Predigt am Sonntag Okuli
08. März 2026
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesusaber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Sage niemand, man habe es nicht wissen können. Sage niemand, man habe nicht wissen können, wohin das mit diesem Jesus führt. Wohin er führt - er, dem die Menschen in Scharen folgten, dessen Nähe sie suchten, zu dem sie gehören wollten. Mit ihm verbanden sie die Hoffnung auf einen neuen Anfang, eine neue Gemeinschaft, ein neues, besseres Leben. Ein neues, ein besseres Leben, das sagt sich so leicht, ist schnell ersehnt. Aber weißt du auch, was Du Dir wünschst? Willst du das wirklich?
Denn es geht hier nicht nur um einen Aufbruch heraus aus dem Gewohnten, sondern um einen Bruch mit dem, was dein Leben bisher bestimmt hat. Abschied von lieb gewordenen Gewohnheiten. Schluss mit einem Leben in der Komfortzone. Vergangenes, und sei es dir auch noch so lieb, musst du hinter dir lassen. Menschen, an denen du hängst, womöglich auch. Kein Blick zurück, kein Weg zurück - nur der Blick nach vorn, das Reich Gottes fest im Blick. Ein Aufbruch ohne Garantie, ohne Sicherheiten. Wenn du das willst, dann, und nur dann - folge mir nach.
Liebe Geschwister, das ist ganz schön harter Tobak. Diese Worte lassen sich auch nicht einfach nur historisch einordnen und entschärfen. Sondern sie sprechen grundsätzlich darüber, was Nachfolge heißt – damals wie heute. Sie sprechen deshalb auch zu uns.
Denn die Kirche Jesu Christi hat sich zu allen Zeiten als Gemeinschaft der Christusnachfolgenden verstanden: als pilgernde Kirche, als ecclesia peregrinans, unterwegs hin auf das Ziel des Reiches Gottes. Was also sagen uns diese Worte Jesu heute? Was bedeuten sie für uns als Kirche? Was heißt Nachfolge?
Drei Aspekte hebe ich hervor. Erstens: keine feste Bleibe. Keine Grube, kein Nest wie Füchse und Vögel. Das heißt nicht, obdachlos zu leben oder zu umherziehenden Wanderpredigerinnen - und Predigern zu werden. Es meint vielmehr, in dieser Welt keine endgültige Heimat zu haben. Unterwegs zu sein wie in der Fremde. Das Wort Parochie, das bis heute eine Kirchengemeinde bezeichnet, kommt übrigens aus dem griechischen παροικία, und bezeichnete ursprünglich das Wohnen als Fremde ohne Bürgerrecht. Und genau so verstanden sich die ersten Christen: in dieser Welt lebend, aber nicht ganz von und auch nicht so ganz in dieser Welt - mit der eigentlichen Heimat im himmlischen Reich Gottes.
Und heute? Auch heute kann man sich fremd fühlen in einer Welt, die selten nach Gottes Maßstäben lebt und statt dessen nach ganz anderen Spielregeln funktioniert: dem Recht der Stärkeren statt gegenseitiger Rücksicht, dem erbarmungslosen Kampf um Ressourcen statt solidarischem Teilen, dem scheinbar ewigen Kreislauf von Rache und Vergeltung statt der Suche nach Wegen zu gerechtem und wirklichen Frieden, dem Egoismus statt der Barmherzigkeit. Wer sich an Gottes Menschenliebe und Jesu Barmherzigkeit orientiert, reibt sich verwundert die Augen oder schüttelt verständnislos den Kopf. Wer sich an Gottes Menschenliebe und Jesu Barmherzigkeit orientiert - der oder die mag sich nur fremd vorkommen in unserer Welt. Heimatlosigkeit als geistliche Erfahrung: Kein Ort. Nirgends.
