29. August 2021 | Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Lübeck

Gottesdienst am 13. Sonntag nach Trinitatis

29. August 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Lukas 10,25-37

Liebe Geschwister!

Liebe deine(n) Nächsten! Das hält alles zusammen. Uns, die Gemeinde Jesu Christi in Stadt, Land und Welt – allemal uns Lutheraner und Reformierte. Danke für die Einladung, liebe Frau Akkermann-Dorn; ich bin von Herzen gern hier und habe mich sehr auf Sie alle gefreut. Und wenn es dann noch die Gelegenheit gibt, über einen so grundlegenden Evangeliumstext gemeinsam nachzudenken – umso besser!

Liebe deine(n) Nächsten, das hält alles zusammen. Uns Christen und alle Religionen hier und in der Welt. Aber auch diese Gesellschaft. Liebe deinen Nächsten! Das ist ein ergreifender Satz, der in allen Weltgegenden, in allen Sprachen, in allen Kulturen verstanden wird. Sofort. Da muss man nicht viel reden. Das muss man einfach tun, sagt Jesus. Liebe üben. Ja genau, üben.

Wir hatten so viel zu lernen und einzuüben in diesen bisher anderthalb Pandemiejahren. Liebe unter ganz neuen, ungewohnten Bedingungen, wo wir ja immer auch erstmal herausfinden mussten: Was ist denn nun richtig und gut? Was dient der Liebe? Kontakt- und Nähebeschränkungen – aus Liebe? Ein ungewohnter Gedanke. Mund-Nasen-Schutz – aus Rücksichtnahme. Gebremstes Leben, keine Umarmung, damit die alten Menschen nicht krank werden. Liebesverlust, um die Liebe zu üben, so fing es an im vergangenen Jahr.

Dann das große Thema Impfen. Für mich ein Akt der Nächstenliebe, definitiv. Für andere eine Zumutung. Und immer deutlicher wird: Die Pandemie und ihre Bekämpfung haben Folgen für unsere Beziehungskultur. Besonders unter jungen Menschen wirkt sich das dramatisch aus. Fachleute wie Lehrerinnen, Sozialarbeiter und diejenigen in Kinder- und Jugendpsychiatrien berichten von immer mehr schwer belasteten Kindern und Jugendlichen. Junge Menschen, die wie lebensgefährlich ausgetrocknet sind und nach Liebe dürsten. Nach Nähe, nach Kontakt, nach Zugehörigkeit, nach einem Leben, das ihrem Alter und ihrem Lebenshunger entspricht. Wer würde das nicht verstehen? Also Liebe üben. Das müssen wir wohl wieder. Neu nach unserem Zusammenhalt suchen, auch zwischen den Generationen. Manche jungen Menschen haben dann noch den Klimawandel vor Augen und fühlen sich ernsthaft ihrer Zukunft beraubt. Beraubt! – Und schon sind wir mittendrin in dem Drama auf der Straße zwischen Jericho und Jerusalem, als einer unter die Räuber fiel.

„Es war ein Mensch“,so beginnt Jesus sein Gleichnis. Es war doch ein Mensch, der im Elend lag. Unter die Räuber gefallen ist er. „Und sie zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.“Da liegt er im Straßengraben, der Mensch. So mancher Mensch, halbtot und in seelischer Not. Links liegengelassen, zuallererst von dem Priester, der gerade vom Gottesdienst kommt. Vielleicht hatte er im Jerusalemer Tempel just diese Worte der Tora gehört: „Du sollst deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Warum geht er dann vorbei? Hat er keine Zeit? Ist anderes wichtiger? Hat er Berührungsängste mit diesem Fremden, der auch noch verletzt ist, blutet, Arbeit macht? Fühlt er sich überfordert? Wir wissen es nicht. Nur, dass es der Levit genauso macht. Und ich vielleicht auch, fragt mich mein Gewissen. Man kann ja nicht die ganze Welt retten, tröstet man sich selbst im Vorübergehen. Andere können auch viel besser helfen. Wer Liebe übt, bekommt es mit den eigenen Grenzen zu tun, mit der eigenen Ohnmacht.

Und dann sehe ich nach Afghanistan und fühle genau dies: Ohnmacht. Was ist das für eine furchtbare Katastrophe, liebe Geschwister. Da haben Menschen sich eingesetzt, Hoffnungen gehabt und Hoffnungen gemacht. Soldaten und Zivilpersonen auf je ihre Weise haben Liebe geübt, ganz praktisch und mit hohem Einsatz. Sie wollten Wunden verbinden in diesem geschundenen Land, sie haben sich eingesetzt für Heilung und Wiederaufbau, für eine gerechte Gesellschaft. Besonders die Frauen haben so sehr darauf gesetzt, aber nicht nur sie. Viele Afghanen und Afghaninnen haben mitgeholfen, sich mit eingesetzt; wir nennen sie „Ortskräfte“. Ein besseres Land wollten sie aufbauen, mit aller Hoffnungskraft, die sie aufbringen konnten.

