Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigt im Festgottesdienst zum 850. Geburtstag des Lübecker Doms am 2. Juli 2023

02. Juli 2023 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

„Seid barmherzig!“

Liebe Geschwister!

850 Jahre Lübecker Dom - was für ein besonderer Geburtstag, was für eine besondere Woche - eine wirkliche Festwoche! So viele dem Dom verbundene Menschen, so viele neugierige Menschen, die den Dom und seine Gemeinde neu kennenlernen, die Domwiese beleben, gratulieren und mitfeiern, wundervolle und festliche Stimmung, über 30 Taufen im Altstadtfreibad, eine Festwoche voller Musik und mit (meist) himmlischem Wetter - glücklich, wer so Geburtstag feiern kann!

Dafür an erster Stelle und von ganzem Herzen: Danke! Danke an Sie, liebe Schwester Wegner, lieber Bruder Klatt, danke an die Mitglieder des Dom-Kirchengemeinderates, an Heiko Gruhl und Markus Meier und so viele haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende! Sie alle haben dieses fantastische Festprogramm seit langem vorbereitet und jetzt ins Leben gebracht! Als Landesbischöfin und Vorsitzende der Kirchenleitung unserer Nordkirche gratuliere ich Ihnen heute sehr herzlich: zu diesem Domgeburtstag; und zu der erfrischenden, zukunftsbejahenden Weise, in der sie diesen 850. Geburtstag mit so vielen Menschen gemeinsam feiern!

II

Wenn ich in diesem Dom stehe und den Blick schweifen lasse, denke ich immer wieder: Wer könnte anders als staunend in diesem Meisterwerk der Baukunst stehen! Wer könnte anders als ergriffen sein von dem Zeugnis, dass der Dom ablegt vom Glauben, vom Gottvertrauen, von Hoffnung und Liebe der Menschen durch die Jahrhunderte hindurch! Denn der Dom ist Zeuge wie Heimat für Freud und Leid der Menschen. Für die, die in dieser Kirche ein- und ausgehen. Die hier ihre Spuren hinterlassen: Sichtbare Spuren wie die erhabenen Gewölbe oder die wunderbaren Fenster. Und unsichtbare Spuren wie geflüsterte Gebete oder laut heraus gesungene Lieder. Das alles macht diese Kirche zu einer Heimat und einer Zeugin. Und mitten in den Veränderungen unserer Welt, mitten in den Fragen und der Suche der Menschen ist Ihnen als Domgemeinde wichtig: Sie haben Augen nicht nur für sich selbst, sondern sie haben auch Augen für andere - Große und Kleine, Alte und Junge. Für Menschen, die hier in Lübeck Zuflucht suchen vor Gewalt und Terror, vor Hunger und Dürre an anderen Orten der Erde. Für Menschen in Nah und Fern, die Gebet und tatkräftige Unterstützung brauchen. Wer so von eigenen Sorgen und Nöten absehen kann, um hinzusehen auf Andere, wer über das Eigene die Anderen nicht vergisst, der oder die lebt in der Nachfolge Christi.

III

Was das heißt, sagt Jesus so: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. Und er fragt: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken im eigenen Auge bemerkst du nicht?“ Eine provokante Frage an einem festlichen Tag. Aber eine, an der man so schnell nicht vorbei kommt: Bevor du anderen sagst, was Sache ist, achte erst einmal auf dich selbst. Denn während du andere kritisierst, ist dir der Blick auf dich selbst vielleicht ganz und gar verstellt. Jesus kritisiert nicht den berühmten Balken im eigenen Auge. Der ist ja menschlich. Niemand von uns kann sich vollkommen richtig verhalten. Unsere Sicht auf das Leben, auf andere Menschen ist ja immer persönlich. Immer eingeschränkt. Jesus aber spricht an, dass wir trotz unseres Wissens um unsere immer nur eingeschränkte Sicht so oft meinen, wir würden alles richtig sehen können.

Ich finde das hochaktuell: wie rasch werden öffentliche Debatten heute in einem schlichten ja-nein-Schema geführt. Bist du dafür oder dagegen? Und dann schnell: wer steht auf der richtigen Seite, wer auf der falschen? Und ebenso schnell wissen auch wenig informierte Außenstehende, was richtig und was falsch ist und vor allem: wer richtig und wer falsch handelt. Dabei gibt es nur wenig Raum für das Wissen, dass in den komplexen Entscheidungssituationen öffentlichen wie privaten Lebens meist alles eben genau so einfach nichtist. Sondern stattdessen mehrschichtig, mit vielen Aspekten, die alle bedacht werden müssen.

