Sonntag, den 14.11.2021| St. Petri-Dom Schleswig

„Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Die Friedenstaube als Projektion im Gewölbe des Schleswiger Doms
Die Friedenstaube als Projektion im Gewölbe des Schleswiger Doms © Jürgen Rademacher/Nordkirche

14. November 2021 von Gothart Magaard

Predigt im Rahmen eines Friedensgottesdienstes anlässlich des Volkstrauertags 2021 und des Jahrestages der Bombardierung von Conventry am 14. November 1940

Liebe Gemeinde,

„Selig sind die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Aus der Bergpredigt Jesu stammen diese Worte, sie sind eine große Verheißung und Aufgabe zugleich. Jedes Jahr im November erinnert die Friedensdekade an diese Verantwortung. In diesem Jahr steht sie unter der Frage: Wie weit reicht der Frieden?

Ich denke heute Abend an einen Besuch des englischen und deutschen Soldatenfriedhofs in Kiel vor vier Jahren zurück: Anlass war der Besuch einer Delegation der britischen Stadt Coventry im Rahmen eines Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Kiel und Coventry. Zum Programm gehörte auch der Gang zu den Gräberfeldern auf dem Nordfriedhof.

Mit meinem englischen Bischofsbruder hatte ich verabredet, dass er vor den Gräbern der deutschen Soldaten aus dem 1. und 2. Weltkrieg ein Gebet sprechen würde und ich vor den Gräbern der britischen Soldaten auf dem benachbarten „Kiel War Cemetery“. Und ich erinnere mich genau daran, wie wir dort standen vor so unendlich vielen Grabsteinen, Reihe an Reihe, tausende Namen – mit Geburtsdatum, Herkunft, Nationalität  und Todesdatum und kurzen individuellen Texten. Wir konnten erahnen, wie unermesslich groß die Trauer bei ihren Familien und Angehörigen gewesen sein musste, die wir auch als Nachkriegsgeneration noch spüren konnten. Dort verharrten wir in Stille, sprachen dann jeweils ein Gebet und beteten gemeinsam.

Heute vor 81 Jahren, in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 bombardierte die deutsche Luftwaffe die englische Stadt Coventry. Und es bewegt mich sehr, dass aus diesem zerstörerischen Angriff eine Versöhnungsbewegung bis heute entstand.

Drei Zimmermannsnägel aus den Trümmern der zerstörten Kathedrale wurden zusammengefügt zu einem Kreuz. Der Dompropst Richard Howard ließ außerdem zwei Worte auf die Chorwand der Kirchenruine meißeln:  „Father forgive“, also: Vater vergib. In diesem Nagelkreuz und diesen beiden  Worten war der Weg  zur Versöhnung angelegt.

Er hätte auch schreiben könne: `Vergib denen, die unsere Stadt zerstörten und unsere Lieben nahmen; vergib denen, die den tödlichen Befehl gaben und denen, die ihn ausführten.` Aber das schreibt er nicht. Er schreibt noch nicht mal: „Vater, vergib ihnen.“

Jegliche Schuldzuweisung  unterblieb. Es stand einfach nur da: „Vater, vergib.“ Im Sinne von: Vergib uns allen, was wir dir und anderen Menschen schuldig bleiben. Vergib uns allen unsere Schuld – gleich welchem Volk oder welcher Kriegspartei wir angehören.

Die Bombardierung Coventrys war der Anfang eines Luftkriegs ohne jede Einschränkungen und Grenzen, später wurden auch deutsche Städte bombardiert - von der britischen Luftwaffe und den Alliierten, auch Kiel war mehrfach das Ziel von Angriffen.

Mich hat beeindruckt, dass bereits zwei Jahre nach Kriegende, 1947,  ein weiteres Nagelkreuz aus Coventry in die zerstörte Stadt Kiel gebracht wurde, es befindet sich in der Nikolaikirche. Es war das erste Kreuz aus Coventry für eine Gemeinde in Deutschland. Aus dieser und weiteren Begegnungen wuchs in Kiel die Städtepartnerschaft.

Heute gehören 160 Kirchen und Organisationen zur Nagelkreuzgemeinschaft. Sie setzen auf Vergebung durch Gott als Quelle der Heilung und Hoffnung. Sie setzen sich dafür ein, dass die Wunden der Geschichte heilen können, dass wir mit Unterschieden und Vielfalt besser zu leben lernen und eine Kultur des Friedens zu schaffen.

