29. November 2020 | Hauptkirche St. Michaelis Hamburg

Eröffnung der 62. Aktion von Brot für die Welt

29. November 2020 von Kirsten Fehrs

Erster Advent, Predigt zu Matthäus 18,1-5 unter dem Titel „Kindern eine Zukunft schenken“

„Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all …“ Es ist erster Advent, liebe Geschwister, und wir Gotteskinder sind nun ganz entschieden auf dem Weg hin zur Krippe. „Zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall.“ Die Kleinen zuerst. Sie sind die Größten heute, bei der Eröffnung der 62. Aktion von Brot für die Welt. Kinder wie Rowena. Mit ihren Träumen und ihrer Wahrheit. Mit ihrem Glauben, Hoffen und Lieben. So verstörend die Welt ist, so überaus traurig, benachteiligt oder allein sich gerade in dieser Coronazeit viele fühlen, die Kinder zeigen nach vorn, hin zur Krippe, in der der Himmel auf die Erde kommt. In einem Kind. Und das verändert die Welt.

Das Kind, das die Welt verändert, dafür stehen Kinder sowieso und ohnegleichen. Sie sind die Größten heute, denn sie kehren so viele Dinge von unten nach oben, stellen Welten auf den Kopf und durchbrechen die Üblichkeit. In einem meiner Lieblingsadventsfilme gibt es dazu eine hinreißende Szene. Darin erzählt die kleine Tochter aufgeregt ihrer Mutter: „Sie haben die Rollen verteilt für das Krippenspiel!“ „Oh“, staunt die Mutter, und schaut ihre Tochter erwartungsvoll an. „Ich bin der Hummer!“, strahlt das Mädchen. „Der Hummer? Das soll ein Krippenspiel sein?“ „Ja! Ich bin der erste Hummer!“ „Bei Jesu Geburt waren sogar mehrere Hummer anwesend?“ „Ja, klar!“

Noch Fragen? Wie sich später herausstellt, gerät das ganze Krippengeschehen einigermaßen maritim. Der Engel ähnelt verdächtig einem Oktopus und überhaupt sieht der Stall eher wie ein Aquarium aus. Doch als sie singen, wie nur Kinder es können: „Mary had a little Baby“, die Maria mit einer übergroßen Babypuppe im Arm, ist es gleich, ob‘s der Hummer ist oder der Esel. Alle haben sie Raum in der Herberge Gottes. In Bethlehem, New York und Hamburg auch. Eine Gemeinschaft der im Leben schwimmenden, der nach Liebe suchenden. Die Schrägen und die Geraden, alle sind in dieser kindlichen Krippenwelt ganz groß, weil geliebt.

Ihr Kinder, kommet. In den Mittelpunkt unserer Welt. Denn ihr gebt uns neue Perspektive. Und damit Hoffnung. So schenken Kinder uns Zukunft. Kongenial dazu das Motto der diesjährigen Aktion Brot für die Welt: „Kindern Zukunft schenken“, also der Zukunft wirklich Zukunft ermöglichen. Das ist Sinn und Ziel von Brot für die Welt, dieser sagenhaft wirkkräftigen Hoffnungsgemeinschaft der Arbeitenden und Gebenden. Und dies mit der klaren Ausrichtung, konsequent die Welt zum Guten zu verändern, in diesem besonderen Jahr für die Kinder. Ich danke Euch und Ihnen von Herzen dafür!

Denn seit Ausbruch der Pandemie fehlt Millionen Kindern die Möglichkeit zu lernen, zu leben, zu atmen. Sie leiden unter großer wirtschaftlicher Not, leiden unter Hunger, Bildungshunger auch, weil ihren Eltern das Einkommen weggebrochen ist; wir haben es vorhin im Interview gehört. Die Kinder leiden besonders unter Ausbeutung und Missachtung der Kinderrechte, sie leiden unter Eingesperrtsein und unter häuslicher Gewalt. Die Folgen von Corona treffen die Ärmsten und Kleinsten am härtesten. Deshalb ist der Aufruf zur Spende in diesem Jahr besonders dringlich. Durch Corona sind auch die Kollekten eingebrochen; Gelder fehlen, um jeden Hunger nach würdigem Leben und Gerechtigkeit zu stillen. Helft, liebe Geschwister, dass die Kinder eine Kindheit haben, in der sie spielen und lernen können, statt zu arbeiten und sich zu sorgen wie Erwachsene. Bitte liebe Geschwister, gebt, was Ihr könnt – auf allen Ebenen, einschließlich euerem Engagement für ein Lieferkettengesetz.

„Ihr Kinderlein kommet und lasst uns nicht ruhn, bis wir endlich mehr für Gerechtigkeit tun!“[1] Denn jedes Kind auf dieser Erde ist Gottes Kind, die Kleinen in den elenden Flüchtlingslagern der Welt, die Soldatenkinder und jedes Kind wie Rowena auf den Philippinen, das langsam wieder das Träumen lernt und das Hoffen. In jedem dieser kleinen Menschen können wir Gott selbst entdecken. Achtet also nicht eines der Kleinen gering, sie tragen Gottes Verheißung auf Zukunft in sich. Lasst sie kommen die Kinder, in unser Aufmerksamkeitsfeld, denn ihrer ist das Himmelreich. Sie sind das Maß unserer Ausrichtung. So stellt es Jesus auch im Evangelium klar und ein Kind in die Mitte der Jüngerschar. Die haben nämlich gerade gefragt, wer denn wohl der Größte sei – und dann auch noch im Himmelreich!

