Predigt am 1. Advent zur Eröffnung zur 67. Aktion von Brot für die Welt
30. November 2025
Jes 35,1 und 44,2-3.10
Durst nach Wasser.
Sicherlich kennen Sie das an einem heißen Tag. Wenn die Kehle ausgetrocknet ist. Wenn nur noch der Wunsch nach einem Schluck Wasser das Denken bestimmt. In wenigen anderen Situationen sind wir so sehr auf das zurückgeworfen, was wir sind. Lebendige Wesen, die zweifelsfrei nicht nur aus sich selbst heraus existieren können.
Lebendige Wesen sind wir, wir Menschen. Sind ganz und gar abhängig von Grundlegendem. Wasser. Luft. Licht. Wärme. Brot. Nähe. Liebe. Wir alle. Besonders am Lebensanfang. Kein Baby überlebt in vollkommener Dunkelheit, egal auf welchem Kontinent, egal in welcher Zeit. Aber auch nicht ohne menschlichen Kontakt. Was in der Seele zerbricht, wenn Säuglinge nicht geborgen und geliebt sind, kann keine Therapie der Welt wieder kitten. Nie. Auch das wissen wir.
Lebendige Wesen sind wir. Abhängig. Nicht nur am Beginn des Lebens, sondern lebenslang. Angewiesen darauf, dass die so genannten Grundbedürfnisse gestillt werden. Egal, wie alt wir sind. Denn auch wie eine schon altgewordene Seele zerbricht, wenn man nicht geborgen, gut versorgt und geliebt ist in den letzten Jahren eines Lebens, das wissen wir ebenfalls.
Menschsein bedeutet immer: abhängig davon zu sein, dass mir Grundlegendes geschenkt ist. Wasser. Luft. Licht. Wärme. Brot. Nähe. Geliebt werden.
So weit entwickelt die medizinischen Möglichkeiten gerade am Anfang und am Ende menschlichen Lebens sind – sie können menschliche Nähe und Wärme nicht ersetzen.
Abhängig sind wir. Immer schon und wir werden es bleiben. Das wird auch die Künstliche Intelligenz und kein Roboter der Welt ändern können.
Diese Ur-Abhängigkeit verbindet uns mit denen, die vor fast 3000 Jahren die Worte aufgeschrieben haben, die wir als Lesung eben gehört haben. Zusammengefasst im Buch des Propheten Jesaja.
Sie erzählen ja genau davon, diese Sehnsuchtsworte, diese Lebensvisionen der Propheten. Von dieser tiefen Abhängigkeit allen Lebens. Von Wasser. Von Licht. Davon, geliebt zu sein.
Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Und Gott gibt seinen Geist und seinen Segen.
Sie erzählen davon, was aufbricht, wenn dann Wasser fließt. Die Dürre wird frohlocken, die Steppe wird jubeln. Bilder, mit denen wir ja auch in unseren Breitengraden mehr und mehr anfangen können.
Nicht nur wir Menschen, auch die Natur ist ja wesentlich abhängig davon, dass ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden. Trockene Felder auch bei uns in Schleswig-Holstein, weil es monatelang nicht regnet. Nicht genügend Grundwasser. Und dann Starkregen, der auf die ausgetrocknete Erde prallt und mehr wegschwemmt, als wirklich tief in den Boden sickert. So hoch technisiert wir als westliche Industrienation auch sind – die besten landwirtschaftlichen Maschinen können fehlenden Regen nicht kompensieren.
Mich beeindruckt, wie aktuell die Worte des Propheten Jesaja in unsere Zeit hineinsprechen. Weil sie genau von dieser Abhängigkeit allen Lebens von Bedingungen sprechen, die außerhalb der eigenen Verfügbarkeit sind. Und die wir ja auf Schritt und Tritt spüren in diesen Wochen. Ob es um die Verletzlichkeit kritischer Infrastruktur geht oder auch um die Tatsache, dass unsere so kostbare Demokratie auch hier in Schleswig-Holstein gefährdeter ist als viele von uns sich je hätten träumen lassen.
Nicht ohne Grund fühlen sich so viele Menschen allein gelassen mit Ihren Ängsten und Nöten.
Mir sagte vor einiger Zeit ein junger Landtagsabgeordneter einer Partei, die nicht unbedingt dafür bekannt ist, sehr kirchennah zu sein, und der mir auch gleich sagte, dass er mit Kirche nichts am Hut hat: Euer Vorteil als Kirche ist, dass ihr in viel größeren Zeiträumen denkt. Ihr lebt aus einem Glauben, der viel beständiger ist als unsere schnelllebige Zeit. Ihr müsst euch nicht immer selber neu erfinden und euch nach jedem Fähnchen richten. Wir brauchen euren Blick auf die Welt gerade in diesen Zeiten.
Das hat mir gut gefallen. Denn er hat Recht.
Er hat vor allem Recht, weil ja wir Christen wie alle Glaubenden egal welcher Religion vor allem eins wissen: Es gibt eine Instanz außerhalb unserer selbst, aus der wir leben und auf die wir hinleben. Gott. Und dieses Wissen macht tatsächlich widerstandsfähig gegenüber schnelllebigen Trends oder aufgeheizten Debatten.
