Predigt zum Sonntag Palmarum
29. März 2026
zu Markus 14,1-9
Gerade sind wir mit Palmzweigen in den Händen in die Kirche gegangen. Ein Zeichen der Freude. Und zugleich ein Zeichen, das schon den Schatten der kommenden Tage in sich trägt. Denn dieser Sonntag steht an einer Schwelle: zwischen Jubel und Passion, zwischen Erwartung und Bedrohung, zwischen Hoffnung und Gewalt. Zwischen diesen Polen bewegt sich auch der Predigttext dieses Tages. Er führt uns nach Bethanien. In ein Haus am Rand der großen Ereignisse. Zu einem Tisch, an dem Jesus mit seinen Freunden sitzt. Ein Moment der Ruhe – vielleicht der letzte.
Denn während sie dort zusammensitzen, essen, trinken und erzählen, laufen andernorts bereits konkrete Planungen. Die Gegner Jesu haben beschlossen, ihn aus dem Weg zu räumen. Sie planen seine Verhaftung. Sie warten auf den richtigen Moment. Bald wird einer von denen, die in Bethanien mit Jesus zusammensitzen, zu ihnen kommen. Dreißig Silbergroschen werden sein Preis sein. Dreißig Silbergroschen für den Verrat eines Menschen.
Während die einen essen und trinken und andere berechnend planen, betritt in Bethanien eine Frau den Raum. In ihren Händen trägt sie ein Fläschchen mit kostbarem Nardenöl. Sein Wert: dreihundert Silbergroschen – damals ein Jahreslohn. Die Frau geht auf Jesus zu, zerbricht das Gefäß - und gießt das Öl über den Kopf Jesu. Überraschend, schnell, geschieht das. Ich stelle mir vor, dass alle am Tisch für einen Moment die Luft anhalten. Dass sie gar nicht so schnell fassen können, was da geschieht.
Ein winziger Augenblick nur - und ein Jahreslohn ist dahin. Der Protest kommt schnell. Empörung macht sich breit. „Was soll eine solche Verschwendung?“ Nun - wenn wir ehrlich sind - so ganz von der Hand weisen lässt sich diese Frage nicht. Wir lernen immer mehr, dass wir sorgfältig mit dem umgehen müssen, was uns anvertraut ist: Ressourcen, Finanzen, Rohstoffe. Und uns machen die gegenwärtigen globalen Krisen, mit wirtschaftlicher Unsicherheit, ökologischen Bedrohungen, wachsender sozialer Ungleichheit, deutlich: Verschwendung können wir uns nicht leisten. In einem religiösen Kontext schon gar nicht. Das kostbare Öl hätte man doch besser teuer verkaufen und den Erlös den Armen geben können. So jedenfalls sagt es die nüchterne Stimme der Rationalität.
Doch das Evangelium stellt dieser Stimme eine andere gegenüber. Die einer namenlosen Frau. Sie handelt nach einer anderen Logik. Denn sie erkennt: Jesus selbst lebt verschwenderisch. Wie ist das zu verstehen? Jesus bleibt stehen bei Bartimäus, dem blinden Bettler. Er setzt sich an den Tisch des verachteten Zöllners Zachäus. Er wendet sich einer gekrümmten Frau zu. Er verbringt also seine Zeit mit Menschen, die viele längst abgeschrieben haben. Die Kranken, die Armen, die Vergessenen. Er verschenkt seine Zeit - an Menschen, die politisch bedeutungslos sind. Seine Aufmerksamkeit - an die, die ins Abseits gestellt werden. Seine Liebe - an die, um die sich keiner kümmert. Jesus verschwendet seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, er verschwendet sich selbst. Wäre es nicht besser, er würde seine Zeit mit denen verbringen, die das Sagen haben, den Einflussreichen, denen, die über Geld und Macht verfügen?
Was für andere Zeitverschwendung, Liebesverschwendung ist, das ist für ihn: das Eigentliche. Kern eines Lebens im Glauben und Vertrauen auf Gott, der selbst die Liebe ist zu allem, was lebt. Deshalb ist der Gott, von dem Jesus spricht, kein Gott der knappen Kalkulation. Sondern der Gott der überfließenden Gnade. Es ist der Gott, der – wie es im Johannesevangelium heißt – „die Welt so sehr liebt“, dass er sich selbst und sein Leben hingibt. Genau das sieht die Frau in Bethanien. Darauf antwortet sie ihrerseits mit verschwenderischer Hingabe.
