24. Dezember 2022, Heiligabend | Hamburg

Christvesper in der Hauptkirche St. Michaelis

24. Dezember 2022 von Kirsten Fehrs

Mit einer Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs

Der Friede von Gott unserem Vater und das Licht unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen in dieser Heiligen Nacht. Amen.

Liebe Festgemeinde!

Ich erinnere mich noch genau an den kleinen Engel, der im Hamburg Journal am 26. Februar die Zuschauer:innen zutiefst anrührte. Zwei Tage nach Beginn des barbarischen Angriffskrieges auf die Ukraine sah ich ihn höchstpersönlich, als wir uns in St. Petri zum ökumenischen Friedensgebet versammelten: ein kleiner ukrainischer Engel vor der Kirchentür. Ein Mädchen, vielleicht zehn, elf Jahre alt, das mit seiner Familie für den Frieden unterwegs war. Mit weißem Tüllrock und großen gefiederten Engelsflügeln stand sie da, einen blau-gelben Blumenkranz im Haar und – dicke schwarze Lederstiefel an den Füßen. Stiefel, die mich unwillkürlich an Soldatenstiefel erinnerten, was sie natürlich nicht waren.

Ein Engel am Eingang zum Friedensgebet, das ist mein Weihnachtsbild an diesem Heiligen Abend 2022. Mit der Leichtigkeit des Himmels, und zugleich fest und sicher geerdet. Ein kleiner Engel, der mitweint mit den Ängstlichen und deshalb allen so nah ist. Dem man ansieht: Das ist kein naiver Träumer, kein Leichtgewicht; dieser Engel kennt Schmerz und kalte Füße und schlammigen Boden. Und genau deshalb sagt er: Lasst uns das Licht des Friedens nicht unter den Scheffel stellen. Tapfer verkündet er den Verstörten unserer Tage, wie die Weihnachtsengel, das: „Friede auf Erden!“ Und hört nicht auf damit.

Denn um ihn geht es mehr denn je: Weihnachten ist und bleibt ein Friedensfest, gleich was passiert. Frieden ist der Kern der Botschaft. Er ist so zart, dass Engel ihn verkünden. Sie singen ihn mitten in die Dunkelheiten dieser Welt hinein. Und sie machen uns aufmerksam: Schau, Frieden beginnt im Innern, so wie bei Maria als sie schwanger war mit dem kleinen Friedefürsten. Und das heißt ja: Von innen beginnt‘s auch bei uns mit dem Frieden, in unseren Seelen, in unseren Familien, unserer Gemeinschaft hier. Und heute, da ist es tatsächlich auf die Erde gekommen, das Friedenskind. Ganze Heerschaaren braucht‘s nun, um dieses Wunder zu verkünden: Friede auf Erden. Er, der Retter ist da! Euch ist heute der Heiland geboren! Und es klingt wie die beste Nachricht aller Zeiten

Friede auf Erden – so singen es die Engel mitten hinein in die schlechten Nachrichten, in den Schlamassel, der den Menschen damals, im Jahre null, auf der Seele gelegen hatte. Friede auf Erden – der war schon damals nicht da. Genau wie heute. Deshalb ja: Friede auf Erden – verkünden es die Engel, mitten dahinein, wo die Waffen aufeinander gerichtet sind. Da, wo die Soldatensöhne hier wie dort ihrer Zukunft beraubt sind und dahinein, wo die iranischen Töchter der Freiheit ermordet werden, weil sie ihre Haare haben wehen lassen. Dahinein, wo Brot fehlt und Weizen und Herzenswärme und Gerechtigkeit.

Friede auf Erden – singen sie und flehen, mit ihren Flügeln und Stiefeln an den Füßen. Und ich bete inständig mit ihnen für all die, die in unserem Land hohe Verantwortung tragen und schwierige Entscheidungen treffen müssen. Mögen sie mit Geistesgegenwart gesegnet sein und alle Wege prüfen, um militärisch wie nicht militärisch der ukrainischen Bevölkerung zu helfen. Dass – überhaupt – Krieg und Gewalt gestoppt werden. Und wir zu einer gerechten und dauerhaften Friedensordnung kommen.

Gute Güte, ja, in diesem Jahr brauchen wir sie so dringend wie selten die Engel mit ihren hellen Liedern. Wir brauchen ihren Weihnachtsmut, den sie uns zusingen: Fürchtet euch nicht! Wir brauchen ihr Licht, das uns Klarheit bringt, ihre Leichtigkeit, die der Schwermut aufhilft. Und wir brauchen ihr unverzagtes Friedenslied – dona nobis pacem. Jetzt und morgen.

So viele Engel wie es nur irgend geht braucht‘s. Von allem anderen in der Weihnachtsgeschichte haben wir derzeit genug, manches sogar mehr als genug. Wir haben unsichere Zeiten und unzählige Menschen auf der Suche nach Raum und Herberge. Wir haben Krieg und Krisen. Und Angst haben wir auch. Tyrannische Herrscher haben wir, Volkszählungen und Mobilmachung, sogar eine Zeitenwende.

