8. November 2021 | Bremen

Morgenandacht auf der VELKD-Synode

08. November 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

zu Lukas 9, 1-6

I

Die Zukunft ist sein Land, dieses Land ist hell und weit - und die Tore dazu stehen offen.

Also auf, nur auf in dieses Land der Zukunft, wo das Leben sich ändern und neu werden darf. Auch das Leben der Kirche. Also auf, nur auf …

So viel Zukunft liegt in der Luft. So viel Sehnsucht ist in der Welt, dass das Leben anders werden möge. Liebevoller, gerechter, friedlicher. Dass es ein Miteinander auf dieser Erde geben möge, in dem wir das Leben aller Geschöpfe behüten und bewahren. Eine Sehnsucht nach Verbundenheit mit anderen Menschen hinweg über scheinbar feste Grenzen, so dass Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht, Konfession und Religion keine trennenden Kategorien sind, und schon gar keine, die Hierarchien und Vorrechte begründen oder rechtfertigen.

So viel Zukunft liegt in der Luft. Und so viel Angst ist in der Welt, dass das Leben tatsächlich anders wird. Dass es in Bewegung und Veränderung kommt, dass instabil werden könnte, was bisher Sicherheit und Orientierung verspricht. Und auch die Sorge ist da, dass im Streit um die Zukunft Konflikte sich zuspitzen: zwischen den Generationen um die Bewahrung der Schöpfung. Zwischen globalem Norden und globalem Süden um Gerechtigkeit und Teilhabe. Zwischen Nationen weltweit um kostbare Ressourcen. Und zwischen Christenmenschen auch darum, wie im weiten und offenen Zukunftsland die Gestalt der Kirche Jesu Christi aussehen wird.

II

Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht, / Aufzubrechen. So komm! daß wir das Offene schauen, / Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.[1]

Ganz so lockend wie ihn mit diesen Worten noch Friedrich Hölderlin beschrieb, ist der Blick in das Offene heute wohl nicht. Oder jedenfalls nicht nur.

Denn der Ruf zum Aufbruch ins offene und weite Zukunftsland ist beides zugleich: ersehnt und befürchtet, verlockend und ängstigend, verheißungsvoll und bedrohlich. Beide Seiten ringen miteinander. Mal sind sie verteilt auf verschiedene Menschen und unterschiedliche Interessengruppen, mal ringen sie miteinander in uns selbst. Mehrere Herzen in einer Brust. Verständlich ist deshalb die Sorge, dass aus dem Aufbruch ins offene Land der Zukunft am Ende nur ein zaghaftes Schrittchen vor die eigene Haustür wird. Und dass bei gut geplanten kirchlichen Zukunftsprozessen lediglich schöne Thesenpapiere entstehen.

Denn die Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft — der Ort des denkenden Ichs, wie die Philosophin Hannah Arendt ihn genannt hat — ist vielleicht auch ein Ort, der zum Verweilen und Bleiben einlädt, und weniger zu Aufbruch und Handeln. Beides, Aufbruch und Handeln, aber beginnt, so wiederum Hannah Arendt, mit dem „Finden des rechten Wortes im rechten Augenblick.“[2]

III

Der Evangelist Lukas erzählt:

Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle Dämonen und dass sie Krankheiten heilen konnten und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und zu heilen die Kranken.

Die Zwölf und ein Auftrag. Ausgesandt werden sie, von ihm, von Christus. Und das rechte Wort zur rechten Zeit für Aufbruch und Handeln, das hat er wohl gefunden, denn sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und heilten an allen Orten.

