Freitag, den 03. April 2026

Macht-Spiele. Ökumenischer Kreuzweg in Lübeck - Station 5: Jerusalemberg – Jesus stirbt am Kreuz

03. April 2026 von Kirsten Fehrs

Ansprache zu Lukas 23,44-49

Wenn dies jemals ein Macht-Spiel war, es endet hier. Am Kreuz von Golgatha. Die Machthaber aber spielen nicht. Sie morden. Allein um ihrer Macht willen. Um Gerechte aus dem Weg zu räumen. Um Zeuginnen und Zeugen einzuschüchtern.

Der unfassbar qualvolle, öffentliche Tod setzt auf die Ohnmacht der Machtlosen, auf ihr Erstarren im blanken Entsetzen. Brutale Gewalt kann Widerstand brechen. Kann Menschen lähmen und verzweifeln lassen. Damals und heute auch.

Heute gehe ich das 15. Mal den Kreuzweg in Lübeck mit, liebe Geschwister, und ich empfinde ihn dieses Jahr als besonders innig. Eine Gemeinschaft der nachdenklich Hoffnungsmutigen, die gemeinsam singen, beten, schweigen. Es geht Kraft davon aus – die Macht der Menschenfreunde. Ich danke euch von Herzen dafür.

Denn was wir derzeit auf allen Kanälen sehen, verdunkelt die Seelen. Furchtbar bedrückende Nachrichten aus dem Iran und dem Sudan, aus der Ukraine und den USA, aus dem Nahen und Fernen Osten. So viel Trauer und das Entsetzen all derer, deren Kinder, Partner, Eltern zu Tode geängstigt, gefoltert und ermordet werden. Jeden Tag, an viel zu vielen Orten dieser Welt.

Der Kreuzweg geht den Weg des leidenden Jesus Christus nach und mit. Bis zum Tod am Kreuz. Und wir sind mitgegangen. Ein so wichtiges Zeichen in dieser Zeit, in der Mitmenschlichkeit und Mit-Leiden als lächerliche Fehlentwicklung diskriminiert werden. Und Autokraten mit ihrem täglichen Irrsinn unglaubliches Elend und sinnlosen Tod verursachen. Deshalb stehen wir hier unterm Kreuz von Golgatha, öffentlich, gemeinsam, weil es wichtig ist, das Leiden zu sehen und zu bezeugen. Nicht wegzappen bitte. Hinsehen.

Wir dürfen uns nicht gewöhnen an die brennenden Städte und verwüsteten Landstriche, an den tausendfachen Tod durch Drohnen und Raketen. Wir dürfen uns nicht gewöhnen an Völkerrechtsbruch und Menschenrechtsverletzungen. Das vergossene Blut klagt die Mächtigen an: Sucht endlich Wege zu einem gerechten Frieden!

Und so harren wir aus am Kreuz und gedenken aller, die in den Kriegen fliehen müssen, um entsetzlicher Gewalt zu entkommen. Für sie müssen wir uns einsetzen, liebe Geschwister, Rückgrat zeigen in unserem Land, gerade weil die Populisten unserer Tage sich überbieten mit ihrer Hetze und ihrem Hass gegen Geflüchtete und Heimatlose. Auch in unserem Land – wir denken an die Notleidenden und unter Druck Geratenen hier, sehen jeden einzelnen Menschen, seine Bedürfnisse, seine Bedürftigkeit, seine unverbrüchliche Würde.

Und wir stehen heute unterm Kreuz, vielleicht auch dankbar, dass wir diesen Tod der an Leib und Leben Bedrohten nicht sterben? Was für eine Gnade. Was für ein unfassbares Glück, in einem Rechtsstaat zu leben, in dem Demonstranten nicht erschossen werden und Kritikerinnen nicht einfach verschwinden. Und zugleich: Was für eine große Aufgabe, diese Freiheit zu erhalten! Mit all unseren Kräften!

Wir müssen einander immer wieder aufrütteln und erinnern: Die Feinde der Demokratie sind zwar laut. Aber wir sind in der Mehrheit. Wir, für die Barmherzigkeit, Menschenwürde und Menschenrecht keine Fremdworte sind, sondern Gottes Namen. Diesen Gott bekennen wir – als Zeuginnen und Zeugen. Seine Macht ist die Liebe – und die gilt es in Spiel zu bringen. Heißt: nicht zurückziehen, liebe Geschwister, sondern reden, immer wieder, aufeinander zugehen. Einander den Friedensgruß entbieten. Einander zuwenden und sagen: Friede sei mit dir.

Friede sei mit dir – das ist unser Christusbekenntnis. So wie es auch der Hauptmann bekennt: „Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter.“ Für Jesus von Nazareth kommt diese Erkenntnis zu spät. Wie für so viele Opfer unserer Tage. Aber für uns ist sie ein neuer Anfang. Das Unrecht wird beim Namen genannt. Niemals darf der Tod das Ende sein. Die Gewalt darf und wird nicht das letzte Wort behalten. Nie. Nirgends.

Diese Wahrheit feiern wir – in zwei Tagen. Dass Jesus Christus nicht ans Kreuz genagelt bleibt, sondern für immer und ewig lebt und mit ihm die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit in unseren Herzen. Das ist unser Glauben, und neue Hoffnung steht auf. Hier unterm Kreuz von Golgatha. Amen.

Zum Anfang der Seite