22. August 2021 | Dom zu Lübeck

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis

22. August 2021 von Kirsten Fehrs

Predigt zu Jesaja 29,17-24

Liebe Gemeinde!

Wie habe ich mich auf heute – und auf die Gemeinschaft mit Ihnen – gefreut! Wir singen wieder; wir feiern wieder zusammen Abendmahl. Nach so langer Zeit des liturgischen Fastens werden die Gottesdienste wieder ein wenig „wie früher“. Wo immer ich hinkomme spüre ich darüber Erleichterung. Das Vertraute, Gewohnte tut der Seele so gut. Es hat wirklich gefehlt in diesen unsicheren Zeiten. Natürlich, geglaubt, gehofft und gebetet, Verbindung gehalten – das haben wir auch mit den Einschränkungen der Pandemie. Mich beeindrucken immer noch das Engagement und die Kreativität, gerade auch im Digitalen, mit der Gemeinden und kirchliche Einrichtungen ihr Bestes gegeben haben. Und manchmal mehr als das. Glaube, Hoffnung und Liebe sind eben nicht an bestimmte Formen gebunden; sie leben in der Tat ebenso wie im Wort, analog wie digital. Dennoch: Es ist allem voran das Vertraute, das mich gewiss macht und trägt, so jedenfalls geht es mir. Es beruhigt meine Seele, gemeinsam mit Ihnen vom Morgenlicht zu singen und das Brot zu teilen.

Gleichzeitig sind da die vielen Nachrichten der letzten Tage und Wochen, die so überhaupt nicht beruhigen wollen. Die Pandemie ist nicht vorbei – und die Verunsicherung auch nicht. Der Klimawandel schickt nachhaltig und immer dringlicher seine Vorboten, und wir ahnen, welche Katastrophen er noch bringen könnte. Auf Madagaskar verhungern Kinder, und Menschen versuchen Leder in eine essbare Konsistenz zu bringen. Weil sie nichts anderes finden. Leder! Man stelle sich das vor. Und dann natürlich die Nachrichten und Bilder aus Afghanistan in den letzten Tagen, die die Menschen weltweit umtreiben. Erschrocken, ja fassungslos schauen wir auf Chaos, blanke Angst und brutale Gewalt, so rasant ist die Zerstörung, man kann es kaum glauben.

Unseren Glauben und unsere Hoffnung, ja und Menschen, die zeigen, dass sie glauben, hoffen und lieben, unbeirrt – mehr denn je brauchen wir das! Mein Eindruck ist: Die Welt ist ganz anders auf der Suche nach Hoffnung und Zukunft als noch vor ein, zwei Jahren. Intensiver, sehnsüchtiger. Und diese Aktualität bringt für mich tatsächlich der Jahrtausende alte Text von Jesaja auf den Punkt. Als wäre der für uns hier und heute geschrieben, blickt er in eine Zukunft, die zwar noch nicht da ist, aber die das Denken und Fühlen schon jetzt bestimmen soll.

„Wohlan, es ist noch eine kleine Weile“, tröstet Jesaja, „so soll der Libanon fruchtbares Land werden.“ Der Libanon, ausgerechnet der Libanon! Erinnern Sie sich? Es ist gerade mal ein Jahr her, dass diese fürchterliche Explosion Beirut zerstört und ein ganzes Land zu Boden geworfen hat. Selbst optimistischen Menschen fällt es schwer, sich für das Land eine gute Zukunft vorzustellen. Hoffnung? Unrealistisch! Wie zu Jesajas Zeiten, als viele Menschen den alten Versprechungen und Verheißungen nicht mehr glauben konnten. Sie waren keine Schwarzmaler. Sie waren wohl einfach realistisch.

Und dann kommt Jesaja und sagt: Ja, eine Weile dauert es noch. Aber Gottes guter Plan für das Leben, für die Menschen, für diese Welt – dieser Plan ist nicht aufgegeben. Jesaja bohrt sozusagen unsere realistische Wirklichkeit an, er bohrt Gucklöcher in die Mauer der Angst, um sichtbar zu machen, dass dahinter noch eine andere Welt, eine andere Wirklichkeit zu finden ist. Damit wir nicht blind werden in all dem Dunkel und damit wir ins Weite sehen können. Jesaja will den Glauben an eine andere Welt wecken, die es schon gibt. Mit seinen Gucklöchern durchlöchert er unsere dunkle, vermeintliche Gewissheit, dass Zerstörtes zerstört bleibt und dass manche es nie verstehen werden. Er durchlöchert die todbringende Überzeugung, dass, wer mal abgestürzt ist, nicht mehr hochkommt; dass Terrorismus nicht zu stoppen ist; dass Armut und Hunger Schicksal sind, dass Lüge, Bestechung und Betrug nun mal zum Geschäft gehören.

Jesaja bohrt diese unsere Mauer der dunklen Gewissheiten, die wie ein Gefängnis sein können, an. Er tut das sanft; er donnert nicht gegen die Arroganz der Welt. Denn er weiß, dass er aus Gefängnissen befreien will, in denen verängstigte Menschen festsitzen. Deshalb behutsam: nicht Wände sprengen, sondern Worte ins Herz senken. Worte, die einem neue Ansichten und Aussichten eröffnen. „Seht Ihr?“, fragt Jesaja. „Es soll der Libanon fruchtbares Land werden und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen“. Nur eine kleine Weile noch Geduld! Seht Ihr‘s schon?