In diesem kurzen Moment entsteht eine erstaunliche Symmetrie: Göttliche Hingabe und menschliche Antwort berühren sich. Jesus gibt das Kostbarste, was er hat – sein Leben. Die Frau gibt das Kostbarste, was sie hat – ihr wertvolles Öl. Dadurch erscheint ihre Handlung in einem neuen Licht. Was wie Verschwendung aussieht, ist ein Akt der Erkenntnis. Die namenlose Frau versteht etwas, das die anderen noch nicht sehen. Sie salbt Jesus mit kostbarem, duftendem Öl. Nicht als König im politischen Sinn, sondern als den, dem Leid und Tod bevorstehen. Sie salbt ihn für sein Begräbnis. An diesem Tag in Bethanien wird Jesus zum Gesalbten - zum Christus. Nicht durch eine eindrückliche Demonstration seiner Macht. Nicht durch politische Anerkennung. Nicht durch öffentlichen Applaus. Sondern durch einen Akt der Liebe, die nicht berechnet. Die namenlose Frau in Betanien tut einfach das, was in diesem Moment richtig ist.
Und Jesus sagt: „Lasst sie. Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ Mehr noch: „Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis.“ Diese namenlose Frau wird ein Teil der Geschichte Gottes. Nicht weil sie mächtig wäre. Nicht weil sie ein Amt hätte. Sondern weil sie im richtigen Moment das Richtige getan hat. Bis heute erzählen wir von ihr.
II
Liebe Gemeinde, wir leben in einer Zeit, in der politische und gesellschaftliche Debatten stark von strategischem Denken geprägt sind. Interessen werden kalkuliert. Mehrheiten werden organisiert. Sicherheit wird gegen Freiheit abgewogen. Kriege werden geführt, als wären sie bis ins letzte planbar. Knallharte Kosten-Nutzenrechnungen bestimmen viele Entscheidungen. Worte werden schärfer und Grenzen härter. Menschen werden gegeneinander ausgespielt. Manchmal scheint es, als wäre die Welt ganz von der Logik der Effizienz bestimmt: Alles muss sich rechnen. Alles muss einen messbaren Nutzen haben. Oder noch zugespitzter: Was nützt es mir? Welchen Vorteil bringt es für mich? Was könnte es mich kosten?
Da wirkt die Frau von Bethanien wie eine Provokation. Sie tut etwas, das sich gerade nicht rechnet. Schon gar nicht für sie selbst. Sie handelt aus Liebe. Und genau darin liegt ihre Bedeutung. Denn das Evangelium erinnert uns daran: was wirklich wertvoll ist, lässt sich nicht unbedingt berechnen. Liebe lässt sich nicht berechnen. Barmherzigkeit lässt sich nicht kalkulieren. Vergebung lässt sich nicht ökonomisieren.
Eine Gesellschaft, die nur noch nach Effizienz fragt, verliert etwas Entscheidendes:die Fähigkeit zur Großzügigkeit des Herzens. Die Spielräume der Barmherzigkeit. Die Frau in Bethanien erinnert uns: Es gibt Momente, in denen nicht Berechnung zählt, sondern Hingabe. Momente, in denen jemand Zeit verschenkt. Zuwendung. Mut. Barmherzigkeit. Momente, in denen jemand sagt: Dieser Mensch vor mir ist jetzt wichtiger als alles andere.
Solche Momente verändern die Welt. Momente, in denen jemand einfach tut, was jetzt getan werden muss. Ohne Kosten-Nutzenrechnung. Ohne Applaus. Oft sind solche Momente klein. Unscheinbar. Fast unsichtbar. Aber so sind sie umso kostbarer. Bestimmt haben auch Sie den Satz schon gehört: „Damit verschwendest du doch nur deine Zeit.“ Vielleicht wenn Sie jemandem zuhören, der kein Ende findet. Wenn Sie sich engagieren, vielleicht für die Gemeinde hier. Wenn Sie anderen helfen, obwohl es Ihnen persönlich nichts einbringt. Aber genau diese „verschwendeten“ Momente sind es, in denen etwas von Gottes Reich aufleuchtet. Für einen Augenblick berühren Himmel und Erde. Gott und Mensch.
Jesus sagt über die namenlose Frau: „Sie hat getan, was sie konnte.“ Ein erstaunlich schlichter und klarer Satz. Diese Frau hat nicht die Welt verändert. Aber sie hat getan, was sie tun konnte - im richtigen Augenblick. Genau deshalb wird bis heute von ihr erzählt. Darin liegt auch eine Ermutigung für uns. Wir müssen nicht die Welt retten. Das liegt bei Gott in guten Händen. Aber wir können tun, was uns möglich ist. Wann ist der Moment, in dem wir heute das Richtige tun können? Wer ist der Mensch, der jetzt unsere Zeit braucht? Wann ist Liebe wichtiger ist als alle Berechnung?
Niemand von uns muss tun, was Jesus getan hat. Aber wir alle können tun, was der Liebe entspricht. Nach unseren Möglichkeiten. In unserer jeweiligen Situation. Denn genau in diesen Momenten wird schon jetzt etwas von Gottes Wirklichkeit sichtbar. Möge Gott uns schenken, solche Momente zu erkennen. Vielleicht wird dann auch einmal von uns erzählt – nicht in den großen Geschichtsbüchern, aber in den Erinnerungen anderer Menschen: Da war jemand, der oder die im richtigen Moment das Richtige getan hat. Aus Liebe. Und wer weiß: vielleicht verändert genau das die Welt …
Amen.