20. September 2020 l Kapelle Loose, Kirchengemeinde Schwansen

"In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen".

Gottesdienst anlässlich der Entwidmung der Kapelle in Loose, Foto: Wendt/Nordkirche
Gottesdienst anlässlich der Entwidmung der Kapelle in Loose, Foto: Wendt/Nordkirche

21. September 2020 von Gothart Magaard

Predigt zu Johannes 14, 1-6 im Gottesdienst zur Entwidmung der Kapelle Loose

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?

3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.

4 Und wo ich hingehe, dahin wisst ihr den Weg.

5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?

6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch!

Liebe Gemeinde,

es ist für manche ein schwerer Schritt und zugleich auch ein mutiger Schritt, den wir heute begehen, weil wir in diesem Gottesdienst bewusst Abschied nehmen von der Kapelle Loose – von diesem Gebäude als einem dem Gottesdienst gewidmeten Raum. Etwas mehr als 55 Jahre hat diese Kapelle das kirchliche Leben in Loose geprägt. Inzwischen haben sich das Dorf und die Landschaft haben sich verändert und die Kirchengemeinde hat sich auch verändert.

Die Überlegungen zum Verkauf der Kapelle wurden noch in der Verantwortung der Kirchengemeinde Rieseby begonnen und auch die entsprechenden Entscheidungen getroffen. Mittlerweile gehört Loose zur großen Kirchengemeinde Schwansen. Die Dörfer in diesem schönen Landstrich zwischen Eckernförder Bucht und Schlei wachsen zusammen, Entfernungen sind leichter zu überwinden. Ich erinnere mich gut an den gemeinsamen Gottesdienst zur Fusion der Gemeinden im Januar mit der Freude an der gewachsenen Zusammenarbeit und dem Willen, die Kräfte zu bündeln.

Hier in Loose soll diese Kapelle zu einem Haus werden, in dem künftig Kinder groß werden. Ich wohne in Schleswig neben einer Kita und kann täglich beobachten, wie Mütter oder Väter Kinder in die Kita bringen. Manchen Kindern kann das gar nicht schnell genug gehen, andere sind eher zögerlich unterwegs. Immer ist es mit viel Leben verbunden und deshalb bahnt sich auch für diesen Ort eine lebendige Zukunft an. Dazu werden wir diese Kapelle heute aus dem gottesdienstlichen Gebrauch nehmen.

Für diejenigen, denen die Gottesdienste in Loose ein Zuhause geworden sind, schwingt in diesem Abschied auch Trauer und Wehmut mit. Erinnerungen stellen sich ein an Erfahrungen in diesem Raum mit Gottesdiensten und eigenen Lebensstationen: Eine Taufe oder Konfirmation. Eine Trauung oder ein Abschied. Der Klang der Glocken. Vielleicht auch ein wichtiges biblisches Wort, das Sie hier hörten. Oder Erinnerungen an einen Ort der Stille und des Gebets. 

Anderen, die auch für den Zustand der Gebäude die Verantwortung tragen, mag sich dazu auch Erleichterung einstellen, weil die Verantwortung abgegeben wird und hier neues Leben einzieht. Und zugleich werden Sie auch offene Fragen bewegen: Wie wird sich diese KiTa in das Leben der Gemeinde einfügen? Werden sich die Menschen aus Loose in den anderen Kirchen der Gemeinde heimisch fühlen? Und was bedeutet es eigentlich für uns als Kirche, dass wir uns von Kirchen und Kapellen verabschieden müssen? Denn das wird auch anderen Orten erwogen. Wir haben schlicht zu viele Gebäude und können sie nicht alle erhalten und werden uns konzentrieren müssen.

Zu einem Abschied gehört eine Abschiedsrede. Wir haben gerade eine besondere Abschiedsrede gehört. Eine Rede, die Jesus seinen Jüngern gehalten hat und die der Furcht vor dem Abschied in einer Situation der Angst und Bitterkeit ihren Schrecken nimmt.

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Das ist die Überschrift für Abschied und Neubeginn. Ein tröstender Satz im Abschiednehmen. Und ein Satz, der an die bleibende Verbundenheit mit Jesus erinnert: Ihr seid nicht im Stich gelassen, auch wenn der Boden unter Euren Füßen wankt. Denn Abschiednehmen ist ja nichts anderes als loslassen, um Schritt für Schritt auf neue Wege zu gehen.

Doch bevor Jesus von den neuen Wegen spricht, benutzt er dieses faszinierende Bild, wenn er sagt:

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.

