Ostersonntag, 5. April 2026 | Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

Evangelische Messe am Tag der Auferstehung des Herrn

05. April 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu 1. Korinther 15,1-11

Christus ist auferstanden, Halleluja! – Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!

Wahrhaftig, liebe Ostergemeinde im Michel, wahrhaftig sind sie aufgestanden – und Unzählige haben es gesehen: Paolo und Paula, Telse, Philipp, Guilia und die Kinder, die Eltern und der Seelsorger. Ja, mehr als 50 mal 500 Brüder und Schwestern haben es gesehen, da in Mailand vor ein paar Wochen, wie die deutschen Para-Eishockeyspieler aufgestanden sind gegen die drohende Niederlage. Obwohl allen – schwer gehandicapt – keine kräftigen Beine mehr zur Verfügung stehen. Aber rasend schnelle Schlitten, die allein mit Armkraft vorangetrieben werden. So jagen sie fix übers Eis, um den Puck ins Tor zu schmettern.

Auf deutscher Seite steht, respektive liegt im Tor mein Neffe Simon. Para-Nationaltorwart seit knapp 20 Jahren. Ein Kraftpaket. Wie alle anderen seiner und der gegnerischen italienischen Mannschaft. Sie eint alle die Kraft der widerständig Hoffenden. Um Himmels Willen kein Mitleid. Niederlagen gehören zu ihrem täglichen Leben – und genauso der Mut des Aufstandes. Es muss das Spiel gewonnen werden! Jeden Tag.

Das Stadion tobt – in Freude. Jubel. Furcht und Hoffen. „Cantare“, singen sie alle. Aus vollen Kehlen. Und dann stehen sie tatsächlich noch einmal auf, die Kämpfer. Halleluja. Und alle, die es sehen, sind ein wenig selig. Über dieses begeisternde, intelligente, friedvolle, zu Herzen gehende Sportfest der Furchtlosen.

Was soll ich sagen, die italienische Mannschaft hat gewonnen. Aber auch die Deutschen haben gewonnen, und zwar den 6. Platz. Bei den Paralympics! Enttäuscht waren die Spieler trotzdem, klar. Und der Seelsorger hatte am Abend reichlich zu tun. Zumal es schon lange kein Geheimnis mehr ist, dass die Para-Sportler national nicht gut unterstützt werden. Finanziell nicht – und Trainingszeiten einmal wöchentlich ab 22.30 Uhr sind auch nur so mittel …

Nun, längst lachen die Spieler wieder, wohl über alle Welt, und dennoch, liebe Geschwister: Wie wäre es in Hamburg 2040 mit den Paralympics, auch um den tapferen Aufständischen unseres Alltags Inklusion – also gerechte Teilhabe – zu ermöglichen?

Denn wir haben sie doch alle schon gesehen, die Barrieren für die, die sich schnell am Rand unserer Gesellschaft wiederfinden. Mit ihren Gehhilfen, Kinderwagen und Rollstühlen. Mit ihrer anderen Sprache und Kultur. Wir sehen sie doch alle, wenn wir sie sehen wollen: die Barrieren in den Bahnen, in den schnellen Urteilen, in den Köpfen und Gedanken.

Ostern nun bläst allen Gedankenbarrieren sein Halleluja entgegen. Befreit uns von Kleingeist, Misstrauen, Ungläubigkeit. Denn unglaublich kraftvoll hat Gott dem Tod ins Gesicht gelacht und seinen über alles geliebten, getöteten Sohn ins Leben auferweckt. Hat damit Hass und Vernichtung in die Schranken gewiesen.

Daran, so beginnt Paulus seine Osterbotschaft, erinnere ich euch. „Ich erinnere euch, liebe Schwestern und Brüder, an das Evangelium, in dem ihr fest steht, durch das ihr selig werdet.“ Ob sich diese Seligkeit beim Hören des Korinthertextes bei Ihnen eingestellt hat? Hm. Klingt doch bei Paulus alles eher nüchtern. Er weiß eben, wie er den Zweiflern aller Zeiten kommen muss. Mit Zahlen und Daten. Und so erzählt er detailreich, wie ein Apostel nach dem anderen und schließlich 500 Brüder (Schwestern waren, wir hörten es, auch dabei) den Auferstandenen gesehen haben. Mit ihren eigenen Augen. Sie haben es gesehen, dass Jesus die tausend Tode der Folter starb – und wie er wieder unter ihnen lebte. Doch bei Paulus kein Wundern, keine Überschwänglichkeit, kein Jubel! Barrierefreies Freuen jedenfalls geht anders.

