01. Januar 2026 | Frauenkirche, Dresden

Gottesdienst am Neujahrstag | Livesendung im ZDF

01. Januar 2026 von Kirsten Fehrs

Liebe Neujahrsgemeinde!

Manchmal passieren einem ja Dinge, die sind so überraschend, die kann man sich nicht ausdenken. Also, ich steige spätabends aus dem Zug und sehe am Bahnsteig einen Mann mit einer übergroßen Plastiktüte, der offenbar nach Pfandflaschen sucht. Von meiner Reise habe ich noch eine in der Hand und will sie ihm geben. Er dreht sich um. Vor mir steht ein älterer Herr, gepflegt und munter. Wir kommen ins Gespräch. Er ist weder arm noch obdachlos. Er findet nur, dass Pfandflaschen zu schade sind für den Müll. Vom Pfandgeld, erzählt er, kauft er Kinderbibeln. Für das Kinderhospiz, in dem er ehrenamtlich arbeitet. Unglaublich, oder? Flaschensammeln für Kinderbibeln!

Siehe, ich mache alles neu! In diesem Fall ist es mein Blick. Erwartet hatte ich zugegeben eine traurige Gestalt. Verschattet und beschämt vor lauter Armut, mich rührt das immer sehr an. Begegnet ist mir ein in vielerlei Hinsicht vermögender Mensch mit einem großen Herzen. Auf einem nächtlichen Bahnsteig. Bei all den schlechten Nachrichte jeden Tag habe ich damit tatsächlich nicht gerechnet.

Es stimmt ja, vieles in dieser Welt ist düster. Im Kleinen und im Großen. Der Umgangston kann erschreckend rau sein, auf der Straße und allemal im Internet. Die Gewalt gegen Menschen, die anders sind, anderes glauben oder anders denken, nimmt zu. Und auch dies: Firmen bauen Arbeitsplätze ab. Viel zu viele Menschen leiden und sterben in den Kriegen unserer Zeit. Die Despoten setzen skrupellos auf das Recht des Stärkeren. Die Schwachen verhungern. Die Meeresspiegel steigen. Und da mitten hinein sagt Gott: Siehe, ich mache alles neu!

Macht er die Welt neu? Kann 2026 alles neu werden? Sollen wir das wirklich glauben? Ja. Bitte! Glauben! Weil diese Zusage durch krisenhafte Zeiten trägt, immer schon Menschen getragen hat,  und stets neu die Augen öffnet für die Geschichten der Hoffnung, für die Kinderbibelkäufer vor unserer Nase.

Die Jahreslosung übrigens ist uralt und steht im letzten Buch der Bibel. Als der Text vor knapp 2.000 Jahren entstand, litten die Christen und Christinnen unter grauenvoller Verfolgung. Sie rechneten jeden Tag mit dem Ende! Was ihnen in dieser inneren Not Hoffnung gab, fragen Sie? Sie blätterten zurück an den Anfang der Bibel, zu den allerersten Seiten. Erinnerten, dass Gott die Welt geschaffen hat als einen friedlichen Ort mit liebesfähigen und klugen Menschen. Eine Schöpfung, voller Shalom. Und siehe, das war sehr gut, sagte Gott. Im letzten Buch der Bibel nun wiederholt er diese Verheißung, ungebrochen: Weil es diesen guten Anfang gibt, wird es ein gutes Ende geben. Eine neue Schöpfung voll der guten Hoffnung. Was für eine Verheißung! Trotz all der Angst und Gewalt sollen wir uns zu Herzen nehmen, dass unser Leben eingebettet ist zwischen diesem guten Anfang und einem guten Ende.

Darum: Siehe! Jetzt. Und hier. Ich mache alles neu. Nicht nur im Jenseits. Siehe – schau hin! Ändere deinen Blick. Siehe – mit neuen Augen. Die Spuren des Guten sind doch längst in den Ritzen der Welt zu sehen! Und das Unmögliche wird möglich.

