01. Januar 2026 | Dom zu Berlin

Gottesdienst am Neujahrstag

01. Januar 2026 von Kirsten Fehrs

Liebe Neujahrsgemeinde,

in Dithmarschen, wo ich aufgewachsen bin, hinterm Deich, mit vielen Schafen, gibt es einen wunderschönen Brauch: das Kindkieken. Wenn ein Baby auf die Welt gekommen ist, versammelt sich das ganze Dorf, um das Neugeborene zu begrüßen und den Eltern zu gratulieren. Da stehen sie dann alle um das verknauschte kleine Wesen mit den unabgelaufenen Füßen und den winzigen Fingernägeln und bekommen den Mund kaum zu, vor lauter Ah und Oh. „Ach Gott, wat för ne seute Popp“, und „Ach, wie goldig“, und „Heel de Vadder“, ganz der Vater, wahlweise, „Nipp un nau de Moder“, genau die Mutter. Man guckt und lächelt, spricht leise mit Respekt und Bewunderung und geht nach einer Weile selig ob dieses kleinen neuen Wunders wieder nach Hause.

Gott spricht: Kiek, siehe, ich mache alles neu! – Das könnte über der Tür jeder jungen Familie stehen. Oder über einem neuen Jahr. Diesem zum Beispiel: Es ist die Jahreslosung 2026. In der der Zauber mitschwebt, der allem Neuen innewohnt. Ob in einer Krippe oder in einer Wiege hinterm Deich oder am Beginn eines neuen Jahres, das sich noch ganz unverbraucht vor uns ausbreitet. Eine feine Sache übrigens, es mit einem Gottesdienst dankbar in Empfang zu nehmen. Nicht gleich zur Tagesordnung überzugehen. Einmal innehalten: Willkommen in meinem Leben, Neues Jahr! Was wird wohl aus dir werden? Was wird es bringen für mich, für die Welt?

Und mit der Berlin-Hymne des deutschen HipHop-Musikers Peter Fox würden wir vielleicht feststellen: „Hey, alles glänzt so schön neu! […] Hey, wenn’s dir nicht gefällt, mach neu. Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will seh‘n, wo‘s hingeht. Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“ Läuft heute im Radio rauf und runter: Alles neu!

Es weiß natürlich jeder, dass mit dem neuen Jahr eben nicht alles neu wird und alles schön glänzt. Der Berg aus Dreck, dieser Problem- und Krisenberg, der geht leider nicht weg, nur weil das alte Jahr vergangen ist. Also stehen wir auch zu Beginn des neuen Jahres vor großen, schwierigen Fragen: Wie soll es bitte anders weitergehen? Mit Europa? Mit den steigenden Meeresspiegeln? Mit den Millionen Menschen, die fliehen vor Krieg und Gewalt? Mit den viel zu vielen Kindern in Berlin, deren Eltern auf Tafeln angewiesen sind? Mit den Wohnungslosen und den Pflegebedürftigen? Mit unserem Miteinander, das so leidet unter dem üblen Tonfall, der alles vergiftet? Mit all dem Hass? Und der Angst? Mit unserer Müdigkeit ob aller trüben Aussichten? Mit unserer Überforderung? Mit all der Trauer um verlorene Menschen und gescheiterte Beziehungen?

„Hier ist die Luft verbraucht, das Atmen fällt mir schwer. Bye-bye, ich muss hier raus, die Wände kommen näher“, singt Peter Fox. Und trifft einen Nerv: Raus hier. Weg hier. Es ist nicht zum Aushalten in dieser gnadenlosen Gesellschaft. Doch flieht er gerade nicht, sondern singt so weiter: „Mir platzt der Kopf, alles muss sich verändern. Ich such den Knopf, treffe die mächtigen Männer. Zwing das Land zum Glück, kaufe Banken und Sender. Alles spielt verrückt, zitternde Schafe und Lämmer.“ Ein Knopf. Und alles neu. Wow!

