25. Dezember 2020 | Dom zu Lübeck

Gottesdienst zum 1. Weihnachtstag

25. Dezember 2020 von Kirsten Fehrs

Liebe Predigtleserin, lieber Predigtleser,
und ach, am liebsten doch wie immer:

Liebe Domgemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

so gern würde ich mit Ihnen im festlich geschmückten Dom zu Lübeck Weihnachten feiern. Mit dem hell strahlenden Weihnachtsbaum, mit Krippe, Stern und den brennenden Kerzen auf dem Altar, der Brot und Wein bereithält. Weihnachtliche Altargemeinschaft, die Gottes Gegenwart im Krippenkind innig und dankbar zu feiern weiß, wie schön wäre das. Mit festlicher Musik, die Weihnachtsfreude hörbar macht und die auch jene ansteckt, denen fröhlich zu sein gerade schwerfällt. Mit rauschender Orgel samt Zimbelstern und einer Gemeinde, die mit Inbrunst die Weihnachts-choräle zu singen versteht. Und mit diesem besonderen Licht, das den Dom zu so einem hellen Ort macht. Etliche von Ihnen sehe ich vor mir – und mir ist ganz weh ums Herz, dass wir gerade diesen Gottesdienst am 1. Weihnachtstag, der für mich persönlich einer der schönsten im Jahr ist, nicht zusammen begehen können. Gern stünde ich auf der schönen Renaissance-Kanzel des Doms, damit die Weihnachtsbotschaft konkret wird für unsere Zeit. Hörbar und verstehbar soll sie doch sein, weil Gott den Menschen nahe sein möchte.

Nun kommt also der Weihnachtsgottesdienst zu Ihnen nach Hause, näher geht es ja kaum. Vielleicht sind Sie allein, vielleicht auch zusammen mit Menschen, die Ihnen nahestehen. Vielleicht lesen Sie sich diesen Brief-Gottesdienst gegenseitig vor und machen ihn doch noch zu gesprochenem Wort, wie er ja eigentlich gedacht ist. Vielleicht brennt eine Kerze, vielleicht gibt es weihnachtliche Musik oder Sie singen selbst, den Weihnachtsbaum im Blick. Aber vielleicht ist es auch ganz anders, vielleicht sind Sie unterwegs oder gar krank ans Bett gebunden. Es gibt so viel „vielleicht“ in diesem Jahr. Umso mehr möge Gott Ihnen auf genau die Weise nahe sein, wie es Ihnen gut tut: tröstlich, stärkend, heilend. Das wünsche ich Ihnen von Herzen. Der Abstand, der jetzt einfach sein muss, und den dieser Brief ja doch nur notdürftig überwinden kann, der möge bitte nicht im Weg stehen. Das Licht, die Hoffnung, der tiefe Frieden möge Ihr Herz erreichen und die Zuversicht in Ihnen wachsen lassen. Denn Christ, der Retter, ist da!

„Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen ihn anzubeten.“ So heißt es in der schönen Weihnachtsgeschichte bei Matthäus. Der Stern hat die Weisen aus dem Morgenland einen weiten Weg geführt. Allerdings nicht direkt nach Bethlehem. Die Hoffnung, so könnte man sagen, hat einen Umweg genommen. Sie kamen zunächst am Palast in der Hauptstadt an, bei Herodes, dem König, wo Prunk und Glanz zu Hause waren und wo Pauken und Trompeten dem neugeborenen König einen standesgemäßen Empfang hätten bereiten können. Große Gemeinschaft und Festschmaus inclusive. Vermutlich hätten die Weisen gern ausgelassen mitgefeiert. Es hätte ihnen gut getan nach der weiten Reise. Es wäre gewesen wie gerettete Weihnachten nach einem durchrüttelnden Krisenjahr. Ein Zukunftszeichen. Ein erreichtes Ziel. Aber, welche Enttäuschung, da war kein neugeborener König. Da war kein Fest. Da war keine neue Hoffnung darauf, dass die Welt heil würde. Da waren nur Angst und Misstrauen. Die Gelehrten wurden zusammengerufen, Krisensitzung in Jerusalem, man wollte mehr wissen über die drohende Gefahr. Herodes erschrak und mit ihm ganz Jerusalem, so erzählt es die Bibel.