Beispiel gefällig? Ich stehe mittendrin. Es gibt diese wunderbare Frauenkirche seit nun 20 Jahren, weil Menschen an ein gutes Ende geglaubt haben – wider allen Augenschein. Jahrzehntelang war diese Kirche ein Trümmerhaufen. Mitten in Dresden. Eine Wunde, ein Mahnmal gegen den Krieg. Wer hätte vor vierzig Jahren gedacht, dass diese Kirche wiederaufgebaut wird? Dass sie zu einem lebendigen Ort der Musik, Kultur, ja, der Verständigung werden würde, in der Frieden neu gedacht wird? Aber Menschen ließen sich anstecken von dieser verrückten Idee. Sie gaben Geld und ihre Kraft. Und heute – heute begrüßen wir das Neue Jahr in einer prächtigen neuen Kirche. Unglaublich – und wahr!

Diesen besonderen Blick gibt uns die Jahreslosung mit in die Zukunft. Ein Blick, der vom guten Ende her auf die Trümmer und Ungerechtigkeiten und Krisen und Flaschensammler unserer Tage sieht. Wer sagt denn, dass alles bleiben muss, wie es ist? Dass alles so ist, wie es scheint? Dass nicht alles auch besser und gut werden kann?

Also: Öffnen wir unsere Augen für die Fundgrube der Möglichkeiten! Und siehe – wir alle, jede und jeder kann die eigenen guten Gaben in diese Gesellschaft einbringen! Ganz aktiv. Jederzeit! So dass in diesem Land die Barmherzigkeit reichlich Platz nimmt. Und die Würde eines jeden Menschen sein unantastbares Recht behält. So dass die Hassredner mit den kurzen Zündschnüren allerorten Hausverbot erhalten in diesem Land und dass die Leidenden getröstet werden. Denn da soll doch kein Tod mehr sein, noch Geschrei, noch Leid, noch Schmerz …

Gewiss, diesen seligen Zustand werden wir in unserer Welt nicht erreichen. Aber unsere Welt wird heller, wenn wir den alltäglichen Abfälligkeiten unsere Mitmenschlichkeit entgegenlieben. Wenn die Traurigen dieser Tage Trost und die Heimatlosen Obdach finden – und die Sterbenden ihre Angst verlieren.

Heiligabend besuchte ich ein christliches Hospiz. Berührend, wie die Ehren- und Hauptamtlichen dort mit ihrer Kompetenz und unendlichen Freundlichkeit den Sterbenden große Würde ermöglichen. Die Pflegedienstleitende, sie stammt aus Simbabwe, macht mich mit ihrem Kollegen bekannt, mit dem sie sich die Schicht teilt. Er ist aus Syrien, vor allem aber ist er ein einziges Muskelpaket, Junge, Junge, sehr beeindruckend! Und die Patientinnen, die lieben ihn. Denn er kann eines besonders gut: sie tragen. Heben. So leicht und zartfühlend, dass ihnen nichts wehtut.

Ein tragender Engel, damit kein Schmerz ist … Siehe, wie gut! Zugleich gilt heute: Unsere menschlichen Kräfte sind immer auch endlich. Deshalb steht da ja auch: Ich, Gott, mache alles neu! Nicht wir. Möge also besonnene Gelassenheit uns im neuen Jahr leiten. Kein Stress, wir müssen nicht alles selbst schaffen. Gott steht uns zur Seite!

So ist das doch ein wunderbarer Neujahrsvorsatz: Schlechtsehen wird abgestellt. Es wird hingeschaut, was gelingt. Was so unglaublich überraschend und schön ist in unserem Leben. Und dass jeder neue Anfang gute Hoffnung schenkt. So wie bei uns auf dem Dorf immer alle verzückt waren, wenn Kindkieken angesagt war und man ein Neugeborenes, Ihr wisst, mit diesem so eigenen Geruch und den kleinen unabgelaufenen Füßen, wenn man es mit offenen Armen willkommen geheißen hat und das verzauberte Ah und Oh gar kein Ende nahm.

Das wäre doch was fürs neue Jahr? Herzlich willkommen, liebes Neue Jahr 2026 – mit offenen Armen nehmen wir dich in Empfang. Und, siehe das ist sehr gut. Von Herzen wünsche ich Ihnen ein gelingendes, freundliches, gesegnetes neues Jahr! Amen.

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