5.11.2023 Dom zu Schleswig

„Sorgt euch nicht um euer Leben…“

05. November 2023 von Nora Steen

Predigt anlässlich der Einführung als Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein  am 5.11.2023 im Dom zu Schleswig

"Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt." (Offenbarung 1,4)

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Mit diesen Sätzen aus der Bergpredigt, die zugleich zum heutigen Predigttext gehören - mit diesem Herzstück der Botschaft Jesu, in der wir auch lesen: Liebt eure Feinde, seid sanftmütig, sorgt euch nicht - ist keine Politik zu machen, sagen viele. Radikaler Pazifismus, Sozialromantik, so der Vorwurf, sei mit unserer Realität nicht vereinbar.

Und tatsächlich: Weltfremd, so muten die Sätze Jesu bis heute an, wenn wir sie quasi als Gegenfolie auf das legen, was heute unser Leben vor Ort und weltweit bestimmt:

Und ich sehe unweigerlich die vor meinen Augen, die verschleppt worden sind am 7. Oktober in Israel. Auf brutalste Art und Weise dort getroffen, wo wir Menschen am verwundbarsten sind – im normalen Alltag. Im Schlaf. Beim Tanzen. Im Auto auf dem Weg zur Familie. Und die, die seitdem schlaflose Nächte und nicht mehr genug Tränen haben, um um all die zu weinen, die getötet oder gekidnappt worden sind. Und wieder bewahrheitet sich, was der jüdische Kulturphilosoph Ernst Cassirer, der in Hamburg gelehrt hat und dem dann von den Nationalsozialisten der Lehrstuhl entzogen worden ist, gesagt hat: „Die Zivilisation ist eine ganz dünne Kruste über dem Vulkan.“ Und heute müssen wir wieder sagen: Die Schutzhaut der Zivilisation hat wieder einmal tiefe Risse erhalten. Im Vulkan brodelt es.

Und ich sehe zugleich die vielen palästinensischen Kinder, Frauen, Männer vor meinen Augen, die in Gaza und im Westjordanland nicht zur Terrorgruppe Hamas gehören, die nicht von deren lang gehorteten Vorräten in den Tunneln profitieren können, sondern jetzt vor einem großen Nichts stehen. Wenige Lastwagen pro Tag für mehr als eine Million Menschen.  Die Schutzhaut der Zivilisation, deren absolute Null-Linie die Einhaltung der Menschenrechte ist, muss ausnahmslos für alle gelten, die einfach nur ihr Leben leben wollen.

„Sorgt euch nicht um euer Leben…“

Zynisch, könnte man fast dazu sagen. Wie soll mit solchen Worten Politik gemacht werden -  angesichts der Krater, die sich in diesen Zeiten an so vielen Orten in dieser Welt auftun und deren zerstörerische Lava sich über kleine und große Lebensträume ergießt und von denen auch wir hier in Schleswig-Holstein im kleinen Ausmaß aber doch existentiell durch die Flutkatastrophe etwas erahnen.

Die Verletzlichkeit unserer Welt und unseres Lebens ist mehr denn je spür- und greifbar. Kaum zu glauben, dass Jesus für solche Situationen nur Naivität oder Zynismus übrig hatte. Nein, hatte er auch nicht. Und deshalb:

Schauen wir noch einmal genauer hin. Werfen wir einen Blick in die Zeit Jesu. Die Zeiten waren hart. Die Anfeindungen, die Jesus und die Gruppe um ihn erleben und erleiden mussten. Die, die Worte aufgeschrieben haben, die Evangelisten, schrieben im Angesicht des jüdischen Krieges in Juda und Jerusalem, hatten die Zerstörung der Stadt, die Ermordung und Vertreibung der Bewohner vor Augen.

Dieser Kontext ist wichtig. Es geht Jesus nicht darum, romantisierende Bilder einer sorgen- und gewaltlosen Realität zu provozieren, wenn er fragt: „Ist denn das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“ Es geht ihm um Gott. Darum also, dass wir gut differenzieren – zwischen jenen Alltagssorgen, die subjektiv natürlich absolut verständlich sind, und zwischen dem Blick auf die große Perspektive Gottes, bei der es darum gehen muss, alles zusammenzusehen. Um einen radikalen Perspektivwechsel geht es hier also – weg vom Kreisen um unser kleines Alltagsleben und hin zur Sehnsucht, dass Gottes Gerechtigkeit Wirklichkeit werden möge.