Ich stelle mir das so vor, dass wir Menschen vor Gott nicht nur alle wie in einem großen Haus oder besser in einem Zuhause angenommen sind. Wir haben vielmehr - fast einem modernen Bedürfnis entsprechend-  in vielen Wohnungen, ganz individuelle und unterschiedliche Räume, wo wir genau den Platz finden, den wir brauchen. Wir haben bei Gott eine feste Bleibe und sind dort Mitbewohner. Es ist ein Bild von einem besonderen Sehnsuchtsort und einem Ort der Beheimatung, das auf faszinierende Weise auf unser Bedürfnis nach einem zu Hause anspielt.

Um uns dann auf den Weg zu schicken:

Christus spricht: Und wo ich hingehe, dahin wisst ihr den Weg.So einfach und klar sagt Jesus das in dieser Abschiedsrede. Wenn es nur so einfach wäre, und wir den Weg wüssten, den Weg in die Zukunft.

Den Weg, damit wir alle ein zu Hause fänden und den Weg, der für uns als Kirche der richtige in die Zukunft ist, dann ständen wir nicht andauernd vor schwierigen Entscheidungen, die uns nicht leichtfallen wollen. Wir sind mitten in Veränderungsprozessen und haben die Folgen der Coronpandemie vor Augen: Die Sorge um den Arbeitsplatz und um den Zusammenhalt der Gesellschaft, die Folgen der Isolierung und die Herausforderungen für die Familien. Den Wunsch nach „Normalität“ und die Sorge vor dem Infektionsgeschehen. Auch die Menschen auf der Flucht haben wir vor Augen und die Herausforderungen durch den Klimawandel.

Es ist deshalb tröstlich, dass hier im Johannesevangelium Thomas mit seiner Unsicherheit und seinem Zweifel so mutig ist, zu fragen:

Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Ja wie können wir wissen, was richtig ist? Und ob die Entscheidungen, die wir heute für die Zukunft fällen, sich auch morgen noch als gut erweisen, Die Antwort, die Thomas bekommt, entlässt uns nicht von der Aufgabe, Entscheidungen zu treffen. Sie bringt nur eine ganz neue Dimension mit ins Spiel, wenn Jesus sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Es ist nicht allein die Frage, ob einzelne Entscheidungen richtig oder falsch sind und es geht nicht darum, ein zu Hause aufzubauen, dass dann in Stein gemeißelt nicht mehr verändert werden darf. Es geht vielmehr um das Vertrauen und den Glauben an Gott und daran, dass er uns in Jesus Christus einen Weg zu sich und zu uns selbst gezeigt hat. Dass er uns durch die Krise hindurch führen wird. Dass wir nicht allein sind in guten, aber auch in schweren Zeiten.

Dieser Weg lässt sich nicht einfach auf eine Karte zeichnen oder in ein Navi eingeben. Wahrheit und Leben finden wir, wenn wir uns im Vertrauen auf Gott und mit unerschrockenem Herzen auf den Weg machen. Als Christinnen und Christen, ja als Kirche haben wir den Auftrag, uns auf diesen Weg zu machen. Dazu brauchen wir Zuspruch und Vergewisserung, Gemeinschaft und Stärkung.

Auf diesen Wegen brauchen wir auch die Kirchengebäude als Herbergen, wo die Botschaft und Verheißung von Gottes Weg mit uns Menschen gelebt und vernommen werden kann. Orte, wo wir einkehren können und die wir wieder verlassen müssen, um weiter zu kommen auf dem Weg. Die Kapelle Loose war in den letzten 55 Jahren so ein Ort. Und deshalb möchte ich allen danken, die an diesem Ort gewirkt haben: als Pastoren, Kirchenmusikerinnen, Küster und als Mitglieder des Kirchengemeinderats bzw. der Kirchenvorstände. Wir sind dankbar für all den Segen, der an diesem Ort von so vielen Menschen durch Ihr Wirken aus allen Generationen erfahren werden konnte.  

Nun wird diese Kapelle in anderer Weise und für andere Menschen eine Bedeutung bekommen: Als Kita wird sie vor allem für viele Kinder auch wie eine Herberge ein Zuhause auf Zeit sein. Doch keine Kirche ist selbst schon das Zuhause, wo wir ans Ziel kommen. Vom Haus Gottes mit vielen Wohnungen, wo wir Menschen angenommen sind und so, wie wir sind, einen Platz finden, dürfen wir in unseren Kirchen reden. Wir können uns hier und auch an anderen Orten von unseren Erfahrungen erzählen, die wir auf dem Weg machen, aber bauen und festhalten können wir diesen Sehnsuchtsort nicht.

Gott schickt uns vielmehr immer auf den Weg zu sich selbst. Das gibt uns die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, zum Loslassen genauso wie um Neues zu planen. Es ist die Freiheit, immer neu nach Gott in unserem Leben und in unserer Kirche zu fragen und die Freiheit nach dem zu suchen, was dem Leben und der Wahrheit dient.

So können wir uns unerschrocken auf den Weg machen im Vertrauen darauf, dass Christus für uns sorgt. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!

Amen.

 

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