24. August 2021 | Christuskirche Eimsbüttel, Hamburg

Gottesdienst für die Lehrer und Lehrerinnen Hamburgs 2021

24. August 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt über die Sturmstillung

Liebe Schwestern und Brüder,

ein anderer Sommer, schon wieder. Dieses Lied von Silbermond kommt aus dem letzten Jahr, aber es passt immer noch. „Seltsam, nichts wie es war. Ausnahmezeit. Wie lange noch?! Maske auf. Liebe in Augen, aber Frust eben auch. Keiner weiß, was kommt. Keiner weiß, was bleibt.“ Vielen Menschen singt Silbermond aus der Seele. Dieses seltsame Dazwischen, das einfach nicht aufhören will: Wieder sind Sie in ein Schuljahr gestartet, das fast nicht planbar ist. Wie entwickeln sich die Zahlen? Welche Formen von Unterricht sind möglich? Wird es Klassenreisen geben, oder Klassenfeste? Wie kommen die Kinder und Jugendlichen klar? Werden sie den Anschluss halten können? Oder wiederfinden?

Ein anderer Sommer, ein anderes Leben. So vieles mussten und müssen wir lernen. Unterbrochene Gewohnheiten, die uns auch als Erwachsene deutlich spüren lassen: Die Zukunft, auf die wir unsere Kinder und Jugendlichen vorbereiten, ist kein Weiter So. Sie ist nicht einfach die Fortsetzung der Gegenwart. Corona, Klimawandel und die polarisierte Gesellschaft verändern die Welt und vor allem, das ist mein Eindruck: Sie ändern unseren Blick auf die Welt, sie ändern unsere Köpfe und unsere Haltung.

So wie bei Zoé. Zoé ist 14 und beschreibt ihre Hoffnung so: „Ich erhoffe mir, dass durch die Pandemie die Erde und vor allem die Umwelt wieder aufatmen können. Zudem erhoffe ich mir mehr Solidarität, Vertrauen und Zusammenhalt der Menschen auf der ganzen Welt. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass wir das Virus nur besiegen können, wenn wir zusammenhalten. Ich hoffe wirklich, dass die Menschen das einsehen und auch in Zukunft mehr auf ihre Mitmenschen achten.“

Wow, denke ich, in so wenigen Worten so viel Zeitdiagnose und so viel entschiedene, sehnsüchtige Zukunftshoffnung. Hoffnungslos hoffnungsvoll eben, diese Jugendliche, die in der Adventszeit des letzten Jahres bei unserem #hoffnungsleuchten mitgemacht hat. An zwölf Hamburger Kirchen haben Kinder und Jugendliche ihre Hoffnungsgeschichten erzählt und mit dem sehr speziellen rot-orangenen Licht verbunden, das in der Adventszeit zu sehen war. Hoffnung für die Stadt wollten wir sichtbar machen – und es hätte uns niemand besser dabei helfen können als gerade Kinder und Jugendliche. In diesem kleinen Buch können Sie ein paar Eindrücke davon gewinnen; ich habe für jeden von Ihnen eins mitgebracht, damit Sie sich noch lange an die Hoffnung erinnern.

Und dann liegt da auf Ihrem Platz auch die Postkarte mit dem ersten Wort: Hoffnungslos? Nein! Vielleicht trägt die Hoffnung manchmal Maske, wie der junge Mann hier. Vielleicht ist sie verhalten in diesen Zeiten. Aber sie wirkt hier auch umso energischer, manchmal sogar zornig. Wir hoffen, weil wir hoffen wollen!Weil wir etwas erwarten vom Leben und von unserer Zukunft. Wir fordern sie ein, die Hoffnung, auf die wir ein Recht haben als junge Menschen! Wir fordern sie euch Erwachsenen ab! So scheinen mir manche jungen Menschen inzwischen aufzutreten.

Hoffnungslos hoffnungsvoll – das ist eine fordernde Haltung, die etwas erwartet. Auch wenn sich die Erwartung manchmal geradezu hinter ihrem Gegenteil versteckt, hinter Depression, Sucht, Resignation. Fachleute berichten ja, dass die psychischen und sozialen Belastungen sich immer besorgniserregender zeigen. Auch das wird Ihnen in den Schulen nicht fremd sein. Die Spannungen, die Widersprüche sind oft schwer auszuhalten, doch sie gehören dazu – hoffnungslos hoffnungsvoll eben im Dazwischen.

Zwischen Angst und Vertrauen – in der Geschichte von der Sturmstillung lernen Jesus und seine Jünger mitten im Sturm, was das bedeutet, hoffnungslos hoffnungsvoll sein. Was für eine Haltung das ist. Und wie man sie findet. Das ist nämlich ein ganz interessanter Lernweg, den sie da zusammen gehen.