Den Verfassern der biblischen Texte geht es um diese grundlegende Perspektive, wenn sie zuallererst unsere menschliche Abhängigkeit darstellen. Wir leben „extra nos“ – nicht aus uns selbst heraus. Gott hat uns geschaffen und durch Gottes Gnade leben wir. Gott, das lebendige Wasser. Gott, die Geistkraft, die uns spüren lässt: Du bist gewollt und geliebt. Du sollst wachsen und gedeihen.
Unmissverständlich sprechen diese tausende Jahre alten Texte von einer unbändigen Sehnsucht nach Leben. Die klare Aussage dahinter: Niemand ist dazu geboren, ein verkrümmtes und vertrocknetes Leben zu führen! Um Gottes Willen – nicht!
Lebendiges Wasser soll strömen – für dich. Auf die trockenen Felder deiner Seele. Auf die durstigen Böden hier auf den Äckern. Das ist Gottes große und feste Verheißung für uns heute, am 1. Advent.
Und deshalb brauchen wir diese alten Worte der Propheten heute so nötig. Weil sie freilegen, was so häufig auch in unserem Leben verschüttet ist. Die wichtige Erkenntnis, dass wir eben nicht so unabhängig und autark sind, wie wir so häufig den Anschein geben. Obwohl wir ja ganz genau wissen, wie schnell eine scheinbar stabile Normalität ins Wanken geraten kann.
Jedes Hochwasser, jede Naturkatastrophe aber auch jeder persönliche Schicksalsschlag reißt uns heraus aus unserer Sicherheit und hält uns den Spiegel vor: Ein Mensch bist du. Angewiesen und bedürftig.
Und dies gilt eben nicht nur für uns als Individuen. Es gilt auch für uns als Gesellschaft, sowohl hier in Schleswig-Holstein, in Deutschland, Europa aber auch weltweit.
So sehr es auch viele ins Private drängt, ins eigene zu Hause, so sehr sind wir doch darauf angewiesen, dass wir uns als Gemeinschaft begreifen!
Diese Erkenntnis geht natürlich gewissermaßen gegen den Trend. Nicht nur die großen Kirchen, auch Parteien, Vereine oder Gewerkschaften verlieren Mitglieder. Für immer weniger Menschen erscheint es sinnvoll, in unser Gemeinwohl zu investieren.
Aber auch hier gilt eben: Allein können wir es nicht schaffen. Wir sind aufeinander angewiesen und können nur gemeinsam unser Leben und unsere Gesellschaft gestalten.
Jedes Hochwasser, jede Pandemie zeigt uns das aufs Neue.
Das bezieht natürlich den Blick über den Tellerrand automatisch mit ein.
Ob es dafür den Glauben an Gott braucht, darüber kann man streiten. Eins jedoch ist offensichtlich: Es schadet nicht. Es schadet überhaupt nicht. Anzunehmen, dass es einen Gott gibt, der uns liebt. Der will, dass wir leben. Der uns alle zu seinem Ebenbild geschaffen hat – schön und einzigartig.
Insofern schadet auch ein Gottesbezug in einer Verfassung nicht. Insbesondere nicht, wenn er nicht auf eine Religion beschränkt ist. Er behindert nichts, aber er eröffnet eine wichtige neue Perspektive. Nämlich die, dass wir eben nicht alles aus uns selbst heraus regeln und retten können.
Ich bin davon überzeugt, dass wir diese Perspektive auf unser Leben, auf unsere Gesellschaft in all den vor uns liegenden Herausforderungen nötig brauchen. Weil sie einen realistischen Blick auf unsere Möglichkeiten eröffnet und einübt in etwas, das aus der Zeit gefallen scheint und dennoch heilsam alles an seinen Platz ordnet: Demut.
Lebendige Wesen sind wir. Abhängig und bedürftig. Von Anfang an und lebenslang. Und genau dazu von Gott unendlich geliebt.
Diese Bedürftigkeit anzuerkennen, sie freizulegen, immer wieder. Das ist bleibende Aufgabe für uns alle. Die eigenen Dürren Gott hinzuhalten. Zuzugeben, dass wir es nicht allein schaffen. Das klingt klein, ist aber ein großer Schritt.
Deshalb laden wir Sie ganz herzlich ein, gleich nach der Predigt Ihre eigenen Hoffnungen, Ihre eigene Sehnsucht auf einen Wassertropfen zu schreiben.
Denn darum geht es im Advent, der heute beginnt. Die eigenen ungestillten Sehnsüchte wahrnehmen. Die eigene Bedürftigkeit nicht durch Stärke überspielen, sondern gerade in ihr die eigene Stärke zu entdecken.
Weil wir nur so wieder zu uns selbst, als Gemeinschaft zueinander und zu Gott finden. Genau dafür soll jetzt im Advent Zeit sein. Ein Weg vom Dunkel ins Licht.
Was wir damit machen, liegt an uns. Eins aber gilt. Gottes Zusage, dass lebendiges Wasser in unsere Dürren strömt. Dass Gottes Geist über uns ausgegossen wird und wir spüren. Wir. Ja wir. Und zugleich alle Menschenkinder auf diesem ganzen Erdball – sind Gottes geliebte Geschöpfe, deren Durst nach Wasser, nach Luft, nach Nähe und Liebe gestillt werden soll. Weil niemand von uns von Gott dazu bestimmt ist, innerlich oder äußerlich zu verdursten und ein verkrümmtes Leben zu führen. Niemand.
Amen