08. Februar 2026 | Dom zu zu Lübeck

Gottesdienst am Sonntag Sexagesimae

08. Februar 2026 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Ezechiel 2 und 3

Liebe Gemeinde!

„Im Namen unseres Gottes bitte ich Sie um Erbarmen für die Menschen in unserem Land, die jetzt in Furcht leben.“ Diese aufrüttelnden Worte richtet Bischöfin Mariann Budde an Donald Trump bei seiner Amtseinführung in Washington. Es ist der 21. Januar 2025, der Beginn wahrer Weltverschiebungen; wir erleben es ja inzwischen täglich.

Budde bittet einen der mächtigsten Menschen auf der Welt um Milde für die Verängstigten und spricht ihn direkt an – ein leiser, demütiger Appell. Sie merkt schnell: Diese Predigt ist nicht willkommen. Er will, viele wollen es nicht hören. Und sie weiß zugleich: Diese Worte müssen gesagt sein. Eindringlich. Im Namen Jesu. Die Worte müssen gesagt sein und bleiben: Erbarmen, Nächstenliebe, Menschenwürde, all das ist nicht verhandelbar.

So redet Budde den Ihren ins Gewissen, mit geistlicher Tiefe, ohne sich selbst zu überheben. Das wirkt. Überrascht sei sie nicht von der Ablehnung Trumps gewesen, sagt Budde hinterher, sondern von der weltweiten überwältigenden Zustimmung. Als habe die Welt verstanden, dass es jetzt Geradeaus-Worte braucht. Worte, die den Raum des Friedens und des Anstands halten. Inmitten all des Irrsinns und aller Gewalt.

Die Welt ist in Aufruhr. Autokraten diesseits und jenseits des Atlantiks setzen Großreichfantasien durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Demokratische Regeln – ausgehebelt. Völkerrecht – irrelevant. Dafür Gewalt. Ice. Kälte für Millionen. In Minneapolis, in Damaskus, in Kyjiw. Kälte auch in unserem Land. Für Menschen ohne Obdach. Auf der Flucht. Aber auch viel Kälte für junge Menschen, die Liebe und Wärme suchen – und in manipulativen Chats landen. Unsere Welt ist in Aufruhr. Und Grundwerte wie Barmherzigkeit werden allen Ernstes als größte Schwäche der Menschheit diffamiert.

Eine Welt in Aufruhr – die erlebt ganz ähnlich vor über zweieinhalb Jahrtausenden der Prophet Ezechiel. Denn sein Volk Israel ist, wie so oft, zwischen die Fronten geraten. Und verliert. Auf der ganzen Linie. Es verliert den Tempel, Land, Freiheit. Ja, den Glauben. Seit Jahren nämlich sitzen die Israeliten in Babylon, im Exil, ein Bild des Jammers. In der Fremde sich selbst fremd geworden, ist Gott ihnen fern wie nie. Sie sind abgrundtief enttäuscht von ihrem Gott. Warum hat er uns das angetan, so jammern sie in ihrem Elend, ja, kümmert er sich denn überhaupt nicht mehr?

Und wie er sich kümmert. Ich lese den Predigttext in Auszügen aus dem Buch Ezechiel, Kapitel 2 und 3: „Und so sprach Gott zu Ezechiel:,Du Menschenkind, steh auf. Ich will mit dir reden.‘ Und er sprach: ,Du Menschenkind, ich will dich zu den Israeliten schicken, die sich von mir abgewendet haben […]. Aber ich sage dir gleich: Sie sind Dickköpfe, und ihr Herz ist verstockt. Zu diesen Menschen sollst du gehen und in meinem Namen sprechen. Dabei soll es dir egal sein, ob sie hören oder nicht. Denn sie sind ein Haus des Widerspruchs. Aber das sollen sie immerhin wissen, dass sie einen Propheten bei sich haben.‘“

Ob sie hinhören oder nicht, Gottes Wort muss dennoch gesagt sein. Gleich ob die Köpfe dick und die Herzen hart sind, Ezechiel soll sie aufrütteln mit prophetischer Rede. Sie rausholen aus ihrer Selbstbezogenheit. Keine leichte Sache, das erfahren wir in sage und schreibe 39 Kapiteln im Ezechielbuch. Menschenskind! Keine Einsicht ist bei den Israeliten zu erkennen, was ihr eigener Anteil an der Misere sein könnte. Ihre Trägheit, ihre Großmannssucht, ihr Egoismus und so wenig Liebe, gerade auch für die Nächsten.

