1. Januar 2023 | Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg

Krippenandacht an Neujahr

01. Januar 2023 von Kirsten Fehrs

Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs zu Genesis 16,13

Liebe Neujahrsgemeinde,

auf meinem Schreibtisch steht seit einigen Tagen eine der vielen Weihnachtskarten, die ich geschenkt bekommen habe. Auch sie mit der Jahreslosung. Darauf ist eine Teeschale mit blau-weißem Muster zu sehen; ein wunderschönes Himmelsblau, durchzogen von etlichen auffälligen Goldadern.

Kennen Sie Kintsugi? Das ist eine traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik, wenn sie zerbrochen ist. Dabei wird interessanterweise nicht versucht, die Teile wieder so zusammenzufügen, dass die Risse und Bruchkanten unsichtbar werden, sondern genau das Gegenteil: Der Bruch wird vergoldet. Aus dem Kaputtgegangenen entsteht eine Kostbarkeit. Eine neue Teeschale, die man wieder benutzen kann. Mit einer ihr eigenen Schönheit, die dadurch entsteht, dass die Bruchstellen golden hervorgehoben werden. Der Schmerz wird also gerade nicht unsichtbar gemacht, mit dem Gold wirst du vielmehr eingeladen hinzusehen.

Immer wieder neu hinsehen, auch um den Schmerz nicht zu übersehen. Ich finde das eine beeindruckende Sicht auf die Jahreslosung: Sie weist auf einen Gott, der uns in unserer Gesamtheit sieht, und Ansehen gibt. Und zwar nicht trotz, sondern mit unseren ganz individuellen Brüchen in der Lebensbiographie. Jeder Mensch hat und kennt sie, vertane Chancen, Enttäuschungen, Liebeskummer, Krisenwunden. Und normalerweise halten wir dies sorgsam verborgen. Es ist eben gerade nicht so „schön“, anderen gegenüber die eigene Verletzlichkeit zu offenbaren, allemal in einer Gesellschaft der Starken.

Und hier nun – bei dieser Teetasse wird genau dies scheinbar Unvollkommene und Schwache vergoldet und zur Kostbarkeit erklärt. Und damit eben die Erfahrung gewürdigt, dass Zerbrochenes sich wieder fügt, dass der Himmel wieder blau werden und die Hoffnung uns neu erfüllen kann wie ein Gefäß.

Auf diese Weise neu hinsehen, und damit genau dies tun, was die Jahreslosung so stark macht: Hinsehen mit dem Schmerz, ja, aber auf Hoffnung hin.

Hinsehen und hindenken und hinbeten, natürlich tun wir dies doch auch in diesem neuen Jahr zu unseren Brüdern und Schwestern im Osten, die existentiell von dem barbarischen Angriffskrieg auf die Ukraine getroffen sind. Ein Krieg, in dem nicht allein tausende Menschen, auch russische Soldaten sterben, sondern in dem die Menschlichkeit stirbt. Wir sehen diesen gewissenlosen Diktator, der alles in Grund und Boden bombt und weltweite Hungersnot verursacht. Fassungslos sehen wir hin und denken und beten für sie, die dieser, nein, jeder Diktatur die Stirn bieten und als politische Gefangene etwa jetzt in Belarus in Isolationshaft sitzen. Sie, die vielleicht in diesem Moment in ihrer Verzweiflung fragen: Wo ist der Gott, der mich sieht?

Liebe Geschwister, hinschauen ist das Wenigste! Wir denken, schreiben, beten, und sagen damit: Wir achten auf euch. Wir vergessen euch nicht. Und mehr noch: So viele Hamburger:innen haben handfest angepackt und geholfen, haben ukrainischen Frauen und Kindern Kleidung, Essen und Obdach gegeben, und das jetzt schon über zehn Monate. Sie zeigen: Hinsehen ist die Gegenbotschaft zur Gleichgültigkeit. Wir gehen über den Schmerz nicht hinweg – und Gott zuallererst nicht.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ – so sagt es Hagar in der Wüste. Schwanger ist sie und auf der Flucht. Sie könnte eine der Ukrainerinnen sein, die erschöpft und traumatisiert immer noch auf unseren Bahnhöfen ankommen und irgendwo in den inzwischen überfüllten Unterkünften Ruhe suchen. Hagars Geschichte ist eine der ältesten in der Bibel, etwa 3.000 Jahre alt. Sie flieht zwar nicht in einem Krieg, aber sie flieht vor Hass und Missachtung. Ihr Menschenrecht wurde mit Füßen getreten und sie buchstäblich in die Wüste geschickt. Damals durchaus nicht ungewöhnlich – sie ist eine Frau, sie ist eine Magd, sie ist eine Fremde.

Und ausgerechnet zu ihr kommt Gott mit seinem Engel. Er sieht sie – in ihrer Wut und Empörung und trotzigen Würde – und stellt die Frage der Fragen: Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Ich bin auf der Flucht, antwortet sie.

