Shoa-Gedenkfeier
27. Januar 2026
Predigt zu Jesaja 43,1
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein“, spricht Gott. Sein Friede sei mit uns allen. Amen.
Liebe Geschwister,
was für eine besondere Kirche. Mit ihren großen Namen der Bekennenden Kirche. Es ist mir aufrichtig eine Ehre, hier zu sein. In dieser besonderen Kirche mit einem Auschwitz-Triptychon, das aufstört. Grauenvolle Geschichte kreuzt gegenwärtiges Friedenssehnen. Schuld, Widerstand, Ermutigung – diese Kirche hält all das zusammen. Und so sitzen wir genau hier, in dieser Kirche, nicht weit weg von Häusern, Straßen, Theatern, Ateliers. Nicht weit von den Lebenswegen, von denen wir eben gehört haben. Lebenswege, die einmal ganz selbstverständlich in diese Stadt gehörten und abrupt endeten.
Weil die Menschen ermordet wurden. Vernichtet durch das Tun weniger und das Unterlassen vieler. Und so sitzen wir hier an einem Datum, das sich eingebrannt hat: der 27. Januar.
Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das NS-Vernichtungslager Auschwitz. Ein Datum, das man nicht einfach „begeht“. Man unterbricht. Bleibt stehen. Hält inne. Schweigt. Ringt nach Worten. Und ich denke oft an diesem 27. Januar: Es liegt auch Würde darin, Leiden unbeschreiblich und unfassbar bleiben zu lassen.
Viele jedoch über-gehen es. Millionenfaches Leid. In Konzentrationslagern „produziert“. Eine industrielle Vernichtungsmaschinerie. Unvorstellbar. Zahlen, die sprachlos machen. Gott aber spricht: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Nicht: euch. Nicht: die vielen. Sondern: dich. Jeden einzelnen Menschen. Ein Name. Ein Gesicht. Eine Stimme. Ein Lachen. Eine Geschichte, die hätte weitergehen sollen.
Wir trauern um Millionen. Doch schon zehn Ermordete wären zehn zu viel gewesen. Einer wäre einer zu viel gewesen. Denn mit jedem Menschen stirbt eine Welt. Stirbt Zukunft. Sterben Beziehungen. Gedanken. Stirbt Kunst. Hoffnung. Eine ganze Welt.
Heute hören wir Namen von drei Menschen, die für unzählige andere stehen. Wir hören Lebenslinien von ihnen, die mit Bildern gearbeitet haben. Mit Sprache. Mit Bewegung. Mit Film. Menschen, die erzählen und sichtbar machen wollten, was Menschsein heißt.
Und genau das ist es, was Diktaturen fürchten. Ja alle, die ihre Macht missbrauchen. Sie fürchten nicht zuerst Waffen. Oder gar Argumente. Sondern Bilder. Geschichten. Gesichter. Wahre Gefühle. Denn wer erzählt, was ist, nimmt der Lüge die Macht. Wer zeigt, was ein Mensch ist, zerstört das Zerrbild der Ideologie. Darum werden Künstler verfolgt, werden Stimmen gebrochen. Darum werden Filme vernichtet und – es werden Filme missbraucht. Bis heute.
Denn Film war und ist nicht nur Widerstand. Film war und ist auch Werkzeug der Macht. Bilder von marschierenden Massen. Körper, die zu Symbolen werden. Ästhetik, die fast gestanzt betören soll – und dabei entmenschlicht. Propagandafilme, die Größe inszenieren und Gewalt unsichtbar machen.
Und daneben gab und gibt es dann auch diese Filme, die eine heile Idylle vorspiegeln, während die Welt in Trümmern liegt. Liebenswerte Stars. Volkstümliche Rollen. Leichtes Lachen, Konzertaufführungen in Theresienstadt, mitten im Krieg, mitten im Morden. Was für eine Qual muss es für Kurt Gerron gewesen sein, hierfür Regie führen zu müssen. Welch abgründiger Zynismus liegt in dieser Beschwichtigung, diesem Einlullen.
Auch das war und ist Film. Beteiligung am Grauen. Wir haben gehört: Wahrlich nicht jede Mitwirkung geschah aus Überzeugung. Nicht jede aus bösem Willen. Aber sie wirkte und verstellte den Blick. Sie half, wegzusehen.
Doch höre, jetzt, spricht Gott: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Dieser Satz widerspricht. Allem. Er widerspricht der Masse. Der Inszenierung. Der Verharmlosung. Denn er sagt: Kein Mensch geht verloren in Gottes Blick. Kein Leben darf ausgelöscht werden durch Gewalt. Kein Name wird ersetzt durch eine Rolle. Oder eine Funktion. Oder ein Bild.
Gott widerspricht. Denn es wurden Menschen verfolgt, weil sie jüdisch waren. Oder politisch unbequem. Oder weil sie liebten, wen sie liebten. Oder weil sie sich weigerten, sich zu trennen. Sich selbst und andere zu verraten. Manche hofften, wir haben es gehört, dass Anpassung schützt. Oder Ruhm. Und wieder andere, dass Schweigen schützt. – Tat es aber nicht.
