Erster Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember 2021 | Schweriner Dom, 10 Uhr

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen

© Antje Wendt/Nordkirche

23. Dezember 2021 von Kristina Kühnbaum-Schmidt

Predigt zum Ersten Weihnachtsfeiertag, 25.12.2021, zu 1 Joh 3,1-2 im Schweriner Dom um 10:00 Uhr

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.  Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

 Dich schickt der Himmel

„Dich schickt der Himmel!“ Was für wunderbare Willkommensworte! Wer so empfangen wird, weiß: ich wurde sehnsüchtig erwartet. Und mehr noch, nicht nur sehnsüchtig, sondern auch mit der Hoffnung auf Hilfe oder Rettung. Und so sage ich an diesem Weihnachtsmorgen:

 Dich schickt der Himmel“ - du Gotteskind, du Geschwisterkind aller Menschen auf Erden. Wir haben dich sehnsüchtig erwartet. Und wir hoffen darauf, dass mit dir Rettung, Hilfe und Heil in unsere Welt kommt. Dass ein neues Licht scheint, das Licht deiner Liebe und Barmherzigkeit, dass unser Leben hell macht, trotz Angst und Not, trotz Bedrohung uns Gefahr. - So singen es die alten und neuen Weihnachtslieder, so singen wir es dem Christuskind entgegen. Zum Beispiel mit den Worten des wohl ältesten Weihnachtsliedes in deutscher Sprache: „Nun sei uns willkommen, wärst du uns nicht geboren, wärn wir hier auf Erden wohl allzumal verlorn.“

Du bringst die Welt zum Leuchten

Mit der Geburt des Christuskindes macht Gott einen neuen Anfang. Jedes menschliche Leben, das neu geboren wird, bedeutet die Möglichkeit für einen neuen Anfang. Für neue Möglichkeiten, die Welt zu entdecken, zu verstehen, zu verändern. Auch mit dem Christuskind beginnt etwas Neues: Es ist Gottes Liebeserklärung an uns Menschen, an seine Schöpfung, an unsere ganze Welt. Diese Welt und uns Menschen, die wir vieles in ihr richtig und gut machen, aber so vieles eben auch falsch und hässlich werden lassen, diese Welt und uns Menschen hält Gott nicht auf Distanz. Er bleibt nicht auf Abstand, mit ein paar klugen Sätzen hier und einigen moralischen Appellen zur Lage dort. Sondern Gott hält diese Welt und uns Menschen für wertvoll - so wertvoll, dass er uns, dass er sie mit seiner Gegenwart würdigt und ein Mensch wird. Ein Mensch, der neue Anfänge für uns alle möglich macht.

Denn Weihnachten feiern wir nicht, um unserem Entzücken und Staunen über ein neugeborenes Baby Ausdruck zu geben. Wir feiern Weihnachten, weil das neugeborene Christuskind der Anfang vom Leben des Christus Jesus ist. Christus, der verkörpert und lebt, was das heißt: Liebe, Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit, Frieden inmitten einer Welt, die alles andere als nur liebevoll, barmherzig, mitmenschlich und friedlich ist. Der dafür mit seinem Leben einsteht. Mit der Geburt des Christuskindes nimmt all das seinen Anfang. Es kommt ein Lichtschein der Hoffnung in unsere Welt. „Von Gott kommt mir ein Freudenschein…“ - „Du bringst die Welt zum Leuchten!“

Ihr seid ein Geschenk des Himmels

Gott kommt zur Welt, wie wir zu Welt kommen und wird ein Mensch, wie wir: angewiesen auf Liebe und Fürsorge, auf umhüllende Wärme, beschützende Geborgenheit. Ein Mensch voller Entsetzen über Leid und Gewalt, mit Angst vor Verlassenheit, Sterben und Tod.

Uns alle beschweren die Pandemie und die mit ihr verbundenen Belastungen, Einschränkungen und Sorgen sehr. Die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung geht damit verantwortungsvoll, geduldig und hoch solidarisch insbesondere mit den besonders Gefährdeten um. Und natürlich suchen wir alle nach einem Ausweg aus dieser so lang anhaltenden Pandemie. Wie immer in schwierigen und komplexen Situationen gedeihen dabei auch Wünsche nach schnellen und einfachen Lösungen. Es gibt Menschen und Gruppierungen, die das ausnutzen möchten, um Verunsicherung voranzutreiben, Misstrauen zu schüren und um so unsere Demokratie zu destabilisieren. Dem müssen wir entschieden entgegentreten. Als Kirche stehen wir dafür, dass wir in unserer Demokratie und unserem gesellschaftlichen Zusammenleben unterschiedliche Meinungen aushalten und Konflikte friedlich austragen. Beschlüsse, die von den dazu gewählten demokratischen Parlamenten und Institutionen getroffen werden, können in einer Demokratie kritisiert und diskutiert werden, sie sind aber auch zu respektieren.

Beim weihnachtlichen Blick in die Krippe verstehen wir, was uns über alle unterschiedlichen Ansichten miteinander verbindet: wir alle brauchen einander. Überall auf der Welt. In unserem ganz normalen Alltag. In den Belastungen und Sorgen der Pandemie. Auf Intensivstationen und in Elendsvierteln. An den Grenzzäunen Europas und auf schwankenden Booten im Mittelmeer. Überall sehnen sich Menschen nach Trost und Hilfe. Der Blick auf das Menschenkind in der Krippe ist deshalb auch der Blick auf uns selbst. Auf das Menschsein aller Menschen. Der Blick in die Krippe hilft uns, mehr auf das zu sehen, was uns verbindet. Und weniger auf das, was uns trennt.