Und jetzt ist da dieses magische Datum, 31. August, zwei Tage noch. Und wir haben gerade gesehen, was denen blüht, die es nicht mehr heraus schaffen. Die Räuber kommen mit Termin, und wir wissen nicht, was tun. Es ist wirklich zum Verzweifeln.

In der Geschichte ist‘s der Samariter, der sich um den Verzweifelten kümmert. Er, der ausgegrenzt und selbst in seiner Würde verletzt ist, erkennt den Schmerz des anderen sofort. Es jammerte ihn, heißt es. Wörtlich übersetzt: „Es rührte ihn bis an die Eingeweide.“ Und so kann er gar nicht anders als von seinem Esel zu steigen, sich zu dem Verletzten hinab zu beugen und seine Wunden zu verbinden. Das ist Liebe, wie Jesus sie meint. Eine impulsive Bewegung, die nicht anders kann als sich zuzuwenden. Ohne zu zögern und ohne vorher ein Konzept zu schreiben. Das ist die Liebe, die Jesus meint, die die Nächsten erfasst oder die, die einem zufällig begegnen, die Ferneren, die Unsympathischen – und den Feind auch.

Und noch eine andere Bewegung gehört zu dieser Liebe, die zunächst ganz unspektakulär daherkommt: das ist das Absteigen vom Esel. Das Runterkommen. Auch von Gewohnheiten. Das Absteigen zeigt: Jetzt ist jemand anders dran. Es steht für den Verzicht auf die eigene Bedeutung und Macht, für Verzicht auf den Status. Gott selbst ist dafür das Muster. Denn so sehr hat Gott uns geliebt, dass er hinabsteigt in die Niederungen menschlichen Lebens. In aller Konsequenz ist er ein Mensch. In Jesus Christus.

So haben Sie es gemacht hier in Ihrer Gemeinde, als 2015 so viele Geflüchtete kamen, viele ja schon damals aus Afghanistan. Sie haben sich engagiert mit anderen zusammen, sind hingegangen in die Gemeinschaftsunterkunft, haben die Entwurzelten und Verletzten gesehen und sich gekümmert. Bis heute sind Sie mit manchen Menschen in Kontakt, und erleben dabei, wie das auch Ihre Gemeinde verändert. Dem Fremden offen begegnen, sich zuwenden, zwischen Kulturen und Religionen die Verbindungen suchen und eben nicht die Grenzen und Abgrenzungen – das haben Sie eingeübt. Kirche als Lernort. Das ist wirklich Liebe üben, und ich bin so dankbar dafür, dass Sie das tun.

Denn das ist doch der Kern unseres Glaubens. Eine Gottesvorstellung. Absteigen und Herabbeugen vor lauter Liebe – das ist die Bewegung unseres Glaubens. Die Tradition nennt es humilitas, niedrig werden. Humus steckt darin. Wir haben auf der Erde, Humus, zu bleiben, sozusagen auf dem Teppich. Nur indem wir dort unten bleiben, mit Verstand und Gefühl und unserem Gott an der Seite, verstehen wir, was andere bewegt und was zu tun ist. Du wirst keinen verstehen, den du nur auf Distanz hältst oder gar ablehnst. Und du wirst mit keinem solidarisch sein, wenn du oben bleibst auf sicherer Eselshöhe.

Solidarität, liebe Gemeinde, das ist ja das Wort dieser Tage. Parteinahme für die Schwachen meint es, und Fürsorge für die, die‘s schwer erwischt hat. Der Nächste bitte, fällt unser Evangelium zustimmend ein und setzt zugleich einen eigenen Akzent: den des Gefühls, des Mit-Gefühls, das dich innerlich verändert. Es geht um eine Barmherzigkeit, die das Ganze wahrnimmt: den Jammer, die Scham, mein Unvermögen. Aber auch die Liebe zu mir selbst, diese oft so brüchige, sehnsüchtige Liebe, die in uns ist und heraus will. Jesus weiß das. So will er uns gerade nicht in die Pflicht nehmen, dass ich frage: Was muss ich tun? Sondern er will in die Freiheit entlassen und Kräfte geben fürs: „Geh hin und tue desgleichen.“

Die Bilder hier in Ihrer Kirche geben dafür eine ganz wunderbare Anregung. Irina Krott-Rykunina hat die „Freude im Mangel“ gemalt. Sie hat erlebt, dass Wohlstand und Überfluss keine Garantie für Freude und Liebe sind. Und sie hat erlebt, dass gerade im Mangel die Freude und – ergänze ich mit dem biblischen Gleichnis – die Liebe ihre erstaunlich kraftvolle Seite zeigen. Ihre Bilder erzählen davon. Sie zeigen, wie Farbe in scheinbar graues Leben findet. Wie Zukunft und Hoffnung ihren Weg hineinfinden in unsere bedrängte und verwundete Welt. Nächstenliebe, die aus geerdeter Lebensfreude wächst – die macht unsere Welt lebenswert und vielfarbig. Sehen wir uns allein hier um. Lassen Sie uns also gemeinsam daran weiterlieben. Damit Friede werde, Friede Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
29.08.2021
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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