26. Februar 2022 | Hauptkirche St. Petri zu Hamburg

Es schreit zum Himmel

26. Februar 2022 von Kirsten Fehrs

Friedensgebet für die Ukraine nach Beginn der russischen Angriffe auf das ukrainische Staatsgebiet

Liebe Schwestern und Brüder,

in unseren Kirchen hat diese Anrede eine ganz lange Tradition. So geläufig sie mir ist, heute spreche ich sie mit großer innerer Bewegung. Liebe Schwester, lieber Bruder – wir nennen uns Schwestern und Brüder – weil wir’s sind! Menschen allesamt, von Gott gewollt, gewürdigt und geliebt, gemeinsam auf dieser Erde unterwegs. Und gemeinsam verantwortlich für das Leben auf ihr und für den Frieden in ihr. Und eben vor allem: für das Zusammenleben als Weltfamilie. Wir gehören zusammen! Wenn Frieden gelingt, dann kann Leben sich entfalten, dann blühen Menschen auf vor lauter Würde, dann – so heißt es in einer alten biblischen Verheißung – dann frisst der Löwe Stroh wie das Rind und der Wolf kommt tatsächlich als freundlicher Gast zum Lamm. Und Schwerter werden zu Pflugscharen. So oder so ähnlich träumen es Menschen von alters her – in allen Weltreligionen. Im Frieden darf jeder und jede leben. Und glücklich sein. Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Wir sind hier, als Menschengeschwister und Friedenstifter, weil wir uns diesen Traum nicht nehmen lassen. Er trägt uns. Er führt uns zusammen nicht nur in Angst und Sorge, sondern eben auch im Gebet und um dem Frieden entschieden aufzuhelfen.

Wir sind Schwestern und Brüder, ja: Brudervölker in der Ukraine und in Russland. Und wenn ein Bruder über den anderen herfällt, dann schreit das Blut von der Erde zum Himmel, wie bei Kain und Abel. „Wo ist dein Bruder?!“, ist Gottes energische Frage, die den Menschen bei seiner Verantwortung packt. Und: „Was hast du getan?!“

Ja, es ist himmelschreiendes Unrecht, was in der Ukraine geschieht. Ein souveräner Staat, ein selbstständiges Volk mit eigener Kultur, mit großer Sehnsucht nach Freiheit, mit eigenem Lebensrecht und einem unantastbaren Territorium ist ohne jede Not und ohne jeden nachvollziehbaren Grund angegriffen worden. Mit Waffen. Brutal. Viele Tote und Verletzte gibt es, Zerstörung prägt die Bilder. Die Panik der Menschen berührt mich im Innersten. Ja: Es schreit zum Himmel, und wir können nicht schweigen. Wir müssen widersprechen – um unserer Schwestern und Brüder willen. Und um des Friedens in Europa willen. Gut, dass der Widerstand sichtbar wird mit all den Demonstrationen!

Wir alle sind doch ergriffen von tiefem Entsetzen und Erschrecken. Auch weil unser Weltbild zerrissen ist. Wir hatten uns so an den Frieden gewöhnt. Wir hatten uns gewöhnt daran, dass Konflikte begrenzt oder doch begrenzbar waren, dass Spannungen sich kalkulieren lassen, dass wir es schon irgendwie hinbekommen mit Geschwisterstreit und Geschwisterfrieden, mit unserem bisschen Vernunft. Der gefährliche Kalte Krieg war vorbei. Und jetzt sehen wir uns belogen und betrogen. Von einem nationalistischen Herrscher, der nicht nur ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt, sondern auch die friedliebenden Menschen seines eigenen Volkes unterdrückt, verfolgt und einsperrt. Von einem Machtmenschen, den die Einen für einen Partner gehalten haben, während andere schon lange vor ihm warnen. Wir müssen uns neu sortieren, nicht nur politisch, auch innerlich. So weiß ich es jedenfalls von vielen, mit denen ich in diesen Tagen spreche.

„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Das ist die unverrückbare Basis der weltweiten Ökumene seit dem Neuanfang nach 1945. Ein klares Nein zu militärischer Auseinandersetzung und ein entschiedenes Ja zur politischen Konfliktlösung. Was aber, wenn eben nicht alle an einer friedlichen Lösung interessiert sind? Was, wenn wir es mit einem Despoten zu tun haben, der rohe Gewalt ausübt, seinen Machthunger verbindet mit eiskalter Strategie, und der sich für das Wohl der Geschwister am wenigsten interessiert? Und für Demokratie schon gar nicht?

Ganz neu ist die Frage nicht, aber jetzt ist sie so drängend. Vertrauen ist verloren, und Naivität können wir uns nicht leisten. Es braucht klaren Widerspruch gegen Unrecht und Gewalt, der sich im Zweifel mit machtlosen Worten nicht begnügen kann. Es gab ja viele Worte – sie alle konnten den Aggressor bislang nicht stoppen. Und zugleich wissen wir: Drohung, Eskalation, Gegengewalt gefährden ebenso den Frieden. Wir brauchen ein heißes Herz, aber auch einen kühlen Kopf.

Und so löst der brutale Krieg auch in uns ein Ringen aus: ein Ringen um den richtigen Weg um den Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit, und ein Ringen um die richtige Weise, Solidarität zu zeigen. Denn die braucht es! Und die gibt es nicht zum Nulltarif, sie wird uns etwas kosten. Solidarität jetzt zeigen ist dran – mit den Menschen, die vom Krieg bedroht werden, die unermessliches Leid und große Angst durchleben und von denen sich viele auf den Weg machen, weil sie nicht mehr bleiben können. Schon jetzt kommen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in unsere Stadt, und es werden Tausende werden. Es ist das Mindeste, dass wir ihnen helfen. Wir haben Verantwortung, liebe Hamburgerinnen, liebe Hamburger, und wir als Kirchen sind bereit, sie mitzutragen. Denn wir sind Geschwister. Wir wissen: „Wer seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.“

Lasst uns der Finsternis nicht nur unsere Fassungslosigkeit und unsere Sorge entgegenstellen, sondern vor allem unsere entschlossene Zuversicht. Sie ist die Kraft, die kein Herrscher der Welt einschüchtern kann. Lassen wir uns unseren Glauben an den Frieden nicht nehmen. Lassen wir Friedenslichter leuchten – für die Menschen in der Ukraine und in ganz Europa.
Amen.

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