Die Weisen sind dann lieber weitergezogen, immer dem Stern nach. Sie kamen in die kleine Stadt Bethlehem „und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter.“ Verwundbar und gefährdet liegt es in seiner Krippe. Gold, Weihrauch und Myrrhe wirken irgendwie fehl am Platz in diesem armseligen Stall, aber der Stern und die Engel zeigen doch an: Hier berühren sich Himmel und Erde. Hier kommt Gott zu den Menschen. Hier fängt an, was die Welt verändern wird. Mit diesem Kind wird sie heller und schöner werden, und schon jetzt ist ein wenig von dem Glanz zu sehen und zu spüren. Hoffnungslicht im Dunkeln. Das ist Weihnachten. Wohl selten hat uns diese Weihnachtshoffnung tröstlicher und tiefer getroffen als in diesem Pandemie-Jahr.

Und dann entschwindet sie gleich wieder. Impfstoff-Hoffnungen werden von Rekord-Inzidenz-zahlen überlagert, gerade in Lübeck. Gibt es eine neue Variante des Virus, noch ansteckender als bisher? Wir wissen es noch nicht. Die Unsicherheit hält gefangen, im wörtlichen Sinne. Die Hoffnung flieht, wie das gefährdete Kind, das bald nach seiner Geburt zunächst vor der Wut des Herodes in Sicherheit gebracht werden muss. Sie geht Umwege, mutet uns viel zu und verlangt uns viel ab. Das Kind in der Krippe ist eben kein „Alles-wird-gut-Messias“. Dieser Jesus geht hin zu den Elenden und Geplagten. Er sucht das Dunkel, weil er die im Dunkeln sucht. Er setzt sich dem Leben aus, wie es wirklich ist. Und er setzt sich dem Tod aus, weil eben auch darin niemand allein bleiben soll. Auch die nicht, die mit Abstand sterben mussten, ohne die tröstliche Nähe der Liebsten. Hoffnungslicht fällt hinein in die Trauer derer, die jetzt zum ersten Mal ohne einen verstorbenen Menschen Weihnachten feiern. Vielleicht ist es Hoffnung, die noch ihren Weg sucht, Hoffnung auf Umwegen, die fliehen will vor Schmerz und Einsamkeit. Aber es ist Hoffnung, die vom Licht des Ostermorgens lebt und deshalb schon jetzt glänzt und leuchtet.

Diese Zuversicht von Ostern her – sie wird so dringend gebraucht. Weil Menschen trauern und sterben. Weil die Folgen dieser Pandemie so unabsehbar sind und die Zahl der Betroffenen, auch der wirtschaftlich Betroffenen, immer größer wird. Weil Sorge und Ungewissheit nagen und Lebensmut rauben. Weil Lebensperspektiven in Frage stehen. Weil Menschen auf Intensivstationen, in Pflegeheimen, in Laboren und mancherorts mehr bis zur Erschöpfung und darüber hinaus arbeiten. Zuversicht mit starken, widerstandsfähigen Wurzeln brauchen wir auch deswegen, weil es uns zu zerreißen droht. Da ist auf der einen Seite die Vorsicht und die ständige Frage: Was geht und was geht nicht? Und da ist auf der anderen Seite der energische Wille, sich Lebensfreude und Freiheit nicht nehmen zu lassen. Dieses Hin und Her kostet so viel Kraft. Haben Sie auch so viel darüber nachgedacht, wie Sie diesmal Weihnachten feiern? Wer darf kommen? Wen besuchen wir? Welche Vorbereitungen und Einkäufe sind sinnvoll? Worauf verzichten wir? Es ist ja ein schreckliches Dilemma: Der Abstand, der uns schützt, schadet zugleich, weil er Gemeinschaft schwächt und auf die Seele drückt.