Die Vision einer umstürzenden Veränderung, ja, einer gerechten Stadt, die hatte vor 2.000 Jahren auch der Seher Johannes. Auch er hat sie aufgeschrieben – als Buch, und es ist das letzte in der Bibel. Eine echte Offenbarung, in der er in großen Bildern beschreibt, wie das Alte vergeht, ja vergehen muss, um für etwas Neues Platz zu schaffen. Sehnsuchtsgetrieben ist dieses Buch. Geheimnisvoll auch, weil das Neue nie schon erschienen ist, das liegt ja in der Natur der Sache, sondern erst erscheinen wird. Was aber klar ist, allemal den Christinnen und Christen damals, die unter Verfolgung litten und existentiellen Bedrohungen. – Es soll eine bessere Welt sein. Ohne Schmerz und Tränen, Leid und gottlose Kriege. So wie Gott sie will.

Peter Fox nun geht ganz zeitgemäß davon aus, dass er es ist, der die Welt neu macht, mit einer kleinen weisen Einschränkung, die mir gefällt. „Ich seh besser aus als Bono und bin ‘n Mann des Volkes. Bereit, die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist.“ Tja, in der Tat. Könnte sein, dass der Weltenretter anders heißt…

Gerade in diesen Tagen, wo wir uns in der Nachspielzeit des Weihnachtsfestes befinden, ist ja längst nicht ausgeklungen, wie sehr das Neugeborene dort in der Krippe, wie das Jesuskindkieken Hoffnung schenkt. Wurde doch unser großer Gott Gottgerneklein. Er ist mit seiner ganzen Verwundbarkeit auf die Welt gekommen, um der Ohnmacht die Macht zu nehmen. In Bethlehem. Inmitten von elendem Hass, Gewalt, Not und Tod damals – und heute ja wieder – wird das große Dennoch der Liebe geboren. Christ der Retter ist da. Und bleibt in unserem Leben mit all seinen Brechungen, immerdar.

Es ist also Gott selbst, der alles neu macht. Da können wir doch nur erleichtert aufatmen! Ansonsten würde es entweder von einem jugendlichen oder egomanen Wahn zeugen, von einer kolossalen Selbstüberschätzung, wenn man meinte, man wäre erwählt, die Welt neu zu machen oder neu zu „ordnen“, wie einige sich anmaßen. Wir erleben ja derzeit mit großem Erschrecken, wie unglaublich destruktiv und menschenfeindlich ein solche Hybris wird, wenn sie an die Macht kommt.

Die Bibel nun weiß genau um die Grenzen des Menschen, auch jedes Präsidenten. Nicht du wirst alles neu machen, es ist Gott. Denn Gott sehnt sich so nach uns! Will als Mensch unter uns wohnen. Und zwar bei allen Völkern, nicht nur dem Deutschen, auch wenn einige in ihrer völkisch-christlichen Verblendung etwas Anderes behaupten. – Gott wird bei allen seinen Völkern sein und dort alle Tränen abwischen, das Sterben beenden und das Leid und das Geschrei.

Diese Verheißung ist eine der schönsten und tröstlichsten in der Bibel, weil sie sich den guten Mächten anvertraut. Es ist die Verheißung einer friedenstüchtigen und gerechten Zukunft für alle Menschen, die weit über das, natürlich ironisch gefasste Glück von Peter Fox hinausgeht: „Gewachst, gedopt, poliert, nagelneue Zähne. Ich bin euphorisiert und habe teure Pläne. Ich kaufe mir Baumaschin‘n, Bagger und Walzen und Kräne. Stürze mich auf Berlin und drück auf die Sirene.“

Die neue Welt Gottes kann der Mensch nicht bauen. Und das Leid und das Sterben auf dieser Welt werden nicht enden. Auch 2026 nicht. Da hilft kein Bagger – und auch keine Sirene.

Und trotzdem hat Peter Fox ein wunderbares Lied zur Jahreslosung geschrieben, ohne es zu wissen. Schlicht, weil er sich weigert, im Krisenmodus stehen zu bleiben. Da will einer wissen, wie es weiter geht. Will sich nicht vergraben, sondern anpacken. Bevor er an seiner Verzweiflung und Angst und Ohnmacht erstickt, steigt er auf den Berg, weil oben frischer Wind weht. Weitet den Blick, Leute, wo immer ihr seid, raus jetzt aus dem Jammertal!

