1. Januar 2024 | Greifswalder Dom St. Nikolai

Predigt Neujahr 2024

01. Januar 2024 von Tilman Jeremias

Liebe Gemeinde,

die Schwelle zum neuen Jahr ist überschritten. 2024 liegt noch nahezu unberührt vor uns. Die allermeisten Menschen in unserem Land blicken, so sagen es die Statistiken, mit Sorge in das begonnene Jahr.

Und nun dies. Zu Jahresbeginn soll uns traditionell die neue Jahreslosung einen guten Start bieten, ein Bibelwort an die Hand geben, das uns idealerweise das gesamte Jahr über begleiten und stärken kann. Für mich persönlich war es im vergangenen Jahr so. Die Losung „Du bist ein Gott, der mich sieht“, war für mich immer wieder Stärkung und Zuspruch. Für dieses Jahr dagegen ist uns ein Vers mit auf den Weg gegeben, der jedenfalls auf den ersten Blick erst einmal eine völlig überfordernde Mahnung ins Stammbuch schreibt. Am Ende des ersten Korintherbriefs, im 16. Kapitel, heißt es:

Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe (1. Kor. 16, 14).

Was für eine Messlatte für unser Tun, was für ein Maßstab der christlichen Ethik! Natürlich sind wir es als geübte Christinnen und Christen gewöhnt, dass regelmäßig von der Liebe die Rede ist, aber hier erhebt der Apostel geradezu totalitäre Ansprüche: Alles, alles, was wir tun, soll in Liebe geschehen, das heißt ja anders herum: nichts, aber auch gar nichts darf bei uns etwa aus Gleichgültigkeit, Unachtsamkeit, Überforderung, oder gar aus Neid, Zorn oder Hass geschehen. Und indem ich das sage, wird mir sofort klar: Diese Jahreslosung ist unerfüllbar. Immer und überall in Liebe unterwegs zu sein, das schafft nicht einmal die Heilige, geschweige denn ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut.

Nun sitzen wir hier, sind froh, ein aufreibendes und verunsicherndes Jahr 2023 hinter uns zu haben, warten auf einen tröstenden und ermutigenden Zuspruch Gottes für das Neue- und bekommen als Erstes in goldenen Lettern ein Programm vorgegeben, dass nie und nimmer Eins zu Eins erfüllbar sein kann. Wenn das stimmt, blieben eigentlich nur zwei Wege: Abwehr oder Ausflucht. Also: Nein, diese Jahreslosung akzeptiere ich nicht, ich halte mich an die letztjährige einfach weiter. Oder: Ich relativiere die hochfliegende Mahnung des Paulus- ganz so kategorisch wird er sie schon nicht gemeint haben, es ist doch schon was wert, den Maßstab der Liebe hochzuhalten, auch wenn ich immer wieder an ihm scheitere.

Doch beide Varianten, Abwehr und Ausflucht, schmecken mir nicht. Und so möchte ich mit ihnen versuchen, diese anspruchsvolle Jahreslosung doch so ernst zu nehmen, wie sie da steht. Dazu möchte ich Ihnen zwei Zugänge anbieten, die ihr zwar nichts an Schärfe nehmen, sie aber vielleicht, hoffentlich, doch noch zu einem Weisungswort für das gerade begonnene Jahr werden lässt.

Zugang Nummer 1: Ja, die Liebe als alles umfassender Maßstab unseres Tuns ist hoffnungslos überfordernd, aber umgekehrt eine faszinierende Perspektive. Ich möchte also den erhobenen Zeigefinger stecken lassen und diesen Vers als eine Vision verstehen. Was wäre das für ein starkes Bild: Christenmenschen machten den Unterschied. Sie wären einfach daran erkennbar, dass ihr Handeln deutlich sichtbar und spürbar von Liebe geprägt wäre. Sie würden einfach nicht mitmachen bei Hate Speech im Netz; sie würden sich wehren gegen Rassismus und Antisemitismus. Sie wären aufmerksam für die Not der Menschen, die wenig verdienen, alleinerziehend sind, krank an Leib und Seele. Christenmenschen würden sich dadurch auszeichnen, dass Sie anderen zuhören und sich von guten Argumenten überzeugen lassen würden. Sie würden sich aktiv einsetzen für Versöhnung und Gerechtigkeit. Sie hätten ein gutes Auge für die elementar bedrohte Schöpfung und versuchten gemeinsam ein klimaschonendes Leben. Ihr Handeln würde nachvollziehbar Wege zum Frieden aufzeigen. Sie wären sensibel für alle Menschen, die Diskriminierungen ausgesetzt sind. Geflüchtete könnten sich auf ihre zupackende Unterstützung verlassen.

Die Liebes-Liste ließe sich ohne weiteres noch lange fortsetzen. Und, um es noch einmal zu sagen: Ich meine das jetzt hier nicht im Sinne einer strengen Aufforderung, was wir alles tun und erreichen sollen. Sondern im Sinn einer Vorstellung, wie es sein könnte. Wenn die Jahreslosung tatsächlich so etwas wie eine Maxime für das Christliche darstellen würde, müsste sich unser Zusammenleben doch drastisch anders anfühlen, bräuchten wir doch nicht mehr so viele Masken voreinander, müssten doch Wege zu finden sein, wie wir in unserem reichen Land Bildung, Gesundheit und Soziales vernünftig organisieren könnten. Christinnen und Christen wären das Salz in der Suppe der Gesellschaft, würden für Licht und Wärme untereinander sorgen.

