7. März 2021 | Dom zu Lübeck

Gottesdienst Sonntag Okuli

07. März 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Epheser 5,1-9

Liebe Gemeinde,

die Melodie, die wir eben gehört haben, stammt von einem Lied aus Taizé. Es hat einen wunderschönen Text:

„Nimm alles von mir, was mich fernhält von dir.
Gib alles mir, was mich hinführt zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.“

In Taizé wird dies Lied immer wieder gesungen, von Jung und Alt – berührend innig. Und während der Klang den übervollen Kirchraum erfüllt, verteilen die Kinder Licht in der Gemeinde. Kinder des Lichts sind sie. Taizé weiß dies sinnlich vor Augen zu führen. Vielleicht waren Sie einmal da, mit Pastor Klatt zum Beispiel? Taizé – ein Sehnsuchtsort. Mit einer Gemeinschaft und Gottesnähe, die im Rhythmus der Tagzeiten Seelenruhe gibt und Gewissheit. Wiederkehrende Gesänge, die man inwendig kennt, nicht nur auswendig. In mir klingt heute dies: „Oculi nostri ad dominum deum.“ Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Okuli – so heißt der heutige Sonntag. Er ruft auf, die Welt neu zu sehen, in einem anderen Licht als sonst. Der Augen-Blick soll sich nach innen richten. Einmal sich ganz konzentriert Gott hingeben, ja, sich Christus, das Licht der Welt, „einbilden“, wie Luther so schön sagt. Hineinbilden in die Seele, deren Fenster ja bekanntlich die Augen sind. Von uns weg einmal nur auf ihn schauen. Und dann den Predigttext hören, ich lese aus dem Epheserbrief:

„So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Wie Kinder sollen wir die Welt – und die Kirche – neu sehen lernen. Damit man beieinander bleibt. Darum geht es hier im Epheserbrief. Denn es schwelen Konflikte in der Gemeinde. Die Mühen der Ebene machen alle dünnhäutig. Wie entscheidet man richtig? Wer entscheidet? Werden dabei alle gesehen? Also: Okuli – öffne deine Augen. Zuallererst jedoch für Gott, das ist hier die Pointe. Augen auf für Gottes Wahrheit und Güte. Um zu Nachahmer*innen seiner Liebe zu werden!

Eine gute Übung, finde ich. Gerade jetzt, in dieser Pandemie, die uns so dermaßen auf uns selbst zurückwirft. Wir sehen doch ununterbrochen auf Bildschirme mit Tabellen, Inzidenzwerten, Prognosen, und sehen damit vor allem auf uns selbst. Auf uns und auf unsere Angst, auf uns in der Impfdebatte, auf uns in der Distanz zur Welt, die anzuschauen schmerzvoll bleibt.

Nein, Oculi nostri – nicht immer das Ich. Ihn sollen wir schauen. Heute. Mit unseren Augen, die im Maskenalltag ja eminent wichtig geworden sind. Vor allem sie drücken aus, wer wir sind und wie es uns geht. Unsere Sinneswahrnehmungen sind derzeit einem Kulturwandel unterworfen. Weil man sich akustisch nicht so gut versteht, gilt es, in den Augen-Blicken zu lesen, was jemand meint und fühlt, ob jemand lächelt oder knurrt. Vieles bleibt dabei notgedrungen an der Oberfläche. Eindrücklichstes Beispiel sind dafür wohl die „Vikos“, die Video-Konferenzen, mit denen wir uns dank Internet durch Pandemie und Lockdown retten, um in Kontakt zu bleiben mit unseren Lieben, mit unseren Kolleg*innen, mit der Außenwelt. Und so segensreich deshalb die „Vikos“ sind: Sie strengen auch unerhört an. Vor allem die Augen. So müde können sie werden, wenn man stundenlang Menschen nur auf zweidimensionalen Kacheln zu erfassen versucht. Zwischentöne sind kaum möglich, kein Scherz und kein Geplänkel nebenbei, kein Gefühl spürbar für den anderen – es brennen die Augen, auch durch den Verlust der dritten Dimension. Für uns als Kirche ist‘s gar die religiöse Dimension. Und? Genießen wir es nicht alle, liebe Gemeinde, dass wir endlich wieder gemeinsam im Dom Gottesdienst feiern? Real und präsent. Mit Wort und Licht und Leibhaftigkeit. Unsere Augen, nein, die Seelen hungern danach!

In der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi, in der ich eine Zeitlang Pastorin sein durfte, wird am Aschermittwoch immer der prachtvolle goldene Marienaltar zugeklappt. Bis Ostern sieht man nur die Rückseite des Altars. Durchaus symbolisch – auch die Augen sollen fasten. Zur Ruhe kommen. Damit man einmal die Rückseite des Ganzen anschaut. Sozusagen die Dinge hinter den Dingen. Unabgelenkt von der bilddurchfluteten Welt und den Ängsten, die einen in diesen Bildern so festhalten können, unabgelenkt das Wesentliche entdecken. Und zwar zuallererst Christus. Wie er dich prägt und trägt. Ich habe in diesem Jahr besonders vor Augen, wie er meine Hoffnung ist und meine Freude, weil er in seinem Leiden so viel sieht und versteht von den gebrochenen Herzen unserer Tage.

