19. November 2023 | Hauptkirche St. Petri, Hamburg

Gottesdienst zur Verleihung der Bugenhagenmedaille

19. November 2023 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Matthäus 25,31-46

Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Weltgericht am Ende der Zeiten hat mir ehrlich gestanden immer ein bisschen Angst gemacht. Erzählt sie doch davon, wie wir Menschen unser Handeln vor Gott zu verantworten haben. Ausgang offen.

Tja, wo stehe ich? Werde ich dem Maßstab Jesu gerecht? Habe ich all den Menschen geholfen, von denen hier die Rede ist und die mir gewiss in meinem Alltag begegnet sind?

Schön heute ist, dass wir vier Menschen ehren, die dazu jede Menge Positives antworten könnten – und zwar in aller Bescheidenheit. Die immer wieder dieser Menschenliebe Gottes ein Gesicht gegeben haben – mit Hand und Herz, Wort und Tat. Und: mit Strukturklarheit. Weit gefehlt nämlich, wer meinte, Gremienarbeit sei vor allem Gesetz und nicht Evangelium. Als ginge es etwa in der Landessynode oder dem Kirchenkreisrat oder dem Ökumeneausschuss um viel Sitzen und wenig Bewegen.

Im Gegenteil, manchmal braucht es die Geduld der Langmütigen – die eben mit langem Mut –, um neuen Impulsen auf die Welt zu helfen. Finanzen braucht’s dazu ebenso wie Leidenschaft. Ein soziales Gewissen und Liebe zu den Kindern bis hin nach Südafrika. Es braucht Gerechtigkeitsgefühl und Akkuratesse für das Detail in einer Richtlinie, alles Eigenschaften, die euch und Sie vier Bugenhagenmedaillen-Gewinnerinnen unbedingt ausmachen.

Gewinner sind wir deshalb heute alle mit Ihnen. Haben wir doch dank Ihrer Mitarbeit in unserer Kirche so viel gewonnen an neuem Feinsinn für die Gerechtigkeit in Personalfragen, liebe Christiane Eberlein-Riemke, an liebevoll diakonischer Sozialwissenschaft, liebe Elisabeth Lamprecht, an ethisch klugen Finanzeinsichten, lieber Wilfried Kniffka und an ökumenischem Flüchtlingsengagement, lieber Gerhard Thimm. Danke Ihnen und euch dafür!

Gewinner – die lassen sich nun in unserem Evangelium nicht so ohne weiteres ausmachen. Vielmehr wirst du von einem unbestechlichen Gericht erst einmal genauestens befragt. Wo stehst du? Rechts oder links? Wie hast du dich gestellt zu den Armen der Gegenwart? Zu den Nackten und wie auch immer Entblößten, den Kranken, den Verfolgten? Mach dich mal ehrlich.

Darum geht‘s im eigentlichen Sinn mit dieser Rede Jesu: innezuhalten und sich vor Gott zu prüfen. Nicht um sich dann gleich abgestraft zu sehen. Sondern, das ist das Besondere an diesem Gericht, um sich immer wieder neu klarzumachen: Du hast die Wahl, ob rechts oder links. Du kannst dich entscheiden. Einen neuen, besseren Weg einschlagen. Jeden Tag kannst du das. Es geht in diesem Gericht eben nicht um die große Abrechnung, sondern um Rechenschaft – das ist etwas ganz anderes.

Diese Rechenschaft ist kein spitzer Bleistift, liebe Geschwister. Keine mathematische Formel mit Aufrechnung der Einzelverfehlungen. Sondern sie verhilft zur Selbstklärung, die einem den Blick öffnet für den Neuanfang. Getragen von einer Zuversicht, die sich auf Christus gründet. Auf ihn, den Bruder der Geringsten, der gerade dafür steht, dass nicht die Angst gewinnt, sondern das „Fürchte dich nicht.“ Nicht Krieg und Terror, sondern „Friede auf Erden“. Nicht nur für die Privilegierten, sondern allen Menschen – weltweit – ein Wohlgefallen.

