15. August 2021 | St. Georgen Wismar

Predigt zum Jubiläum 70 Jahre Neue Kirche

15. August 2021 von Tilman Jeremias

Liebe Festgemeinde,

ich freue mich, heute bei Ihnen sein zu können zum Kirchweihfest 70 Jahre Neue Kirche zum Abschluss Ihrer Festwoche. Und ich freue mich sehr, dass wir dies mit der wunderbaren Musik Johann Sebastian Bachs begehen können, die auch im Mittelpunkt der Predigt stehen soll. Nicht nur diese Musik legt nahe: Es gibt genügend Anlass, Gott zu danken am heutigen Tag!

Dieser Anlass lässt uns 70 Jahre zurückblicken. St. Marien und St. Georgen sind durch den Krieg schwer geschädigt und können nicht gottesdienstlich genutzt werden. Mit dem Bau der Neuen Kirche enden gottesdienstliche Notlösungen der beiden damals noch selbstständigen Gemeinden. Aber auch die Neue Kirche ist eine Notkirche, als Provisorium gedacht. Doch Otto Bartning hat sie so solide gebaut, dass sie bis heute zuverlässig ihre Dienste tut. Lassen Sie uns gemeinsam im Anschluss an diesen Gottesdienst hinübergehen und auch vor Ort noch einmal Gott danken für diese 70 Jahre.

Denn es sind 70 Jahre, in denen wir in Frieden leben durften. Die gesprengte Marienkirche markiert als leerer Raum neben dem Turm mitten in der Stadt die Wunden, die der Krieg geschlagen hat. St. Georgen erstrahlt nach einem gewaltigen baulichen Kraftakt wieder in neuem, altem Glanz, und am heutigen Festtag vergessen wir einmal all das, was rund um diese prächtige Kirche in den vergangenen Jahren zwischen Kirche und Stadt strittig gewesen ist. Ohne Frage ist sie ein wunderbarer Ort für einen Festgottesdienst wie heute.

Und heute soll das Lob Gottes im Mittelpunkt stehen. Dieses Lob kann nicht vollendeter erklingen als mit einer Bachkantate. Und ich danke Ihnen, lieber Herr Thadewald-Friedrich, dass Sie für diesen Gottesdienst die Ratswahlkantate gewählt haben. Sie ist wie komponiert und geschrieben für unser Fest. Bach komponierte sie für einen Dankgottesdienst nach der Wahl des Rates der Stadt Leipzig im August 1731. Die erfolgte Wahl war für die Kirche Anlass, Gott zu danken für seinen Schutz der Stadt und ihn um seinen Segen für Leipzig zu bitten.

So soll es sein! Wer diese Kantate kennt, müsste eigentlich darauf dringen, dass es am 26. September zur Bundestags- und Landtagswahl überall im Land Gottesdienste gibt, die Gott loben für den Wohlstand, die Freiheit und die Sicherheit in unserem Land, und für die gewählten Politikerinnen und Politiker um seinen Segen bitten. So jedenfalls ist diese Musik gedacht.

Und darum bietet sie alles auf, was barocke Klangpracht entfalten kann, Pauken und Trompeten, vier Gesangssolistinnen und –solisten. Ungewöhnlich für eine Kantate ist schon, dass sie mit einer prächtigen Sinfonia beginnt. Die Bachfeinschmecker unter Ihnen haben sich vielleicht gefragt, warum Ihnen dieses furiose Eingangsstück so bekannt vorkommt. Es ist das Präludium der E-Dur-Partita für Violine solo. Als Geiger weiß ich, was diese Sechzehntel für eine Herausforderung sind. Hier darf die Orgel diese virtuosen Läufe als Soloinstrument präsentieren, assistiert vom Orchester. Mit dieser Instrumentalmusik am Anfang ist deutlich: Heute ist ein besonderer, feierlicher Tag, sei es die Leipziger Ratswahl oder die Wismarer Kirchweihe.

Es folgt dann der ebenso prachtvolle Eingangschor, der der Kantate den Namen gegeben hat: „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“. Wenn Sie möchten, nehmen Sie gern Ihr Liedblatt zur Hand, weil ich mich jetzt immer wieder auf den Text der Kantate beziehe. Der Chor zu Beginn zitiert den Eingangsvers aus Psalm 75: „Wir danken dir, Gott, wir danken dir, und verkündigen deine Wunder.“ Die Musik zu diesem Chor war Bach so wichtig, dass er sie für das „Gratias“ und das „Dona nobis“ der h-moll-Messe wiederverwendet hat. Vielstimmig und mit vollem Gesang erklingt der Lobpreis Gottes. Nach dem Zeugnis der gesamten Bibel ist er ein Gott, der immer wieder Wunder tut. Er hat das Universum erschaffen und hält es in seinen Händen. In Zeiten, wo wir Menschen unseren Planeten ausbeuten wie nie zuvor, brauchen wir so dringend die Erinnerung daran, dass er uns vom Schöpfer geschenkt wurde mit dem Auftrag, ihn zu bebauen und zu bewahren.

Nach diesem strahlenden Einstieg, den wir zu Beginn gehört haben, folgt in der Kantate der innigere, filigrane Mittelteil mit den Arien. Gerade haben wir die erste Arie des Tenors gehört, sehr typisch bei Bach für den Tenor mit vielen Koloraturen. Diese Arie preist den Allerhöchsten für seine Stärke. Und diese Stärke findet ihren Ausdruck in einer Stadt. Einer besonderen Stadt, die gewissermaßen eine himmlische und eine irdische Seite hat, Zion, Jerusalem, der Ort, wo Gottes Name wohnt. Hier denkt Gott an seinen Bund, den er mit Israel geschlossen hat. Hier war nach der Überlieferung schon Abraham, hier baute David den ersten Tempel, hier wurde Jesus gekreuzigt und von Gott wieder auferweckt. Das neue Jerusalem ist der Ort, wo alle Menschen am Ende der Tage Gottes Herrlichkeit sehen werden, das irdische Jerusalem ist bis heute eine faszinierende Stadt, in der aber auch viel zu oft der Unfriede zwischen den Religionen zu Konflikten und Gewalt führt.