Und indem ich mir so Christus „einbilde“, mit seinem niemals enden wollenden Lebens- und Liebeswillen, scheinen umgehend alle tragenden Beziehungen in meinem Leben auf. Familie, Freundinnen, Kollegen. Beziehungen, die auch dann bleiben, wenn das Leben sich von seiner sparsamen oder bitteren Seite zeigt. Beziehungen, die mich in Fastenmonaten wie diesem so dankbar machen und freundlich aufs Leben schauen lassen. Eben nicht immer diese krittelnden, närrischen und losen, also gedankenlosen Reden, von denen der Epheserbrief spricht. Nein, das Fasten der Augen macht die inneren Bilder der Dankbarkeit stark.

Und dann sehe ich Sie und euch vor mir, wie wir nicht nur mit Sicherheitsabstand beieinander sind, sondern uns – vor einem Jahr noch – plaudernd draußen oder im Paradies begegnen, in Bewegung, diskutierend, fragend, scherzend, lächelnd; was für eine Wohltat für die Augen. Und ich sehe die Kinder hier im Dom, wie sie frei und aufrecht zum Altar gehen, um mit heiligem Ernst das Abendmahl zu empfangen. Großartig, oder? Ich sehe uns betend, singend, sehnsüchtig.

Und ich sehe uns – ganz aktuell – erschüttert von Menschenrechtsverletzung und Elend fern und nah. Sehe, wie wir innig Fürbitte halten und manchmal auch Resolutionen schreiben, an ihnen feilen, jedes Wort abwägen, um zu adressieren, was wir nicht mehr sehen wollen. Dieses Elend in den Flüchtlingslagern, es wird ja nicht besser. Ob in Bosnien oder Griechenland. Im Jemen, gute Güte, diese Hungersnot, und es kommt in der „Geberkonferenz“ tatsächlich nicht genügend Geld zusammen! Die Pandemie versperrt unseren Blick auf die weltweite Not, liebe Geschwister. Sie alle aber, die dort leiden, all die Kinder, die Frauen und Männer, sie sind Kinder des Lichts. Inmitten bitterer Finsternis.

Und so sehe ich euch schließlich, liebe Geschwister, zu Hause, wie ihr sie alle ins Gebet nehmt. Wie ihr Kerzen für die anzündet, denen es schlecht geht, dort und hier, für den Freund, der im Sterben liegt und für die Gestorbenen, dass sie das ewige Licht schauen mögen. Kinder des Lichtes, ja, das seid ihr. Ich bin so dankbar, dass es euch gibt.

Als geliebte Kinder „Gott nachahmen und in Liebe wandeln.“ Um beieinander zu bleiben. Das ist jetzt dran: sehen, was wirklich zählt, unverstellt und echt, mit Gottes Augen. Und dann entscheiden. Und dabei wissen, dass Kinder des Lichts auch ihre Schattenseiten haben. Dass sie Fehler machen, irren und verwirren. Finsternis begleitet eben auch die, die den Glauben suchen und Frieden ersehnen. Ob in Politik oder Kirche, wir sollten wissen um unser Stückwerk. Sollten wissen, dass sich die Finsternis, wenn wir sie verleugnen würden, nur noch erbarmungsloser ausbreiten. Okuli – es gilt hinzuschauen. Nicht nur zu erfassen, was vor Augen ist – oder uns gestellt wird, sondern Gottes Sehnsucht dahinter licht werden zu lassen. Seine Sehnsucht nach uns Menschen, die „etwas blicken“.

Und so eröffnet das Fasten für die Augen die große Chance, dass die inneren Bilder der Sehnsucht wach werden – nach Nähe zueinander – und Christus ist mitten unter uns. Denn das ist gewiss:

Gott, der Herr, verlässt uns nicht,
wenn wir das Herz mit ihm teilen.
So möge er unser Glück und unser Leid
mit seiner grenzenlosen Güte begleiten,
uns in der Liebe halten, immer noch bestärken,
und nachsichtig möge er mit uns sein,
wenn alles nicht von heute auf morgen geschehen kann.
Weil wir seine Kinder sind, von ganzem Herzen,
aber manchmal nur mit halbem Verstand.
So bleibe bei uns, Barmherziger,
dass wir nicht müde werden
mit unseren Augen und Herzen,
deine Zeichen zu sehen – hier und dort auch,
dass Friede werde, höher als alle Vernunft.

So bleibt behütet, liebe Geschwister, und – bleibt sehnsüchtig.
Amen.

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