Deshalb ist mir am Ostermorgen die Musik so wichtig. Danke, liebe Solistinnen, lieber Chor, für das Cantare der österlichen Art. Musik, die dem Tod die Trompetentöne beibringt. Unbändige Freude, die der Niederlage entgegengesungen wird. „Verjagt ist das Trauern, das Fürchten, das ängstliche Zagen, der Heiland erquicket sein geistliches Reich.“ Ein Reich der Barmherzigkeit, der Gnade soll es sein, in dem jeder Mensch zu seinem Recht kommt, ein Reich des Friedens, das hinreißend inklusiv die Vielfalt feiert. Und jeglicher Gewalt, sexistischer, rassistischer, antisemitischer Gewalt auf den Straßen und in den so genannten sozialen Medien die Stirn bietet. Das ist Ostern! Hoffnungstrotz! Das Leben ist nicht totzukriegen, es blüht auf, wächst und wird neu. Vor unseren Augen und in uns.

Jedes Jahr sehne ich Ostern herbei, ich brauche diese ansteckende Lebenslust, den Jubel, die Musik. Ich brauche das alles zum Aufstehen und Weitergehen. Dieses Jahr besonders. Und auch unsere Gesellschaft braucht jetzt Ostern, davon bin ich überzeugt. Diese Zuversicht, dass die Gewalt nicht das letzte Wort hat. Ja, der Glaube an eine bessere Welt. Bitte – glauben! Hoffnungstrotzig denken: Die entsetzlichen Kriege haben ein Ende. Kinder haben genug zu essen und ein Dach überm Kopf. Sie können in Frieden zur Schule gehen und haben keine Angst vor dem Tod oder der Abschiebung ihrer Eltern. Alle Menschen können in Würde leben. Die Despoten werden abgewählt. Das Brot reicht für alle. Bitte – glauben! Ohne diese Hoffnung, wie sollten wir weiterleben und tanzen und uns des Lebens freuen und die Kraft haben, für das Leben und den Frieden einzutreten in dieser verwundeten Welt, friedenstüchtig nämlich!

Sehen wir allein, mit welch österlichem Lebensmut sich engagierte Christinnen und Christen in den USA den Menschenjägern von ICE entgegenstellen, wie sie sich zusammenschließen, um gefährdeten Mitbürgerinnen Sicherheit und Schutz zu verschaffen, wie sie beten und handeln. Indem sie gewaltfreie Trainings zu zivilem Widerstand in Kirchen organisieren, indem sie Ladenbesitzern helfen, ihre Angst zu überwinden, wenn die bewaffneten Vermummten vor der Tür stehen, indem Seniorengruppen spontan das Homeschooling übernehmen oder weiße Nachbarinnen nicht-weiße Kinder zur Schule eskortieren. Sie organisieren Tafeln und Frühwarnsysteme, sie riskieren bei Sitzblockaden und Demonstrationen ihre Gesundheit und vielleicht sogar ihr Leben. Sie wehren sich gegen die Übernahme unseres so lebensfreundlichen Glaubens durch christliche Nationalisten. Sie fallen dem Rad des Autoritarismus und der Menschenverachtung in die Speichen.

Das ist österlicher Hoffnungstrotz! Ungeheure Tat-Kräfte und Mut kann der Auferstehungsglaube wecken! Das haben die Frauen am leeren Grab erfahren, so nach und nach, und die Apostel und Jüngerinnen, die dem Auferstandenen begegnet sind, ebenso. Und das mögen auch wir immer wieder erfahren: Unser Gott ist Leben. Ist stärker als alle Kräfte des Todes und der Zerstörung. In uns und in der Welt.

Darauf wirklich zu vertrauen, ist wichtig in diesen Tagen. Und zugleich: Es ist nicht leicht. Noch nie war das leicht. Denn die Fragen bleiben ja, wenn wir aufgeweckt auf die Welt blicken: Siegt das Leben oder der Tod? Die Liebe oder die Katastrophe? Die Gewalt oder der Frieden? Die Furcht oder der Hoffnungsmut?