Zweitens: Orientierung an der Zukunft Gottes. Wer die wirkliche Heimat bei Gott weiß, richtet sich nicht an der Vergangenheit aus, sondern an dem kommenden Reich Gottes. Das heißt: Schon jetzt so leben, dass das Heute sich auf Gottes Zukunft hin ausrichtet. Ich weiß: Das ist nicht leicht. Loslassen tut weh. Sich nicht von dem bestimmen zu lassen, was war – oder wie Menschen sich verhalten haben – das kostet Kraft. Und auch mir fällt das zuweilen sehr schwer. Aber es geht dabei auch um eine Entscheidung: will ich mein Leben von Verzweiflung und Bitterkeit oder von Hoffnung bestimmen lassen? Hoffnung ist keine Träumerei oder Vision. Hoffnung ist eine Entscheidung. Sie bereitet im Heute das bessere Morgen vor. Also: Halte nicht fest an dem, was tot ist und hier keine Zukunft hat. Lass los. Nachfolge bedeutet, schon jetzt Anteil haben an dem Leben, das stärker ist als der Tod.
Das führt uns - drittens - zur Lösung aus alten Bindungen und Abhängigkeiten. Wer sich von Gottes Zukunft bestimmen lässt, für den wird das Leben leichter. Und er oder sie gewinnt Freiheit – von der Last der Vergangenheit, von Besitz, von verstrickenden Beziehungen. Nicht Gleichgültigkeit gegenüber Menschen ist gemeint, sondern Klärung: Ist die Bindung an Gott entscheidend? Oder hindern andere Bindungen daran, Christus wirklich zu folgen? Also: statt Abhängigkeit von Menschen Bindung an Gott. So wie es in dem bekannten Lied „Vertraut den neuen Wegen“ beschrieben ist: Dieses Lied wurde ja ursprünglich für ein Hochzeitspaar geschrieben. In seinen Worten schwingt mit, dass eine neue Zukunft immer auch bedeutet, sich aus bisherigen Bindungen zu lösen. „Gott selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land.“
Fremd sein in dieser Welt, Orientierung an Gottes Zukunft, Lösung von alten Abhängigkeiten - Jesus erzählt von diesen drei Aspekten der Nachfolge, während er mit den ihm folgenden Jüngern „auf dem Weg“ ist. Das ist mehr als eine Ortsangabe und mehr als die Richtungsbestimmung: auf dem Weg nach Jerusalem, in das Leid der Passionszeit. Es meint: unterwegs sein zum wahren Leben, zur christlichen Existenz in ihrer Fülle. Ein Weg, dessen Sicherheit nicht in Besitz oder menschlichem Schutz bestehen, sondern in Gottes Liebe und Geborgenheit. Ein großer Tausch: irdische und menschliche Sicherheit aufgeben und sich Gottes Schutz anvertrauen, Zuflucht suchen bei Christus.
„Auf dem Weg“ erinnert uns auch: das ist kein Zustand, den man einmal erreicht und in dem man von da an bleibt. Sondern ein immer neu zu gehender Weg, der Pilgerweg des Lebens. Auf ihm unterwegs zu sein, das meint Nachfolge. Die, die auf diesem Pilgerweg des Lebens gemeinsam unterwegs sind, sind heute die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu, seine Gemeinde auf dem Weg durch die Zeiten - seine weltweite Kirche. Dietrich Bonhoeffer hat sie deshalb so beschrieben: Christus als Gemeinde existierend. Christus selbst wird sichtbar in seiner Gemeinde, die sich um sein Wort versammelt, sein Mahl feiert, die in seinem Namen sichtbar macht, wofür Christus mit seinem Leben einsteht: Liebe. Barmherzigkeit. Versöhnung. Frieden - mit Gott und den Menschen.
„Sie wandeln auf Erden und leben im Himmel, Sie bleiben ohnmächtig und schützen die Welt; Sie schmecken den Frieden bei allem Getümmel…“ (Chr. F. Richter)
Das ist die Ekklesia, die Gemeinde der Herausgerufenen, die Kirche. Menschen, die in dieser Welt leben und ihre Heimat doch anderswo wissen.Der Leib Christi auf Erden, die Nachfolgenden Jesu, das seid ihr, liebe Domgemeinde, jede und jeder von Euch auf seine, auf ihre Weise und alle gemeinsam als Teil des Leibes Christi.
Und wenn euch das zu groß erscheint, dann hört auf die Worte der Philosophin Hannah Arendt. Sie hat einmal gesagt: „Wo immer Menschen zusammenkommen, muss man mit Wundern rechnen.“ Ich will das heute so sagen: Wo immer Menschen im Namen Jesu zusammenkommen, darf man mit dem Heiligen Geist rechnen - und also mit Wundern.
Amen.