Und der christliche Weitblick ergänzt: Behaltet euren Gottes-Trotz, eure Hoffnungskraft, die der Vision zugrunde liegt. Kein Leid, keine Tränen – so wie jetzt. Nein, Gnade. Frieden. Shalom. Das ist Anfang und Ziel. Denkt nur daran, wie alles anfing in der Welt. Siehe, es war sehr gut – sagte Gott, als er die Erde erschuf. Und so wird es auch am Ende sein. In diesem großen Bogen des Guten, ist das Leben, unser Leben, eingewebt. Was ja heißt, dass die Möglichkeit zum Neuen und Guten immer wieder neu besteht. Und zwar nicht erst in einem fernen Jenseits, sondern hier und jetzt. Singt auch Fox: „Nur noch konkret reden, gib mir ein Ja oder Nein. Schluss mit Larifari, ich lass all die alten Faxen sein.“

Konkret in Herz und Hand nehmen, liebe Geschwister, was Jesus uns vorlebte. Täglich neu. Da werden die Gefangenen frei und die Armen getröstet, die Blinden werden sehen und die Zerschlagenen werden entlassen. Man möchte rufen: Ihr gnadenlosen Despoten der Welt, Ihr Autokraten und Kriegstreiber und Menschenverächter, hört Ihr das? Ihr, die ihr schamlos die christliche Tradition missbraucht, hört Ihr das? Das steht in der Bibel! Das hat die Kraft, das Neue mitten in unserem Leben beginnen zu lassen. Im Hier und Jetzt.

Das ist das Geheimnis: Im Vertrauen allein auf die Gnade Gottes kann ich loslassen und neu anfangen. Das Jahr, eine neue Liebe, einen neuen Job, ein neues Projekt, ein Engagement als Domkirchenrätin, so vieles ist möglich. Und nein, es wird die Welt nicht retten. Aber es wird einen Unterschied machen. Jeder Schritt auf dem Weg zum Shalom ist wichtig. Manchmal braucht es dazu viel Mut. Manchmal ist es gefährlich. Auch bei uns, aber vor allem in den Ländern, in denen Diktatur herrscht. Umso wichtiger, dem Neuen Gottes einen Landeplatz in unserer Welt offenzuhalten. Manchmal sind es kleine Gesten, ein freundliches Wort zum Krankenpfleger, ein Kuchen für die alte Nachbarin, eine Spende für Brot für die Welt, das Aushelfen in einer Suppenküche, ein Trauerbesuch, ein ehrenamtlicher Küsterdienst. Ihnen fällt da sicher eine ganze Menge ein.

Manchmal braucht es zwei, die sich zusammentun, um im Vertrauen in ein gutes Ende einem neuen Menschlein das Leben schenken. Manchmal braucht es viele, die gemeinsam, in Initiativen und Vereinen, in Parteien, Gewerkschaften und Gremien, auf Demos, in Universitäten und Kirchen für das Recht der Schwächeren, für den sozialen Frieden im Land und den Frieden in der Welt etwas bewegen können.

Und manchmal entsteht im Vertrauen auf ein gutes Ende sogar etwas richtig Neues. Ich denke da an eine meiner Lieblingskirchen in Berlin, die Kapelle der Versöhnung am Mauerweg. Sie ist ja entstanden aus den zermahlenen Steinen des Vorgängerbaus. Dem Grenzregime der DDR war die Kirche im Weg, weil sie just auf dem Mauerstreifen stand. Also wurde sie gesprengt. Aber nach dem Mauerfall erstand sie neu, als schlichter, zeitgemäßer Neu-Bau, eine bezaubernde Kirche mit einem Roggenfeld und einem großen Garten, in dem sich Menschen treffen und unterhalten können. Und Unkraut zupfen. Diese Kostbarkeit mitten im Mauerpark gäbe es nicht, wenn da nicht Leute gedacht hätten: Da geht was! Wider alle Wahrscheinlichkeit. Und siehe da: Alles glänzt so schön neu! Ein wunderbarer Ort der Menschlichkeit mitten in Berlin. Mit einem Apfelbäumchen darin.

Wir leben von solchen Hoffnungsgeschichten, von all den Momenten Gottes‘ gnädiger Gegenwart. Und von der großen Hoffnung, dass Gott alles neu macht. Mit uns, durch uns. Für uns. Trotz allem.

„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ Hey, und alles glänzt! Ich wünsche Ihnen ein hoffnungsfrohes, gesegnetes Neues Jahr! Und verpassen Sie bloß keine Gelegenheit zum Kindkieken! Scheint uns dann doch ins Herz die helle Gnade und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Zum Anfang der Seite