24. Dezember 2023 | Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

Gottesdienst zur Christvesper

25. Dezember 2023 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Lukas 2

Liebe Festgemeinde!

Was für eine Freude, dass heute dieser wunderbare Posaunenchor die Vesper musikalisch begleitet – mit Blech und Bläsern und allem Drum und Dran. Es ist dies wie das Licht der Engel, das auf das Großereignis hier in Hamburg vorausscheint: der Deutsche Evangelische Posaunentag im Mai kommenden Jahres! Mittenmang, unter diesem typischen Hamburger Motto, mittenmang in dieser Stadt kommen schätzungsweise 20.000 Bläserinnen und Bläser aus ganz Deutschland zusammen, mit Trompete und Tuba, jung, älter und mittelalt – eine einzige riesige Bigband, sage ich Ihnen. Einen Vorgeschmack auf die Vielfalt konnten wir schon in der Nacht zum 1. Advent genießen mit dem längsten Posaunenkonzert der Welt. 24 Stunden lang Tochter Zion, Yesterday und „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“.

Denn das darf und muss auch sein, gerade in diesem Jahr und an diesem Heiligabend: eine Leichtigkeit inmitten einer Welt, die schwer aus den Fugen ist. So nötig jetzt das helle Licht, das die Engel vorauswerfen und einwerfen und überhaupt werfen in all die düsteren Verwerfungen und Nachrichten dieser Tage. Vielleicht haben Sie es auch so ersehnt? Ein Weihnachtsfest, an dem man zur Ruhe kommen kann und an die Liebe glauben inmitten all der Friedlosigkeiten? Ein Fest des Lebens, der Freundschaft und der Zuversicht – Heilsames eben, gerade jetzt.

Die gute Nachricht dazu: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Tatsächlich. Ein klitzekleines Kind. Gerade eben. Gerade eben hat es sein Licht in die Welt geschenkt, und die, die hat einen Moment den Atem angehalten. Das kennen ja gewiss viele hier – was für ein Wunder so eine Geburt ist! Und wie ein Neugeborenes deine Welt komplett auf den Kopf stellen kann. Logisch, es kommt ja auch mit dem Kopf zuerst auf diese Welt und nicht mit seinen unabgelaufenen Füßen.

So wie dieser kleine göttliche Heiland auch, da in Bethlehem. Es liegt so viel Verheißung in ihm: Heil und Heilung Versöhnung und Zukunft. Die Hoffnung bekommt heute Beine, liebe Geschwister. Deshalb „diese große Freude, die allem Volk widerfahren wird!“ In diesem zarten, lichten Kind liebt Gott so sehr die Welt, diese verwundete, derzeit so von Krieg, Terror und Hass entstellte und verkehrte Welt, er liebt sich in sie und in uns hinein als der unbeirrbar gültige Traum vom Frieden.

Tatsächlich? Seit einer Woche tragen die Pfadfinder das Friedenslicht von Bethlehem in unsere Häuser und Kirchen – so wie eben, eine großartige Aktion, seit Jahrzehnten schon. Jedes Jahr wird in der kleinen Geburtsgrotte in Bethlehem dieses Friedenslicht entzündet, damit es dann über Tel Aviv nach Wien und von dort aus in die ganze Welt verteilt wird und strahlt. „Suchet den Frieden!“, heißt das Motto dieses Jahr. Suchet den Frieden, denn er fehlt. Und mit ihm fehlt an so vielen Orten die Menschlichkeit. Wärme, buchstäblich. Es fehlt Geborgenheit für die Kinder. Heimat für die Flüchtenden. Krankenhäuser für die Verwundeten. Und ich glaube, nicht nur mir geht nach, wie sehr die Zivilbevölkerung, wie sehr gerade die Kinder unter den Kriegen leiden. Sie hat keiner gefragt! Wie mag es den Kindern jetzt gehen – in der Ukraine. Und natürlich – in Bethlehem, in dem es heute kein Weihnachten gibt, sondern eine eher unheimliche stille Nacht. Und: Werden die israelischen Kinder je dieses Trauma verkraften, in den Tunneln der Hamas-Terroristen gefangen gehalten und bedroht worden zu sein? So viel Schlimmes gesehen zu haben? Und was ist mit den Kleinen, die im Gazastreifen doch so dringend sauberes Wasser brauchen, Brot und Medizin? Gute Güte, diese ganzen Kriege sind doch eine einzige humanitäre Katastrophe.

Und deshalb dürfen wir einfach nicht nachlassen darin, für alle Leidenden den Frieden zu denken, zu beten – und danach zu handeln. Mit Friedenslicht und Brot für die Welt – aber auch besonders in diesem Jahr mit seinem 7. Oktober mit unserem klaren Bekenntnis: Nie wieder Antisemitismus, Leute, nie wieder ist jetzt! Nie dürfen wir vergessen, dass dieses kleine lichte Krippenkind in Bethlehem ein jüdisches ist. Aus ihm ist unser Christentum erwachsen. Und mit ihm der Auftrag Jesu, die Würde der Kleinen zu achten. Und deshalb den Kriegsherren dieser Welt in aller Entschiedenheit die Tür zu weisen.

Deshalb das Friedenslicht von Bethlehem. Licht, soviel nur geht. Berührend fand ich, dass es in diesem Jahr eine 12-jährige, palästinensische Christin gewesen ist, die dieses Licht schon im November in die Welt geschickt hat. Was für ein Zeichen der Versöhnung.

