11. Februar 2024 | Dom zu Lübeck

Gottesdienst am Sonntag Estomihi

11. Februar 2024 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Amos 5,21-25

Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht
„Tut weg von mir das Geplärr eurer Lieder!“

Oje, liebe Gemeinde, heute geht‘s zur Sache. Harsch und unduldsam. Diplomatie war gestern. Heute redet ein wahrer, keiner von den falschen Propheten Tacheles: Amos, ein Sozialkritiker vor dem Herrn, oder besser: für den Herrn. In Gottes Namen, wir sollen aufhören, uns etwas vorzumachen, schmettert er. Alles schönzureden, was uns persönlich, aber auch was unsere Kirche angeht. Nein, seht euch endlich selbst wie Gott euch sieht!

Ich lese den Predigttext des Propheten Amos aus dem 5. Kapitel:„Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar – und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer mag ich nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

So wettert Amos. Um nicht zu sagen, so wettert Gott selbst. In klarer Sprache. Denn sonst hören sie ihn ja nicht – damals vor 2.700 Jahren im Königreich des Nordens, nahe der Stadt Samaria. Da, wo das Elend der Armen zum Himmel schrie. Wo die Reichen in Saus und Braus lebten. Und die Priester – sie kümmern sich nicht, sie profitieren. Halten nicht die Gebote, sondern die Hand auf. Und so wird im Gottesdienst gerade nicht Gott verehrt, sondern die eigene Selbstzufriedenheit. Da entsteht nicht Gemeinschaft, sondern Trennung. Da wird nicht auf Gott gehört, bloß nicht, denn der würde ja alles an diesem Lebenswandel in Frage stellen. Nein, Gottesdienst wird in sein Gegenteil verkehrt, wird ein Beruhigungsmittel, Selbstbestätigung, eine Gottesentfernung!

So wettert Amos. Um nicht zu sagen, Gott selbst. Auch heute – zu uns hin? Die wir hier ganz friedlich im Dom mit unserem Gesangbuch sitzen und vertraut sind mit den Liedern und Gebeten. Die wir Gott liebhaben – und uns gewürdigt wissen, weil wir ja nach dem Bilde seiner Liebe wunderbar gemacht sind?

Ich ertrage es nicht! „Ich hasse eure Feste und kann euch nicht riechen“ – Gottes Zorn bleibt laut im Raum. Stört den Frieden. Rüttelt uns. Zischt wütend gegen Liedgesang und nennt‘s Geplärr. Schimpft und hört nicht auf damit. Und so langsam reicht‘s. So langsam ist man versucht, diesen zorneslauten Gott aus dem schönen lichten Dom hinauszuexpedieren, damit er sich draußen vor der Tür ein wenig beruhigen kann. Draußen – auch vor meiner Herzenstür ...

In etwas sanfterer Tonart als Amos weiß Kurt Marti dieses Phänomen der gesellschaftlichen Gottesentfernung in wunderbar nachdenkliche Sprache zu fassen. Hören wir mal kurz hinein in sein Gedicht:

Der ungebetene Hochzeitsgast
Die Glocken dröhnen ihren vollen Ton
und Photographen stehen knipsend krumm.
Es braust der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn.
Der Pfarrer kommt! Mit ihm das Christentum.
Die Damen knien im Dome schulternackt,
noch im Gebet kokett und photogen,
indes die Herren konjunkturbefrackt,
diskret auf ihre Armbanduhren sehn.
Sanft wie im Kino surrt die Liturgie
zum Fest von Kapital und Eleganz.
Nur einer flüstert leise „Blasphemie!“
Der Herr. Allein. Ihn überhört man ganz.