Die Zwölf - für den Evangelisten Lukas sind sie Sinnbild für die Kirche Jesu Christi. Wenn wir heute auf die Worte seines Evangeliums hören, gilt deshalb auch uns dieser Auftrag: Ausgesandt sind auch wir, seine weltweite Kirche heute, ausgesandt in das offene Zukunftsland. Damals wie heute mit einem klaren Auftrag. Dem Auftrag, zu tun, was bis zu dieser Aussendung, bis zu diesem rechten Wort zur rechten Zeit, allein Christus getan hat: Dämonen in Schach halten, also: das Böse in seine Schranken weisen. Keinen Raum lassen für Hass und Hetze, üble Nachrede, dreiste Lügen und raunende Verschwörungstheorien. Dämonen in Schach halten. Und Kranke heilen, also: den Mächten des Todes die Stirn bieten. An Krankenbetten wie mit rettenden Schiffen im Mittelmeer. In kriegerischen Konflikten und an Grenzzäunen der Festung Europa, die dort erscheint wie ein Hochsicherheitstrakt. Den Mächten des Todes die Stirn bieten, wo menschliches Leben in Gefahr gerät. So das kommende Reich Gottes verkündigen. In Wort und Tat.

Wie jeder Auftrag braucht auch dieser die richtige, die angemessene Ausrüstung. Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung? Welches Budget bekomme ich? Wie viele Mitarbeiterstellen sind dafür vorgesehen? So lauten die Fragen wohl heute, wenn es um einen Arbeitsauftrag geht. Die Ausrüstung, die Jesus den Zwölfen, seiner Kirche, mit auf den Weg gibt, besteht aus lauter Verneinungen: Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben. 

Ist das ein frühkirchliches Armutsideal, an dem sich heute zu orientieren nur wirklichkeitsfremde und schwärmerische Träumerei wäre? Oder ein Hinweis, was ausreichend sein kann auch für moderne Menschen, die in Jesu Auftrag unterwegs sein wollen? Wie zum Beispiel die Klimapilgernden, die sich in den letzten Monaten und Wochen aus vielen Teilen der Welt auf den Weg nach Glasgow zur Weltklimakonferenz gemacht haben. Dort setzen sie sich dafür ein, dass die Regierungen endlich handeln, um das 1,5 Grad-Ziel überhaupt noch erreichen zu können. Bei einer Begegnung mit Klimapilgernden aus Schweden hat mich beeindruckt, als sie erzählt haben: Auf diesem Pilgerweg merken wir, wie wenig wir brauchen, um gut leben zu können und wie vieles möglich ist, wenn wir miteinander teilen, was jede und jeder von uns dabei hat.

Ja, vielleicht erinnert das wenige, oder besser: das Nichts, das Jesus mitzunehmen empfiehlt, an die Ausstattung von Pilgern. Allerdings noch einmal zugespitzt: Nichts mitzunehmen, das ist heute und war auch damals eine echte Zumutung. Worum also geht es mit diesem Nichts, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; auch nicht zwei Hemden?

Ich denke: Es geht dabei um eine veränderte Haltung. Und die betrifft dreierlei: erstens ein neues Verständnis des Auftrages Jesu: Er schickt die Zwölf, seine Kirche, nicht an heilige Stätten, in befestigte Räume, sondern zu den Menschen. Dorthin, wo sie leben, wo ihr Alltag stattfindet.

Zweitens geht es darum, mit seiner befreienden Botschaft im Wortsinn unterwegs zu sein und mit ihr im Kontakt mit anderen Menschen Erfahrungen zu machen. Es geht darum, sich auszusetzen. Nicht als Bescheid Wissende, sondern als Mitfragende und Mitsuchende. Und auch als Angefragte und Unverstandene.

Drittens schließt die veränderte Haltung einen Rollenwechsel mit ein: von der vertrauten und sicheren Rolle der Gastgeber und Einladenden zu auf Freundlichkeit angewiesenen Gästen. Es geht also um erbetene und nicht um gewährte Gastfreundschaft.

IV

Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben. Christus sendet uns aus. Er schickt uns weg aus dem Gewohnten, dem Vertrauten, den alten Sicherheiten, damit wir endlich verstehen, was es heißt, Gäste zu sein. Seine Gäste.