Mehr davon. Mehr Versöhnungsgesten. Auch hier in unserem Land, in dem der Ton so viel rauer geworden ist. Mehr Friedensboten. Hoffnungsmutige. Helle Lieder. Engel, mit und ohne Flügel. Von allem anderen nämlich in der Weihnachtsgeschichte haben wir derzeit mehr als genug. Wir haben unsichere Zeiten und unzählige Menschen auf der Suche nach Raum und Herberge. Wir haben Krieg und Krisen, Despoten und Idioten – und Angst haben wir auch.

Genau deshalb singen die Engel: Fürchtet euch nicht. Um dich zu erreichen. Dich zu trösten. Dir Gedanken zu machen. Dafür legen sich diese Engel mächtig ins Zeug mit Posaunen und Trompeten. Denn diese Botschaft muss gehört werden! Gott hält all der Angst die Menschlichkeit entgegen, indem er selbst Mensch wird. Gott setzt dieses lichte Kind, er setzt sich selbst in die Welt. Und mit ihm kein pompöses Machtgebahren, sondern die Zärtlichkeit. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er uns seinen kleinen Sohn schenkt. Und also: Freut euch. Uns ist heute der Heiland geboren! Die Liebe hört auf, allein eine Sehnsucht zu sein – sie wird Tatsache. Tatsächlich Liebe, Mensch.

Tatsächlich Liebe – Love actually, das ist ein wunderbarer Weihnachtsfilm. Vielleicht kennen Sie ihn und es geht einigen wie mir, dass sie ihn inzwischen schon mitsprechen können. Er feiert just seinen 20. Geburtstag. Elf herrlich komische und zugleich anrührende Liebesgeschichten verwickeln sich zu einer einzigen großen Weihnachtserzählung. Verliebt von Mann zu Frau zu Mann zu Kind. Und klar gibt es Widrigkeiten und Hindernisse, Schüchternheit und Verletzlichkeit, aber auch Humor und wahre Freundschaft und Erleuchtungen – und mindestens 111-mal kommt die Liebe zur Welt, tatsächlich, weil so viele es machen wie Gott. Sie werden Mensch.

Das beginnt schon in der allerersten Szene. Da sieht man in einer Flughafen-Empfangshalle in Heathrow, wahlweise Hamburg, New York, Tel Aviv – das sieht man, übrigens nicht nur im Film, sondern auch im richtigen Leben – wie die Liebe Einzug hält und selig in Empfang genommen wird.

Da sind zwei Männer, alte Freunde offenbar, die sich nach einem kurzen Innehalten ganz still umarmen. Unmittelbar daneben schließt eine Großfamilie laut lachend die Heimgekehrte in mindestens dreißig Arme gleichzeitig. Zwei Liebende sind zu sehen, die mit einem Seufzer regelrecht ineinander fallen und sich – ungeachtet der amüsierten Zuschauer – sehnsüchtig küssen. Ich sehe Kinder mit Blumen in der Hand, um sie der Großmutter in den Schoss zu legen, die im Rollstuhl in die Halle gefahren wird. Ein kleines Mädchen kann man sehen, das auf ihren Großvater zuläuft und ihm selig die Ärmchen um den Hals schlingt. Man sieht Menschen über Menschen, die in diesen Momenten der Begegnung nur dies eine wollen: ihre Liebe zeigen. Da ist so viel Freude zu sehen, gelöste Gesichter, erfüllte Sehnsucht und anrührende Zärtlichkeit. „Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.“

So auch mit den ersten Sätzen des Films, während sich die Menschen umarmen. Als am 11. September 2001 das entführte Flugzeug ins World Trade Center stürzte, wurden in den letzten Minuten vor dem Aufprall ausschließlich Liebeserklärungen per SMS versandt. „Ich liebe dich, was immer geschieht“, „Vergiss nie, was wir uns waren“, „Danke dir für deine Liebe“ das waren die Botschaften, die die Welt erreichten. Nicht der Schrecken, nicht die Angst, nicht der Hass auf die Gewalttäter – das letzte Wort hatte die Liebe.

Und mir wird wieder einmal bewusst, dass diese Liebe, die mit dem Krippenkind auf die Welt kommt, dass diese Lebensliebe Gottes etwas ganz Reales und Irdisches ist. Keine abgehobene Phrase, sondern die höchstselbst zu erfahrende Tatsache, dass wir ohne Liebe vergehen würden. Ohne Berührung und das Du, das dich sieht. Ohne gegenseitige Achtung und innere Bindung, die einen zugehörig macht. Und zugleich ist sie ein Geschenk Gottes, aber auch eines, das jeder Mensch einem anderen machen kann. Deshalb tragen nicht unbedingt wir diese Liebe, sie ist es, die uns trägt und die die Hoffnung nicht aufgibt – auch und gerade dann nicht, wenn wir Schmerzhaftes erleben und auf der Suche sind. Allemal auf der Suche nach Frieden.

Heute scheint ein anderes Licht auf die Welt, liebe Geschwister, eines, das von dieser Liebe weiß, die sich mittenmang in unserem Leben finden lässt. Die bisweilen kopfüber unsere verkehrte Welt rettet. Heute. Actually. „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Das ist doch nun wahrlich eine unerhört hoffnungsfrohe Botschaft!

Von Herzen wünsche ich Ihnen ein liebevolles, segensreiches Weihnachtsfest – mit dem Frieden Gottes, höher als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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