Darum war es Jesus ernst. Und darum, ob wir wirklich bei diesem Wort „Sorge“, das wir wie einen Schutzwall zwischen Gott und uns stellen, stehen bleiben wollen. Oder ob wir bereit sind, das zu wagen, was in diesem großen Wort Vertrauen steckt. Ob wir also mehr uns selbst oder Gott vertrauen.

Und genau das ist in diesem Satz aus dem Predigttext zusammengefasst, der heutiger Losungstext ist und zugleich Leitvers für diesen Gottesdienst:  

 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Hier weitet sich der Horizont auf einmal. Unsere Augen werden geöffnet und durch den Vorhang der Sorgen um Zukunft oder Überleben kommt ein großes Licht hindurch. Der „Schatz des Himmels“ strahlt ins Alltagsgrau. Trachtet nach dem Reich Gottes. Trachtet nach Gottes Gerechtigkeit.

Es weist uns auf die große Dimension hin. Und sagt: Denke nicht zu klein. Verstrick dich nicht im Vordergründigen. Richte dein Augenmerk auf das große Ganze. Anders kann es nämlich nicht gehen, als in allem Gott das Vertrauen schenken, dass er es gut meint mit uns und dieser Welt und dass das große Schalom, dieser umfassende Friede, die Gerechtigkeit, die ALLE Menschen ins Recht setzt, möglich ist.

Für uns als evangelische Kirche hier im Norden heißt das in diesen Wochen und Monaten: Lasst uns bei allen berechtigten Sorgen um die Zukunft der Kirche in diesem Land, um interne Reformstrukturen oder die Aufarbeitung unserer Vergangenheit NICHT vergessen, dass unser Hauptauftrag ist, daran mitzuarbeiten, dass Gottes Gerechtigkeit und seine unverbrüchliche Liebe zu ALLEN Menschen sichtbar und spürbar wird – nicht erst irgendwann, sondern hier und heute. Und ich sehe als eine meiner Aufgaben als Bischöfin, diesen Fokus auf unseren Kernauftrag immer im Blick zu haben und zu ermutigen, den Perspektivwechsel auch ganz praktisch zu leben.

Sorgt nicht! Das heißt: Bei aller Beschäftigung mit vordergründigen Problemen, sollte unser Blick weiter gehen. Wir haben als Christinnen und Christen die Verantwortung, Gott ins Zentrum unseres Denkens und Handelns zu stellen – in und trotz allem. Vertrauen wagen.

Und weil Gott dort gegenwärtig ist, wo Menschen ins Recht gesetzt werden. Wo die Leidenden getröstet, wo die gesellschaftlich Unsichtbaren gesehen, wo den Gescheiterten eine neue Chance gegeben wird.

In diesen Tagen heißt diese klare Botschaft Jesu deshalb vor allem eins: Wir haben uns radikal und ohne Kompromisse an die Seite unserer jüdischen Geschwister zu stellen. Dass antisemitisch motivierte Anfeindungen anscheinend wieder gesellschaftlich hinnehmbar sind – weltweit aber vor allem auch hier in Deutschland – das kann von unserer christlichen Seite nur bedeuten, dass wir alles andere stehen und liegen lassen – und uns an Ihre, an eure Seite stellen – vor die Synagogen, vor Wohnhäuser. Dass wir unser Gesicht zeigen und unmissverständlich Position beziehen.

Deswegen sage ich heute in aller Klarheit: Nie wieder dürfen jüdische Frauen, Männer und Kinder in unserem Land Angst haben, auf die Straße zu gehen, ihre Meinung zu äußern, Gottesdienste zu feiern! Aber das haben sie! Das darf nicht sein! Niemals mehr. Und deshalb wird hier die Botschaft Jesu für uns Christinnen und Christen sehr konkret, politisch und fromm zugleich: Wir müssen sehr dringend auf unsere Prioritäten schauen. Wir dürfen uns unseren Blick auf das, was hier gerade in der Welt und in Deutschland geschieht, nicht durch unsere – natürlich individuell verständlichen – Alltagssorgen vernebeln lassen. „Nie Wieder – das ist jetzt!“, wie viele in die sozialen Medien schreiben. Und ich hoffe, dass unsere jüdischen Geschwister ein von Herzen kommendes, großes Signal der unverbrüchlichen Loyalität aus diesem Gottesdienst mit in Ihre Gemeinden nehmen. Wir stehen an Ihrer Seite!