Erste Lernstation: Die Wellen brechen über die Jünger herein. Und Jesus? Der liegt auf einem Kissen und schläft. Als wenn ihn das alles nichts angeht. Der merkt ja gar nichts mehr, denken die Jünger. Nicht den Sturm. Nicht die Gefahr. Er rührt keinen Finger, hilft nicht mit, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Spricht ihnen auch keinen Mut zu, was sie eigentlich von ihm erwartet hätten und gut hätten brauchen können. – Er schläft.

Das gibt es ja tatsächlich. Schüler, die einfach abgeschaltet haben, buchstäblich: Kachel aus. Die ehrlich nichts mehr merken. Auch nicht, dass sie untergehen könnten. Junge Menschen, die nichts mehr an sich heran lassen, erst recht nicht ihre eigenen Schwierigkeiten. Oder Erwachsene, die sich von nichts aus dem Trott bringen lassen. Nicht nach rechts und links gucken und irgendwann furchtbar gleichgültig werden. Also: Schlafend auf dem Kissen liegen und den Sturm ignorieren – das wirkt vielleicht vertrauensselig, ist aber wohl eher das Gegenteil von Hoffnung.

Zweite Lernstation, die zweite Möglichkeit, mit dem Sturm umzugehen: Die Jünger kümmern sich um das Problem, sie reagieren. Sie nehmen jedes greifbare Gefäß und schöpfen das Wasser aus dem Boot. Sie werfen Ballast ab, sie gleichen das Gewicht aus, sie tun alles, wirklich alles, um die Lage irgendwie in den Griff zu kriegen und das Boot über Wasser zu halten. Aber sie merken: Es reicht nicht. Sie kommen nicht dagegen an. Verzweifelt werden sie, hektisch. Und aufgeregt und sauer, als sie dann Jesus wecken und ihn fragen, ob er sich vielleicht auch mal ein wenig kümmern könnte.

Viele Menschen reagieren so, wenn es stürmisch wird im Leben. Sie re-agieren. Sie lassen sich antreiben, immer schneller, werden panisch, zuerst noch mit Plan, dann immer planloser, je größer die Angst wird. Wie der Hamster im Rad rennen sie, ohne dass sie noch irgendetwas verändern. Und die Angst wird nicht weniger. Panischer Aktionismus ist also auch nicht gerade Ausdruck tief gegründeter Hoffnung.

Aber dann findet Jesus eine Hoffnungshaltung, die funktioniert. Er stellt sich in den Wind und redet mit der bedrohlichen Welt: „,Schweig und verstumme!‘ Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.“ Jesus vertraut. Er vertraut darauf, dass die Welt auf ihn hört. Er ist davon überzeugt, dass er etwas bewirken kann. Jesus glaubt daran, dass es nicht egal ist, ob er etwas sagt oder nicht. Er redet in den Wind – und der Wind hört auf ihn.

Das heißt hoffnungslos hoffnungsvoll sein: Allen Widrigkeiten zum Trotz Gutes erwarten. Dass mein Wort und mein Tun wirksam sind, selbst wenn es zunächst wie in den Wind gesprochen scheint. Hoffnung riskiert das Unerwartete, und sie glaubt keck und frech: Es könnte passieren, dass sogar der Wind auf sie hört. Dass sich etwas ändert. Dass die Welt besser und die Angst weniger wird.

Welche Hoffnung tragen Sie in sich? Für sich selbst? Für Ihre Schülerinnen und Schüler? Für diese Welt? Mit welcher Haltung begegnen Sie den Stürmen und Ängsten, die sich ihre Räume nehmen wollen? Hoffnungslos hoffnungsvoll – wie ist das für Sie jetzt zu Schuljahresbeginn? Wir nehmen uns ein bisschen Zeit für eigene Gedanken. Wenn Sie mögen, lassen Sie dabei gern das Bild auf der Postkarte auf sich wirken.

Stille

Ich bin so froh, dass Sie da sind. Denken, hoffen, sich stellen, da sind. Bleiben Sie bitte hoffnungsmutig, denn Gott ist auch da. So wie es Katharina beim Hoffnungsleuchten in Niendorf wunderbar beschrieben hat, sie soll das letzte Wort haben: „Ich habe im Lockdown angefangen, meinen Glauben zu stärken. Ich habe mich an Gott gewendet und angefangen die Bibel zu lesen. Das gibt mir die Kraft, die ich benötige, um lebendig und fröhlich zu bleiben. Ich brauche die Hilfe von anderen; das ist bei allen Menschen so. Zusammen schaffen wir alles. Das macht mir Hoffnung, weil ich weiß, dass ich nicht alleine bin, um Hürden zu meistern.“ So segne und behüte Sie der gnädige Gott. Amen.

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