Geschichte

Historiker Linck: Kaum Reue der Kirchen im Norden nach 1945

Ein Museum erinnert im Mahnmal St. Nikolai  in Hamburg an den Bombenkrieg in Europa. Das Foto zeigt die Bombardierung der Stadt Lübeck.
Ein Museum erinnert im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg an den Bombenkrieg in Europa. Das Foto zeigt die Bombardierung der Stadt Lübeck. © epd-Bild, Wallocha

03. Juni 2020 von Thomas Morell

Eine "Stunde Null" hat es 1945 bei den evangelischen Kirchen im Norden offenbar nicht gegeben. Die Kapitulation des Deutschen Reichs vor 75 Jahren hat nach Recherchen des Historikers Stephan Linck nicht zu einer grundlegenden Neuausrichtung geführt. Zwar hätten einige führende Repräsentanten ihr Amt verloren, es sei aber kaum einer der NS-nahen Pastoren aus dem Beamtenverhältnis entlassen worden, sagte Linck dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Unterstützung für jüdische KZ-Häftlingen oder Zwangsarbeiter habe es nicht gegeben. "Das hat die Kirche den Briten überlassen." Erfolgreich sei allerdings die Integration der Flüchtlinge aus dem Osten in den Gemeinden gewesen. Linck ist Studienleiter der Ev. Akademie und hat mehrere Bücher zur Kirchengeschichte verfasst.

Wichtig war die Versöhnung der evangelischen Christen untereinander

Große Teile der evangelischen Kirchen in Schleswig-Holstein und Hamburg hatten das Hitler-Regime unterstützt. Die Pastorenschaft teilte sich im Laufe der Jahre aber in die nationalsozialistischen "Deutschen Christen" und die um kirchliche Eigenständigkeit bemühte "Bekennende Kirche". Nach Kriegsende, so Linck, sei ein vordringliches Anliegen die Versöhnung der beiden Gruppen gewesen. "Man wollte unbedingt eine Spaltung der Volkskirche verhindern."

Historiker Stephan Linck
Historiker Stephan Linck© Thomas Morell

Offene Schuldeingeständnisse der Kirche oder Aufforderungen zur Buße wegen ihrer Nähe zum NS-Regime habe es in den Monaten nach Kriegsende im Norden kaum gegeben, so die Beobachtung des Historikers. Der Alltag sei bestimmt gewesen von materieller Not, Angst vor Kriminalität und der Sorge um die deutschen Kriegsgefangenen. "Die Kirche wollte sich nicht gegen die Stimmung in den Gemeinden stellen."

Ein Viertel aller Geistlichen mussten in Lübeck ihre Pastorenstellen verlassen

Die Kirchen sind nach Recherchen Lincks sehr unterschiedlich mit NS-belasteten Pastoren umgegangen. Am härtesten sei die Lübecker Kirche, eine Hochburg der "Deutschen Christen", gegen die Nazis in ihren Reihen vorgegangen. Bischof Erwin Balzer wurde aus dem Amt gedrängt und Vertreter der "Bekennenden Kirche" übernahmen die Kirchenleitung. Ein Viertel aller Geistlichen musste ihre Pastorenstellen verlassen. Die kleine Landeskirche Eutin wurde dagegen unter dem nationalkonservativen Propst Wilhelm Kiekbusch zum Sammelbecken von profilierten Alt-Nazis.

In der Landeskirche Schleswig-Holstein, die auch weite Teile Hamburgs umfasste, trat der NS-nahe Bischof Adalbert Paulsen unmittelbar nach Kriegsende zurück und wurde später Pastor in Hamburg-Lohbrügge. Mit Wilhelm Halfmann (Kiel) und Reinhard Wester (Schleswig) wurden zwei Bischöfe der "Bekennenden Kirche" gewählt. Präsident des Landeskirchenamtes blieb das NSDAP-Mitglied Herbert Bührke. In Hamburg musste der erkrankte NS-nahe Bischof Franz Tügel zurücktreten und starb kurz darauf.

Das britische Militär erlaubte der evangelischen Kirche die Entnazifizierung weitgehend in Eigenregie. Bei rund 100 Theologen in Schleswig-Holstein meldeten sie jedoch Bedenken an. Doch am Ende bestanden die Briten nur in 16 Fällen auf einer Entlassung. Letztlich wurde nur ein Theologe dauerhaft entlassen.

Christlich-jüdischer Dialog "die absolute Ausnahme"

Überlebende Juden hätten von der Kirche "weder Unterstützung noch mitfühlende Zuwendung erhalten", stellt Linck fest. Stattdessen lehnte sie auch nach 1945 den christlich-jüdischen Dialog ab. Eine kirchliche Versöhnungsarbeit wie am ehemaligen KZ Ladelund an der dänischen Grenze, sei "die absolute Ausnahme" gewesen.

Große Verdienste haben sich nach Einschätzung Lincks die Kirchen in Schleswig-Holstein allerdings bei der Integration von Flüchtlingen aus dem Osten erworben. Sie machten 1945 rund zwei Fünftel der Kirchenmitglieder aus und waren eifrige Kirchgänger. "Die Kirche hatte die Hoffnung, dadurch auch wieder echte Volkskirche zu werden." Kirchliche Spitzenämter blieben den Flüchtlingen allerdings meist verwehrt. Erst in den 1960ern gelangten zwei Flüchtlinge ins Propstenamt - bei 22 Propsteien.

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