Wir dürfen nicht zulassen, dass die dünne Kruste der Zivilisation vollends zerreißt und sich die Lava der Menschenverachtung und des Hasses Raum nimmt in unserer Gesellschaft.

Und die Vorzeichen sind nicht besonders gut. Deshalb: Dafür braucht es uns alle. Jede und jeden von uns. An je unseren Orten, in unseren Gemeinden – ob jüdisch, islamisch oder christlich - und mit je unseren Möglichkeiten. Steht auf. Sagt NEIN zu Polarisierungen, Hass und Gewalt.

Und ich wünsche mir, dass wir als abrahamitische Religionsgemeinschaften an dieser Stelle eng beieinanderstehen und uns nicht durch die fundamentalistischen Minderheiten, die es in unseren drei Religionen gibt, auseinandertreiben lassen.

Wir pflegen hier in Schleswig-Holstein einen guten vertrauensvollen interreligiösen Austausch. Das ist in Friedenszeiten einfach. In Kriegszeiten zeigt sich die Güte der Beziehungen. Lasst uns darum bitten, dass uns dieses gewachsene Miteinander auch durch diese Krisenzeit durchträgt und wir die Vision des großen Friedens – die wir in Islam, Judentum und Christentum teilen – nicht aufgeben, auch hier vor Ort in Schleswig-Holstein.

Was jetzt dran ist, ist Friedensarbeit auf allen Ebenen. Und wenn das jemand kann, dann wir hier im Grenzland. Wir wissen, wie schlimm die Verwerfungen in Kriegszeiten sind und wie lange es dauert, bis Risse heilen. Aber wir leben hier im Frieden miteinander – auch, wenn noch nicht alles gut ist.

„Wo dein Schatz ist, ist auch dein Herz“. Der radikale Perspektivwechsel hin zu dem, worum es wirklich geht, ist dran. Weil Gottes Gerechtigkeit niemals zu haben ist, ohne dass wir unsere eigenen Bilder und Vorstellungen loslassen, ohne dass wir unseren Alltagssorgen die Dominanz über das große Ganze verbieten.

Die Bergpredigt – dieses Herzstück der Botschaft Jesu – ist also alles andere als weltfremd oder sozialromantisch. Im Gegenteil. Sie legt das Fundament für ein Miteinander, das von Liebe und einem klaren Blick auf unsere Wirklichkeit geprägt ist, weil Gott es uns schenkt.

Klar. Die Der Perspektivwechsel tut weh. Weil sie die individuellen und ja ebenfalls so berechtigen Sorgen in ihre Schranken weist und uns zumutet, größer zu denken. Es geht um das große Schalom - die Vision eines ganzheitlichen Friedens, die uns alle vereint.

Wir könnten also auch übersetzt auf den heutigen Kontext sagen: Sorgt euch nicht um Kleinigkeiten, denn es steht nicht gut um uns. Die Kruste der Zivilisation ist dünn. Zum Zerreißen. Der Vulkan brodelt. Wenn wir nicht zusammenstehen in einer Allianz für Frieden, Menschenwürde und Demokratie – wir werden allein keine Chance haben, sie zu halten.

Und das Schöne ist: Wir sehen ja unter anderem bei all den Katastrophenereignissen hier vor Ort, wie der Flutkatastrophe. Wir können das! Wir können solidarisch sein. In Krisenzeiten sehen wir, dass wir den Sinn für eine „Sorgegemeinschaft“, für gemeinschaftliches Miteinander, überhaupt nicht verloren haben! Genau diese Kraft brauchen wir nun auch, wenn es darum geht, dass alle Menschen in unserem Land in Freiheit und ohne Angst leben dürfen.

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus.

Amen

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