21. Juni 2020 | Kirchengemeinde Relligen

Das große Gastmahl

21. Juni 2020 von Kirsten Fehrs

Gottesdienst zur Ordination am 2. Sonntag nach Trinitatis, Predigt zu Lukas 14,16-24

Liebe Jasmin Zielke, lieber Julian Sengelmann,
liebe Frau Raddatz, Frau Meyer-Himstedt, Herr Wenn,
liebe Festgemeinde,

es ist doch Raum da! Das ist für mich heute der entscheidende Satz. Es ist Raum da – nicht nur im Himmel, sondern genau hier in der Kirche. Für Sie. Mit Ihnen. Gerade unter diesen besonderen Umständen ist das ein ver-rückt passendes Evangelium. Da wird von einem Fest erzählt, das geplant ist als ganz großes Bankett, mit Buchsbaum hier und Buchsbaum da, Gesang, Sekt, launigen Reden. Tja. Mach einen Plan …

Von ungeplanten Lebenskurven wissen Sie jede/r für sich eine Menge zu erzählen. Für mich war es faszinierend bei der Vorbereitung auf diese Ordination zu hören, wie eigen Ihre Lebenslinien wirklich sind. Sie sind ja allesamt nicht wirklich gezielt auf diesen Beruf Pastor*in zugegangen, aber Ihr innerer Antrieb, die Würde des Nächsten sichtbar machen und schützen zu wollen – auch wenn man dabei aneckt – ist Evangelium live. Kann man nichts machen!

Und so hat die kritische Auseinandersetzung mit Bibel und Tradition, und sicher auch mit der Institution Kirche gereizt, gefreut, genervt – und Erkenntnis gebracht. Denn bekanntlich bringt jeder Widerstand enorm produktive Kräfte hervor. Die Kraft der Veränderung. Gut so. Denn mache einen Plan …

Ganz anders als geplant – so erging es nicht nur Ihnen, sondern auch ihm, dem Gastgeber in unserem Evangelium. Ein reicher Mensch offenkundig, der großzügig eingeladen hat. Und dann dies: „Ich habe eine Frau genommen, ich kann nicht kommen.“ Ja gibt’s denn sowas? Da bietet man eine sagenhafte Veranstaltung an, ob das nun ein Gemeindefest ist oder ein Bürgerdialog. Da verschickt man Einladungen, streut es auf allen digitalen Kanälen – und dann: Absage!

Interessant: Der Gastgeber bleibt nicht im Ärger über die mehr als bemühten Entschuldigungen hängen, sondern dreht seine Ursprungsidee radikal um. Nicht Freund*innen und Gleichgesinnte holt er an den Tisch, sondern die Anderen, die Fremden, diejenigen, zu denen er sonst keinen Kontakt hat. Das ist die zentrale Botschaft des Gleichnisses: alte Wege zu verlassen und etwas Neues zu beginnen. Strukturen, die nicht mehr funktionieren, durch einen klugen Kniff in lebenstaugliche Praxis zu verwandeln. Evangelium eben am Ordinationstag. Es ruft dazu, immer neu zu schauen, was dem Leben dient. Und zwar dem Leben aller.

Denn es ist Raum da – bitte gern auch in unseren Herzen. Für all die, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, die erschüttert sind, kraftlos, sterbensnah, obdachlos, geflüchtet und im Elend an den Zäunen Europas. Gestern war Weltflüchtlingstag.

Für sie, sagt der große Gastgeber, ist Raum da.

Und ich schaue mir unsere Stadt an, in der Sie nun als Pastor*in arbeiten werden. Und ehrlich: Raum ist da, um diese Botschaft zu platzieren. Es gibt ja Geflüchteten-Cafés, Ehrenamtlichen- und überhaupt Kultur, Kitas, Bildung, Religionsfreiheit, Gastfreundschaft, Hamburger Speck. Und hier gibt es ein tief gegründetes Verständnis von Toleranz, auch der Religionen untereinander. Zwar ist dies alles in Coronazeiten ein bisschen angezählt, weil alle so dünnhäutig geworden sind. Weil wir in aller Ungewissheit spüren, dass sich unser Leben ändern sollte. Dafür muss Raum sein, Raum für den Dialog, wie es weitergeht – mit unserem Leben und unserer Schöpfung. Anders als geplant. Raum in den Herzen und in den Kirchen!

Die Zeit jetzt sucht Deutung. Corona macht klar, wie wenig – ja eigentlich immer schon – das Leben planbar ist und wie sehr der Kontrollwunsch eine Illusion. Und genau deshalb, so nehme ich es wahr, sind die Menschen sensibler geworden dafür, was wirklich im Moment trägt: Die Liebe, die Kinder, Glück und Freundschaft, Familie und Gemeinschaft, auch unsere hier, die unantastbare Würde eines jeden alten und jungen Menschen, die im Moment so viel aushalten. Dahinein spricht das Evangelium. Es ist Raum da. Also aufgeatmet.

I can't breathe! Ich kann nicht atmen. Das waren die letzten Worte von George Floyd. Die Bilder von seinem gewaltsamen Tod erschütterten weltweit durch den blanken, öffentlich zur Schau gestellten Rassismus. Und als wäre das nicht schon schlimm genug: Was ist das für ein Präsident, liebe Gemeinde, der mit jeder Äußerung Öl ins Feuer gießt, demonstrativ die Bibel in der Hand? Er solle lieber mal in sie hineinsehen, protestieren aufrechte Christenmenschen und mahnen alle Welt, das Wort zu ergreifen. Nehmt Rassismus und Diskriminierung nicht unwidersprochen hin, sagen sie und zitieren Martin Luther King: „Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.“

Darum: Reden wir klare Worte. Und bleiben wir sensibel – auch für Rassismus in unserem Land. Ladet ein, die schwarz-weiß denken, an den Tisch der Vielfalt. Gebt keinen dabei verloren.

„Gib keinen verloren!“ So heißt es ausdrücklich in der Ordinationsliturgie. Der Segen für Ihr Amt enthält eben neben tiefem Zuspruch auch einen Anspruch. Was unsere Welt nämlich im Moment dringend braucht, sind genau die, die sich gerade machen und sagen: Lasst keinen Menschen untergehen! In Existenznot und Armut nicht, in Einsamkeit nicht und in rassistischen Anfeindungen auch nicht! Leben wir im Alltag, dass die Würde eines jeden unantastbar ist, wie er, der große Gastgeber, es will. Er lädt ja längst alle an einen Tisch. Denn er hat Sehnsucht nach uns, sucht Wege, um den Menschen nahe zu sein. Deshalb geht er an die Hecken und Zäune der Welt, um sie zu überwinden. Und sagt: Kommt, es ist alles bereit!

Wir sollten seine Einladung annehmen. Alle. Als Geschwister, mit und ohne Ordination. Aber dafür jeden Tag neu.
Amen.

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