7. März 2026 | Güstrow

Grußwort Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt zum Fachtag Klimagerechtes Wirtschaften

09. März 2026 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Herzlich willkommen bei „Kirche, Klima, Handeln …!“ dem Fachtag für klimagerechtes Wirtschaften des Kirchenkreises Mecklenburg und der Kirchlichen EnergieWerk GmbH!

Wir sind heute hier, weil uns Gottes Schöpfung am Herzen liegt. Und weil wir Verantwortung übernehmen wollen, damit sie lebendig bleibt. Sie alle bringen Ideen, Mut und Tatkraft mit – und genau das brauchen wir jetzt.

Die Nordkirche hat sich ein klares Ziel gesetzt: Bis 2040 wollen wir treibhausgasneutral sein. Heute geht es darum, dieses Ziel mit Leben zu füllen – ganz konkret.

Wenn wir „treibhausgasneutral“ hören, denken viele zuerst an Luft. Oder an CO2. Doch es geht um viel mehr: um Wasser, um Artenvielfalt, um Extremwetter, um steigende Meere – und letztlich um Lebensqualität, Gerechtigkeit und Frieden weltweit. Alles hängt zusammen.

Und deshalb freue ich mich auf die Vielfalt, mit der wir hier heute in Workshops, Infoständen, Diskussionen und Vorträgen auf die Klimakrise sehen und Perspektiven für eine lebenswerte Zukunft entwickeln. Ganz besonders freue ich mich, dass Sie, Herr Professor Rahmstorf heute hier sind und uns aus der Klimafolgenforschung berichten.

Die Klimakrise zeigt uns, wie empfindlich das Beziehungsgeflecht ist, das unsere Erde zusammenhält. Wir Menschen stehen mittendrin. Und deshalb können wir uns der Verantwortung nicht länger entziehen.

Der Philosoph Bruno Latour hat dafür ein eindrückliches Bild gefunden. Er nennt den Klimawandel einen „Schiffbruch ohne Zuschauer“. Niemand steht dabei mehr sicher am Ufer und ist „nur“ Zuschauer einer Katastrophe von anderen. Sondern: Wir sitzen alle im Boot.

Latour betont mit dem Bild vom „Schiffbruch ohne Zuschauer“, wie dringlich es ist, dass wir verstehen: wir sind Teil der gegenwärtigen, tiefgreifenden Veränderungen; ja, wir sind ganz maßgeblich auch ihre Verursacher. Wir stecken nicht einfach in einer Krise, die schon bald überwunden ist und sowieso nur einige betrifft. Vielmehr — so greift Bruno Latour eine These aus den Naturwissenschaften auf – hat ein grundsätzlicher Epochenwechsel stattgefunden: Wir leben in einer Epoche, in der menschliches Handeln die Erde sichtbar beeinflusst und verändert. Manche nennen diese Epoche deshalb Anthropozän. Ein Epoche, in der das empfindliche Beziehungsgeflecht, in dem wir stehen, durch unser menschliches Handeln aus den Fugen zu geraten droht.

Die Frage ist also nicht, ob wir auch betroffen sind – sondern wie wir jetzt, angesichts des drohenden Schiffbruchs handeln und was wir tun um denen zur Seite zu stehen, denen jetzt schon - buchstäblich - das Wasser bis zum Hals steht.

Theologisch gesagt: Als Teil von Gottes Schöpfung sind wir die Geschöpfe, Handeln ihr Gleichgewicht gefährden kann und die zugleich verantwortungsvoll handeln können, damit das Schlimmste noch verhindert wird.

Dieses Spannungsfeld kennt auch die biblische Tradition: Die Geschichte von Noah erzählt von einer Welt im Ausnahmezustand. Gemeinsam mit seiner Familie und einer Vielzahl geretteter Tiere ist Noah in einer überfluteten Welt auf der Arche im Überlebensmodus, es gibt kein Entrinnen. Nichts als Wasser, soweit das Auge reicht. Das Wasser hat sich von der Lebensgrundlage, die für alle in der Arche - Menschen, Tiere und Pflanzen - existentiell ist und sie alle miteinander verbindet, in eine bedrohliche, alles verwüstende Kraft verwandelt.

