilien an, sagt das Evangelium. Wenn Gott für sie sorgt, wird er doch euch nicht aus den Augen lassen? Also weg mit Tristesse und her mit den Lobliedern, mit Tanz und Lebensfreude. Was helfen uns die schweren Sorgen? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit. Und die Kantate bestätigt „Vertrau du deinem Herren Gott, der alle Ding erschaffen hat“. Das ist der Ton heute. Aufatmen. Loslassen. Vertrauen. Leichtigkeit. „So werf‘ ich meine Sorgen mit Freuden auf den Herrn.“

Allerdings, der sorgenvolle Mensch in Bachs Kantate tut sich echt schwer. Man hört ihn ringen, fragen, verzweifelt nach Trost suchen. An manchen Stellen denkt man, jetzt hat er‘s gleich, Gott hört und hilft ihm, seine Sorgen werden leichter; aber dann trifft ihn wieder diese ganze Schwere, der Erdenkloß, so ohne Trost.

Sorget nicht – das Thema heute trifft ins aktuell Schwarze angesichts all der Bedrückten und Gebeutelten unserer Zeit. So viele wissen ja nur zu gut, wie Sorgen einen drücken können. Dass sie Ängste schüren, den Atem nehmen und Schlaf rauben können. Mit der Pandemie hat sich das verstärkt, gerade bei den jungen Leuten. Was die alles ausgehalten haben und aushalten, das einmal ganz konkret zu hören, hat mich ehrlich beeindruckt in einem Gespräch vergangenen Donnerstag. Mit Schülersprechern und Teamerinnen zwischen 14 und 18 Jahren. Sie erzählten, dass sie den ersten Lockdown noch ganz gut überstanden hätten. Aber der zweite! Zehn Stunden Schule per Videokonferenz. „Ich hab‘ das irgendwann nicht mehr ausgehalten“, sagt Lukas. Dann: keine Bewegung. Kaum Pausen. Verlorene Struktur. Rückenschmerzen. Schlafstörungen. Und wohl mit das Heftigste: Sie haben keine Motivation mehr gespürt, keine Lebensfreude. Kein kleiner Höhepunkt im Alltag. Kein Fußball. Treffen mit Freundinnen. Keine Konfer-Freizeiten. Dafür aber jede Menge Klima – Angst und Not.

Liebe Gemeinde, das zu hören macht mir Sorgen. Sicherlich – es gibt viele, die gerade wieder zurückfinden ins Leben, die sich mit anderen treffen, lachen, spielen, verliebt sind. Aber da sind auch die anderen, die kein Trost erreicht. Die in der Schwere bleiben – und das sind viel mehr als wir denken. Wir dürfen sie nicht überhören und übersehen! Wir müssen die verlorenen Seelen wiederfinden, sagte der Lehrer am Donnerstag, müssen ihre Sorgen hören und mittragen. Lasst uns unsere jungen Menschen stärken, sie beteiligen an den Entscheidungen, die vor allem ihr Leben und ihre Zukunft betreffen! In zwei Wochen geht es um eine entscheidende Bundestagswahl. Auf die nächste Dekade kommt‘s an; wählen wir auch für unsere Jüngsten mit!

Sie sind angewiesen auf erwachsene Zuversicht. Auf Menschen, die in ihnen Selbst- und Gottvertrauen wecken, neue Lebensfreude. Und den Glauben an eine bessere Welt, für die sie wirksam etwas tun können. Jesus hat dazu im Predigttext für den heutigen Sonntag wundervolle Bilder gefunden. Ich lese aus dem 17. Kapitel des Lukasevangeliums, übertitelt „Von der Kraft des Glaubens“: „Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: ,Stärke unseren Glauben!‘ Der Herr aber sprach: ,Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: ,Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!‘ und er würde euch gehorsam sein.‘“

Fragen Sie sich auch: Warum um alles in der Welt sollte sich denn ein Maulbeerbaum ausreißen und ins Meer verpflanzen? Könnte dieser winzige Senfkornglaube nicht lieber das Klimaproblem lösen, den Weltfrieden herstellen und für Gerechtigkeit sorgen?

