13. September 2020 | Dreifaltigkeitskirche Hamm

Einsegnung der Diakon*innen am Rauhen Haus Hamburg

13. September 2020 von Kirsten Fehrs

14. Sonntag nach Trinitatis, Predigt zu Lukas 19,1-10

Kanzelgruß

Liebe Schwestern und Brüder,

wie schön, dass wir uns sehen. Live und in Farbe, Face to Face. Ich hätte es sehr vermisst, wenn wir diesen besonderen Tag nicht so feiern könnten. Ja, feiern – trotz Corona und Einschränkungen und obwohl geliebte Menschen nicht live, aber dafür ja per Livestream miterleben können, was, glaube ich, zu den bedeutendsten Momenten eines Diakons, einer Diakonin gehört: die Einsegnung. Kommt da ja beides zusammen. Gottes Zuspruch für die Zukunft, aber auch sein und unser aller Zutrauen in die Kraft Ihrer Fähigkeiten, der Verheißung Gottes auf die Welt zu helfen.

So ist’s ein Reichtum mal 15, der eingesegnet wird, mit Schwung nach vorn. Zudem werden sechs von Ihnen als Brüder und Schwestern in die Gemeinschaft aufgenommen – mit einer Zusatzzahl, wenn ich Sie einmal so bezeichnen darf, lieber Herr Drewelow: auch Ihnen ein Willkommen, der Sie einst in katholischen Diensten nun „ordentlicher“ evangelischer Diakon in der Krankenhausseelsorge werden.

Und so sind Sie ja alle besonders, jede und jeder einzelne mit all den vielfältigen Gaben, und Christus selbst ist es, der Sie entsendet. Mitten in diese Welt mit ihrer Not und ihrer Schönheit. Wir brauchen Sie in dieser Gesellschaft, und wir brauchen Sie in unserer Kirche, die solidarisch sein will mit den Gebeutelten dieser Zeit, die diakonisch-kreativ sein will und einfühlsam und politisch wach. Eine Kirche auch, die sich um der Liebe willen hingibt, weil sich nur so verändert, was nicht stimmt, definitiv nicht stimmt auf Lesbos und in Syrien, in Belarus und Europa, in Jerusalem und Jericho bis heute.

Nicht weg-, sondern hinsehen, das gehört zur Liebe. Ganz einfach. Und dann sehen, was möglich ist. Sie sehen, es geht um’s Sehen heute. Unser Glaube, liebe Geschwister, ist buchstäblich ein anschaulicher Glaube.

Tja und dann …? Dann kann man ihn auch entdecken, dort oben auf dem Baum, den kleinen Zachäus. Ich habe diese Geschichte schon immer geliebt, gerade als Kind. Denn die Botschaft ist sonnenklar: Jesus sieht uns kleine Leute, hat ein Herz für die, die am Rand stehen oder im Hintergrund. Sie, die sich immer anstrengen müssen, um von anderen gesehen zu werden. Die auf Bäume klettern, sich auf Zehenspitzen stellen, High-Heels tragen und Armani-Anzüge, die winken und rufen und laut singen, damit man sie wenigstens hört. Und die manchmal im Schatten der Großen krumme Dinger drehen, wie dieser Zachäus, der irgendwann dann auch innerlich klein geworden ist und neidisch und geizig.

Er gilt als Karrierist. Scheffelt Geld auf Kosten der anderen. Beliebt ist was anderes. Alle sagen über ihn mit das Grausamste, was man über einen Menschen sagen kann: dass er erbärmlich und klein sei, ohne innere Größe. Einer, der sein Anrecht auf Zuwendung verspielt hat. Allemal die Zuwendung von diesem Jesus, der Heilung bringen soll und Erbarmen.

Doch Zachäus ist unbeirrbar. Getrieben – ja, wovon eigentlich? – will er unbedingt hin zu diesem Jesus. Vielleicht ist es die brennende Sehnsucht, dass wieder etwas heil wird. Dass er herauskommt aus dem Verletztsein und Verletzenmüssen. Er würde so gern mal zeigen, wer er wirklich ist, dass er auch anders kann als fies. Aber keiner will das sehen! Keiner sieht ihn wirklich, als individuelle Persönlichkeit. Niemand käme auf die Idee, wie unsagbar glücklich es ihn machen würde, wenn er jemanden einladen und etwas verschenken könnte. Wenn ihn gar jemand berühren würde. So lange schon vermisst er menschliche Nähe. Ja, er vergeht vor lauter Einsamkeit.

Wie viele Menschen werden sich in den vergangenen Monaten so verloren gefühlt haben wie Zachäus. Alte Menschen. Sie, die mit Krankheit kämpfen und Schwäche, aber auch die Jugendlichen und die Kleinen, die da in ihren Zimmern hockten vor den Laptops und sich fragten, ob sie überhaupt jemand sieht? Damit man mal das Herz ausschütten kann. Damit Angst nicht essen Seele auf.