Fluterzählungen wie diese gehören zum kulturellen Erbe der Menschheit. Es gibt sie in vielen Religionen. In ihnen sprechen sich die Ängste vor der Vernichtung des eigenen Lebensraumes und darüber hinaus des Weltganzen aus. In der Bibel steht die Fluterzählung der Schöpfungserzählung komplementär gegenüber. Hier die gute Schöpfung Gottes, dem Menschen als Ebenbild Gottes zum achtsamen Umgang und zur Gestaltung anvertraut, dort die Übermacht der Bosheit des Menschen, die zum Anlass für die Zerstörung der Welt wird.

Die Sintflutgeschichte geht bekanntlich gut aus. Sie handelt von einer den Menschen anzulastenden Naturkatastrophe, die doch noch ein Ende unter dem Segen Gottes findet. Von Anfang an hält Noah an der Hoffnung auf so eine Zukunft fest: Anfangs von seinen Nachbarn verspottet, baut er unbeirrt die rettende Arche. Und selbst als ihn nur noch Wasserfluten umgeben, schickt er voller Hoffnung eine Taube los. Noahs ganzes Handeln ist von Hoffnung geprägt. Und Hoffnung, das wird in der Geschichte von Noah und der Arche deutlich, ist keine Träumerei, sondern eine Entscheidung ist. Hoffnung bereitet im Heute das bessere Morgen vor.

Und tatsächlich: Die Fluten weichen und geben Land für neues Leben frei. Das Wasser wandelt sich von der todbringenden Urgewalt in die segensreichen Tropfen des Regens, die sich mit dem Licht zu einem glitzernden Bunt verbinden. Der Regenbogen erscheint – als Zeichen dafür, dass Gott seine Schöpfung nicht aufgibt.

„Und Gott spricht: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“

Was für eine starke Zusage: Lasst uns wie Noah nicht aus Angst, sondern aus Hoffnung handeln. Einer Hoffnung, die im Heute das bessere Morgen vorbereitet.

Und das nicht allein, sondern in Verbundenheit – mit Gott, miteinander und mit allem Leben. Denn Gott schließt seinen Bund nicht nur mit Noah und damit mit den Menschen, sondern mit Noah und allem lebendigen Getier. Was in der Schöpfungsgeschichte noch mit einer gewissen Überordnung des Menschen begann, kommt hier an sein Ende: die gemeinsame, vom Bund mit Gott umgriffenen Geschöpflichkeit von Mensch und Tier ist ein Paradigmenwechsel. Schon damals hebt der biblische Glaube die anthropozentrische, also eine auf den Menschen fixierte und allein auf ihn und seine Bedürfnisse ausgerichtete Weltwahrnehmung auf. Und das wird so weitergehen - auch im Buch Hiob wird deutlich: Die Maßstäbe der Menschen sind nicht die Maßstäbe Gottes, dessen Perspektive mehr umfasst als die Welt der Menschen. Die Selbstzentrierung der Menschheit ist nicht die Sicht Gottes, der seine gesamte Schöpfung im Blick hat und uns Menschen als Mitgestalter seiner Schöpfer in die Verantwortung ruft, diesen Blick zu übernehmen und daraus die Konsequenzen für unsere Lebensweise zu ziehen. Daraus erwächst ein Auftrag: Wie Noah sind wir aufgerufen, das Miteinander als Teil der Schöpfung zu erhalten.

Das erfordert eine Haltungsänderung: Weg von der Vorstellung, wir könnten die Welt von außen überblicken, uns ihrer Ressourcen bedienen und drohende Krisen einfach vertagen. Es ist deutlich zu erkennen, welche tiefgreifenden und vielschichtigen Auswirkungen unser Handeln hat.

Darum lassen Sie uns diesen Tag nutzen: zum Lernen, zum Diskutieren, zum Vernetzen und einander inspirieren bei den Vorträgen und Workshops – damit wir gut vorankommen auf unserem Weg zu mehr Klimaschutz. Damit wir im Heute ein besseres Morgen vorbereiten.

Unter dem Regenbogen lassen Sie uns unseren ernsthaften Beitrag leisten, dass Gottes Verheißung weiter erzählt wird – verantwortungsvoll, hoffnungsvoll, und verbunden mit allem Leben und seiner Quelle, unserem lebendigen Gott.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Datum
09.03.2026
Quelle
Kanzlei der Landebischöfin
Von
Kristina Kühnbaum-Schmidt
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