3. April 2026 im Greifswalder Dom St. Nikolai

Predigt an Karfreitag

03. April 2026 von Tilman Jeremias

zu Genesis 33, 2. Korintherbrief, 5

Liebe Gemeinde,

tiefer hätte der Graben nicht sein können zwischen den beiden Zwillingsbrüdern. Jakob hatte seinen Bruder um den väterlichen Segen für den Erstgeborenen betrogen. Und dieser Segen bedeutete auch das gesamte Erbe des sterbenden Isaaks, also großes Vermögen. Jakob hatte dabei nicht vor gemeiner Hinterlist und blanker Lüge gegenüber seinem Vater zurückgescheut.

Kein Wunder, dass Esau nach diesem hinterhältigen Verhalten Jakobs an dessen Leben wollte und Jakob fliehen musste. Über Jahre blieb er im Ausland. Jetzt kehrt er zurück und es kommt zum unvermeidlichen Wiederaufeinandertreffen der beiden. Esau wie Jakob haben dafür jeweils ein Heer aufgeboten, der Bruderkrieg scheint unvermeidlich.

Doch jetzt geschieht eine niemals erwartete Überraschung. Beide Brüder gehen ihren Heeren voraus. Jakob neigt sich sieben Mal zur Erde, Geste der tiefen Demut und Reue. Und dann lesen wir in Genesis 33: „Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.“

Inniger kann der Moment der Versöhnung der über Jahrzehnte verfeindeten Brüder nicht beschrieben werden. Keiner hat ein Wort gesagt. Jakobs Kniefall reichte. Und Esau bewies wahre Herzensgröße. Später wird es Jakob Esau gegenüber so ausdrücken: Ich habe Gnade gefunden vor ihm.

Denn hier geschieht Versöhnung nicht auf Augenhöhe. Es ist ein komplett einseitiges Geschehen. Der Übeltäter Jakob ist auf das Erbarmen des Bruders völlig angewiesen. Esau allein entscheidet über Krieg oder Frieden. Er wählt den Frieden und schafft damit verheißungsvolle neue Lebensmöglichkeiten für beide Brüder und deren große Familien.

Ich erzähle Ihnen diese wunderbare Geschichte aus der Hebräischen Bibel am heutigen Karfreitag, weil wir in unserem Predigttext den tiefen Gedanken des Apostels Paulus begegnen, der den Tod Jesu, das Kreuz, als Zeichen der Versöhnung Gottes mit den Menschen deutet. Ich lese aus dem zweiten Korintherbrief, Kapitel 5:

18Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Es ist völlig klar, dass Paulus hier vom Tod Jesu spricht. In den Versen zuvor betont er, dass einer für alle gestorben ist. Jesu qualvolles Sterben geschieht in Stellvertretung für alle Menschen, ja für die gesamte Schöpfung. Und es geschieht, damit alle Lebenden nun nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist.

Warum musste derjenige, der von Gott gesandt war, unschuldig als junger Mann so leidvoll sein Leben geben? Die Antwort des Apostels lautet: Damit Versöhnung geschieht. Und zwar, wie bei Esau und Jakob, eine höchst einseitige Versöhnung: Gott versöhnt uns mit sich selber durch Christus, so haben wir gerade gehört. Wir Menschen bleiben dabei komplett passiv, Gott ist der allein Handelnde dieser Versöhnung. Da bleibt uns, anders als bei den Zwillingsbrüdern, nur, im Nachgang, im Anschluss, sieben Mal auf die Knie zu fallen und zu staunen über dieses Versöhnungswerk Gottes.

Was ist nun der Kern dieser Versöhnung? Paulus schreibt: Gott rechnet uns unsere Sünden nicht zu. So, wie wir es nachher auch in der Liturgie des Abendmahls aus dem Mund Jesu hören, vergießt der Heiland sein Blut zur Vergebung der Sünden. Eine Formel, die in den Ohren von uns Christenmenschen vielleicht so gewohnt ist, dass wir über sie hinweggehen.

