Sonnabend, den 25.12.2021 (Erster Weihnachtstag) | St. Petri-Dom Schleswig

„Du Bethlehem Efrata“, sagt der Prophet, „die du klein bist unter den Städten in Juda….aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sei.“ (Micha 5,1-4a)

Gothart Magaard, Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein der Nordkirche
Gothart Magaard, Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein der Nordkirche© Marcelo Hernandez, Nordkirche

24. Dezember 2021 von Gothart Magaard

Predigt im Rahmen des Gottesdienstes am Ersten Weihnachtsfeiertag, 25.12.2021, im Schleswiger Dom

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch! 

Liebe Gemeinde!

Weihnachten ist das Fest der Lieder. Wenn Gott kommt, ist Singen angesagt. Vertraute Texte und Melodien. Die Festlichkeit und Innigkeit von Weihnachten wird beim Singen spürbar. Eines meiner Lieblingslieder an Weihnachten haben wir gerade gesungen:

„Fröhlich soll mein Herze springen,

dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen.

Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft

laute ruft: Christus ist geboren.“ (EG 36,1)

Auch in diesem Jahr haben wir das Wunder der Heiligen Nacht gefeiert. Gott kommt zu uns. Hinein in die Unsicherheiten dieser Welt. Unter widrigen Umständen wird ein Kind geboren. Im Verborgenen.Und doch ist das Wunder weit zu sehen und findet weltweit Resonanz. Ein heller Stern steht verheißungsvoll am Himmel über dem Stall. Und die Engel rufen: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr!“ Da kann ich gar nicht anders als einstimmen in dieses „voranstürmende“ Lied (A. Goes) in Melodie und Text : „Fröhlich soll meine Herze springen, dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen.“

Neben der Weihnachtsgeschichte nach Lukas, die wir gerade gehört haben, hören wir heute eine weitere Stimme. Lange vor der Geburt Jesu beschrieb der Prophet Micha eine Verheißung in unsicherer Zeit:

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.  Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten.  Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.  Und er wird der Friede sein.   (Micha 5,1-4a)

Aufgeschrieben wurden diese Worte in schwerster Zeit. 500 Jahre vor Christus lag die Stadt Jerusalem in Trümmern. Viele Bewohner waren verschleppt worden; die Übrigen blieben verzweifelt zurück. Die Zukunft sah düster und dunkel aus.

Aber einer ergreift das Wort und spricht Sätze wie Balsam für die geschundenen Seelen. Es gibt Hoffnung, sagt die Stimme. Allerdings anders als erwartet. Denn in Trümmern liegt nicht nur die große Stadt Jerusalem, sondern auch ihre Politik. Die große Stadt Jerusalem liegt in Trümmern. Aber „Du Bethlehem Efrata“, sagt der Prophet Micha, „die du klein bist unter den Städten in Juda….aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sei.“

Aus der Geburtsstadt Davids wird er kommen: Ein König wie ein guter Hirte, der sein Volk führt, schützt und versorgt. Die Geschichte des Scheiterns soll sich in eine Zukunft der Erfüllung wenden. Und Michas Worte richten auf. Sie lassen wieder Hoffnung wachsen. Die Menschen finden in ihrer verzweifelten Lage wieder Kraft, das beschwerliche Leben zu bestehen. Aber noch liegt eine lange Durststrecke zwischen der Verheißung und der Erfüllung. Wie die Zeit von einer beginnenden Schwangerschaft bis zur Geburt – so lang und mühsam wird es sein, bis ein stabiler Neuanfang gemacht ist.

Liebe Gemeinde, auch wir erleben die gegenwärtige Zeit als eine lange Durststrecke. Wuchs im Sommer die Hoffnung, dass das Leben sich weitgehend normalisieren könnte, folgte ein Herbst mit neuen Freiheiten: Ende Oktober konnten wir den Dom mit 650 Menschen wieder eröffnen und Anfang November haben viele tausend Menschen abends die Lichtreise besucht.

Doch die steigenden Inzidenzwerte im November mit der stark wachsenden Zahl der Intensivpatienten und die Omikron-Variante im Dezember haben zu großer Ernüchterung geführt: Die Pandemie ist noch lange nicht besiegt, auch wenn wir uns und andere durch das Impfen besser schützen können.

Viele sehen sorgenvoll in die Zukunft: Werden wirein weiteres Jahr so unsicher leben müssen: mit Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen?

Bedrückend ist auch, dass aufgrund der Pandemie vieles andere in den Hintergrund rückt. Furchtlose Herrscher bauen im Schatten der Pandemie ihre Macht aus. DerKlimawandel mit seinen großen Herausforderungen gerät uns aus dem Blick. Unterschiedliche Auffassungen über den Umgang mit der Pandemie führenzuheftigem Streit in der Gesellschaft, auch unter Freunden, in den Familien und Betrieben.

Doch die Worte des Propheten können uns auch heute Trost geben. Der Prophet verheißt einen umsorgenden König. Er wird zu den Menschen kommen „und sie weiden in der Kraft des Herrn. Und sie werden sicher wohnen.“

Sicher zu wohnen, ist Grundlage für ein gutes Leben. Doch manche Sicherheiten sind in Frage gestellt. Nicht nur durch das Virus, das uns als Gesellschaft sosehr herausfordert. Denken wir auch an diejenigen, die ihre Miete kaum mehr bezahlen können und von Armut bedroht sind. Oder diejenigen, die – ob alt oder jung – seelisch verkümmern, weil sie sosehr unter der Einsamkeit leiden.