Die Kantate setzt Leipzig in Verbindung zur Heiligen Stadt; indem wir sie heute aufführen und hören, stellen wir diese Verbindung zwischen Jerusalem und Wismar her. Gott hat Wohnung unter uns genommen, er ist sozusagen unser Mitbürger. So nahe kommt er uns Menschen. Baulich zeugen davon unsere Gotteshäuser. Gott selbst zeigt sich in seinem ersten Bund mit dem Volk Israel und darin, dass er in Jesus Christus als Mensch unter uns gelebt hat, menschliche Freude und menschliches Leid teilt. Der Allerhöchste ist nicht weit weg. Er hat uns seine liebende Gegenwart versprochen, gerade dann, wenn wir in seinem Namen versammelt sind wie jetzt.

In diesem Sinn wird es auch nach der Predigt weitergehen mit der Kantate. Das wunderbare Bass- Rezitativ lobt Gott dafür, dass er die Stadt beschirmt mit seinem Schutz, seinem Trost und Licht. Viele Menschen in den Flutgebieten haben die bittere Erfahrung gemacht, wie fest gebaute Häuser ihnen innerhalb einiger Minuten weggerissen wurden. Unsere Existenz bleibt auch in den festesten Mauern vergänglich und bedroht. Mit jedem Atemzug sind wir angewiesen auf Gottes Flügel, die die Mauern feste halten. Welch ein Bild in diesem Rezitativ! Gott selbst breitet seine Flügel aus, damit die schützenden Stadtmauern nicht ins Wanken kommen. Ihm allein ist zu verdanken, wenn Gerechtigkeit und Friede sich küssen, wie Psalm 85 es besingt. Der erste Schritt zum Dank ist die wache Wahrnehmung, wie viel Gutes mir Gott Tag für Tag tut, wie oft er mich schon getragen und behütet hat. Mit solch wachem Herzen kann man auch staunen darüber, welch große Spuren menschlicher Baukunst in der Welterbestadt Wismar zu finden sind, ganz besonders in seinen Kirchen.

Genießen Sie nach dem Bassrezitativ dann nachher gleich besonders die fantastische Sopranarie, flankiert durch die Solooboe. Hier wechselt jetzt der Gebetsmodus. Nach dem Dank und Lobpreis folgt die Bitte an Gott. Und Bach kleidet diese Bitte in einen wiegenden Siciliano- Rhythmus, dass man eigentlich unwillkürlich mitschunkeln möchte. Fast erscheint diese Arie wie ein Wiegenlied. Gottes Liebe und Erbarmen sollen die Stadt sichtlich so umschließen, dass sie, geborgen in Gottes Armen, ruhig schlafen kann. Dazu ist gut und notwendig, Regierende zu haben, die ihrer Verantwortung gerecht werden, die Schwachen im Blick haben und das Wohl der Stadt und nicht ihr eigenes. Das ist die Bitte des Soprans und aller Menschen, die sich Sorgen um unsere politische Zukunft machen.

Wie schön, dass wir heute im Anschluss an diese Arie selbst Fürbitte halten werden. Und diese Fürbitte findet dann ihre Fortsetzung im letzten Teil der Kantate, die wir nach dem Segen hören werden. Der Alt schaut in seinem Rezitativ in die Zukunft und hofft auf Gutes, das Gott der Stadt erweisen wird. Dies verbindet die Altistin mit dem Versprechen, dass Stadt und Land weiter Gott loben werden für seinen Schutz.

Kunstvoll hat Bach einen Rahmen um diesen Mittelteil geformt, der Alt wiederholt noch einmal die preisenden Worte des Tenors: „Halleluja, Stärk und Macht sei des Allerhöchsten Name!“

Und wie bei den Kantaten üblich hat der Chor das letzte Wort. Vergleichbar zu allen traditionellen Chorälen schließt die Kantate mit einem Lob des dreieinigen Gottes. Sie wählt dazu die letzte Strophe unseres Chorals „Nun lob, mein Seel, den Herren“, EG 289. Das neuerliche Lob ist in dieser Choralstrophe verbunden mit dem Versprechen, dass wir uns ganz auf Gott verlassen, auf ihn bauen und nur in ihm Trost finden.

Mehr als alle Worte, mehr auch als die Worte dieser Predigt, kann die Musik Johann Sebastian Bachs unser Herz erreichen. Der Glanz des Preisens Gottes durch Bachtrompeten und Pauken geht einher mit der Innigkeit der Bitten im Sologesang.

Dabei bedeutet Danken nicht, das Bittere und Unvollkommene zu übersehen. Es bedeutet, innerlich wach zu werden für das Viele, das wir von Gott geschenkt bekommen. Und Bitten heißt nicht, Gott alles hinzuwerfen und passiv zu werden. Es heißt, vor Gott für andere einzutreten, hier besonders für die eigene Stadt.

Ich wünschte mir, dass wir als Kirche uns die Haltung dieser Kantate noch viel mehr zu Eigen machen würden. Zu besonderen festlichen Anlässen das Lob Gottes laut erklingen ließen so wie heute. Und das Bitten übten für die Menschen, die Verantwortung tragen in der Gesellschaft, in Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion. Wie schön, wenn uns die anrührenden Klänge Bach’scher Musik dabei unterstützen!                                  
Amen.

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