Die Welt ist an viel zu vielen Orten in einem so dramatischen Zustand, unter dem unerträglich viele Menschen leiden. Wir sehen es täglich. Schwer aushaltbar sind die Bilder aus der Ukraine, aus Israel, dem Iran, dem Libanon oder aus dem Sudan mit all den Feuern und den unzähligen Toten, den verletzten, obdachlosen, fliehenden, hungernden Menschen. Gewalt und Not – ja auch bei uns. Eltern, die um ihre Kinder trauern, Menschen, die arbeitslos werden, schwere Diagnosen, tiefe Erschöpfung, und in unserer Gesellschaft werden die immer lauter, die Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe allen Ernstes für die größte Schwäche unseres Landes halten. Für naive Zuversicht und ungebrochenen Jubel besteht wenig Anlass. Damals, als Jesus am Kreuz ermordet wurde. Und heute auch.

Deshalb erzählt die Bibel so lebensklug wie nüchtern, dass es vor der Hoffnung und vor der Freude am Leben einen Raum für die Trauer geben muss. Eine Zeit der Tränen für das Entsetzen, die Unsicherheit, die Widersprüchlichkeit. Die Angst braucht Worte, damit man sie bannen kann. Deshalb ist die Seelsorge die Muttersprache der Kirche! Auch weil sie Raum gibt für die existentiellen Fragen: Woher kommt mir Hoffnung? Wo erlebe ich ganz persönlich Auferstehung? Was kann ich dazu beitragen, dass mehr Leute auferstehen aus Lethargie und Zukunftsangst? Wie widerstehe ich der Versuchung der einfachen und autoritären Lösungen? Wie lasse ich mich nicht verängstigen von Prognosen und finsteren Ahnungen? Wie also bleibe ich lebenszugewandt und hoffnungsstark – trotz allem?

Das sind die Fragen, auf die Ostern antwortet. Es ist eine starke, keine leichte Antwort. Es ist die Antwort Gottes auf unsere Welt. Gott, der unbedingt das Leben will, für alle, in Würde und Freude. Gott, der Liebe ist, weswegen klar bleibt, dass Hass und Hetze Hausverbot in unseren Herzen haben. Niemand soll in Furcht erstarren oder in Hoffnungslosigkeit.

Es ist übrigens das Großartige an der Kantate, die wir gleich weiterhören werden, dass sie genau diese Bewegung vertont. Die Furcht kommt zu Wort. Mit „Zweifelmut“, was für ein schönes altes Wort! Die Furcht ringt mit der Hoffnung, ob denn das Leben wirklich stärker ist als die tödlichen Kräfte und Gewalten. Da singen Furcht und Hoffnung teilweise gleichzeitig. Wie im richtigen Leben bei uns, wenn Furcht und Hoffnung in uns um die Hoheit kämpfen. Am Ende – es ist Ostern! – kann auch die Furcht in den Jubel einstimmen, voller Zweifelmut: Des soll‘n wir alle froh sein, Christus will unser Trost sein!

So feiern wir Ostern und erinnern uns: Die Abgründe der Welt sind nicht die ganze Wirklichkeit. Da sind lauter Auferstehungen. Sehen wir hin, auf das ganze Leben mit den hellen, liebenswerten und gelingenden Seiten: Ein Geschenk, eine Überraschung, ein kleines Wunder, eine neue Freiheit, ein Vorschlag, wie sich etwas lösen kann. Ein Tor für die Hoffnungsmutigen!

Denn er ist wahrhaftig auferstanden. Mit dem Auferstandenen an der Seite können das Leben annehmen und umarmen in aller Widersprüchlichkeit. Ohne das Elend auszublenden. Aber hoffnungstrotzig! Am besten geht das mit anderen zusammen. Auf andere zugehen, Barrieren und Gräben überwinden, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, das wäre ein guter Anfang. Denn wir haben einen so großen Schatz der warmen, tröstlichen, klugen Hoffnungsworte. Teilen wir sie! Erzählen wir Geschichten der Hoffnung gegen die Angst. Geschichten der Auferstehung gegen die Untergangsszenarien. Geschichten des Mutes gegen drohende Niederlagen. Cantare! Und das Leben siegt!

Christus ist auferstanden. Halleluja. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja und: Amen.

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