5. September 2021 | Kirchengemeinde Rellingen

Ordinations-Gottesdienst am 14. Sonntag nach Trinitatis

05. September 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt über 1. Mose 28

Liebe Festgemeinde, liebe Ordinandinnen, liebe Ordinanden,

heute ist so ein Tag, da muss man nicht groß erklären, was Segen bedeutet. Ich bin sicher: Sie spüren ihn – ganz tief innen, mit einem Gefühl, das Sie ganz und gar ausfüllt, vielleicht den Tränen ein wenig näher als sonst. Ganz verschiedene Wege sind Sie bis hierher gegangen, reiche Erfahrungen und Lebensgeschichten bringen Sie mit. Wünsche, manche Enttäuschung und viele Träume schwingen jetzt mit in dieser Stunde, auf die Sie sich so lange vorbereitet haben. Studium, Zweifel, Vikariat, Umwege, Prüfungen – das alles ist jetzt vorbei, und vor Ihnen liegt die wirklich wunderschöne und oft so erfüllende Arbeit einer Pastorin, eines Pastors.

Als wir auf der Ordinationsrüstzeit über all dies sprachen, bin ich noch einmal ganz dankbar geworden, dass es Sie gibt. Mit all Ihren Gnadengaben und Besonderheiten. Was bringen Sie bloß alles mit: als Balletttänzerin, Notrufspezialist, Schauspielerin, Fotograf, Regisseurin, Cellist, Kulturwissenschaftlerin, Kellnerin, Pilgerchefin. Gute Güte, was haben Sie eigentlich nicht gemacht? Sie gemeinsam bilden ja selbst eine Kultur der Vielfalt. Verbunden mit einer Mischung aus ernsthafter Segenssuche, seelsorgerlichem Feinsinn und Humor – ich sage nur: Harald war immer dabei. Diese Ihre Fähigkeit, über den theologischen Tellerrand zu schauen, ist wunderbar für Neuanfänge!

Dass die Bibel für diese Neuanfänge viel anzubieten hat – einfach weil in ihr hochaktuelle existentielle Fragen vorkommen und all das Unverstandene, was Menschen über die Zeiten hin bewegt, in einen Sinnzusammenhang stellt – das ist Ihnen wichtig geworden. Bestes Beispiel: unsere Predigtgeschichte.

Da ist alles, nicht nur der Segen, sondern auch die Last, das Unschöne, die Sehnsucht nach Frieden in einem Traum gebunden. Kein Zufall: Träume sind ja Sprache der Seele. In ihnen „spricht“ der Mensch aus, wofür er am Tage keine Worte findet. So bewältigt er schwere Seelenlast. Und wenn jemand das nötig hatte, dann Jakob. Denn der ist in der absoluten Sinnkrise. Wir wissen: Den Segen seines Bruders hat er erschwindelt. Und nun ist er auf der Flucht, auch vor sich selbst.

Und dann schläft er. Erschöpft. Versteinert. Auf diesem Stein. Er träumt. Und da erst kann er erkennen, was die ganze Zeit da war: nicht etwa die Verurteilung, sondern Geborgenheit. Achtung. Neuanfang. Dass sich ihm der Himmel auf Erden noch einmal so öffnen würde, das hatte Jakob nicht mehr zu hoffen gewagt. Deshalb schickt ihm Gott diesen Traum. Damit er auf einer Himmelsleiter geschäftig Engel herauf- und heruntersteigen sieht. Was sage ich: sie rennen. Die einen Engel rennen nach oben, um schnell die Sorgenlast der Menschen zu Gott bringen, die anderen rennen herunter, um den Segen in die Herzen der Versteinerten, Unglücklichen, Sehnsüchtigen zu tragen. Denn die Menschen müssen es wissen: Du bist behütet. Wo immer es dich hinzieht.

Und diese geschäftigen Engel nun, diese Transport-Professionals, diese Brückenbauer über troubled water, können ganz real sein und neben dir sitzen … und Alexander, Verena, Johanna, Kaja, Laura oder Tobias heißen.

Sie sind Segensbotschafter*innen an der Grenze. Auch weil Sie selbst genau wissen, was es heißt, Zweifel und innere Nöte zu bestehen. Sie zeigen: Es gibt immer einen neuen Anfang. Und deshalb geben wir keinen verloren! Ja, mehr sogar: Du hast die Kraft, immer wieder über dich hinauszuwachsen. So genau hört auch Jakob Gottes großzügiges Versprechen. Er muss ganz erfüllt gewesen sein von diesem Segensgefühl. Und als er aufwacht, sagt er diesen unglaublich schönen Satz, den man so gern überliest: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“

Solche Jakob-Momente sind wunderbar, haben wir festgestellt. Diese überraschenden Momente, in denen man wie im Traum feststellt: Gott ist hier, und ich wusste es nicht. Ganz unverhofft und unerwartet ist da plötzlich diese unsichtbare Verbindung zwischen dem Himmel und meiner kleinen Erde, meinem Leben. Beim Gespräch mit dem Konfi. Im Krankenhaus. Am Sterbebett. Auf dem Pilgerweg. In Peru. Gott ist immer schon da. Und das heißt ja auch: Wir müssen ihn nirgends hinbringen. Wie erleichternd ist das!

Ich wünsche Ihnen viele solcher Jakob-Momente, die alles so sinnvoll machen, im gewöhnlichen Alltag, in höchstem Glück oder tiefster Trauer. Momente, in denen Sie die Herzen anderer erreichen, die auf ihre Weise glauben und davon träumen, dass Himmel und Erde sich nahe kommen. Seien sie Christen oder nicht.

