25. Dezember 2022, Erster Weihnachtstag | Dom zu Lübeck

Gottesdienst zum Christfest

25. Dezember 2022 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Matthäus 2,1-12

Liebe Weihnachtsgemeinde im Dom,

wenn etwas die Seele ruhig werden lässt und ins Wünschen bringt, dann der Blick in einen sternenklaren Winterhimmel. Und der war ja in der vorvergangenen Woche tatsächlich zu erleben. Wunderschön finde ich das. Wenn alles still ist und der Schnee unter den Füßen knirscht und man genau spürt, dass man ein recht kleines, ja, aber ein unverzichtbares Licht ist inmitten dieses unendlich weiten Sternenmeeres.

Für mich fühlt sich das unerhört geborgen an: Aufgenommen bin ich in die Welt Gottes, der allein weiß, wie viel Sternlein stehen. Und habt ihr es auch schon mal erlebt, dass dieses Firmament manch Sternschnuppe bereithält, um ein Wunder zu werden? Und dann schnell die Augen zugemacht und gewünscht und gehofft, dass es wahr werden möge, das Wunder. Dass Friede werde, das ist doch derzeit unser aller Wunderwunsch? Oder all die kleinen oder großen Wunder im Leben. Dass etwa die verlorene Liebe zu dir zurückfindet. Dass der geliebte Mensch bloß schnell wieder gesund wird. Dass einen bitte die Kraft nicht verlässt inmitten der ganzen Erschöpfung.

Ach, dass es ein schönes Fest ist, jetzt, bei all den Sorgen und Ängsten, die uns so zusetzen, das wünschen wir uns doch auch! Ein schönes Weihnachten mit Geschenken, die uns zu Empfangenden machen. Empfangen wir ja schon jetzt ohne unser Zutun den Christkind-Segen, so, dass vor allem die Kinder etwas zu lachen und zu spielen haben. Neue Lebensfreude mögen wir empfangen, dass die Alten wieder Mut fassen. Berührende Musik wie hier und heute, damit wir alle die Schönheit ins Herz lassen. – Dürfen wir doch bei aller Not und Gewalt und Krieg in der Welt auf gar keinen Fall das Schöne übersehen!
Das schöne Licht nicht, kein kleines Sternchen und diese übergroße Liebe auch nicht, die da in die Krippe hinein geboren wurde. Nur nicht übersehen, liebe Geschwister, dass es die Liebe ist, die dem Hass seine Macht nimmt und dem Frieden Wind unter die Flügel gibt. Alles das nur nicht übersehen, diese möglich gewordenen Wunder in einer unmöglichen Welt.

Diese Wunder will ich stark machen, gerade heute, denn ob gewünscht oder geschnuppt, Sternchen für Sternchen ist‘s ein Hoffnungsgrund. Oder um es mit dem kürzesten Gedicht aller Zeiten von Mascha Kaleko zu sagen, die damit Nerv dieses Jahres trifft: „Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, kennt auch die Sterne und den Mond.“
Mit Mond und Sternen kannten sie sich aus, die drei Weisen aus dem Morgenlande, wir haben die Geschichte eben gehört. Die drei waren kluge Sternenkenner und gelernte Himmelsgucker. Dies auch, weil sie fürchteten, eines Tages würde ihnen der Himmel auf den Kopf fallen. Kein Wunder, dass dieser eine Stern sie in den Bann zog! Ein wunderschöner Stern, sage ich euch, so hell wie eine stundenlange Sternschnuppe, mit einer Klarheit, die ihresgleichen sucht. Und ob nun im Jahre null nach Christi Geburt der Jupiter etwas mit dem Saturn hatte, egal: Dieser strahlende Stern war eine einzige Verheißung.

Und also machten sich die Menschen damals auf. Hören wir noch einmal in die wunderschöne, andere Weihnachtsgeschichte hinein: „Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen ihn anzubeten.“

Tja – Irrtum. Der Stern hat die Weisen aus dem Morgenland zwar einen weiten Weg geführt. Allerdings nicht direkt nach Bethlehem. Die Hoffnung, so könnte man sagen, hat einen Umweg genommen. So kommen sie zunächst am Palast in der Hauptstadt an, bei Herodes, wo Pauken und Trompeten dem neugeborenen König einen standesgemäßen Empfang hätten bereiten können. Mit Festschmaus inclusive. Vermutlich hätten die Weisen gern mitgefeiert, richtig schöne, unbelastete Weihnachten erlebt, nach aufrüttelnden Krisenjahren – und gar noch mit einem Krieg der allen auf der Seele liegt. Es wäre endlich ein Wink des Friedens gewesen.

Aber – welch Enttäuschung – da war kein neugeborener König. Kein Fest. Da war keine neue Hoffnung darauf, dass die Welt friedlich würde. Da war nur ein alter Despot voller Angst und Neid und Misstrauen. Deshalb will er eine Krisensitzung in Jerusalem; er will mehr wissen über das Königskind. „Herodes erschrak und mit ihm ganz Jerusalem“, so erzählt es die Bibel.

Die Weisen sind dann klugerweise weitergezogen, immer dem einen hellen Stern nach. Und dann sind sie angekommen, in Bethlehem, der kleinen Stadt. „Und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter.“ Verwundbar und gefährdet hat es dagelegen, dieses Babykind in seiner Krippe. Alles ist so kalt und klamm. Die Geschenke, all das Gold, Weihrauch und Myrrhe wirken irgendwie fehl am Platz in diesem armseligen Stall.

