Ostersonntag | 17. April 2022 | 10.40 Uhr | Dom zu Lübeck

Predigt am Ostersonntag 2022

17. April 2022 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

I

Es sind drei Frauen, von denen an Ostern erzählt wird. Deshalb will auch ich heute morgen von drei Frauen erzählen. Dreimal drei Frauen.

Zuerst: Drei Frauen am Ostermorgen: Maria Magdalena, Maria und Salome. Sie suchen das Grab eines Menschen, den sie geliebt haben. Eines Menschen, mit dem sie so vieles verbunden hat. Auch: die Hoffnung auf Gottes Reich des Friedens und der Barmherzigkeit. Als sie sein Grab gefunden haben, bewegt sie nur eine Frage: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

 

II

Drei Frauen an Ostern: Natalya, Jekaterina, Halyna. Natalya lebte einmal bei Bohdaniwka, einem Vorort von Kiew. Ein bescheidenes Leben mit Mann und kleinem Sohn. Als der Krieg kam, sind sie geblieben. Als die russischen Soldaten kamen, so erzählt es Natalya einem Fernsehsender, haben sie ihren Mann ermordet, sie selbst mehrfach vergewaltigt. Als die Soldaten betrunken waren, konnte sie schließlich mit ihrem ihrem vierjährigen Sohn vor ihnen fliehen. Ob ihr Mann ein Grab hat, zu dem sie einmal gehen kann? Wer weiß das schon.

Jekatarina, Mitte fünfzig ist sie alt. Sie lebt in St. Petersburg. Arbeitet als Lehrerin. Ihr jüngster Sohn ist bei der Armee. Im Februar rief er an: Mama, wir werden nach Süden verlegt. Jekatarina hat Angst, aber ihr Sohn hat sie beruhigt. Mir passiert nichts, Mama. Seit zwei Wochen hat sie nichts mehr von ihm gehört. Wenn Sie seine Nummer wählt, ist es still in der Leitung. Bei der Armee bekommt sie auf ihre Fragen keine Antwort. Wird sie einmal das Grab ihres Sohnes suchen müssen?

Halyna kommt aus Nikopol. Eine Woche war sie mit der Mutter und den beiden kleinen Geschwistern unterwegs, bis sie schließlich in Polen angekommen sind. Du nimmst die Kleine, hat die Mutter gesagt, ich deinen Bruder. Ganz fest hat Halyna die Hand ihrer kleinen Schwester Alevtina gehalten, damit sie im Chaos der Flucht nicht verloren geht. Alles ist gut gegangen. Sie ist stolz, dass sie das geschafft hat. Sie ist ja erst zehn Jahre alt. Jeden Tag denkt sie an ihren Vater, der in der Ukraine geblieben ist.

Natalya, Jekatarina, Halyna. Drei Frauen am Ostermorgen. Wer wälzt Ihnen den Stein von ihres Herzens Tür?

 

III

Maria Magdalena, Maria und Salome - die drei Frauen am Ostermorgen haben Erfahrungen gemacht mit dem Tod. Er hat viele ihrer Hoffnungen zunichte gemacht. Auf dem Weg zum Grab aber treffen sie auf einen, der eine himmlische Botschaft für sie hat:

Fürchtet euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.

Was mag und was soll das bedeuten? Was heißt das für sie? Zunächst einmal macht es sie sprachlos. Erst später werden sie anderen erzählen, was sie erlebt haben. Dann sagen sie es so: Gott hat Christus nicht verlassen. Auch nicht am Kreuz, auch nicht im Tod. Sein Tod war das Ende nicht. Was genau das bedeuten mag, wird ihnen und allen, denen sie davon erzählen und die davon bis heute hören, erst allmählich deutlich.

Tastend und suchend sagt es sich vielleicht so: Gott hat Christus nicht verlassen. Er hat ihn nicht dem Tod überlassen. Er überwindet den Tod mit neuem Leben. Und wenn er das vermag, den Tod besiegen, dann wird er alles überwinden, was Leben beschwert, bekämpft und beendet. Und wenn er es bei Christus vermag, ein mal für alle mal, dann auch für uns, für dich, für mich. Jahre später der Apostel Paulus: Gott ist es, der die Toten lebendig macht, und das, was nicht ist, ins Leben ruft.

Die drei Frauen am ersten Ostermorgen werden die ersten Zeuginnen der allen Tod und alles Böse überwindenden Liebe Gottes. Zeuginnen der Auferstehung. Zeuginnen eines neuen Lebens. Die ersten, die vom christlichen Glauben erzählen. Die ersten, die darauf vertrauen, dass Gott Böses nicht nur überwinden kann,  sondern dass er es in Tod und Auferstehung Jesu Christi überwunden hat. Und dass er es deshalb in jedem Leben, auch in unserem je eigenen Leben, überwinden kann und wird. Ostern, das bedeutet seit damals: Mit dem Tod endet nicht alles Leben. Sondern neues Leben aus Gottes Hand macht allem Tod ein Ende.

 

IV

Mit Maria, Salome und Maria Magdalena sehen auch wir, was geschieht. Wir sehen Golgatha. Wir sehen das Kreuz. Aber wir wissen von Ostern. Mit Natalya, Jekatarina und Halyna sehen wir auf Leid und Sterben, sehen Verbrechen und Unmenschlichkeit. Sehen, dass in unserer Welt, mitten unter uns, so viel Böses geschieht.

