Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Beauftragte des Rates der EKD für Schöpfungsverantwortung

Andacht beim Kongress "Halbzeitbilanz zur Umsetzung der Agenda 2030" in der Friedrichstadtkirche zu Berlin

20. Juni 2023 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Zeit zu handeln ist jetzt! Halbzeitbilanz zur Umsetzung der Agenda 2030 in Gesellschaft, Kirche und Diakonie - Kongress in der Französischen Friedrichstadtkirche Berlin 19./20. Juni 2023

I
Fasziniert schaut er hin und kann sich gar nicht satt sehen: der Prophet Ezechiel. Jemand berührt ihn an der Schulter, führt ihn hinaus. Hinaus aus dem Tempel in die Weite des Jordantals. Dort Früchte in Hülle und Fülle, Tiere aller Art und ein breiter, glitzernder Fluss, dem alles Leben entspringt. An diesen geradezu paradiesischen Anblick erinnert sich der Prophet.

II
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, beginnt die Bibel. Am Anfang oftmals das Staunen. Am Anfang des Lebens. Am Anfang der Liebe. Am Anfang des Glaubens. Vielleicht hat es so auch einmal für viele von uns angefangen. Mit einem Staunen, einem Erlebnis, einer Begegnung, die uns in Kontakt gebracht haben mit der Schönheit der Schöpfung. Vielleicht hat es angefangen mit einem Satz - gehört oder gelesen -, mit einem Bericht, oder einer konkreten Erfahrung, die die Augen geöffnet haben. Die haben spüren lassen: ja, es ist notwendig, dass ich etwas tue. Es ist wichtig, dass ich etwas dazu beitrage, die Bewohnbarkeit dieses Planeten zu erhalten. Und ja, dazu will ich auch anders leben als bisher.

Viele von uns sind heute hier, weil sie etwas tun und sich für etwas einsetzen: für ‚Gesundheit für alle im Schatten multipler Krisen‘ (workshop-Thema gestern); eine gerechte Verteilung von Land; fair gehandelte Lebensmittel, die für alle reichen; Environmental Peacebuilding. All das, weil uns, jede und jeden von uns, einmal etwas so berührt hat, dass wir heute hier sind.

Jonathan Lear, ein US-amerikanischer Philosoph, hat sich auch berühren lassen. Von der Geschichte der Crow. Ihr letzter Oberhäuptling Plenty Coups sagte über die Ausrottung der Büffelherden und damit der jahrhundertealten Grundlage für das Leben seines Volkes im 19. Jahrhundert:
„Als die Büffelherden verschwanden, fielen die Herzen meiner Leute zu Boden und sie konnten sie nicht mehr aufheben. Danach ist nichts mehr geschehen.“
Diese Sätze haben Jonathan Lear berührt. Sie haben ihn nicht mehr losgelassen. Und er hat sich mit der Geschichte der Crow beschäftigt. Damit, wie es weiterging, als sie schließlich 1880 in ein Reservat zogen. Sie mussten sich dort neu erfinden.

Jonathan Lear geht der Frage nach, wie Menschen damit umgehen, wenn ihre bisherige Lebensweise radikal in Frage steht. Wahrscheinlich geht es, mehr als wir ahnen, für uns auch um eine solche Herausforderung: wie wir damit umgehen, dass unsere bisherige Lebensweise radikal in Frage gestellt wird. Darum, wie wir Veränderungen annehmen und uns und unsere Lebensweise ändern.

Jonathan Lear hat darüber ein Buch geschrieben. Es heißt: „Radikale Hoffnung“. Ja, darum geht wohl: radikal, von Grund auf zu hoffen. Und so darauf zu vertrauen, dass Gott uns Möglichkeiten schenkt, Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

III
Der Prophet Ezechiel befindet sich am Ende seiner Vision mitten in der Wüste, einem lebensfeindlichen Ort, wo selbst das Meer tot ist. Aber bis dorthin ergießt sich der Tempelstrom, den er zunächst als kleines Rinnsal gesehen hat. Aus dem Rinnsal ist ein mittlerweile ein himmlischer Wasserstrom geworden, der alles erblühen lässt, was vorher öde und hoffnungslos war.