Was Jesus vorschlägt, verstehe ich so: Gestehen wir uns ein, dass wir die Welt nur so eingeschränkt wahrnehmen, wie wir sie sehen können - und wollen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und dann gibt Jesus uns einen guten Rat. Er besteht aus zwei Worten: "Seid barmherzig“. Und zwar immer dann, wenn wir im Begriff sind, vorschnell zu entscheiden oder gar zu verurteilen. Wenn Menschen z.B. meinen, nur sie allein allein würden genau wissen, was richtig ist für unser Land oder für eine Stadt, für eine Kirchengemeinde oder auch gleich für unsere ganze Kirche. Jedes Mal, wenn wir im Begriff sind, unsere Sicht der Dinge absolut zu setzen, immer dann sollten wir uns an die Worte Jesu erinnern: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Jesus erinnert uns damit auch an Gottes Haltung zu uns Menschen. Gott hat keinen Balken im Auge. Gott sieht, wie wir wirklich sind. Gott sieht, wer wir in seinen Augen sein könnten. Gott sieht unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten. Was wir alles Gutes tun könnten. Und sieht barmherzig auf das, was wir dennoch versäumen. Gott billigt nicht unsere Lieblosigkeit. Aber er lässt sie nicht alles sein, was es über uns zu sagen gibt.

Jesus rät uns deshalb: Seht euch, die Menschen, die Welt, mit Gottes Augen an. Mit Liebe, mit Barmherzigkeit. So, wie ihr selbst angesehen werden wollt. Das ist nicht einfach. Das beseitigt nicht alle Probleme. Aber wenn wir uns eingestehen, immer nur einen Teil der ganzen Wahrheit sehen und verstehen zu können, dann bleibt die Sicht anderer wichtig. Und im Hören auf das, was sie zu sagen haben, wird der Blick auf die Welt erst vollständig. Jesus erinnert uns auch: Was wirklich trägt: durch die Zeit, auch durch schwere Zeiten, das ist die Gewissheit, dass uns Gott mit seiner Liebe und unbeirrbaren Barmherzigkeit immer schon entgegenkommt. Und gegen alle Rückschläge und alles Scheitern steht die Auferstehungshoffnung: nichts, gar nichts, nicht einmal der Tod, wird Gottes unbeirrbarer Liebe zum Leben widerstehen können.

IV

„Jesus spricht: Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.“ An den, der diese Worte sagt, erinnert seit 850 Jahren diese Kirche wie alle Kirchen. Im Namen dessen, der diese Worte sagt, kommen Menschen zusammen in dieser Gemeinde wie in allen Gemeinden. An dem, der diese Worte sagt, orientieren sich Menschen seit Jahrtausenden. Richten ihr Leben an ihm aus. Lassen sich von seinen Worten und seinem Leben bewegen, in seiner Nachfolge zu leben. Barmherzig zu sein. Leben zusammen als christliche Gemeinde in dieser Welt.

Liebe Domgemeinde, lasst euch auch in den kommenden 850 Jahren nicht davon abbringen, ein Domus Dei - ein Haus Gottes zu sein. Ein Ort, an dem diese Worte Jesu wie andere Worte der Heiligen Schrift einen Ort und eine Heimat haben. Ein Haus Gottes, an dem wir Menschen einen Ort und eine Heimat haben. An dem wir Zuflucht finden mit all unserer Unruhe und unseren Fragen. Mit den Sorgen vor dem, was die Zukunft bringen mag, die eigene wie die unserer Gesellschaft, unser ganzen Welt. Ein Ort, an dem all das Gott vor die Füße und ans Herz gelegt werden kann und an dem wir gemeinsam nach Stärkung, Trost und Kraft suchen. Ein Ort, wo die Hoffnung ihr Zuhause hat.

Und lassen wir alle uns nicht davon abbringen, für Andere da zu sein.Lassen wir uns nicht davon abbringen, konkret und praktisch zu helfen, wo Menschen in Not sind. Lassen wir uns nicht davon abbringen, barmherzig zu sein und zu bleiben. Unter dem Vorzeichen der Liebe Gottes zu allen Menschen, zu allem, was lebt. Denn das ist es doch, was wir alle, was unsere ganze Welt so dringend braucht: „Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Amen.

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