Damit wir endlich verstehen: Wir sind Gäste. Alle, überall. Damit wir das verstehen und einander so zu Menschen- und Schöpfungsgeschwistern werden - barmherzig, liebevoll, einander verbunden. Denn wer einmal existentiell erlebt hat, was es heißt, herzlich eingeladen zu werden in ein gastliches Haus, an einen gedeckten Tisch, wer freundliche Offenheit und Neugier erfährt statt geschlossener Netzwerke, wird sich selbst verändern. Wer selber Gast sein durfte, wird ein Gastgeber, eine Gastgeberin, die sich nicht an der eigenen Selbstdarstellung und den eigenen Bedürfnissen, sondern an dem orientiert, was die Gäste suchen und brauchen. Diese Haltung gilt es zu lernen und einzuüben. Für die Zwölf damals, für uns als Kirche heute. In Zukunftsprozessen wie Gegenwartsfragen.

Dass das nicht allen leicht fällt, dass wir uns als Kirche damit auch durchaus schwer tun können, hat vielleicht mit einem Risiko zu tun, dass ich so formulieren möchte: „Wer draußen zu Hause ist, wird drinnen schnell fremd.“[3]Aber genau diese Fremdheit ist es, die wir so dringend brauchen. Denn gesandt zu sein, das bedeutet für uns als Kirche heute auch, zu Menschen jüngerer Generationen und anderer Kulturen, zu uns Fremden oder fremd Gewordenen zu sagen: „Du fehlst uns“. Sie alle fehlen uns, weil wir existenziell auf sie angewiesen sind, weil wir ohne sie nicht Kirche Jesu Christi sein können. Nicht ohne ihre Fragen und ihre Antworten auf die Grundfragen des Lebens.

V

Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben.

Wer wenig mit sich trägt, lernt vieles zu teilen. Wer angewiesen ist auf die Großmut anderer, bekommt ein weites Herz. Wer aufbricht und sich wegschicken, sich senden lässt, fängt an, sich auf die zu beziehen, die „nicht hier“ sind. Wer aufbricht und sich wegschicken, sich senden lässt, beendet ein sich-auskennen. Und erinnert sich und andere daran, dass die Urformel des Spirituellen genau das ist: der Entschluss zum Aufbruch.[4]

VI

Die Zukunft ist sein Land, dieses Land ist hell und weit - und die Tore dazu stehen offen.

Also auf, nur auf in dieses offene Zukunftsland in dem wir alle Gäste sind, alle überall. Gäste, die die Hoffnung teilen, die der Dichter Lothar Zenetti einmal so formuliert hat:

Einmal wird uns gewiss
die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter, die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge,
für die Luft,
die wir geatmet haben,
und den Blick auf die Sterne und für die Tage,
die Abende und die Nächte.
Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen
und bezahlen.
Bitte die Rechnung.

Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt der und lacht,
soweit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnü
gen!

Amen.

[1] Friedrich Hölderlin, Zeilen aus der Elegie „Brot und Wein“.

[2] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben. Piper, München, Zürich 2002, 36.

[3] Christian Bauer, Verwundeter Wandersmann? Michel de Certeau - eine biographische Spurensuche, in: ders./ Marco A. Sorace (Hrsg.), Gott, anderswo? Theologie im Gespräch mit Michel de Certeau, Ostfildern 2019, 13-84, 30.

[4] Vgl. den Satz von Hadwig Müller: „Die Urformel des Spirituellen lautet, dass es nichts ist als der Entschluss zum Aufbruch.“ in: dies., Croire bei Michel de Certeau oder die „Schwachheit zu glauben“. Notizen von der Reise in ein Land, in dem es sich atmen lässt, in: Christian Bauer/ Marco A. Sorace (Hrsg.), Gott, anderswo? Theologie im Gespräch mit Michel de Certeau, Ostfildern 2019, 107-129, 117.

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