Fürchte dich nicht, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen – bald werden wir diesen Gesang der Engel auf den Feldern Bethlehems wieder hören. Wir werden hören, dass die Hoffnung Beine bekommen hat. Und die Liebe in Person in einer Krippe liegt. Wir stehen heute kurz vor dem Ende des Kirchenjahres, und Weihnachten liegt nah, ja, fast riechen wir schon den Duft der Weihnachtsbäckerei – allemal, weil ob der kurzen Adventszeit die Weihnachtsmärkte in ein paar Tagen schon ihr Jingle Bells in die Gedenktage hineinrufen. Davon ungeachtet werden wir in fünf Wochen wieder Gottesdienst feiern, von diesem Wunder berührt werden, dass Gott ein kleines Kind wird. Und dass die wahre Macht der Welt in zärtlicher Liebe liegt. Und wir werden mit dem armen Krippenkind natürlich zugleich an die Flüchtlingskinder heute denken und die Schutzsuchenden in der Ukraine, an die Verletzten, Missachteten und Entführten im Heiligen Land, das derzeit so viel Unheiliges erlebt. Gerade um Bethlehem herum.

Sie alle gehören mit an die Krippe. Sie alle, die mit dem Evangelium gesprochen, in Todesängsten gefangen sind. Entblößt in ihrer Scham. Hungrig nach Anerkennung. Erniedrigt durch Gewalt. Entkleidet der Würde. Die Geschichte vom Weltgericht stellt sich gewissermaßen auf die dunkle Seite der Krippe. Die eben nicht vom weihnachtlichen, warmen Licht umhüllt wird. Die sich stattdessen eisigkalt anfühlt. Lieblos. Ja, todesnah.

Ich lag in tiefster Todesnacht – so singt es ja nicht umsonst das wunderschöne Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“. „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne. Die Sonne, die mir zugebracht, Licht, Leben, Freud und Wonne.“

Mit unserem Evangelium liest sich die Weihnachtsgeschichte andersherum. An Weihnachten ist nicht nur Gott Mensch geworden. Sondern: In jedem einzelnen Menschen kommt Gott auch zu mir. Mit seinem Leid, aber auch mit seinem Strahlen, das anderen Hoffnung gibt. Ja, Glaubenszuversicht. Du warst meine Sonne. Gott kam zu uns als Krippenkind. Und er kommt zu uns durch Menschen, die diesem Kind nachfolgen. Die etwas Heilsames in sich tragen und eine Vision: das Reich Gottes auf Erden. Allen Menschen ein Wohlgefallen. Und die deshalb richtig doll arbeiten. Die mit Migrant:innen kochen, Pilgerwege mitgehen, Papierberge lesen, die nachdenken, mitdenken, zusammendenken.

Helle Menschen, die Elisabeth heißen oder Christiane, Wilfried und Gerhard. Helle Menschen, die um die dunkle Seite der Krippe wissen. Die deshalb genau hinschauen und sich anrühren lassen davon, dass es derzeit so viele sind, die auf der Flucht sind, aber nicht angenommen werden. Dass derzeit so viele krank und verletzt sind, aber nicht versorgt werden. Dass so viele arm sind, denen wir aber eigentlich nicht von unserem Reichtum abgeben. Hier und weltweit.

So viele, die Leid tragen – sie sollen getröstet werden. Um dieses Trostes willen, das Gleichnis vom Weltgericht. Denn in all den Leidenden fragt uns ja Christus direkt: Wie stellst du dich zu den Flüchtlingen in deinem Land? Was tust du gegen rassistische Vorurteile in deiner Nachbarschaft? Hast du den Mund aufgetan gegen Hassreden? Und heute gegen Antisemitismus, der so bedrohlich zunimmt, in all seinen Formen. Was heißt es am heutigen Volkstrauertag, sich für den Frieden einzusetzen?