In seiner Vision fragt ihn ein Engel: „Hast du das gesehen, du Menschenkind? Dieses Wasser macht lebendig. Es macht gesund. Es heilt, was verwundet ist. Und es gibt seine heilsamen Kräfte weiter an alles, was an seinen Ufern wächst.“

Seht ihr das, ihr Menschenkinder? Mitten in der Wüste fließt Wasser. Mitten im Tod erwächst neues Leben. Und heilsame Kräfte wachsen, wo man sie gar nicht vermutet. Seht ihr das, ihr Menschenkinder?

Ein Engel führt den Propheten ins Staunen über den himmlischen Lebensstrom, der ihm und allem Leben zufließt und es umhüllt, selbst in der Wüste. Dieser Lebensstrom umhüllt auch Ezechiel mit Segenskraft. Die Früchte, die am Ufer dieses Stromes wachsen, wachsen nach. Aber nachwachsen kann nur, was zuvor geerntet und geteilt wird, was allen zugute kommt.

IV
Engeln haben in den Geschichten der Bibel immer eine Botschaft. Eine Botschaft, die auf ihren Ursprung, auf Gott, verweist. Mal eine tröstende, mal eine befreiende, eine ermutigende oder auch eine irritierende Botschaft. Der Engel, den Ezechiel sieht, führt ihn an den Ursprung der Quelle, den Anfang des Lebens, zu einem kleinen Rinnsal im Heiligtum.

V
Aus diesem Rinnsal wird am Ende ein gewaltiger Strom. Ein Segensstrom, der Leben in die Welt fließen lässt. In vier Himmelsrichtungen umfasst und umarmt er die Erde. Vier - das ist die Zahl der Vollkommenheit, und vollkommen ist für Ezechiel die Liebe Gottes, des Schöpfers. Die Grenzen zwischen Paradies und Welt, Himmel und Erde, Schöpfer und Geschöpfen, Diesseits und Jenseits beginnen zu fließen.

VI
Der Lebensstrom der Kraft Gottes fließt. Er entspringt im Tempel, aber mitten in der Welt entfaltet er seine Kraft. Eine heilende Kraft - überall dort, wo sie gebraucht wird. Ein Engel zeigt Ezechiel den Weg. Und der erzählt weiter, was er gesehen hat. Er erzählt, woher die Lebenskraft kommt, teilt sein Wissen mit anderen.

Darum geht es wohl bis heute: den Weg zur Quelle des Lebens finden, sich von ihr stärken lassen und mit anderen freigiebig und großzügig teilen, was wir selbst geschenkt bekommen. Auch das Vertrauen darauf: Die Zukunft Gottes, sie fließt auf uns zu, sie ist schon da, sie ermutigt und stärkt viele Menschen - nicht nur, aber auch die, die sich für die Vielfalt der Schöpfung engagieren.

VII
Ein Wort noch zu den Engeln. Wo immer ein Engel erscheint, redet, wirkt, da erscheint, redet, wirkt Gott selber.[1]So hat es der Theologe Karl Barth einmal gesagt. Engel verfolgen keine eigenen Zwecke und Ziele, sie spielen keine eigene Rolle und wollen auch keine eigenen Erfolge erzielen. Denn, so versichert Barth: „Ein wirklicher, ordentlicher Engel tut das nicht.[2]

Biblische Engel verlocken Menschen dazu, sich mit Gott zu beschäftigen. Wirklichen, ordentlichen Engeln geht es niemals um sie selbst, sondern immer um Gott, um Gottes Liebe, Gottes Barmherzigkeit, Gottes Kraft.

Möge uns allen in Zeiten, in denen uns das Engagement für den achtsamen Umgang mit Gottes Schöpfung ermüdet oder mühevoll und hoffnungslos erscheint, ein Engel zur Seite stehen. Einer oder eine, der uns wie Ezechiels Engel aufmerksam macht auf den Lebensstrom der Kraft und Liebe Gottes, die wie ein breiter Strom diese Welt umarmt und erhält. Und mögen wir dann spüren, was der Dichter Uwe Kolbe in einem seiner Psalmen so beschreibt:

„Den Hoffenden führst du unter den offenen Himmel,
den Sehnenden stellst du vor die Weite der See,
und dem, der verloren war, gibst du dein Wort.“[3]

Amen.

 


 

[1] Karl Barth, Kirchliche Dogmatik. Die Lehre von der Schöpfung III, 3§50-51, Studienausgabe Band 18, Zürich 198, 562.

[2] ebd.

[3] Uwe Kolbe, Die Gnaden, in: ders., Psalmen, Frankfurt/M 2017.

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