Nein, dona nobis pacem – schenk Frieden, du Hoffnungskind, halten die Engel dagegen. Gott sei Dank sind sie da und verkünden es unverzagt. Denn es muss jetzt gehört werden! Die Menschen fühlen sich derzeit doch so verletzlich und erschöpft und schutzbedürftig. Dona nobis pacem – singen sie, immer wieder diesen Text, und bitten uns einzustimmen ...

So viele Engel! So viele Engel wie es nur geht. So viele, das beeindruckt mich immer wieder, geben ja in diesen Zeiten Schutz und Geborgenheit. Schutzengel, ein paar Hundert sitzen gerade hier, die sich sorgen und mühen, die für andere da sind, die draußen auf den Feldern die Hoffnung hüten, trotz der Dunkelheit. So viele sind es, die in den Krankenhäusern und Flüchtlingsunterkünften, in den Kinderkliniken und bei den Menschen ohne Obdach aushalten, bei denen vor allem, die Trost brauchen. All die Engel, die bei den Tafeln Brot und Wärme verteilen, eine Mahlzeit und ein Lächeln für die leeren Mägen und Herzen. Obwohl die Spenden hinten und vorne nicht reichen. Wir leben und erleben jede Menge. Dona nobis pacem – Friede auf Erden. Richtig hier, auf der Erde. Ganz real. Danke euch allen dafür!

Und spätestens an dieser Stelle wird uns allen sicher klar, dass das mit den Engeln kein Gesäusel ist und kein Geplauder. Sicher, es gibt auch die Sorte pausbäckig und süß und kess und klein. Aber die meisten sind schon ziemlich handfeste und hartnäckige Botschafter:innen der Hoffnung. Mit einer Menge Lebensgewicht. Solche eben, die es schaffen, dass gestandene Männer wie die Hirten sich nachts auf den Weg machen. Solche, die ihnen das Gefühl nehmen, nichts wert zu sein. Engel, die es faustdick hinter den Ohren haben, auch wenn es darum geht, Ochs und Esel und Schaf und Floh so im Zaum zu halten, dass das heilige Kind in stiller Nacht schlafen kann. Sie können auch machtvoll, die Engel, wenn sie wollen. Von guten Mächten eben sind wir umgeben, nicht von kraftlosen Worten.

Fürchtet euch nicht! So hat es vorhin der kleinste aller Engel im Krippenspiel in die Menge hineintrompetet, liebe Gemeinde, so laut, dass alle zusammenzuckten und erschraken, vor dem Engel, versteht sich ... Und zugleich war es ein so unglaublich heiterer und ja, erlösender Moment, wie dieser kleine Erdenengel so überzeugt von innen heraus seine Botschaft in die Welt setzte. Hat er‘s doch so auf den Punkt gebracht: Eben von innen beginnt‘s. Mit dem Mut und dem Frieden.

So genau meint es das alte Evangelium: Nicht allein damals auf dem Felde und in dem Stall spielt die Geschichte, sie spielt hier und jetzt und meint uns, die ganze Zeit ja schon. Auf uns kommt es an, was werden wird mit der Welt, mit dem Klima auch unter uns, mit der Hoffnung, mit dem Frieden. Wir Menschen können uns gut sein, können zusammenrücken – und müssen es in dieser Gesellschaft auch. So wie hier jetzt im Michel, bei aller Vorsicht versteht sich. Aber mit lauter Menschen um uns herum, die Wärme ausstrahlen. Weihnachtswärme. Vergessen wir nie, liebe Gemeinde, dass jeder Mensch Wärme in sich trägt. Gleich wer er ist und wie viel sie hat oder nicht hat. Wir können zusammenrücken und der sozialen Kälte der Welt unsere Herzenswärme entgegenschenken – Solidarität zeigen und Nächstenliebe. Für den Frieden auf Erden. Denn bei uns beginnt‘s. Wer wenn nicht wir, müssen alles für ihn tun? Deshalb lasst uns von ihm reden und singen und für ihn beten – sonst hat der Friede keine Chance!

Halten wir‘s also mit ihnen, den Engeln mit ihren Flügeln und Stiefeln, die unterwegs sind mit ihrem Licht, ihrer Liebe und ihrer Klarheit, mit den Engeln oben und den Engel hier unten – singen wir ihre hellen Lieder, ihr: Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren. Wirklich die beste Nachricht aller Zeiten.

Ich wünsche Ihnen von Herzen frohe, gesegnete engelshelle Weihnachten. Voller Frieden, höher als alle Vernunft. Denn er bewahrt ja längst unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Gottes Sohn. Amen.

Datum
24.12.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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