9. August 2020 | Kirche Warnemünde

Predigt Sonntag der Seefahrt

09. August 2020 von Tilman Jeremias

Gottesdienst mit Einführung von Stefanie Zernikow als Seemannsdiakonin in Warnemünde, Jer. 1,4-10

Liebe Frau Zernikow, liebe Gemeinde,

ich freue mich, heute bei Ihnen sein zu können, am Sonntag der Seefahrt, fast auf den Tag genau 30 Jahre nach dem ersten Seefahrergottesdienst hier in Warnemünde 1990. Noch bevor es eine Rostocker Seemannsmission gab, noch bevor es die Hanse Sail gab, feierte Warnemünde den Sonntag der Seefahrt, damals mit Pastor Grund, und ich bin sicher, manche hier in der Kirche erinnern sich an diesen Tag. Ein Dreimastschoner aus Elsfleth hatte in Warnemünde festgemacht, und der Sohn des Kapitäns sollte wenige Monate später die Seemannsmission Rostock gründen.

Heute führen wir Sie, liebe Frau Zernikow, als die Nachfolgerin von Folkert Janssen in Ihren Dienst ein. Das geschieht reichlich spät, denn Sie sind ja bereits seit Dezember letzten Jahres in der Seemannsmission tätig. Aber dieser Sonntag ist einfach der beste Termin dafür. Bitter nur, dass wir coronabedingt nicht nur Einschränkungen in diesem Gottesdienst in Kauf nehmen müssen, sondern auch keine Hanse Sail um uns wogt in diesem speziellen Jahr.

Das bedeutet, dass auch Ihr Dienst jetzt geprägt ist von der herausfordernden Situation der Pandemie. Für mich kaum vorstellbar ist, dass es ungezählte Seeleute gibt, die seit Beginn der Coronakrise auf ihren Schiffen ausharren müssen. Was ist das für eine Belastung! Wie dringend braucht es da Unterstützung, ein verständnisvolles Wort, praktische Hilfe, ein seelsorgerliches Gespräch. Aber auch all die wirtschaftlichen Probleme in der Seefahrt drücken natürlich auf die Stimmung. Wie gut, dass es die Seemannsmissionen gibt, Kirche da, wo sie hingehört, bei Menschen in herausfordernden Lebenslagen. Wie gut, dass der Seemannsclub Hollfast im Überseehafen ein Ort der kurzen Erholung, der Begegnung und des Auftankens ist, auch des Auftankens im Glauben. Der interreligiöse Gebetsraum heißt Menschen aller Religionen willkommen und auch solche ohne Religionszugehörigkeit zum Innehalten, zum Gebet für die Lieben zu Hause. 

Für Ihren Anfang in der Seemannsmission, liebe Frau Zernikow, hat der evangelische Predigtkalender für heute nun einen Bibeltext parat, der hervorragend zu diesem Tag passt. Denn er erzählt ebenfalls von einem Anfang, einer Berufung. Wir haben vorhin in der Lesung gehört, wie Gott den Propheten Jeremia in seinen Dienst genommen hat. Erstaunliche Worte. Wir lesen, dass Gott den Jeremia als seinen Propheten bereits im Mutterleib ersehen hat. Schon vorgeburtlich ist also klar, dass dieses Kind einmal jemand sehr Besonderes werden soll. Als der junge Jeremia Gottes Stimme vernimmt mit dem Auftrag, dessen Prophet zu sein, erschrickt er und reagiert nur zu verständlich: Wieso ich? Ich bin zu jung! Ich kann doch nicht predigen!

Jeremia wehrt sich gegen die Zumutung von Gottes Seite. Vielleicht ahnt er, was auf ihn zukommen könnte. Im Nordosten des kleinen, unbedeutenden Israel wächst die Macht des neuen babylonischen Reichs, eine große Bedrohung. Doch die Könige Israels wähnen sich sicher. Wir haben doch Gott auf unserer Seite! Sie flüchten sich in eine wacklige Koalition mit Ägypten. Vielleicht sieht Jeremia voraus, was ein Prophet im Namen Gottes würde tun müssen: den Leuten reinen Wein einschenken. Sie warnen vor ihrem Übermut. Ihnen Gericht im Namen Gottes androhen, wenn sie sich weiterhin für unverletzbar halten würden. Keine schöne Aufgabe. Denn wer so redet als Beauftragter Gottes, macht sich unbeliebt.

Nur zu verständlich, dass Jeremia abwinkt. Such dir jemanden anderen! Ich eigne mich einfach nicht für diese Aufgabe!  

