12. September 2021 | Dom zu Schwerin

Predigt zum 850. Jubiläum der Weihe des Schweriner Domes

12. September 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt predigte zu Psalm 26,8

Liebe Festgemeinde, liebe Geschwister,

850 Jahre Schweriner Dom – was für ein besonderer, was für ein wunderbarer Anlass zum Feiern! 850 Jahre Geschichte – gut erforscht und dokumentiert. Und doch habe ich in diesem Jahr Neues über den Dom und seine Gemeinde erfahren!

Zugegeben: in diesem Jubiläumsjahr gibt es besonders viele Gelegenheiten, mehr über diesen Löwendom, seine Entstehungs- und Baugeschichte zu lernen. Denn trotz Corona hat die Domgemeinde mit Domprediger Mischok – zu dem heute ganz besonders herzliche Genesungs- und Segenswünsche gehen – in diesem Jubiläumsjahr ein Festprogramm auf die Beine gestellt, das sich sehen lassen kann – mit Musik und Lesungen, Gottesdiensten und Andachten, einer Kunstausstellung, mit vielen Führungen, einer historischen Tagung und und und.

All das mit der geradezu unerschütterlichen Gelassenheit und Zuversicht, dass dieses Jubiläum so begangen wird, wie es unter Pandemie-Bedingungen jeweils verantwortlich möglich ist. Dafür hier und heute von ganzem Herzen Danke! Danke Ihnen, lieber Bruder Mischok und liebe Mitglieder des Dom-Kirchengemeinderates, danke Ihnen, liebe haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende, und allen, die einzelne Programmpunkte dieses Jubiläumsjahres mit vorbereitet und gestaltet haben! Ihnen allen, allen hier und heute, für die dieser Dom ein besonderer Ort ist, bringe ich heute zu diesem Jubiläum die Glück und Segenswünsche unserer Landeskirche, die sich ganz bewusst diese Stadt als Sitz der Landesbischöfin und diesen Dom als eine ihrer beiden Predigtstätten ausgesucht hat.

Aber ich wollte ja erzählen, was ich Neues über den Dom und seine Gemeinde gelernt habe. Etwas, was ich so noch nicht gesehen habe. Ich will es so sagen: Die Domgemeinde ist von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.

Denn sie hat nicht nur gemeinsam mit dem Staatlichen Museum zu einer Herzens-werkstatt eingeladen und die Aspekte des menschlichen Herzens, bekanntlich Sitz des Lebens und der Liebe, künstlerisch ausgeleuchtet. Die Domgemeinde hat darüber hinaus noch etwas ganz besonderes getan: Sie hat eine Liebeserklärung geschrieben. Und diese Liebeserklärung auch gleich noch draußen Dom befestigt! Dort ist sie für jeden und jede Tag und Nacht öffentlich sichtbar. Eine Liebeserklärung, die in ihrer Klarheit und Eindeutigkeit keine Wünsche und Fragen offen lässt. Diese Liebeserklärung, sie heißt: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses“.

Die Predigt der Landesbischöfin finden Sie auf Youtube:https://youtu.be/-2ZD3ST54WQ

II

Nun sind Liebeserklärungen ja keine ganz einfache Angelegenheit. Weil sie gar nicht so einfach zu formulieren sind, greift man dafür gern auf schöne, schon einmal ausgesprochene Liebeserklärungen zurück. Auch die Liebeserklärung, die die Domgemeinde aufgeschrieben hat, ist eine bereits vor Jahrhunderten, ja vor Jahrtausenden formulierte Liebeserklärung. Sie stammt aus dem 26. Psalm, einem der gebeteten Lieder oder der gesungenen Gebete der Bibel. Vollständig lautet sie : „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.“

Wie könnte man das Domweihjubiläum treffender und passender begehen als mit einer solchen Liebeserklärung! Drückt sie doch aus, wie sehr Menschen mit diesem Dom, mit diesem Kirchenraum in Liebe und Zuneigung verbunden sind. Denn über Jahrhunderte hinweg haben Menschen hier eine Zuflucht gesucht und gefunden. Alte und Junge. Arme, Reiche, Kranke und Gesunde. Dieser Dom war und ist Raum für Ängste und Sorgen, für Freude und Glück. Ein Raum für Gebete, laute und leise, für hörbare und unhörbare Worte - und sicher auch für manche Stoßseufzer. Ein Raum für Lieder, für Musik, für die Seele berührende Orgelklänge.