Mit ihnen allen aber hören wir die Osterbotschaft:

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Wie immer wir das begreifen oder die Bedeutung dieser Sätze verstehen mögen, sie geben uns eine Ahnung von dem, was den Kern des christlichen Glaubens ausmacht: Gottes Liebe weist die Mächte des Todes in ihre Schranken. Was das heißt, hat zuerst Christus gelebt, verkündigt, erfahren.

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Wer diesen Worten traut, lässt sich nicht täuschen: Unsere Welt ist nicht  eine nun auf immer zu Ende gehende, eine sterbende Welt. Eine Welt, die vom Tod bestimmt wird. Nein, das ist sie nicht! Sondern sie ist die in Christus schon angebrochene neue Welt. Eine Welt, in der Gott unbeirrbar daran arbeitet, alles, wirklich alles Böse mit Gutem zu überwinden und uns einlädt, dabei an seiner Seite zu sein. Als Menschen, die sich nicht damit abfinden, dass die Welt so bleibt, wie sie sind. Als Menschen, die nicht vor scheinbar übermächtigen Mächten und Gewalten in die Knie gehen, sondern niederknien neben denen, die allein nicht mehr auf die Beine kommen.

 

IV

Ich will noch von drei weiteren Frauen erzählen: Isabella, Janine und Monika. Isabella lebt in Polen. Sie hat evangelische Theologie studiert, und arbeitet als Diakonin, weil Frauen in der lutherischen Kirche Polens nicht Pastorin und damit Gemeindeleiterin werden durften. Im November hat sich das geändert - auch die lutherische Kirche in Polen ordiniert nun Frauen zum vollen pfarramtlichen Dienst. Im Mai wird Isabella ordiniert. Wie so viele Frauen vor ihr - ganz gleich ob ordiniert oder nicht - sagt auch sie die Osterbotschaft weiter. Mit Wort und Tat. Ihre Gemeinde in Polen hat sich schon länger für Geflüchtete eingesetzt, hat das Engagement der polnischen Diakonie an der Grenze zu Belarus unterstützt. Jetzt haben sie in der gemeinde Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen, vor allem Frauen und Kinder. Bei allem, was schwer ist: Sie werden heute zusammen Ostern feiern. Sie werden feiern, dass Gottes Liebe nicht an ihr Ende kommt. Und werden einander sagen:

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

 

Janine hat sicher auch heute viel zu tun. Ich habe von ihr in der Zeitung gelesen. Janine ist eigentlich Steuerberaterin. Sei der Krieg gegen die Ukraine begann, organisiert sie die Flucht aus dem Kriegsgebiet für Frauen und Kinder, die sich allein nicht auf den Weg machen können: Frauen mit behinderten Kindern. Frauen mit schwerkranken Kindern.

Frauen, die selbst eingeschränkt sind. Für sie organisiert Janine Busse und Fahrer, die sie abholen und fortbringen. Sie schenkt ihnen Hoffnung und eine neue Perspektive, jenseits von Gewalt und Krieg. Was sie und wie sie es tut, beeindruckt mich. Ich weiß nicht,  ob und wie Janine Ostern feiert. Aber mit dem, was sie tut, überwindet sie Böses mit Gutem. Und trägt dazu bei, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben.

Schließlich: Monika. Monika und ihr Mann haben viele Jahre auf ein Haus gespart. „Unser Häuschen mit Mäuschen“, nennt sie es gern und zeigt dann lachend auf die Katze, die ihr immer wieder gefangene Mäuse vor die Terrassentür legt. Ihr Haus ist nicht groß, aber sie haben Platz gemacht für Alexandra aus der Ukraine mit ihrer Mutter und ihren zwei Kindern. Beim Osterfrühstück waren sie heute nun nicht nur zu zweit, sondern zu sechst sein. Monika wollte eine Osterkerze auf den Tisch stellen. Und ein Osterlamm backen. Das Osterlamm trägt eine kleine rote Fahne aus Papier. Rot mit einem goldenen Kreuz. Eine Siegesfahne, die dafür steht, dass Christus den Tod besiegt hat. Dass Leid und Tod ein Ende haben werden. Dass Friede sein wird.

 

V

Maria, Magdalena, Maria und Salome. Natalya, Jekatarina und Halyna. Isabella, Janine, Monika. Drei mal drei Frauen an Ostern. Wenn ich heute morgen ihre Namen sage und an sie denke, dann spüre ich: alles Leben auf dieser Erde ist miteinander verbunden. Deshalb müssen wir es hüten und bewahren, einander trösten, umarmen, pflegen, lieben. Damit das Leben wachsen kann. Und schwere Steine weggerollt werden können - von Grabes- und Herzenstüren.

Lasst uns deshalb mit dafür sorgen, dass die große Hoffnung von Ostern uns und unsere Welt verwandelt. Lasst uns drauf vertrauen, dass Gott unablässig und unbeirrbar daran arbeitet, Tod mit neuem Leben zu überwinden, Böses mit Gutem. Und uns Kraft und Liebe schenkt, dabei an seiner Seite zu sein. Damit Gewalt und Krieg mit Liebe und Frieden überwunden werden, Tyrannen Einhalt geboten wird, Gerechtigkeit allen widerfährt, die leiden und Hoffnung, Liebe und Frieden wachsen können. Denn ja, liebe Geschwister:

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Fürchtet euch nicht!

Amen.

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