Wenn wir staunend und angerührt auf das Kind in der Krippe sehen, steht uns vor Augen, was alle Kinder und Erwachsenen auf Erden elementar verbindet: unser Menschsein. Unser menschliches Leben mag wunderbar sein, und doch ist es bedroht. Unser Leben mag stark und sicher sein, und doch ist es verletzlich. Und wie unendlich es auch erscheinen mag, es ist doch endlich und sterblich. Wie das Kind in der Krippe brauchen deshalb alle Menschen fürsorgliche Nähe, bergende Gemeinschaft, schützende Solidarität.

Du rockst selbst die kärgste Hütte

Denn seht doch, heißt es im Predigttext: wir Menschen sollen alle Gottes Kinder heißen.Und dann folgt der trotzige, selbstbewusste Satz: „Und wir sind es auch!“ Ausrufezeichen! Will sagen: Wir werden nicht erst in ferner Zukunft Gottes Kinder sein, sondern wir sind es jetzt! Weil Gott uns so sieht, uns so ansieht wie das neugeborene Kind in der Krippe. Trotz allem, was wir Menschen einander antun, was wir aneinander versäumen, was wir einander an Leid und Schmerz zufügen - Gott sieht auf uns mit seiner schöpferischen, verwandelnden Liebe. Martin Luther hat das einmal so beschrieben: „Die Liebe Gottes findet das ihr Liebenswerte nicht vor, sondern sie erschafft es.“[1]… „Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden aber nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“[2]

Euch schickt der Himmel

Gott gibt uns und unsere Welt nicht verloren. Mit der Geburt des Christuskindes zeigt er uns: Menschsein – das ist auf ganz neue Weise möglich! Befreit, erlöst, beschenkt. Nicht gefangen in dem, was wir waren, sondern erfüllt durch das, was wir sind und sein können, in dem wir dem Christuskind in unserem Leben Raum geben.

Denn wir Menschen haben die Möglichkeit, uns zu verändern, neu zu beginnen. Die Philosophin Hannah Arendt hat das mit ihrem Konzept der Natalität, der Geburtlichkeit des Menschen beschrieben: Wir Menschen sind mit der Gabe des Beginnens ausgestattet[3]. Und als zum Beginnen, zum neu Anfangen begabten Wesen ist uns auch die Freiheit geschenkt, handeln zu können.

Handeln aber heißt „neu beginnen - im Unterschied zum Weitermachen, zum Verwalten oder Reagieren. Der Mensch wird geboren, um zu handeln, damit mit ihm Neues in die Welt kommen kann.“[4]Oder mit Worten von Hannah Arendt: „Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“[5]

Ihr bringt die Welt zum Leuchten

Gott kommt zur Welt und verspricht mit seiner Geburt, diese Welt und uns Menschen nie und nimmer mehr zu verlassen. Sondern in dieser Welt und für uns präsent zu sein. Gegenwärtig und zukünftig.

Wir aber sollen Kinder Gottes heißen - und wir sind es auch! Darum: In jedem Akt der Güte, der Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit bauen wir mit an der neuen Welt Gottes, die Christus verkörpert. In jeder Hilfe, die wir anderen in Not gewähren, in jedem Moment, in dem wir verstehen, dass die Liebe, die zerbrechliche, verletzliche Liebe die eigentliche Macht auf dieser Welt ist, wirken wir daran mit, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sich Bahn brechen. Als Kinder Gottes. Kinder Gottes, die dafür stehen, dass die Welt sich ändern kann. Dass Liebe und Barmherzigkeit neues Gewicht bekommen. Dass Unterschiede nicht unüberbrückbar sein müssen. Ich bete deshalb darum und ich bitte: Lasst uns mit dafür Sorge tragen, dass Trennungen und Spaltungen nicht noch größer werden. Aber lasst uns auch entschieden einstehen für Liebe und Barmherzigkeit, für Verantwortung füreinander. Allem Leid, aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz. Lasst uns einander liebevoll im Blick haben und die unterstützen, die an den Folgen der Pandemie leiden. Den Weg aus der Pandemie weisen nicht Angst und Gewalt, sondern gegenseitige Rücksicht und Unterstützung.

Das Christuskind ist Gottes Liebeserklärung an uns und unsere Welt. Damit wir beim Blick auf das neugeborene Kind verstehen: Wir alle sind Gottes Kinder und Menschengeschwister, die wahrhaft menschlich leben können, verbunden in Liebe und Barmherzigkeit. Und bringen so die Welt zum Leuchten – mit Gottes Hilfe, dem Jesuskind, dessen Name genau das heißt: Gott hilft, Gott rettet.

Amen.

[1] Martin Luther, Disputatio Heidelbergae habit (1518), WA 1, 365,2f: „Amor Dei non invenit sed creat suum diligibile.“

[2] Martin Luther, Disputatio Heidelbergae habit (1518), WA 1, 365,11ff: „Ideo enim peccatores sunt pulchri, quia diliguntur, non ideo diliguntur, quia sunt pulchri.“

[3] „Dieses Anfang-Sein bestätigt sich in der menschlichen Existenz, insofern jeder Mensch wieder durch Geburt als je ganz und gar Neues in die Welt kommt, die vor ihm war und nach ihm sein wird.“  Hannah Arendt, Freiheit und Politik, in: dies., Zwischen Vergangenheit und Zukunft, München/Zürich 1994, 201-226, 220.

[4] Karin Ulrich-Eschemann, Vom Geborenwerden des Menschen. Theologische und philosophische Erkundungen (Studien zur systematischen Theologie und Ethik Bd,. 27), Münster/Hamburg/Berlin/London 2000, 32.

[5] Hannah Arendt, Vita activa oder vom tätigen Leben, 9. Aufl. München 1997, 215.

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