Das hätte dem Sozialkritiker Amos gefallen. Nur dass Amos nicht flüstert, sondern brüllt. Amos stört das Fest von Kapital und Eleganz. Heute. Damals. Nennt tatsächlich die reichen Damen fette Kühe. Das mag auch daran liegen, dass er ein Bauer war, ein zwar wohlhabender, aber auch einer, der höchst argwöhnisch auf die Stadt mit seiner königlichen Oberschicht schaute, die den Großteil der Bevölkerung in Schulden und ins Elend stürzte. Und so zählt er die aufs Unhöflichste an. Weil sie ihn ja sonst nicht hören! Ihn überhört man ganz. Dabei geht‘s doch bergab, Leute. Seht ihr nicht auch, wie die Gesellschaft nach und nach auseinanderfällt? Der Blick fürs Ganze, für die Familie der Menschheit ist doch total verloren gegangen. Keine Ahnung, wie viele schon unter die Räder gekommen sind, denken die, denen es gut geht. Ist ja auch egal, sagen sie, und man dekoriert sich das eigene kleine Leben aufs Andächtigste zurecht.

„Ich verachte eure Feste. – Ich mag euer fettes Schlachtopfer nicht und euer Harfenspiel auch nicht!“So spricht ein Gott, der sich dagegen wehrt, abgespeist und eingelullt zu werden, ja zum Götzenbild irgendwelcher Vorstellungen eines angenehmen Lebens gemacht zu werden. So spricht ein Gott, dem es davor graust, im Kreis menschlicher Selbstgefälligkeiten Platz nehmen zu sollen.

Nun könnte man vielleicht denken, dass die Menschen, die Amos damals vor Augen hatte, besonders rücksichtlos und ausbeuterisch waren. Im Unterschied zu uns. Sicher, wir sind alle nicht perfekt, aber doch wohl nicht so schlimm, dass wir solch ein prophetisches Donnerwetter verdienen würden.

Ich fürchte, ganz so leicht kommen wir nicht vom Haken. Zumindest sollten die Worte des Amos Anlass sein, uns selbst zu befragen. Jetzt kurz vorm Aschermittwoch, wo dann alles vorbei ist, und die Masken fallen. Und ja, bestimmt empfinden wir ganz aufrichtig Mitgefühl mit den Trauernden in diesen brutalen Kriegen und mit den vielen Krisen-Gebeutelten. Halten Fürbitte und meinen es gut.

Doch wie tief und wie weit geht das, fragt uns Amos. Sind wir nicht müde geworden hinzusehen? Wenn die bitteren Nachrichten kein Ende nehmen? Wenn das Elend vor der Tür liegt? Wenn es anfängt zu riechen?

Oder so: Werden wir uns weiterhin konsequent einsetzen für Geflüchtete, dass sie hier in diesem Land wieder Hoffnungsgrund finden? Und für uns als Kirche aus aktuellem Anlass: Werden wir uns ehrlich auseinandersetzen mit den Ergebnissen einer ForuM-Studie, die klar nachweist, dass es zu furchtbarer sexualisierter Gewalt in unseren evangelischen Gemeinden und diakonischen Heimen gekommen ist? Und die unserem Selbstbild einen empfindlichen Riss zufügt? Für mich persönlich ja lange schon. Seit 2010 berührt mich, dass wir eben nicht immer und überall die harmonische, liberale Glaubensgemeinschaft gewesen sind, die mit Respekt und Achtung Jugendlichen begegnet ist, und die um jeden Preis ihre Kinder geschützt hat. Im Gegenteil: Wir haben uns zutiefst schuldig gemacht. Auch indem wir Täter schützten. Viele Pastoren sind darunter.