Aber es geht hier um nichts weniger als die Vernichtung der Macht des Bösen. Die Autokraten unserer Erde mit ihrer auf nackter Gewalt beruhenden Ausweitung ihrer Macht stehen beispielhaft für das abgrundtief Böse, das Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind. So viel Elend und Leid durch Krieg und Terror, Gewalt und Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Flucht.

All dieses unermessliche Leid kann nicht aufgehoben werden, nicht erlöst werden ohne das kraftvolle Versöhnungshandeln Gottes. Indem der Sohn sich freiwillig ins Leiden und Sterben begibt, gerät alles menschliche Leid, alle menschliche Schuld, unter den liebenden Fokus der Versöhnung Gottes. Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. Darum geschieht in diesem Moment auf dem Marterhügel Golgatha in Jerusalem Welt-Bewegendes und Welt-Veränderndes.

Vermutlich ist diese Herleitung etymologisch gänzlich unmöglich, aber ich behaupte heute als Christ einfach einmal: In dem Wort „Versöhnung“ steckt der Sohn schon drin, der Sohn Gottes, der sein Leben gab zur Erlösung für alle.

Und darum ist der Mensch, der in Christus ist, eine neue Kreatur, wie Paulus es kurz zuvor ausdrückt. Denn wer in Christus lebt, im Vertrauen auf Gottes Zusage der Versöhnung, wird verwandelt. Der Apostel bittet das eindringlich: Lasst diese Verwandlung an euch geschehen! Lasst euch versöhnen mit Gott!

Solche Verwandlung bedeutet, dass wir selbst Botschafterinnen und Botschafter der Versöhnung werden. Wer durchdrungen ist von dem versöhnenden Handeln Gottes, die und der geht selbst los, um ein Esau zu werden für andere. Wie dringend brauchen wir gerade solche Menschen! In einer Gesellschaft, die immer mehr die Ellbogen ausfährt, jeder gegen jeden, immer hasserfüllter zu werden droht, sind Leute wahre Engel, die für Zusammenhalt, Solidarität und Mitmenschlichkeit einstehen. In einer von Krieg und Terror verseuchten Welt sind die leisen Stimmen des Friedens und der Versöhnung die einzigen, die Zukunft verheißen.

Der Tiefpunkt des Kirchenjahres, der Karfreitag, ist zugleich ein hohes Fest. Das Kreuz ist gerade als Zeichen der schlimmsten Qual, des bodenlosen Leidens, des elenden Sterbens, ein Zeichen ebenso der Überwindung dieses Leids. Im Tod Jesu Christi handelt Gott selbst. Das ist das Bekenntnis des christlichen Glaubens. Gott selbst bezeugt dies, indem er Christus nicht dem Tod überlässt, sondern ihn auferweckt am dritten Tag. Als der elend Leidende wird Christus erhöht zum Sieg über die menschlichen Abgründe von Schuld und Gewalt.

Nach der Versöhnung der Zwillinge Esau und Jakob beginnt für beide ein völlig neuer Lebensabschnitt. Esau hat das ganz allein bewirkt durch seine Großherzigkeit. Beide können freier atmen, ohne Angst vor dem anderen leben, ja in Vielem neu anfangen miteinander und füreinander. Versöhnung hat eine enorme, verändernde Kraft. Wie unfassbar groß ist erst diese versöhnende Kraft, wenn Gott es ist, der sie bewirkt, ein Neuanfang aus Schuld, Hass und Leiden.

Wenn wir das Heilige Mahl feiern, erinnern wir uns an diese Versöhnung. Es ist nicht nur ein Gedächtnis an längst vergangene Tage. Wir kommen zusammen in der Gewissheit, dass der versöhnende Christus selbst in den Gaben von Brot und Wein unter uns ist und uns so verwandeln will, auch heute, verwandeln zu Botschafterinnen und Botschaftern der Versöhnung.     

Amen.

Zum Anfang der Seite