Mitten in diese mit vollem Recht so sorgenvolle Zeit kommt Jesus und rüttelt uns die inneren Bilder zurecht. Er fragt uns mit allem Ernst: „Was helfen uns die schweren Sorgen?“ Denn: „Ach, hilft Gott heute nicht, so hilft er morgen.“ Und lässt Maulbeerbäume ins Meer hüpfen. Jesus wagt‘s. Er bürstet uns die Sorgenwelt quer. Er redet nichts schön. Er sagt nicht, von der Last der Menschen unberührt: Das wird schon, ihr schafft das schon. Nein, er stellt einfach dieses radikale Vertrauen neben die Sorgenlast. Erinnert an die unverbrüchliche Liebe Gottes zum Menschen, unendlich ist sie wie das Meer. Sorgt euch nicht. Sorgt euch nicht um Zukunft und Hoffnung. Sorgt euch nicht um euren Glauben. Auch wenn er nur ganz winzig scheint. Winzig wie ein Senfkorn, aus dem schließlich ein riesiger Baum wachsen will. Und selbst wenn er sich noch kleiner als ein Senfkorn anfühlt, es reicht. Es trägt euch. Weil es erst der Anfang ist. Und eine gewaltige Kraft darin steckt. Weil das verzagte Festhalten am Leben auch ein Festhalten ist. Und: ein Festgehalten-Werden.

Als am 11. September 2001 durch den größten Terroranschlag in den USA das Leben von fast 3.000 Menschen ausgelöscht wird, reißt die Erschütterung weltweit tiefe Wunden in die Seelen. Der Boden wankt, da war nichts zum Festhalten. So viel Trauer, bis heute. So viel Unglück, das dieses Trauma nach sich gezogen hat. Noch mehr Terror, an so vielen Orten. So viel Leiden bis zu diesem Moment. In Amerika, aber auch im Irak, in Afghanistan. Wie wichtig, dass wir daran erinnern und mehr noch, dass wir für alle beten, die dieser Tag vor 20 Jahren nicht loslässt. Für ihre Herzen, ihren Trost, ihre Familien.

Ich bin überzeugt, hier und heute gemeinsam um Versöhnung und Frieden und Heilung zu beten, das hält uns – und hält uns zusammen. „Wir dürfen diesem Tag nicht die Macht geben, dass es unser Vertrauen ins Leben zerstört“, sagte bei der Trauerfeier eine Angehörige. Genau dafür steht dieses Gleichnis Jesu. Zu Jesus, der nie das Schwert erhoben, niemals eine Armee kommandiert, noch nie ein Land regiert hat, zu ihm kommen sie. Sie sagen: Stärke uns. Mit deiner Botschaft von der Liebe, die die Kraft hat, den Hass zu überwinden. Stärke uns mit deinem „Einer trage des anderen Last.“ Deinem: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Stärke uns mit deinem: „Sorget nicht.“ Das sind Worte, ja Lebenshaltungen, die trösten, aufrichten, versöhnen. Überall. Seit Jahrtausenden. Und das wird bleiben. Das glaube ich.

Dafür reicht schon das Senfkorn. Denn Vertrauen ist immer erst einmal klein. Und zart. Und gefährdet. Es trumpft nicht auf. Es wächst und reißt eben meistens keine Bäume aus. Aber es ist so wirkungsvoll, dass schon das kleine Wort dich tragen kann. Deswegen brauchen wir die Liebesmutigen in Sorgenzeiten. Sie, die dem Leben trauen, weil sie eben dem Gott trauen, der alles in seinen Händen trägt. So Gott will, sitzen gerade 200 davon hier in den Bänken! Beten, singen, lieben und glauben. Vertrauen eben dem Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Datum
12.09.2021
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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