Mit diesem Dom sind Menschen seit 850 Jahren verbunden - und der Dom ist es mit Ihnen. Ich freue mich, dass das heute sichtbar wird - durch uns alle, durch die vielen Menschen, die diesen Festgottesdienst hier und in den Kirchen der Stadt in ökumenischer Verbundenheit feiern. Ich freue mich deshalb sehr, dass auch Sie, liebe Frau Ministerpräsidentin Schwesig, heute und wie so oft ihre Verbundenheit mit diesem Dom, mit dem christlichen Glauben zeigen. Als Mitglied der Domgemeinde ebenso wie als Ministerpräsidentin. Danke, dass Sie damit auch für das Land Mecklenburg-Vorpommern

diesen Dom als Gemeindekirche wie als Sitz der Landesbischöfin der Nordkirche  würdigen und wir diesen Gottesdienst gemeinsam feiern. Und ich freue mich, dass wir mit Bischöfin Dagmar Winter aus der anglikanischen Kirche in Großbritannien eine Vertreterin der weltweiten Ökumene bei uns zu Gast haben. Die Weite unseres Glaubens, unsere gemeinsame Bezogenheit auf Christus verbindet uns über konfessionelle wie über Ländergrenzen hinweg. Welcome in Schwerin!

Seit 850 Jahren ist der Dom mitten in Schwerin, im Wandel der Zeiten ein Ort, an dem Menschen ihr Leid klagen, ihre Trauer zeigen, ihre Tränen weinen, und spüren, dass wieder Hoffnung und Trost wachsen. Ein Ort, an dem sie Gemeinschaft, Verbundenheit, Frieden erleben. Ein Ort, an dem seit 850 Jahren das Evangelium verkündet wird: Die frohe Botschaft von Gottes vergebender Liebe, von Jesus Christus und seiner Barmherzigkeit und Menschenliebe, von der Kraft Gottes, die neues Leben verspricht und schenkt - im Leben, im Sterben und darüber hinaus. Wie gut, dass das so ist - Also ja: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.“

III

Liebeserklärungen sind oft das Ergebnis eines Überschwangs der Gefühle. In Zeiten großen Glücks sprudeln sie nur so aus einem oder einer heraus. Bei den Psalmworten, die draußen am Dom geschrieben stehen, ist das ein bisschen anders. Auch ihr Verfasser war zwar von großen Gefühlen bewegt. Aber weniger von großem Glück, als vielmehr von großen Ängsten. Existentiellen Ängsten. Denn er wusste nicht, wie es in seinem Leben weitergehen sollte. Zu Unrecht war er schwer beschuldigt und angeklagt worden. Und nun befindet er sich auf der Flucht vor denen, die ihm übel wollen. Er sucht Zuflucht im Tempel und wirft alles, was ihn bedroht und bedrückt, Gott vor die Füße.

Mich erinnern seine Psalmworte daran: Eine Kirche bietet nicht nur Raum für schöne und besinnliche Zeiten. Eine Kirche bietet Raum für alle Zeiten im Leben, auch für die, die nicht schön sind. Die Nöte, die Menschen betreffen, sollen nicht draußen vor der Kirchentür bleiben. Im Gegenteil, sie gehören mitten hinein - in diese und alle Kirchen. Deshalb ist es ja auch so gut, dass der Dom nicht nur zum Gottesdienst, sondern auch unter der Woche offene Türen hat für alles, was Menschen bewegt.

Und als Kirche tragen wir die Nöte der Menschen und unserer Welt nicht nur vor Gott, sondern wir wollen sie miteinander tragen. Einander helfen, wo immer es geht. Denn wer in dieser Kirche für sich und seine Mitmenschen betet, soll auch vor den Kirchentüren an ihrer Seite sein - mit Wort und Tat. Wer in dieser Kirche Gottes Gastfreundlichkeit und Menschenliebe erfährt, soll sie auch selbst praktizieren - mit offenem Willkommen z.B. für alle, die in diesen Tagen aus Afghanistan vor Terror und Unterdrückung fliehen müssen. Wer in dieser Kirche um Frieden bittet, soll auch vor ihren Türen daran mitwirken, dass Frieden wird - hier bei uns und weltweit. Soll die Stimme erheben, wenn Frieden gefährdet ist oder Menschenrechte in Ländern wie Belarus mit Füßen getreten werden. Soll sich unangenehmen Themen wie der der Verantwortung für eine gerechtere Welt nicht verweigern. Wer in dieser Kirche mit wunderbaren Liedern die Schönheit der Schöpfung Gottes preist, soll diese Schöpfung auch bewahren. Soll mutige Schritte gehen, um den Klimawandel zu stoppen und dafür nicht nur Forderungen an andere richten, sondern bereit sein, den eigenen Lebensstil zu ändern. Auch, wenn es schwer fällt. Denn die Zeit, die Verantwortung für konkrete Schritte auf andere abzuwälzen, ist endgültig vorbei.

„Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.“ Wer in diese Worte einstimmt, kommt nicht umhin, die ganze von Gott geschaffene Welt, seine Schöpfung, als seine Stätte, als den Ort, wo seine Ehre wohnt, wahrzunehmen. Und von Herzen dankbar für sie zu sein – als unseren Lebensort. Ein einmaliges, wunderbares Geschenk, das es so kein zweites Mal gibt. Deshalb lasst uns alles tun, um diese Welt, Gottes Schöpfung, zu behüten und bewahren. Jetzt.

IV

„Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.“ Zum einensind diese Worte eine Liebeserklärung an den Ort, an dem Gott anwesend ist. Sei es ein Kirchraum, sei es die ganze Schöpfung. Darüber hinaus sind sie aber auch eine Liebeserklärung direkt an Gott. Denn er wird angesprochen. Um ihn geht es. Dem Ort gilt die Liebeserklärung allein deshalb, weil an ihm Gott anwesend, gegenwärtig, präsent ist. Unsere Welt ist so liebenswert, weil sie in Gottes Gegenwart existiert.

Denn Gottes Schöpferkraft, schenkt uns das Leben. Die Hoffnung auf seine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit schenkt uns neue Perspektiven. Lässt uns nicht die Welt von gestern für morgen fortschreiben, sondern aus Gottes Zukunft heraus mit Neugier und Gelassenheit die Gegenwart gestalten. Die unbedingte und unbeirrbare Liebe Christi lässt uns barmherzig und geschwisterlich leben. Und die ermutigende Kraft seines Heiligen Geistes verhilft uns zu Gemeinschaft und Solidarität. Ohne all das sie wären wir längst verloren. Aber Gott gibt uns Menschen, gibt seine Schöpfung nicht auf. Sondern ist bei uns und an unserer Seite, präsent und gegenwärtig.

Diese Gegenwart Gottes sagt nicht nur etwas über Gott aus, sondern vielmehr etwas über uns Menschen. Denn Gottes Gegenwart meint: Gott sieht uns Menschen, wie wir jeweils in der Gegenwart, jetzt und hier da sind. Mit all dem, was uns jetzt im Herzen bewegt und auf der Seele liegt. Gott sieht nicht auf das, was wir einmal waren. Sondern er sieht auf uns, wie wir jetzt sind. Und genau so nimmt er uns an sein Herz. Ein mittelalterlicher Mystiker hat das so gesagt: „Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist.“ Was für eine Zusage, was für eine umarmende, Geborgenheit, Kraft und Hoffnung schenkende Liebe! Es kommt nicht darauf an, was war. Sondern es kommt darauf an, wie Du Dich jetzt und hier von Gottes Liebe verändern lässt. Es kommt darauf an, wie Du Dich jetzt in Gottes Große Liebesgeschichte mit dieser Welt, seiner Schöpfung und uns, seinen Geschöpfen, mit hineinnehmen lässt.

Diese gegenwärtige und uns verändernde Liebe Gottes wird in dieser wie in allen Kirchen gefeiert. Genau genommen ist deshalb nicht nur draußen am Dom eine Liebeserklärung befestigt, sondern: Der ganze Dom ist eine Liebeserklärung. Eine menschliche Antwort auf Gottes liebende Gegenwart, in der wir die werden, die wir sein sollen: Gottes Geschöpfe, die als Gotteskinder einander Menschengeschwister sind - die füreinander und für Gottes Schöpfung einstehen und dabei aus der Hoffnung leben, dass Gott uns immer wieder Möglichkeiten schenkt für neues, umfassendes, wahres Leben! Das lasst uns feiern!

Amen.

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