Aber der Stern überstrahlt all diese Widersprüche. Er scheint unbeirrt und zeigt flüsternd auf dieses große Wunder im Kleinen: Hier berührt der Himmel die Erde. Ganz zärtlich. Da fällt kein Himmel auf den Kopf, sondern die Liebe ins Herz. Inmitten der Nacht, in der wahrlich das Fürchten wohnt, kommt Gott uns nahe wie nie. Deshalb fängt hier, an diesem abgelegenen Ort, im winzig Kleinen an, was die Welt verändern wird. Mit diesem Gotteskind wird sie heller und schöner werden, und schon jetzt ist ein wenig von dem Glanz zu sehen und zu spüren. Das Reich Gottes ist zu sehen, gebrochen zwar, angebrochen ist es, aber immerhin. Feiern wir es!

„Uns ist gar nicht so recht nach Feiern zumute.“ Niels und Susanne wirken abgekämpft, als ich sie jüngst bei meinem Besuch einer Tafel in Hamburg traf. Zweimal in der Woche müssen sie zur Tafel kommen, erzählen sie, um bis zum Monatsende über die Runden zu kommen, bei vier Kindern und nur einem Gehalt. Die teuren Preise machen ihnen wirklich Sorgen, und sie hätten nie gedacht, dass sie hier einmal stehen würden. Ihre Scham ist groß, aber auch ihre Dankbarkeit, weil ihnen hier herzlich und ganz reell geholfen wird. Und dann zeigen sie auf die lange Schlange und fahren fort: „Dabei geht es uns ja noch gut; so viele, die auf der Warteliste stehen, schlicht weil die Lebensmittel hinten und vorn nicht reichen. Furchtbar für die Ehrenamtlichen, wenn sie Leute wegschicken müssen, weil kein Krümel mehr da ist.“ – Und ich sehe voller Respekt, wie recht sie haben.

Wie lange werden wir diese Krisen noch durchhalten – auch gesellschaftlich, liebe Geschwister? Vor einem Jahr dachten wir, die Coronapandemie sei der größte Stresstest. Und dann kam der 24. Februar. Ein barbarischer Angriff auf die Ukraine, der schon so viel Leid und Tod verursacht hat. Der Kinder zur Flucht treibt, Ängste schürt und auch hierzulande die Menschen ganz erschöpft sein lässt vor Unsicherheit.

Die Unsicherheit hält uns gefangen. Und die Hoffnung – sie scheint bisweilen zu fliehen wie das gefährdete Jesuskind, das vor der Wut des Herodes geschützt werden muss. Die Hoffnung, sie geht Umwege und mutet uns viel zu in diesen Tagen. Das Krippenkind ist eben kein Alles-wird-gut-Messias. Dieser Gottessohn geht hin zu den Elenden und Geplagten. Er setzt sich dem Leben aus, wie es wirklich ist. Und weil Gott dies tut, das ist das unerhört Tröstliche, teilt er eben auch die Ohnmacht, die wir bisweilen empfinden. Rückt uns nahe – so wie wir glücklicherweise hier im Dom wieder nahe beieinander sind. Bei, ja, frischen Temperaturen, aber auch mit Menschen rechts und links neben, hinter und vor mir, die Wärme ausstrahlen. Weihnachtswärme. Vergessen wir nie, liebe Gemeinde, dass jeder Mensch Wärme in sich trägt. Gleich wer er ist und wie viel sie hat oder nicht hat. Wir können und müssen zusammenrücken, auch gesellschaftlich. Wir müssen zusammenrücken und der Kälte der Welt unsere Herzenswärme entgegenschenken – damit sie sich aufs Wundersamste verändern möge.

Für diesen wundersamen Weltenwandel steht nun jenes kleinste Licht am Himmel, der Stern. Deshalb habe ich ganz besondere Exemplare davon erstanden und sie Ihnen heute mitgebracht – für jede:n im Dom eins, Familien erwischen vielleicht zwei ... Jeder Stern ist ein kleines Kunstwerk, gefertigt in stundenlanger Feinarbeit von Annelie aus Hamburg. Auch sie habe ich bei der Tafel kennengelernt. Mit ihrer schmalen Rente ist sie schon lange Kundin dort, und jetzt umso mehr, weil es tatsächlich fürs Essen nicht mehr reicht. Insofern bedürftig, ja, aber wahrlich nicht allein dies. Annelie hat viel zu geben. Und so hat sie in ihrer Dankbarkeit für die Ehrenamtlichen der Tafel eben solche Sterne gebastelt, aus altem Geschenkpapier und Pappe und was man so findet, wenn man auf die kleinen schönen Dinge achtet. Und nun schnuppen diese Sterne, manche gar als Herzensstern, zu Ihnen hin, liebe Domgemeinde. Ganz individuell. Denn stellen Sie sich vor, alle sind sie unterschiedlich! Keiner ist wie der andere. Wie im richtigen Leben.

„Und siehe, der Stern ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.“ Mit tiefer Freude sollen wir also auch in diesem Jahr das Weihnachtsfest feiern. Unverzagt. Weil die Hoffnung zwar vielleicht manchmal Umwege nimmt. Aber sie ist da, so wahr Gott da ist in diesem kleinen Kind in der Krippe. Und – ist das nicht ein wunderbares Hoffnungszeichen: Wenn es nur ein Stern war, der uns zum größten aller Wunder führte, wie viel Hoffnung können wir haben, wenn wir in den nächtlichen Himmel schauen – und erkennen: Unzählige Sterne warten darauf, mit ihrer Hoffnung auf die Erde zu kommen. Und in dein Herz. Ich wünsche Ihnen und euch von Herzen ein segenshelles, friedvolles und sternenreiches Weihnachtsfest. Amen.

Datum
25.12.2022
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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