Wer ist der größte? Das klingt nach einem ziemlichen Geltungsbedürfnis. Und mir kommen sofort die Make-great-again-Parolen der vergangenen Monate in den Sinn. Und zwar nicht nur in den USA. Erschütternd, wie viele Menschen dafür mit ihrem Leben zahlen! Oder diese indiskutablen Aggressionen in unserem Land: Wer ist der Größte im Rechthaben, Abkanzeln, Ignorieren von Abstandsregeln und Maskenpflicht?

„Wahrlich“, sagt Jesus, „die Wahrheit ist: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Jesus macht das Kind zum Mittelpunkt der Gesellschaft – systemrelevanter geht nicht. Das heißt: Gott würdigt die Kleinsten nicht nur, er wirkt durch sie. Es gibt keine Erkenntnis Gottes, solange wir nicht umkehren und die Zarten und Wehrlosen, die Kleinen und Schutzbedürftigen in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen.

Das ist das Umstürzende in unserem Glauben, liebe Gemeinde, dass er die Verhältnisse umkehrt, ja, dass er aus der Umkehrung heraus denkt. Die Kleinen sind ganz groß. Und genau deshalb sollen Kinder wie Rowena ihre Stimme erheben. Hoffnungskinder, weil sie die Not genau kennen. Wir brauchen sie. So verunsichert, wie wir sind und erschöpft vom ganzen Abstandhalten und Nichtberührendürfen. Deshalb brauchen es die Menschen heutzutage, dass wir hoffen – und zwar gerade über uns selbst hinaus! Hoffnung entsteht ja gerade nicht aus dem, was ich an begrenzter Vorstellung in mir habe. Ich kann meine Unsicherheit vor der Zukunft nicht durch mich selbst beschwichtigen. Hoffnung beginnt aber dort, wo mein Horizont überboten wird. Durch die Zusage eines Höheren, der größer ist alle Vernunft. Einer, der Zuversicht gibt, ohne dass ich weiß, was kommen wird.

Gerade Kinder können das. Sie können von der Hoffnung erzählen. Davon, dass bei Gott jeder eine Herberge und Heimat hat. Rowena erzählt davon. Und hier bei uns der neunjährige Niklas aus dem Osdorfer Born, eines der zwölf Kinder, die an zwölf Hamburger Kirchen das Hoffnungsleuchten für unsere Stadt einschalten. Keine Festbeleuchtung, sondern zartes Licht, das daran erinnert: Die Hoffnung kommt auch manchmal leise daher, zart und zerbrechlich – wie ein Kind. So erzählte gestern Niklas, was ihm Hoffnung gibt: Wenn wir handeln und uns nicht abfinden damit, dass Kinder in der Welt hungern und leiden. Und dass wir Kraft dafür bekommen, wenn wir zu Gott beten. Denn Gott hört und schützt uns. Dass Gott uns einen Schutzengel schickt, das glaubt er, und er macht deshalb mit beim Hoffnungsleuchten und zündet das Licht an, damit der Schutzengel uns alle auch finden kann!

Ihr Kinderlein kommet, hinein in unser Herz. Mit euren Hoffnungen, so weltumspannend verschieden, in unsere Enge. Mit eurem Vertrauen in unseren Größenrausch. Mit eurer Freude, die dem Wunder glaubt, hinein in unsere Verzagtheit.

Wie die Kinder zu werden, das ist das Ziel. Und dann, ja, dann bei der Krippe anzukommen. Jedes Gotteskind in unserer großen Weltenfamilie. Die Marias und Rowenas. Josef und José. Die Hirten und die Verirrten, Ochs und Floh, Engel und Esel, nicht zu vergessen Hummer 1 und Hummer 2. Alle gehören sie an die Krippe, in die Herberge Gottes, in der jede*r in Würde einen Platz hat. In voller Größe.

Und das Kind in der Krippe – es wartet schon. Es weiß, dass alle um seinetwillen kommen, damit die Welt sich ändert. Jeden Tag neu. Dazu will es uns heute schon sagen: Ihr seid Gesegnet. Geliebt. Ganz groß. Wie ein Kind.

„Ein Kind, das braucht Liebe und Pflege und Schutz.
Ein Kind armer Leute, geboren im Schmutz,
das ist Gottes Zeichen, nicht Geld, Macht und Krieg.
Ganz niedrig und nah, so kommt Liebe zum Sieg.“1

Und der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

[1]Das Lied „Ihr Kinderlein kommet“ mit neuer Textfassung war eines der Leitmotive des Gottesdienstes.

Datum
29.11.2020
Quelle
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Von
Kirsten Fehrs
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