Heute, am Volkstrauertag. Es ist erst zehn Tage her, dass an vielen Orten in Deutschland der Zerstörung der Synagogen am 9. November 1938, vor 85 Jahren, gedacht wurde. Eindrücklich, wie sich hier in Hamburg Hunderte auf dem Platz der Bornplatzsynagoge versammelten, um der jüdischen Gemeinde ihre Solidarität auszudrücken. Die unterschiedlichsten Menschen strömten zusammen, aus Politik, Kultur, Gewerkschaft, Medien, auch Vertreter vieler Religionen.

Gemeinsam haben wir damit deutlich gemacht: „Nie wieder ist jetzt!“ Antisemitismus ist gottlos. Menschenverachtend. Nicht zu dulden. Nie wieder ist jetzt. Das ist jetzt wichtig. Gerade für die jüngere Generation gilt es zu erinnern, wie vor 85 Jahren Christen in Gotteshäuser eingedrungen sind, wie sie heilige Schriften, die auch unsere heiligen Schriften sind, in den Dreck geworfen, verbrannt, zerrissen haben. Und wie fortan unendliches Leid, Gewalt und Mord über jüdische und andere Mitmenschen gebracht wurde, von denen Millionen in Konzentrationslagern umgebracht wurden.

Dies vor Augen klingen die Worte vom Endgericht schrill in unseren Ohren. Nein, Christen stehen nicht automatisch auf der richtigen Seite, auf der Seite der Geretteten, das galt schon zu Zeiten des Matthäus. Das galt allzu oft in der Geschichte der Kirche und eben auch beim Versagen von Christen und Kirche im Nationalsozialismus. Deshalb so ein Evangelium, genau am Volkstrauertag. Beides steht fürs Innehalten. Für die Trauer, die um die Schuld weiß, auch der Kirche. Nicht nur damals.

Und nun: Ist dieser Volkstrauertag nicht ein sehr unglücklicher Termin für eine dankbare Bugenhagenmedaillen-Verleihung? So wurde ich von einigen gefragt. Liebe Gemeinde, genau heute ist ein Tag für die Bugenhagenmedaille. Weil wir gerade inmitten der Traurigkeit und der Fassungslosigkeit darüber, was Menschen einander antun können, die Erinnerung daran brauchen, welche Kraft in der Barmherzigkeit liegt. Und im Widerstand der Geradlinigen. Wir brauchen die Sonne der Hoffenden. Die unermüdlichen Friedensstifter auch unserer Zeit.

Vier dieser Friedensstifter – in all ihrer Unterschiedlichkeit – darf ich heute mit der höchsten Auszeichnung der Nordkirche, der Bugenhagenmedaille, ehren. Vier, die sich auf je eigene Weise stark gemacht haben für soziales Leben und Diakonie, für Menschenrecht, Kulturvielfalt und Demokratie. Jahrzehntelang. Treu. Herzlich. Tapfer. In dieser Medaille bündelt sich die ganze Anerkennung unserer Kirche gegenüber denen, ohne die alles nichts wäre. Oder um es mit Bugenhagen zu sagen: „Christum leef hebben is vele beter alse alle wetent.“ Das heißt so viel wie: „Christus lieb haben ist besser als alles Wissen“

Christus liebhaben, ja – und dann in seiner Nachfolge auch handeln. Das habt ihr, haben Sie mit Pragmatismus, klugem Wort und mit aller Kraft getan. Danke sage ich von Herzen dafür. Danke von Herzen für euer großes Herz, mit dem ihr unsere Kirche beschenkt habt. Euer Herz, das hören kann und sehen und fühlen. Nichts brauchen wir in dieser Zeit mit all den Weltverwundungen mehr als das. Damit Friede werde, endlich, Gottes Frieden, höher als alle Vernunft. Er bewahre unser aller Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder. Amen.

Datum
19.11.2023
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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