Alle Kirchengemeinden haben diese Spannung gespürt, als wir landauf, landab über die Weihnachtsgottesdienste nachgedacht haben. Die Lübecker Innenstadtgemeinden haben eine klare Entscheidung getroffen. Aus guten Gründen. Andere haben anders entschieden und feiern Gottesdienste in oder vor ihren Kirchen, auch aus guten Gründen. Vielleicht ist das ja eine der Lernaufgaben, die diese Pandemie uns als Gesellschaft stellt, dass wir in Spannungen beieinander bleiben. Dass wir uns in unserer Zerrissenheit nicht trennen lassen. Dass kontroverse Parteien Worte und Ohren füreinander finden. Wir leben von der Zuversicht, dass Gott den Riss durch unsere Welt heilt. „Friede auf Erden“, verspricht der Weihnachtsengel. „Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Allem Volk, also der ganzen Welt gilt die Friedensbotschaft des Zusammenhalts. Damit sie nicht mehr wandeln in Finsternis, die Völker.

Deshalb bleibt der Stern schließlich mit all seiner Strahlkraft über dem Ort stehen, wo der kleine Friedefürst das Licht der Welt erblickt. Menschenskind, was für ein Hoffnungsleuchten! Wie sehr ersehnen wir diese Kraft des Neuanfangs und erlösenden Friedens doch gerade in diesem Jahr.

Also – erzählen wir davon. Laut und vernehmlich. Das Friedenslicht, das wir als Hoffnung in die Welt tragen, braucht unsere Wörter. Unsere Wege. Unsere Findigkeit. So wie ja jedes Jahr auch die Pfadfinder das Friedenslicht, das im November von einem Kind in Bethlehem auf den Weg geschickt wird, sorgsam in die Welt transportieren. Ganz behutsam, damit das Licht nicht erlischt, sondern noch und noch verteilt wird. Es soll eben all die vielen Grenzen, die es jetzt in Europa und sogar in unserem Land wieder gibt, überwinden. Wie dankbar dieses Friedenslicht entgegengenommen, ja, geradezu ersehnt wird, zeigen die Worte eines Feuerwehrmanns, der mir schreibt: „Ich möchte mich ganz persönlich dafür bedanken, dass Sie uns das Friedenslicht gebracht haben. Gerade hatte ich aufgrund der Pandemielage entschieden, dass wir meine Eltern nicht zu Weihnachten besuchen werden. Ich war ziemlich aufgewühlt, und da hat das Friedenslicht mir einen wunderbaren Anker geben können.“ So wirkt das Hoffnungslicht, das vom Stall in Bethlehem ausgeht.

Das Friedenslicht darf gern hell und hoffnungsfroh leuchten, jetzt in der Weihnachtszeit, aber auch in den kommenden Wochen, wenn die Auswirkungen der Pandemie spürbarer werden. Nicht alle sind gleich betroffen. Manche profitieren gar. Andere geraten in Existenznot. Junge Menschen bangen um ihre Lebensperspektiven. Brot für die Welt sendet Alarmsignale, weil mit den Gottesdiensten auch die Kollekten kleiner werden. Aber die Hilfe für die Ärmsten der Armen darf nicht ausfallen! Wir brauchen eine Solidarität, die alle im Blick behält, damit unsere Welt nicht von Populisten zerrissen werden kann. Die scheinen ja für schwächelndes Hoffnungslicht ein untrügliches Radar zu haben. Sie sind sofort da mit ihrer zerstörerischen Energie, wenn die Spannung zu groß wird und die Zuversicht ihre Kraft verliert. Im Weihnachtslicht haben sie keine Chance.

Denn der Stern leuchtet für all die erschöpften und besorgten Menschen, für die Nähe-Sehn-süchtigen und für die Existenzängstlichen. Der Stern leuchtet, „und siehe, der Stern ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.“ Mit tiefer Freude, liebe Geschwister, sollen wir also auch in diesem Jahr das Weihnachtsfest feiern. Weil die Hoffnung zwar vielleicht manchmal Umwege nimmt. Aber da ist, so wahr Gott da ist in diesem verwundbaren Kind in der Krippe. Ich wünsche Ihnen und Euch von Herzen gesegnete, friedvolle Weihnachten.
Amen.

Datum
25.12.2020
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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