Heute apropos nimmt genau in diesem Moment die Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg im jüdischen Kulturhaus den Segen in Form einer besonderen Tora-Rolle in Empfang. Mit genauso viel Feierlichkeit und Innigkeit und Zukunftshoffnung. Mit ihnen gemeinsam träumen wir in diesem Jakob-Moment den Traum von der Himmelsleiter. Von der Verbindung Gottes zu seinen Menschen. Und zum Glück haben wir in der schmerzvollen jahrhundertelangen Geschichte gelernt, anders als Jakob und Esau, um den Segen nicht zu konkurrieren, sondern ihn zu teilen. Geschwisterlich und immer mit dem Blick auf die Stadt, auf die Orte, für die wir gemeinsam ein Segen sein möchten. Damit möglichst viele Menschen sagen können: „Fürwahr, Gott ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“

Das ist unsere Aufgabe: Segensbotschafter*innen zu sein. Diese Zuversicht zu verbreiten, dass es mehr gibt als das Sichtbare, mehr als das Mühsame, mehr als das Endliche. Es ist so wichtig, gerade jetzt, da die Coronapandemie das Leben so vieler Menschen belastet und durcheinandergewirbelt hat.

Sie haben das ja auch erlebt mit einem Vikariat, das so ganz anders funktionieren musste, mit viel Improvisation und zweitbesten Lösungen. Dass das alles so ging mit ihrer harmonischen Gruppe das ist gut und das ist das Eine. Das andere: So viele junge Menschen sind jetzt am Anfang ihrer Ausbildung oder ihres Schullebens durch Corona belastet ohne Ende. Dies und die Sorge vor den Folgen des Klimawandels liegen wie ein dunkler Schatten auf vielen Seelen junger Menschen. Ich glaube, es ist jetzt wichtig, den Traum einer lebenswerten Zukunft immer wieder zu wecken und ihm Orte und Worte zu geben. Als Kirche „Bethel“ zu sein, Gottes Hoffnungshaus, das all die Erschöpften und Zweifelnden beherbergt.

Hoffnungsmutige Segensbotschafter*innen sind ganz besonders für die Menschen in Afghanistan nötig. Meine Gedanken und Gebete gehen zu ihnen, die dort unter der Taliban-Miliz furchtbares Leid erfahren. Sie, die für ein anderes, ein freiheitliches Leben gearbeitet haben und jetzt schlicht Rettung und Hilfe brauchen. Wir müssen klare Signale senden. Jetzt. Uns verantwortlich und menschenfreundlich zeigen – in Deutschland, in Europa. Mithelfen, dass auch vor Ort in diesem verzweifelten Land die Hoffnung auf ein Leben in Würde für alle wach bleibt, auch wenn diese Hoffnung gerade einen bitteren Rückschlag erlitten hat. Es gilt, den Traum der Versöhnung weiter zu träumen, den ja auch Jakob auf seiner Flucht vor dem Bruder erst lernen musste. Versöhnung, so Gott will, ohne Waffen und Gewalt.

„Wir träumen einen Traum, und wenn auch alle lachen, wir träumen einen Traum von einer besseren Welt.“ Wir brauchen euch dazu, liebe Ordinand*innen, jede und jeden einzelnen mit euren vielfältigen Gaben, euch, die Christus selbst nun in diese Welt sendet. Mitten in diese Welt mit ihrer Not und ihrer Schönheit. Wir brauchen euch auch in dieser Kirche, die solidarisch sein will mit den Bedrückten dieser Zeit, die diakonisch-kreativ sein will und einfühlsam und politisch wach. Seid so für euren Dienst gesegnet mit allen Engeln des Himmels. Bleibt behütet und bleibt sehnsüchtig – als Menschen, die noch träumen können …

… vom Frieden Gottes, höher als alle Vernunft – er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Veranstaltungen
Orte
  • Orte
  • Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Flensburg-St. Johannis
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gertrud zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien zu Flensburg
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Michael in Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Nikolai-Kirchengemeinde Flensburg
    • Ev.-Luth. St. Petrigemeinde in Flensburg
  • Hamburg
    • Hauptkirche St. Jacobi
    • Hauptkirche St. Katharinen
    • Hauptkirche St. Michaelis
    • Hauptkirche St. Nikolai
    • Hauptkirche St. Petri
  • Greifswald
    • Ev. Bugenhagengemeinde Greifswald Wieck-Eldena
    • Ev. Christus-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Johannes-Kirchengemeinde Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Jacobi Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Marien Greifswald
    • Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Greifswald
  • Kiel
  • Lübeck
    • Dom zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Aegidien zu Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Jakobi Lübeck
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Marien in Lübeck
    • St. Petri zu Lübeck
  • Rostock
    • Ev.-Luth. Innenstadtgemeinde Rostock
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock Heiligen Geist
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Evershagen
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rostock-Lütten Klein
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis Rostock
    • Ev.-Luth. Luther-St.-Andreas-Gemeinde Rostock
    • Kirche Warnemünde
  • Schleswig
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schleswig
  • Schwerin
    • Ev.-Luth. Domgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde Berno Schwerin
    • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Nikolai Schwerin
    • Ev.-Luth. Petrusgemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Schloßkirchengemeinde Schwerin
    • Ev.-Luth. Versöhnungskirchengemeinde Schwerin-Lankow

Personen und Institutionen finden

Info-Service

0800 5040 602

Montag bis Freitag von 9-18 Uhr kostenlos erreichbar - außer an bundesweiten Feiertagen

Sexualisierte Gewalt

0800 0220099

Unabhängige Ansprechstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Nordkirche.
Montags 9-11 Uhr und mittwochs 15-17 Uhr

Telefonseelsorge

0800 1110 111

0800 1110 222

Kostenfrei, bundesweit, täglich, rund um die Uhr. Online telefonseelsorge.de