Die Verheißungsworte des Propheten halten dagegen: Gott wird den Menschen die nötige Kraft geben und sie stärken, um die schwere Zeit zu bestehen. Gottes Retter wird kommen und unser Leben heilen.  „Er wird unser Friede sein.“ Doch unsere Hoffnung muss offen sein für Unerwartetes. Das sichere Wohnen kann anders aussehen als wir es uns vorstellen.

Auf einen neuen und bescheidenenAnfang in Bethlehem – darauf hätte das Volk Israel damals wohl kaum gehofft. Seine Vorstellung war ein Jerusalem voller Macht und Pracht.

Doch das kleine Bethlehem ist der Ort, aus dem der neue König kommen wird. Im Kleinen wird Gottes Friede seinen Anfang nehmen.

Die Weihnachtsgeschichte erzählt es ähnlich: Einfache Hirten finden ein neugeborenes Kind in einem schlichten Stall am Rande von Bethlehem. Das kleine Bethlehem wird der Anfangsort Gottes für seine Begegnung mit den Menschen. Und für die Begegnung der Menschen untereinander in all ihrer Verschiedenheit an der Krippe.

Das ist ein starkes Zeichen: Gott sucht die Menschen da auf, wo sie klein sind. Gottes Erhabenheit zeigt sich im Kleinen. Oft im Unscheinbaren. Im zarten Anfang. Im Licht in der Dunkelheit. Diese Botschaft zieht sich von den Weissagungen der  Propheten bis zur Weihnachtsgeschichte. Und sie erreicht am Weihnachtsfest  unser Leben.

Gott will uns Menschen nahe sein. Er begibt sich in die Mühseligkeit des Lebens, um niemanden alleinzulassen. Er beginnt im Kleinen, um niemanden zu übersehen. Auch nicht diejenigen, die enttäuscht, erschöpft oder wütend sind. Ob wir glücklich sind oder unglücklich. Ob wir uns stark fühlen oder schwach. Ob wir wütend sind oder uns ohnmächtig fühlen.  Gott sucht uns auf. Und dieses Mit-Sein Gottes zeigt sich in Bildern der Kleinheit und der Bedürftigkeit als in Bildern der Größe und Allmacht.

Auch die Hirten erfahren diese besondere Wertschätzung: Durch das neugeborene Kind, in Windeln gewickelt, finden sie zu Gott. Sie spüren, dass die Begegnung mit Gott etwas ganz Besonderes und Unerwartetes ist. Gott umgreift das Ganze, das Kleine wie das Große, das Unscheinbare wie das Offensichtliche, das Glück wie das Unglück, Erfolg ebenso wie Scheitern. Gott ist bei den Menschen auf den Höhen der Freude, aber auch wo wir schwach sind und in Sorge oder Not.

 „Fröhlich soll mein Herze springen.“ Dieses Lied schrieb Paul Gerhardt seinerseits in einer schweren Zeit. Der dreißigjährige Krieg beherrscht das Land. Er persönlich verlor früh seine Ehefrau und vier seiner Kinder. Das Lob Gottes kann  er nicht am Leben ablesen. Er liest das Lob Gottes in das beschwerliche Leben hinein. Das Bild von dem Kind in der Krippe weist ihn auf die Liebe Gottes in aller Mühseligkeit des Lebens. Und diese Erfahrung ruft er in einer späteren Strophe anderen zu:

 „Die ihr arm seid und elende, kommt herbei,

füllet frei eures Glaubens Hände.

Hier sind alle guten Gaben

und das Gold, das ihr sollt

Euer Herz mit laben.“ (EG 36.9)

Weihnachten setzt gegen die Ungewissheit das Vertrauen und den Glauben. Gegen die Verzagtheit die Hoffnung. Gegen die Enttäuschung Zuversicht.

„Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“  Das ist Gottes Zusage für ein würdigesLeben aller Menschen. Das Licht der Weihnacht hilft, sich aufzurichten. Es stärkt die Lebenskräfte und lässt uns getrost weiter gehen.

Im Licht der Weihnacht gewinnen wir die nötige Kraft, um zusammen zu kommen, um aufeinander zu achten und in Frieden zu leben.

Beschenkt werden wir zu Weihnachten mit Gottes Gaben: Vertrauen – Hoffnung –  Frieden. Diese Gaben brauchen  wir in dieser Zeit ganz besonders. Begegnen wir Gott mit offenem Herzen, damit er es füllen kann mit Zuversicht und Liebe. Und beschenken wir uns dadurch, dass wir innehalten und zuhören und das Gespräch suchen und aufmerksam werden für die, sich ängstigen und allein sind. In den schweren Zeiten der Pandemie hat sich immer wieder gezeigt, wie sehr unser Miteinander durch Mitgefühl, Tatkraft, Kreativität  und Engagement geprägt ist.     

Lieder zu singen, ist eng mit unseren Traditionen an Weihnachten verbunden. Die Lieder geben dem Fest eine besondere Festlichkeit. Ja, sie machen unsere Seele „fest“  und geben uns Halt. So kommen wir mit allem, was uns bewegt, vor der Krippe zusammen und staunen und stimmen ein:

Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit,

da vor Freud alle Engel singen.

Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft:

Christus ist geboren.

Und der weihnachtliche Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, sei mit euch, den Menschen seines Wohlgefallens!

Amen.

 

 

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