Nein, nein, das wollen sie, und vielleicht ja auch wir, nicht hören. Nichts von Schuld, nichts vom Versagen. Aber, das ist die andere Seite der Wahrheit, damit hören sie auch nichts von der guten Wendung, vom guten Ende, das Gott in Aussicht stellt. Lieber einrichten in der Klage. Stillstand in der Unzufriedenheit. Diese Stimmung erleben wir derzeit ja durchaus auch in unserem Land.

Gott aber ist kein Gott des Stillstands. Er ruft uns heraus. Provoziert. Zuallererst Ezechiel. Er ist einer der Deportierten und ein Priester, ein gebildeter Mensch, der vor allem Träume in Worte zu fassen versteht. Menschenskind, steh auf, sagt Gott. Stell dich und die Welt auf die Füße! Rede! Rede den gottverlorenen Israeliten ins Gewissen, erinnere sie, dass mein Wort das Licht schuf und die Welt.

Und Ezechiel hört, gehorcht – und hat den Job. Und dann, „[…] dann sah ich eine Hand, die hielt mir eine Schriftrolle entgegen. Sie rollte die Schriftrolle vor mir aus und sie war außen und innen beschrieben mit Klage, Ach und Weh. Und Gott sprach zu mir: ,Du Menschenkind, iss diese Schriftrolle, gib deinem Bauch zu essen und fülle damit dein Inneres, und dann geh hin und rede mit dem Volk Israel.‘ Da nahm ich die Schriftrolle und aß. Und sie war in meinem Munde süß wie Honig.“

Was für eine eigentümliche Forderung. Iss all das unverdaulich Kritische auf! Richtig lecker kann die Papyrusrolle allerdings nicht geschmeckt haben, braucht doch Ezechiel zwei Anläufe, bis er Gottes Wort wirklich zu sich nimmt. Kein Wunder, wer will sie schon wirklich an sich heranlassen, all die Worte und Bilder über das Unheil in der Welt, über die Dummheit und Untreue der Menschen, über die Gewalt und den Hass und all das Leiden, das daraus erwächst. Diese ganze Klage, Ach und Weh! Eine Zumutung. Doch Gott bleibt dabei: „Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle!“

Nimm zu dir, was du vor dir hast. Was dir nicht schmeckt. Ich merke, dass dies eigentlich eine kluge Wendung ist in der Krisengeschichte. Nimm sie auf, die harten Worte. Die Schatten des Lebens. All die Verstrickungen. Die Wunden. Die Trauer. Die Angst. Das Versagen. Die Schuld und die Schuldgefühle. All das hat Gott nicht umsonst aufgeschrieben. Er gibt dem Schatten Worte. Das ist eine große Sache!

Denn erst, was Wort geworden ist, kann gehört werden. Kann weitergesagt, verdaut werden. Kann heilen. Prophetische Weisheit ist dies, die bis heute wahr bleibt: Menschen, denen großes Unrecht und Leid zugefügt wurden, deren Leben aus der Bahn gerissen wurde durch Gewalt und Unrecht, brauchen Worte. Damals und heute. Reden hilft. Schreiben hilft. Menschen, die Schreckliches erlebt haben, an den Flüssen Babylons, in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs, in den U-Bahnschächten Kyjiws, in den Tunneln der Hamas, in der Wüste Lybiens und an so vielen Orten dieser Welt, sie brauchen nicht nur Brot und ein Dach überm Kopf, Krankenhäuser und Wärme, sondern auch offene Ohren. Jemand muss zuhören und das Leid anerkennen. Jemand muss die Klage in sich aufnehmen. Wenigstens das. Sonst können Wunden nicht heilen. Sonst kann das Leben nicht gut weiter gehen.

Das gilt für alle Betroffenen von Gewalt und Unrecht. Auch in unserer Kirche. Weswegen es so wichtig ist, die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen und zuzuhören und nochmal zuzuhören und wieder zuzuhören. Mit einem wachen, klugen Ohr. Und einem Herzen, das sich erreichen lässt vom Schmerz.