Tut weg die Harfe eurer Harmonie. „Geht mir vom Leibe mit eurem Gerede von Versöhnung und Vergebung“, sagte eine Betroffene zu mir. „Das fordert nur wieder von uns, die wir eh schon genug an dem Trauma der Gewalt zu tragen haben, euch zu entlasten – anstatt umgekehrt. Wer schuldig geworden ist – so wie ihr als Kirche –, der muss den Schritt der Reue tun. Diese Kirche muss umkehren, nicht ich.“

Ich habe den Zorn dieser Frau so verstehen können. Es ist Zeit, liebe Geschwister, dem Schmerz und auch der Wut von betroffenen Menschen mit Achtung zu begegnen – und daraus zu lernen. Hier in der Nordkirche sind wir ja schon manchen Schritt dazu gegangen. Haben uns seit Jahren damit auseinandergesetzt, wie sexualisierte Gewalt hinter unseren Türen geschehen konnte, ohne dass jemand eingeschritten wäre. Aber das reicht nicht. Wir müssen herauskommen aus dem Geplärr der großspurigen Hymnen über uns selbst und müssen die Lieder der Klage, auch über uns, anhören. Verstehen. Mit Sensibilität, Selbstkritik, Klarheit.

Dies alles, um eben der Macht, ja der Versuchung des Nicht-wissen-Wollens, des Wegsehens zu widerstehen. Das muss unsere Passion sein. Denn was uns der Predigttext ins Stammbuch schreibt, ist doch vor allem dies: Alles, was wir meinen, wegtrennen, nicht sehen und hören und abspalten zu können, das kommt in Gottes Augen, Nase und Ohren zusammen. Gott übersieht die kleinste Träne nicht und überhört kein Schluchzen. Und weil das so ist, weil Gott für diese Sensibilität des Lebens steht, gibt es nicht nur Liebe in Gott, sondern auch den Zorn und den Schmerz.

Darauf müssen wir uns einlassen und es nicht aus der Kirche hinaus expedieren! Das ist Amos‘ Botschaft: Erst aus Zorn und Schmerz erwächst die Leidenschaft zur Veränderung. Damit wir Zeitgenossen werden, die wacher, ehrlicher und engagierter die Tür vor sich auf und nicht hinter sich zu machen. Denn darauf läuft doch alles zu: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Und das zu unserer Zeit. Wie die Sonne der Gerechtigkeit. Kein Geplärr soll unser Lied gleich werden. Sondern Lebenslied. Wissend, dass mit unserer Musik hier drinnen immer mitvibriert, was wir draußen tun und lassen. Und genau aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir uns mit aller Herzenskraft und Leidenschaft dort einsetzen, wo es eben nicht gut riecht, sondern wo‘s zum Himmel stinkt.

Als vor knapp drei Wochen in Hamburg die erste größere Demonstration gegen Rechtsextremismus stattfand (Wir Kirchen als Mitorganisatorinnen rechneten nur mit wenigen Tausend.), habe ich fassungslos vor Hoffnung Menschen zum Jungfernstieg strömen sehen wie ein nicht versiegender Bach. Frauen, Alte, Kinder, Fridays for future, Omas gegen rechts, der Unternehmensverband Nord, John Neumeier und sein Ballett, die Bundesbank mit ihren Mitarbeitenden, Kirchenmenschen natürlich, Politikerinnen und Wissenschaftler – 180.000 Menschen, das ist ein Zehntel Hamburgs, sind aufgestanden. Aufgerüttelt durch die Hassreden der Volksverhetzer, die wir glaubten, dass es sie in diesem Land nie wieder geben würde. Angewidert durch rechtsextreme Gedanken wie der „Remigration“ – was sich so hässlich reimt auf Deportation. Mehrere Millionen Menschen aus der Mitte der Gesellschaft haben inzwischen ihren Protest bekundet, in den Städten, aber auch in den Dörfern. In Lübeck natürlich sowieso. Mit einer Entschlossenheit, die Zeichen setzt. Ja, Zeichen setzen muss. Jetzt. Durchaus auch mit dem Zorn derer, die sagen: Es reicht! Mir stinkt‘s. Wir ertragen diese Menschenverachtung nicht mehr. Wir halten zur Demokratie. Und zusammen. Für die Freundschaft der Völker und Kulturen. Für das Recht, Mensch zu sein.

Dazu leite uns der Frieden Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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