Doch der Engel fragt ja tiefer noch: Wo kommt es her, wo geht es hin, dein Leben, was ist sein Sinn und dein Ziel? Es ist das ungeborene Kind. Die neue Geburt inmitten der Wüste. Die gute Hoffnung. Der Engel segnet Hagar und ihr Kind und sagt damit: Gott hat gehört deine Not. „Du bist ein Gott, der mich sieht“ sagt Hagar daraufhin dankbar. Endlich sieht sie jemand, da am Rand ihrer Kräfte, mitten in der Wüste, am Rand der Gesellschaft

Diese alte Geschichte versteht viel. Mag sein auch von uns. Von unseren Wüstenzeiten. Fluchten. Davon, wie wir uns auch schon missachtet gefühlt haben. Ausgegrenzt. Nicht gehört, weil nicht gesehen. Nicht gesehen zu werden, so als wäre man kein Mensch mit Gefühlen und Achtung im Leib, das ist echte Wüstenzeit. Da verdurstet der Lebensmut.

Und wenn ich die Begegnungen im vergangenen Jahr Revue passieren lasse, gerade auch mit jungen Menschen, habe ich doch oft den Eindruck gehabt, sie fühlten sich viel zu wenig zu gesehen. In der Pandemie vor allem. Aber auch in ihren Ängsten vor Krieg und Klimakrise. Überhaupt – dass im Moment nur Krise ist, und es keinen Ausweg zu geben scheint. Mir kamen die Jugendlichen seelisch sehr zerbrechlich vor. Und nicht nur sie, diese Dauerkrise macht doch etwas mit uns allen, liebe Geschwister? So viele Probleme gleichzeitig, die es zu lösen gilt! Ob in Unternehmen, in den Familien, in der Kirche – die Erschöpfung sitzt tief.

Auch übrigens die Erschöpfung vom Daueralarm. Ich glaube, wir fühlen es alle: Es steht eine tiefgreifende Wandlung an, in diesem Land und überhaupt. Wir werden nicht ins vermeintlich Normale zurückkehren. Aber genau das mag uns doch Hoffnung geben? Vieles ist es doch wert, verändert zu werden! Dass wir nachhaltiger wirtschaften, Müll reduzieren, weniger Lebensmittel wegwerfen, mehr singen wie der Chor hier, was weiß ich. Den Blick neu ausrichten, neu hinsehen, das ist doch dran! Gerade auch mit so einer Jahreslosung im Rücken: Gott ist einer, der uns sieht! Mit unserem Mühen und Brüchen, ja, aber auch mit unserer Kraft. Wir überstehen das, heißt das.

Denn wir haben die Kraft der Hoffnung in uns, die geboren wurde, als mit dem Krippenkind der Himmel auf die Erde kam. Mitten hinein in eine Welt, die schon damals unter Krieg und Schmerz litt. Sehen wir neu hin – das ist die Pointe – sehen wir aufs Ganze, auf den Schmerz und die Schönheit. Die Schönheit dieses, nein, jedes Neugeborenen, das der Welt ein so unglaublich freundliches Gesicht gibt. Die Schönheit der Musik, die heute in Bachscher Manier vom Danken singt und mir wie jedes Jahr zu Neujahr klar macht, wie viel es zu danken gibt!

Und schön – ganz anders schön empfinde ich auch ein klares Wort, das sich für andere einsetzt. Oder eure Herzenswärme, die den Frierenden mit ihren stampfenden Füßen die Hand reicht. Eure Courage für Mutter Demokratie. Überall Schönheit, die die Not nicht übersieht. So genau lebt ja christliche Hoffnung, dass dieser Blick auf die Kostbarkeit des Lebens uns rettet. Dass sie aus der Angst herausführt, statt in sie hinein.

Es geht also inmitten dieser Zeit um eine Sicht-Wende. So gesehen ist die Jahreslosung 2023 ein Geschenk. Ich kann nämlich vertrauen, sagt sie. Gott sieht mein Ich, das ich sein will – und manchmal auch sein muss. Es ist die Würdigung meiner Existenz – mitsamt ihren Goldadern. In dieser Würdigung jedes einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit liegt die Kraft, die uns dann wirklich zu verwandeln vermag. Im Alltag, manchmal unscheinbar, dann wieder mit Pauken und Trompeten. Das, liebe Gemeinde, ist Gottes Blick, mit dem wir wahrlich behütet ins neue Jahr gehen können!

Auch weil es eben nicht der wertende Blick von oben ist, gar von oben herab. Im Gegenteil – Sichtwende. Dazu eine kleine Schlussepisode. Traf ich jüngst einen bekannten Meteorologen, der viel Kluges sagte über das Klima – auch unter uns – und über den Himmel und sein Blau. Auf die Frage, wo denn nun genau der Himmel beginnen würde, antwortet er: meteorologisch direkt an deinen Füßen. Wunderbar, sage ich, das heißt ja: Wir sind, stehen und gehen die ganze Zeit unseres Lebens mitten im Himmel. Durchschreiten ihn, jeden Tag. Und Gott geht dann ja direkt neben uns, ist ganz nah; Gott, der uns sieht. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes, frohes neues Jahr – mit dem Blau des Himmels und seinem Gold darin. Amen.

Datum
01.01.2023
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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