„Und als Jesus an diese Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: ,Zachäus, steig eilend herunter. Denn ich muss heute in deinem Hause einkehren.’ Und der stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“

Welch seliger Moment. Jesus sieht hin, und allein dadurch durchbricht er die Not dieses kleinen Menschen. Er holt ihn von seiner Verstiegenheit herunter und schaut ihn an, macht Zachäus zu einem Angesehenen. Und das verändert diesen Menschen tatsächlich! Sofort will er allen, die er betrogen hat, das Vierfache zurückgeben. Zachäus will ins Reine kommen, mit allem und jedem. Doch so einfach ist das nicht. „Als sie das sahen, murrten sie: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“

Eigentlich erstaunlich, oder? Nicht Zachäus, Jesus empört die Seelen! Denn er überbringt die Liebeserklärung Gottes eben zuallererst nicht den Frommen, sondern dem Verlorenen. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und glücklich zu machen, was verloren ist.“ Das ist die Revolution des wirklich Heilsamen: Es setzt beim Unvollkommenen in uns an, beim Unbarmherzigen. Dabei, dass wir Fehler machen und schuldig werden, dass wir ein Spiel verlieren, unsere Verletzlichkeit spüren. Kurzum: Das Heil beginnt in der Krise.

Das, liebe Diakon*innen, ist die sagenhafte Botschaft für die Welt, die ihr mit eurer Einsegnung mittragt: Gebt keinen verloren! Keinen Menschen, der sich selbst verlässt, verliert, verirrt. Gebt keinen verloren, der während dieser Pandemie zu den Verlierern zählt. Gebt nichts und keinen verloren, auch eure Hoffnungen und Träume nicht und euren Mut.

Gebt keinen verloren, vor allem die Kleinen nicht! Und ich schaue nach Moria. Was für ein Grauen, diese Bilder der brennenden Zelte des Flüchtlingslagers. 12.000 Menschen, so viele Kinder darunter, obdachlos, hungrig, elender noch als zuvor. Diese entsetzliche Lage, liebe Geschwister, ist eine mit Ansage. Seit Monaten doch ist bekannt, wie groß das Elend ist, wie unhaltbar die hygienischen Zustände sind. Seit langem war damit zu rechnen, dass das gefährliche Virus sich auch dort verbreiten würde. Und es geschah – nichts. Seit fünf Tagen nun leben all diese Menschen auf der Straße, schlafen unter Olivenbäumen, legen ihre Kinder auf Plastikplanen in den Dreck. Wie erklärt man den Kleinsten, was dort geschieht?

Wie erschütternd ist die Unwürdigkeit des politischen Spiels, die Ignoranz und Unfähigkeit Europas, zu einer humanen Flüchtlingspolitik zu kommen! Nehmen wir 150 oder 300 oder 3.000? Was für ein Zynismus. Seht hin! Es sind doch Menschen, keine Nummern. In Moria entscheidet sich die Zukunft Europas. Was wollen wir sein? Eine Gemeinschaft der Werte – oder eine abweisende Festung? Ich bin dankbar, dass Hamburg sich bereit erklärt, Menschen aufzunehmen. So wie auch viele andere Städte in Deutschland. Holt die Menschen aus dem Elend, gebt ihnen eine Zukunft – auch um unseretwillen!

Keinen Menschen verloren geben, sondern suchen. Suchen nach Wegen der Veränderung, das ist die Quintessenz unseres Evangeliums! Es ist dran, dass wir angesichts der Zerbrechlichkeit des Lebens suchen, was aufbaut. Dass wir klar sind und herzlich und besonnen und verliebt ins Leben und dass wir nicht nachlassen darin. Dass wir reden, wenn andere brüllen. Dass wir Räume öffnen, wenn andere sie abschotten wollen.

Denn unsere Kirche mit ihrer Diakonie hat einen weiten, universalen Glauben; wir sind von jeher eine Weltfamilie. Abschottung und Ausgrenzung –  unzulässig! Es gehört zu unserer DNA, Asyl zu geben, Schutzraum der Freundlichkeit für jeden Gast und Fremdling. Und also: Schaut hin und findet sie, die Kleinen zuallererst. Verborgen in Bäumen, Flüchtlingsheimen und Schulklassen, sehnsüchtig wartend, dass dieser, dein Blick sie ins Menschenrecht setzt.

Ich bin von Herzen dankbar, dass Sie alle mit Christus suchen, was verloren ist. Hinsehen und ein weites Herz haben und sagen: Wir nehmen dich in Freuden darin auf. Arm, reich, schwach, schwarz, grau und weiß, die Großen – und die Kleinen. Und dies mit Mut und Elan. So habe ich Sie erlebt. Gut so: Denn bei der Einsegnung weist der Segen ja auch nach vorn. Man wird ja entsendet, nicht hingesetzt. So also möge die Dynamik des Geistes in Ihnen die Freude wachhalten, zum Segen für andere zu werden. Es ist eine wunderbare Aufgabe, die auf Sie wartet!

Gott begleite Sie dabei mit seinem Frieden, höher als alle Vernunft. Und er bewahre unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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