Gott jedoch bleibt dran an ihm. Und was mir für heute so besonders wichtig ist: Gott lässt es nicht bei der puren Beauftragung. Das wäre in der Tat die glatte Überforderung für den jungen Mann. Gott verbindet den Auftrag mit einer wunderbaren Zusage: „Fürchte dich nicht vor den Menschen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.“ Jeremia wird in seinem Amt oft isoliert sein, allein gegen alle. Aber eben nicht verlassen. Gott verspricht ihm, an seiner Seite zu sein, ja ihn zu retten. Der göttliche Anspruch an ihn ist unmittelbar verbunden mit dem Zuspruch seiner Nähe.

Und das wird nun weiter deutlich durch ein sehr eindrückliches Ritual. Gott streckt seine Hand aus, berührt Jeremias Mund und legt seine Worte in dessen Mund. Wie immer wir uns das vorstellen sollen. Zum Auftrag kommen die Zusage der Hilfe Gottes und ein besonderes Zeichen. Jetzt ist klar: Im Namen Gottes wird Jeremia sogar über Völker und Königreiche gesetzt.

Diese Verse stehen am Anfang des Jeremiabuches der Bibel. Wer weiterliest, wird feststellen, welch undankbare Aufgabe Jeremia hat. Er droht seinem Land im Auftrag Gottes eine baldige Katastrophe an. Israel wird besiegt und zerstört werden, weil es auf die eigene Kraft setzt und nicht auf Gottes Hilfe. Solche Worte hört niemand gern. Jeremia wird verfolgt, verlacht, ausgegrenzt. In seinen „Bekenntnissen“ weiter hinten im Jeremiabuch klagt der Prophet, wie schlimm es ihm ergeht. Am liebsten wäre er gar nicht geboren. Er leidet darunter, dem Volk den Spiegel vorhalten zu müssen und dafür nur Gegenwehr zu bekommen.

Heute wissen wir: Was Jeremia angekündigt hat, ist bald schreckliche Realität geworden. Israel wird vom babylonischen König Nebukadnezar erobert, die Hauptstadt Jerusalem und sogar der Tempel Salomos in Schutt und Asche gelegt. Wir gut, dass Jeremia geredet hat. Denn die Menschen, die jetzt im Exil in Babel leben müssen als Zwangsarbeiter, sie erinnern sich an ihn. Und wissen: Gottes Worte sind verlässlich, auch die, die man gar nicht hören möchte.

Wenn Sie heute eingeführt werden, liebe Frau Zernikow, ist natürlich nicht alles eins zu eins übertragbar von der Berufung des Jeremia. Ich vermute, Sie fühlen sich nicht zu jung für Ihr neues Amt. Ich schätze auch, dass Sie eine Frau sind, die gut in der Lage ist, zur rechten Zeit das rechte Wort zu finden. Ich hoffe, dass Sie ein Amt antreten, das Sie nicht so an den Rand der Kräfte bringt wie das bei Jeremia der Fall war. Aber ich möchte doch einiges aus unserem Predigttext für heute festhalten. Hier steht: Gott ruft Menschen. Er hat einen Plan mit uns, schon vom Mutterleib an. Nach biblischem Verständnis hat jeder Mensch eine solche Berufung, eine Aufgabe, für die er oder sie geboren ist. Mit solch einer Berufung ist nicht immer die große Prophetie gemeint. Sie kann heißen: Kinder großziehen, die Schwiegermutter pflegen. Oder: In der Bürgerinitiative etwas fürs Dorf zu tun und den Stadtteil. Sich einsetzen für Geflüchtete oder für den Schutz der Schöpfung. Und und und. Wir verdanken das Wort „Beruf“ Martin Luther. Es sagt: Was du beruflich tust, hat mit einem Ruf Gottes zu tun, mit einer Berufung. Dein Betrag für das gute Zusammenleben der Menschen.

Und heute besonders: Sie sind berufen, liebe Frau Zernikow, für Seeleute da zu sein, hier im Überseehafen, sie an Bord zu besuchen, sie einzuladen in den Seemannsclub, ihnen zuzuhören und beizustehen, ihre Sache stark zu machen und uns allen immer wieder bewusst zu machen, was wir ihnen zu verdanken haben, wo 90% des Welthandels über See abgewickelt wird. Sie sollen ihr Team begleiten und stärken und Zeugin sein für das Evangelium Jesu Christi am besonderen Ort Seehafen.

Und für Sie und für uns alle ist gesagt, das lesen wir aus der Bibel: Wir sind nicht nur Berufene. Auch uns gilt, was Gott dem Propheten zusagt: „Ich will bei dir sein.“ Gerade in schweren Zeiten bist du nicht allein. Ich stärke dich. Als Zeichen dieser Begleitung Gottes werden Sie nachher den Segen Gottes zugesprochen bekommen und am Ende des Gottesdienstes wir alle. Wir sind berufen und wir sind gesegnet, so wie einst der Prophet Jeremia.

Amen.

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