Ezechiel isst also die Schriftrolle. „Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“ Das schmerzliche, harte Wort, die Klage, Weh und Ach verwandeln sich. Wie saures Schwarzbrot. Sie wissen: Wenn man sehr lang darauf herumkaut, wird es süß. So auch das Wort Gottes, Schwarzbrot, das die Schatten des Lebens benennt und anerkennt und genau dadurch zum Lebenswort wird. Denn Worte mit Offenbarungscharakter sind nie nur destruktiv, nie vernichtend. Es sind Worte, die ihre Wahrheit von Gott her haben, von einer Botschaft der Heilung und der Versöhnung, die neue Wege, ja, Umkehr möglich machen.

Und dann geht es so gut weiter! Aus Ezechiels Mund kommen nach all der Klage so tröstliche, hoffnungsvolle und heilsame Worte, die den Raum öffnen für die andere Wirklichkeit, in der, was tot und elend schien, zu neuem Leben aufersteht. Eine Rückkehr in die Heimat, ein neuer Tempel, ein guter Hirte – all das wird geschehen. Diese Worte haben Menschen aller Zeiten ermutigt, weiterzuleben, zu lieben und den Traum des Friedens weiter in die Welt zu tragen.

Ein beeindruckender Weg, den Ezechiel uns hier vorlebt. Mit zunächst sperrigem, aber doch Gottvertrauen: Egal wie hart die Wirklichkeiten sind, die Gott in Worte fasst, er will sie in sich aufnehmen, nicht verdrängen und nicht verleugnen, weil in ihnen der Schlüssel zur Heilung steckt, die unbedingte Hoffnung auf ein erlöstes Leben.

Ich vermute, viele haben es hier schon erlebt: die Erfahrung, dass man durch das Tal der Tränen hindurchgehen muss, bevor sich etwas löst, bevor sich neue Perspektiven auftun. Und neue Freiheit. Liebe. Und ja, dieser Weg ist weder schnell noch leicht. Aber er macht uns zu krisenstarken Menschen, die mitfühlen können. Mit Gott an unserer Seite.

Wie wichtig ist das inmitten dieser Welt in Aufruhr und Kälte! Bei minus 30 Grad haben sich in diesen Tagen mehrere Hundert Geistliche in Bussen nach Minneapolis aufgemacht: Bischöfinnen, Pfarrer, Rabbinerinnen, buddhistische Mönche und Imame haben sich in Menschenketten schützend vor die gestellt, die von Ice bedroht werden. Sie stehen vor Moscheen, Wohnhäusern, Geflüchteten-Unterkünften. Stellen sich offen, gewaltfrei und klar gegen die Politik der Angst und Abschiebegewalt. Unbeirrt halten sie das Wort Gottes hoch: „Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst.“ Und inmitten dieser interreligiösen Allianz für Demokratie sehe ich so viele Christenmenschen mit all ihrem Mut, mit dem sie der Hartherzigkeit und der Kälte Gottes Wort entgegen singen. Geradeaus-Worte. Sie gehören gesagt, jetzt! Irgendwie beruhigend, wie Ice den Trotz der Hoffenden zu spüren bekommt. Wie alle dort zeigen: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht. Diese Nacht der Demagogen, Kriegstreiber und Autokraten, sie muss ein Ende haben!

So wie sie in Minneapolis, so gern auch wir. Wie gut, dass wir dazu gleich am Altar stehen und hören: „Schmeckt, wie freundlich Gott ist.“ Wort und Brot sollen wir uns einverleiben als Stärkung für unsere Hoffnung und unsere Freude. Für unsere Gemeinschaft und Widerstandskraft gegen all jene, die die Dunkelheit auch in unserem Land beschwören, Ängste schüren und die Unzufriedenheit bestärken. Nein, wir, liebe Geschwister, bewirten bitte da vorn am Altar die Zufriedenheit. Frieden. Den Dank. Die Achtung. Die Barmherzigkeit. Nächstenliebe. Und nehmen sie, um Gottes Willen, mit hinein in unsere Welten der Arbeit, der Familie, des Lebens. Denn bedenken wir, entgegen aller Wahlprognosen: Wir sind die Mehrheit in diesem Land. Wir sind mehr, die wir auf Werte setzen und Frieden wollen. Die Hass und Hetze nicht dulden. Mit Gott an unserer Seite. Wir haben allen Grund, wie die Propheten früher und heute in diesem Land die Stimme des Herzens zu erheben. Für die Ängstlichen, die ihre Kippa nicht mehr tragen mögen, für die Beschimpften und Heimatlosen. Für sie singen wir heute im Dom: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht. Er gebe uns Trost und Kraft. Und Frieden, höher als alle Vernunft. So bewahre er unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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