Mittwoch, 17. Dezember 2025, Landtag in Kiel

Chanukka Feierlichkeiten des Landes Schleswig-Holstein

17. Dezember 2025

Psalm. 27

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Verbände und Gemeinden,
sehr geehrte Landtagspräsidentin Herbst,
sehr geehrte Damen und Herren,

die jüdische Lyrikerin Nelly Sachs wagte es, nach der Schoa Worte zu finden. Und das, obwohl Adorno und andere postulierten: „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch“ und „unmöglich“.
Sachs und andere aber verstummten nicht. Sie schufen Worte, die weiter daran festhielten: Es wird Zukunft geben.
Ihr Gedicht „Völker der Erde“ ist ein Appell, den Worten nicht ihre Macht zu nehmen, sondern aus ihnen Sterne zu gebären.

NELLY SACHS

Völker der Erde

ihr, die ihr euch mit der Kraft der unbekannten
Gestirne umwickelt wie Garnrollen,
die ihr näht und wieder auftrennt das Genähte,
die ihr in die Sprachverwirrung steigt
wie in Bienenkörbe,
um im Süßen zu stechen
und gestochen zu werden −

Völker der Erde,
zerstöret nicht das Weltall der Worte,
zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses
den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde.
Völker der Erde,
O daß nicht Einer Tod meine, wenn er Leben sagt −
und nicht Einer Blut, wenn er Wiege spricht −

Völker der Erde,
lasset die Worte an ihrer Quelle,
denn sie sind es, die die Horizonte
in die wahren Himmel rücken können
und mit ihrer abgewandten Seite
wie eine Maske dahinter die Nacht gähnt
die Sterne gebären helfen −

Heute sind wir hier versammelt, weil wir den Hassenden und den Mördern nicht das letzte Wort geben werden. Weil wir nicht verstummen dürfen. Damit das Weltall unserer Worte dieser Welt aus dem tiefsten Schmerz heraus Sterne gebärt. Licht bringt.

Der Schein der Chanukkakerzen leuchtet in diese wunde Zeit hinein. Es spricht Hoffnungstrotz in die vordergründigen Wahrheiten.
Es ist wichtig, dass die Chanukkakerzen leuchten. Gerade jetzt, hier an diesem wichtigen Ort für unser Bundesland und gerade jetzt in diesen Tagen, in denen wir wieder auf entsetzliche Weise vor Augen geführt bekommen, dass der Hass gegen das jüdische Volk ungebrochen ist.

Als Bischöfin möchte ich an dieser Stelle klar und deutlich sagen: Wir Christen haben nicht immer an Ihrer Seite gestanden. Im Gegenteil. Das Gift des Antisemitismus hat sich auch in die Kirchen tief eingegraben.
Dabei leben wir von denselben biblischen Texten her. Von den Friedensvisionen der Propheten.
Wir gehen in diesen Tagen in unseren jeweiligen religiösen Traditionen den Weg vom Dunkel ins Licht.
Wir stellen uns in Demut in den großen Schöpfungsplan, den unser Gott für uns bereitet hat.
Wenn Christen nicht an der Seite der Juden stehen, dann verraten sie ihre gemeinsamen Wurzeln. Ein Deutschland ohne jüdisches Leben ist eines Teils seiner Seele beraubt.

Deshalb:
Völker der Erde,
zerstöret nicht das Weltall der Worte,
zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses
den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde.

Lasst uns nicht still werden, sondern Worte des Lichtes in die Dunkelheiten dieser Welt hineinsagen.
Dass wir uns der Worte aus Psalm 27 gewiss sind:
‚Der Ewige ist mein Licht und meine Rettung‘.

Der Ewige segne Sie.

 

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