Im Jahr 1958 entstand aus dem „Vater, vergib“ das sogenannte Versöhnungsgebet von Coventry, das auch in unserem Gesangbuch zu finden ist. Die Bitte „Vater vergib“ wird in ihm siebenmal aufgenommen und mit ausformulierten Anliegen konkretisiert. Dieses Gebet wird jeden Freitag um 12 Uhr mittags im Chorraum der Ruine der alten Kathedrale und in allen Nagelkreuzzentren der Welt gebetet. Wir werden das Gebet auch miteinander sprechen.

Die Versöhnungsbewegung von Coventry zeigt, dass Engagement für den Frieden bedeuten kann, mit Gottes Hilfe über sich selbst hinauszuwachsen. Friedensarbeit erfordert Kraft, in mühsamen Schritten zu verhandeln, Konflikte zu beleuchten und um Verständigung zu ringen. Der Weg des Friedens besteht aus diesen vielen kleinen und größeren Schritten.

Wir leben in einer Welt, in der Menschen und Orte durch Mobilität und Digitalisierung einander näher gerückt sind. Wir wissen dadurch noch genauer, dass der Friede in vielen Ländern dieser Welt bedroht ist.

In Afghanistan und anderen Ländern versuchen  Menschen ihre Länder zu verlassen, weil sie durch Korruption, Krieg und Gewalt bedroht sind und keine Perspektive mehr sehen. Die Klimakrise bedroht den Lebensraum vieler Menschen schon heute.

Die Verteilung der Impfstoffe weltweit ist zu tiefst ungerecht, weil die Menschen im globalen Süden massiv benachteiligt werden.

Zugleich haben wir gerade in den Berichten davon gehört, wie Menschen aus unserer Gemeinde sich engagieren in der Partnerschaftsarbeit mit der Lutherischen Kirche in El Salvador, mit jüdischen und christlichen Gemeinden in Israel und Palästina und in der Arbeit von Amnesty International.

Im Vaterunser beten wir: „Dein Reich komme…“ Wer so betet, hat mehr als nur die eigenen Belange im Blick.

„Dein Reich komme“ drückt die Sehnsucht nach dem Reich Gottes aus, wie Jesus Christus es verkündigt hat: ein Leben im „Schalom Gottes“, in Frieden und Gerechtigkeit, in Gemeinschaft mit Gott und den Menschen untereinander, in der alle einen Platz zu einem guten Leben haben. Das Reich Gottes kann ganz konkret unter uns wachsen. Die Bitte hält die Sehnsucht nach einer besseren, friedlicheren und gerechteren Welt wach. Sie öffnet eine Perspektive über Grenzen, Mauern und Zäune hinweg und verbindet Gegenwart und Zukunft. 

„Dein Reich komme!“ Wer so betet, weitet den Horizont über sich selbst und die eigenen Interessen hinaus und schärft den Blick für die Mitmenschen und die gesamte Schöpfung.

Zugleich lässt die Bitte uns demütig werden. Wir vertrauen im Gebet auf Gottes Kraft in dieser Welt, die auf Liebe setzt. Sie verändert die Menschen von innen heraus zum Guten. Das kann wirksam werden in unseren Familien, in den Schulen, auf der Straße, in der Nachbarschaft und in den digitalen Netzwerken.

Der jüdische Schriftsteller Schalom Ben Chorin hat einmal gefragt: „Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt?“ Er war in diesem Sinne „verrückt“. Von ihm stammt der Text des Hoffnungsliedes: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder grünt und blüht…“, den er 1942, also mitten im Krieg, geschrieben hat.

Ein Lied, das die jüdisch-christliche Hoffnung im Bild eines blühenden Mandelbaums beschreibt. Und damit unsere gemeinsame Hoffnung, dass sich kahle, leblos wirkende Äste in ein Meer von Blüten verwandeln. Und dass letztlich das Leben stärker ist als der Tod.

„Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Am Ende der „Lichtreise im Schleswiger Dom“  hören wir diese Verheißung Jesu. Am Volkstrauertag  halten die Erinnerung an unsere Geschichte wach mit ihren dunklen und hellen Seiten, mit Abgründen und Aufbrüchen und bitten um Vergebung.  Und wir entdecken, wie Gott uns bereit macht, über Grenzen hinweg Zeichen der Hoffnung und  Versöhnung zu setzen.

So lassen wir uns ermutigen und beten das Versöhnungsgebet von Coventry:

„Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.

Darum bitten wir:

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: Vater, vergib.

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist: Vater, vergib.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet: Vater, vergib.

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen: Vater, vergib.

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge: Vater, vergib.

Die Entwürdigung von Frauen, Männern und Kindern durch sexuellen Missbrauch: Vater, vergib.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott: Vater, vergib.

Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebe einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.“ Amen

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