Ja, ja, das mag ja alles utopisch klingen. Aber für mich ist es eine gute Alternative für den erhobenen Zeigefinger. Die Jahreslosung ist für mich kaum erträglich, wenn sie sagt: „Du musst in Liebe leben, egal ob du es kannst oder nicht!“ Aber ich kann sie eher hören, wenn sie mir vor Augen malt: „Wie könnte das Leben funktionieren und gelingen, wenn die Liebe ein tatsächlicher Antrieb für das christliche Handeln wäre!“

Einen weiteren Zugang zu dieser anspruchsvollen Jahreslosung möchte ich Ihnen anbieten, und er liegt mir besonders am Herzen. Der Bibelvers findet sich ganz am Ende des ersten Korintherbriefs. Und das ist kein Zufall. Es ist in allen Briefen des Neuen Testaments gleich. Ja, es gibt sie, die Mahnungen und Aufforderungen, die Imperative, wie die Forschenden sagen. Aber sie sind regelmäßig das Zweite, das weiter hinten Stehende, die Folgerungen aus dem weiter vorn Gesagten.

Und darum blättere ich jetzt in diesem Brief weiter nach vorn. Nirgends ruft die Bibel uns einfach zu: „Nun liebe gefälligst mal!“ Nein, alle solche Imperative haben einen Vorsatz, einen Indikativ. Vor dem Anspruch kommt der Zuspruch. Und dieser Zuspruch heißt bei unserem Thema: Du sollst und du kannst lieben, weil du geliebt bist. Deine Liebe ist nicht etwas, was du dir selbst abzwingen musst. Mit ihr bist du beschenkt, bevor du sie weitergibst. Du bist Medium der Liebe und darfst dir abspüren lassen, was du selbst im Überfluss empfängst. Für Paulus und damit für uns als Kirche gibt es ein deutliches, unübertreffbares Zeichen dieser Liebe Gottes zu jeder und jedem von uns: Jesus Christus. Mit ihm beginnt der erste Brief des Apostels nach Korinth. Und dort beschreibt Paulus eindringlich, wie sehr die Liebe Gottes sämtliche menschlichen Maßstäbe sprengt, ja, wie sie als Torheit und Ärgernis ankommt: Gott zeigt diese Liebe in einem Menschen, der jämmerlich scheitert, sich für andere hingibt und dennoch unschuldig verurteilt und hingerichtet wird. Das Kreuz als Marterinstrument ist Gottes geradezu widersinniger Liebesbeweis.

Dieses Zeichen steht quer zu allem, was menschliche Weisheit sich ausdenkt, was politische Macht ausstrahlt, was Reichtum an Sicherheit zu bieten scheint. Das Kreuz, so Paulus, ist gerade darin Erweis der Liebe Gottes, dass es den Neuanfang ganz unten markiert, das Leben im Sterben, den Sieg im Untergang. Das ist zu viel für die Herzen und Hirne von uns Menschen und löst deshalb Empörung aus. Aber gerade in diesem Zeichen verwirklicht sich der fundamentale Satz der Bibel, dass Gott nicht nur Liebe schenkt, sondern selbst die Liebe ist.

Im Blick auf die Jahreslosung ist mir deshalb grundlegend wichtig: Die so völlig überfordernd wirkende Aufforderung zur Liebe steht nicht für sich. Sie ist Ausfluss eines langen Briefes, der viel über die Gnadengeschenke Gottes erzählt, über die Gaben, die er jedem Menschen zukommen lässt. Wir dürfen Liebende werden, weil wir geliebte Geschöpfe des Vaters sind. Weil ich angenommen bin, weil mir meine Schuld vergeben ist, bin ich frei dazu, selbst ein Liebender zu werden.

An einer Stelle wird das in der Jahreslosung erkennbar. Sie sagt nicht: „Alles, was ihr tut, tut in Liebe.“ Wir lesen: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Fast könnte man das so verstehen, dass wir es nur geschehen zu lassen brauchten, dass wir gar nicht so aktiv zu sein bräuchten, dass wir eigentlich die schon in uns von Gott eingesenkte Liebe lediglich durch uns scheinen zu lassen bräuchten.

Ja, die Jahreslosung formuliert einen immensen Anspruch an uns. Nicht weniger als am Maßstab der Liebe soll zu messen sein, wie wir im vor uns liegenden Jahr zu handeln haben. Dennoch möchte ich dieses Wort nicht abwehren oder abschwächen. Aber ich möchte ihm den Druck eines göttlichen Befehls nehmen. Es ist eine verlockende Vision, wie unser Zusammenleben sein könnte, würden wir einander in Liebe begegnen. Und es ist nach biblischem Zeugnis völlig klar, dass wir nichts Unmenschliches leisten müssen als Liebende, sondern dass wir das lediglich weitergeben und weitersagen, was uns von Mutterleib an selbst geschenkt ist: die überfließende Liebe Gottes, der selbst Liebe ist und das in Jesus Christus allen gezeigt hat.      
Amen.

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