Das bleibt unerträglich, liebe Geschwister – und es verpflichtet uns. Auch heute. Und gerade heute wieder. Denn Jüdinnen und Juden werden wieder verfolgt. Drangsaliert. Angegriffen. Ermordet. Jüdinnen und Juden haben wieder Angst in unserem Land. Uns stellen sich also ganz aktuell und heute Fragen. Nicht allein: Was hätte ich damals getan? Und riskiert? Hätte ich widersprochen? Sondern auch: Was tue ich jetzt? Wozu schweige ich – und dürfte es nicht? Wie nenne ich sie klar beim Namen, die Verächter der Demokratie heute? Es stellen sich diese Fragen mitten hinein in unsere Gegenwart. Gerade nicht aus der sicheren Distanz. Sondern ganz nah. Erinnerung reicht ans Innerste. Ans Herz. Ist etwas anderes als historische Routine. Oder Pflichtgefühl. Erinnerung weckt Verantwortung. Weil das „Nie wieder“ wahrlich kein fertiger Satz ist. Sondern eine tägliche Aufgabe.
Denn auch heute wirkt die Macht der Bilder. Auch heute formen sie Wirklichkeit. Manipulieren. Allein wie die Algorithmen uns dauernd zeigen, was wir sehen wollen, weil wir es ohnehin schon glauben. Sie verstärken, was uns bestätigt. Sie sortieren aus, was stört. Echokammern entstehen. Alternative Wirklichkeiten. Alternative Wahrheiten.
Man kann sich verlieren in diesen virtuellen Räumen der Lüge. In perfekt zugeschnittenen Erzählungen. Und wieder besteht die Gefahr, dass wir eingelullt werden. Dass Leid im Alltag unsichtbar gemacht wird, weil es nicht in unseren Feed passt. Auch das ist eine Form von Weltflucht. Und die ist gerade jetzt so gefährlich!
Denn autoritäre Versuchungen verschwinden ja nicht. Judenhass und Menschenverachtung tragen heute alte und andere Masken. Oder rufen hemmungslos offen alte und neue Parolen. Nutzen viele Plattformen. Und arbeiten mit denselben Mitteln wie damals: vereinfachen. Entmenschlichen. Abwerten. Ausgrenzen. Darum ist die Frage nach den Bildern keine Nebensache. Sie ist zentral. Wen machen wir sichtbar? Was nennen wir beim Namen? Und wessen Leid übersehen wir? Wie begegnen wir der Wirklichkeit?
Vergangenes Jahr war ich in Auschwitz mit einer polnischen Delegation. Vera, Historikerin und über 70 Jahre alt, führt uns durch das Lager Auschwitz-Birkenau; sie erklärt mit einer mein Herz berührenden Sachlichkeit das Unfassbare. Mit einigem Abstand folgt uns eine Gruppe von Jugendlichen. Sie sind angefasst, das sieht man, sind ganz still, blass, sehr betroffen. Vera schaut zu ihnen hin, mitfühlend, und richtet dann folgende Worte an uns: „Seit fünf Jahrzehnten versuche ich unseren Besuchern aus allen Nationen zu zeigen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, wozu ein Gewaltregime in der Lage ist. Mir liegt dabei sehr an den jungen Leuten, dass sie etwas verstehen. Und dass sie lernen, vom Leid berührbar zu bleiben.“ Dass dies vielfach gelingt, mache sie dankbar. Als sie jedoch jüngst eine Jugendliche ängstlich ihren Großvater fragen hörte: „Opa, wenn es in der Welt so weiter geht, kann sich das alles hier eigentlich wiederholen?“, da wusste Vera, dass es Zeit ist, das Staffelholz der Verantwortung weiterzugeben. An ihre Tochter und Enkel. Mit Traurigkeit, ja, aber auch ungebrochener Zuversicht. Und so wären wir nun tatsächlich ihre letzte Führung, sagt sie und schließt sichtlich bewegt. „Bitte tragen Sie diese Botschaft weiter: Erinnern ist Verantwortung. Erinnern ist unsere Zukunft.“
Nicht nur hier, in der Nähe des Martin-Niemöller-Hauses, wissen wir: Glaube ist Erinnern. Und Glaube ist Verantwortung für unsere Zukunft. Und deshalb niemals unpolitisch. Weil er immer eine klare Haltung in sich birgt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Das ist kein frommer Satz für sichere Zeiten. Es ist eine Zumutung, mit genau dem Mut darin. Immer. Und genau jetzt in diesen Zeiten, wenn mancherorts Mitmenschlichkeit zur größten Schwäche erklärt wird. Wenn Rückzug bequemer erscheint. Wenn Wegsehen und Weghören locken.
Nein, horch. Gott ruft dich beim Namen. Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen! Du. Als Persönlichkeit. Als einzigartiger Mensch. Du bist beim Namen gerufen und kannst nicht zur Masse gemacht werden. Nicht zum Objekt. Nicht zur Nummer. Nicht zum Bild ohne Geschichte.
Darum entzünden wir Kerzen. Nicht, weil das Licht die Dunkelheit erklärt. Sondern weil es ihr widerspricht. Jede Flamme sagt: Dieser Mensch war da. Dieses Leben zählt. Diese Geschichte endet nicht im Vergessen.
Vielleicht ist das unsere Aufgabe heute: Hüterinnen und Hüter der Namen zu sein. Und der wahren Bilder. Der Geschichten, die die Menschlichkeit bewahren. Vielleicht ist das auch Widerstand: Horchen. Hinsehen. Nicht abstumpfen. Nicht einlullen lassen. Aber weitergeben, was uns anvertraut ist.
Gott spricht: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Das ist Trost. Und Auftrag. Damit Leben geschützt wird. Heute. Und morgen auch. Amen.