Ja, wir sehen. Wir sehen dank Jesaja nach und nach diese andere Welt. Eine Welt hinter unserem Horizont. Gottes Welt. Wir sehen: Die Wüste blüht; die geistig Tauben, die Blödgeglaubten verstehen, die Elenden, Armen und Verängstigten freuen sich. Terror, Tyrannei und Unrecht haben ihr Ende gefunden und die Welt sieht klar. Wir sehen diese Wirklichkeit wie einen Traum – einen uralten Traum einer geeinten, gerechten Welt, wie Gott sie will.

We have a dream“, dank Jesaja – und damit schauen wir wieder in unsere Welt. Entsetzt von der Entwicklung in Afghanistan. Ein ganzes Land sieht sich der Gewalt fanatischer Taliban ausgeliefert, die Freiheit nehmen und ihre menschenverachtende Ideologie durchsetzen wollen. Dass das im Namen der Religion geschieht, schmerzt uns als Christinnen und Christen besonders. Und so sind wir mit Gedanken und Gebeten, und wo immer wir können auch mit Worten und Taten an der Seite derer, die auf ein anderes Afghanistan gehofft und dafür gearbeitet haben. Wir empfinden die riesige Enttäuschung mit, die der Rückzug der westlichen Staaten für sie bedeutet, gerade auch für die Frauen in Afghanistan. Die Pläne sind nicht aufgegangen und die bisherige Politik ist gescheitert. Dem müssen wir uns stellen – wenige Wochen, bevor sich der 11. September 2001 zum 20. Mal jährt.

Jetzt ist humanitäres Handeln gefordert. Jene Menschen, die sich für Freiheit und Demokratie in Afghanistan eingesetzt haben, sind in Gefahr und brauchen unsere Unterstützung. Sie, die um Leib und Leben fürchten müssen und auf Rettung und Zuflucht warten, sie brauchen uns jetzt, liebe Geschwister. Wir tragen Verantwortung – als Deutsche und als Europäerinnen. Wir tragen auch Verantwortung dafür, welches Gesicht unsere freiheitliche Gesellschaft jetzt zeigt, ob sie Grenzen und Zäune schließt, oder ob sie sich menschenfreundlich und verantwortungsbewusst zeigt.

Aber im Blick auf Jesajas Traum ist die wichtigste Botschaft für mich heute: Die Entwicklung der letzten Wochen ist ein Rückschlag, aber sie ist keine Niederlage. Die Hoffnung auf ein freies, friedliches und gerechtes Zusammenleben aller Menschen lebt weiter. Auch in Afghanistan. Und ich bin überzeugt: sie wird sich durchsetzen. Früher oder leider später. Denn eine ganze Generation dieses so jungen Landes (zwei Drittel sind unter 25 Jahre alt) ist in den vergangenen 20 Jahren inspiriert und geprägt worden von der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Keine Gewalt darf und kann diese Hoffnung auslöschen. Daran glauben wir gemeinsam mit so vielen Menschen aller Religionen, auch mit Musliminnen und Muslimen. Deshalb gilt es einmal mehr, am Dialog festzuhalten und gemeinsam Wege des Friedens zu suchen. Daran arbeiten wir. Dafür werben wir. Dafür brauchen wir in Politik und Gesellschaft glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen. Menschen, die wie Jesaja ganz realistisch und zugleich wagemutig den Traum nicht aufgeben, sondern hoffen und glauben: „Es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, mit allen, die darauf aus sind, Unheil anzurichten.“

„Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen …“ Eine kleine Weile noch, ihr werdet sehen. Darauf lebt Jesaja zu, so wie es sich heutzutage auch so viele junge Menschen wünschen und erhoffen. Allerdings – mit der „kleinen Weile“ haben sie deutlich Mühe. Immer ungeduldiger fordern sie Taten, weil sie für die Zukunft unseres Planeten schwarz sehen. Und sie haben so Recht! Es ist ernst, das hat der jüngste Weltklimabericht wieder deutlich vor Augen geführt, bedrückend begleitet von furchtbaren Fluten und Feuern. Werden wir Verstand annehmen? Uns belehren lassen? Hören wir hin, liebe Geschwister, hören wir die tiefe Sorge vieler junger Menschen, die sich um ihre Zukunft gebracht sehen, ganz ernsthaft, durch Corona noch einmal mehr! Hören wir sie, auch wenn sie wütend werden. Denn wir können von ihnen die Leidenschaft lernen, mit der man einen guten Traum für eine gute Zukunft nicht aufgibt. Die jungen Menschen haben ihn noch, den Glauben daran, dass diese Welt eine andere werden muss und kann. Dass so viel in uns ist und wir es ganz konkret schaffen umzukehren, um gemeinsam den Traum einer besseren Welt Wirklichkeit werden zu lassen. Und das ist eine Welt, liebe Gemeinde, … nur eine kleine Weile noch …

Dann wird weltweit das saubere Wasser gerecht verteilt
und auf zerbombtem Land neu das Feld bestellt.
Keiner wird niedergeschlagen.
Auch unsere Augen nicht, sie schauen ausnahmslos jeden offen an.
Jedes Kind auf der Welt erhält drei nahrhafte Mahlzeiten am Tag.
Volksverhetzer werden ausgelacht.
Nörgler umarmt.
Nur eine kleine Weile noch.

Sorgen und Angst wollen uns wohl gefangen nehmen und sie finden Grund genug. Aber es kommt die Zeit, da werden die Tauben hinhören und die Elenden wieder Freude haben. Und die, welche irren, werden endlich Verstand annehmen …

Das ist der Friede Gottes, höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Datum
22.08.2021
Quelle
Kommunikationswerk der Nordkirche
Von
Kirsten Fehrs
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