29. März 2017 | Borwinheim Neustrelitz

Theaterpredigt zu Hugo von Hofmannsthal „Jedermann“

29. März 2017 von Gerhard Ulrich

Predigt zum Theaterstück „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“

Hintergrund der Predigt im Rahmen einer Soirée im Neustrelitzer Borwinheim war das Theaterstück „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ von Hugo von Hofmannsthal. Die Inszenierung der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg / Neustrelitz, zu der auch das Landestheater Neustrelitz gehört, ist als Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017 entstanden. Ab April wird sie in der Stadtkirche Neustrelitz und einigen umliegenden Kirchen zu erleben sein (www.theater-und-orchester.de). Premiere ist am Samstag, 8. April 2017, um 19.30 Uhr in der Stadtkirche Neustrelitz.

Die deutschen Hausmärchen, pflegt man zu sagen, haben keinen Verfasser. Sie wurden von Mund zu Mund weitergetragen, bis am Ende langer Zeiten, als Gefahr war, sie könnten vergessen werden oder durch Abänderungen und Zutaten ihr wahres Gesicht verlieren, zwei Männer sie endgültig aufschrieben. Als ein solches Märchen mag man auch die Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl ansehen. Man hat sie das Mittelalter hindurch an vielen Orten in vielen Fassungen erzählt; dann erzählte sie ein Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts in der Weise, dass er die einzelnen Gestalten lebendig auf eine Bühne treten ließ, jeder die ihr gemäßen Reden in den Mund legte und so die ganze Erzählung unter die Gestalten aufteilte. Diesem folgte ein Niederländer, dann gelehrte Deutsche, die sich der lateinischen oder der griechischen Sprache zu dem gleichen Werk bedienten. Ihrer einem schrieb Hans Sachs seine Komödie vom sterbenden reichen Mann nach. Alle diese Aufschreibungen stehen nicht in jenem Besitz, den man als den lebendigen des deutschen Volkes bezeichnen kann, sondern sie treiben im toten Wasser des gelehrten Besitzstandes. Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen. Vielleicht geschieht es zum letzten Mal, vielleicht muss es später durch den Zugehörigen einer künftigen Zeit noch einmal geschehen.

Hugo von Hofmannsthal.


Dramatis Personae

Der Spielansager
Gott der Herr
Erzengel Michael
Tod
Teufel

Jedermann
Jedermanns Mutter
Jedermanns guter Gesell
Der Hausvogt
Der Koch
Ein armer Nachbar
Ein Schuldknecht
Des Schuldknechts Weib

Buhlschaft
Dicker Vetter
Dünner Vetter
Etliche junge Fräulein
Etliche von Jedermanns Tischgesellen
Büttel
Knechte
Spielleute
Buben

Mammon
Werke
Glaube
Mönch
Engel

Prolog
Spielansager

Jetzt habet allesamt Achtung Leut
Und hört was wir vorstellen heut!
Ist als ein geistlich Spiel bewandt
Vorladung Jedermanns ist es zubenannt.
Darin euch wird gewiesen werden,
Wie unsere Tag und Werk auf Erden
Vergänglich sind und hinfällig gar.

Szene 1
Gott der Herr

Fürwahr mag länger das nit ertragen,
Daß alle Kreatur gegen mich
Ihr Herz verhärtet böslich,
Daß sie ohn einige Furcht vor mir
Schmählicher hinleben als das Getier.
Des geistlichen Auges sind sie erblindt
In Sünd ersoffen, das ist was sie sind,
Und kennen mich nit für ihren Gott,
Ihr Trachten geht auf irdisch Gut allein
Und was darüber, das ist ihr Spott,
Und wie ich sie mir auch anschau zur Stund
So han sie rein vergessen den Bund
Den ich mit ihnen aufgericht hab
Da ich am Holz mein Blut hingab.
So viel ich vermocht, hab ich vollbracht
Und nun wird meiner schlecht geacht.
Darum will ich in rechter Eil
Gerichtstag halten über sie
Und Jedermann richten nach seinem Teil.
Wo bist du, Tod, mein starker Bot? Tritt vor mich hin.

Tod
Allmächtiger Gott, hier sieh mich stehn,
Nach deinem Befehl werd ich botengehn.

Gott
Geh du zu Jedermann
Und zeig in meinem Namen ihm an
Er muß eine Pilgerschaft antreten
Mit dieser Stund und heutigem Tag
Der er sich nit entziehen mag.

Tod
Herr, ich will die ganze Welt abrennen
Und sie heimsuchen Groß und Klein,
Die Gotts Gesetze nit erkennen
Und unter das Vieh gefallen sein.               

Szene 2
Jedermann
Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr,
Steht stattlich da, vornehm und reich,
Kommt in der Stadt kein andres gleich.
Hab einen Schatz von gutem Geld
Und vor den Toren manch Stück Feld,
Auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh,
Von denen ich Zins und Renten zieh,
Daß ich mir wahrlich machen mag
So heut wie morgen fröhliche Tag.
Für heute wird ein Festmahl gericht,
Das muß bereit't sein aufs allerbest
Kommen Verwandte und fremde Gäst.

Koch
Ja, und soll ich dann
Einen jeden Gang bereiten frisch?

Jedermannzornig
Daß dich das Fieber rüttel, frisch!
Kein Überbleibsel auf meinen Tisch.

Koch
Es wär von gestern geblieben die Meng
Zumindest für zwei kalte Gäng.

Jedermann
Du Esels-Koch bist so vermessen,
Soll ich eine Bettlermahlzeit essen? 

Jedermannzum Hausvogt
Gesell! Hätt beinah müssen auf dich warten,
Wir wollen jetzt vors Stadttor gehen
Und uns dort das Grundstück ansehen,
Obs tauglich ist für einen Lustgarten.

Gesell
Ja, bei dir gilts: gewünscht ist schon getan,
Du hasts danach, drum steht dirs an.

Armer Nachbar
Oh, Jedermann, erbarm dich mein.

Gesell
Kennst du leicht das Gesicht?

Jedermann
Ich? Wer solls sein?

Armer Nachbar
Oh, Jedermann, zu dir heb ich die Hand,
Hab auch einst bessre Tag gekannt.
War einst dein Nachbar, Haus bei Haus,
Dann hab ich müssen weichen draus.

Jedermann gibt ihm eine Münze aus dem Gürtel
Schon gut!

Armer Nachbar nimmts nicht
Das ist eine Gabe gering.

Jedermann
Meinst du? Gottsblut! So reut mich doch das Ding.

Armer Nachbar
Es ist an dem, ich knie vor dir,
Nur diesen Beutel teil mit mir.

Jedermannlacht
Nur?

Gesell
Selbig ist besessen alls!
Hättst tausend Bettler auf dem Hals.
Was tausend, hunderttausend gleich!

Armer Nachbar
Bist allermaßen mächtig reich.
Teilst du den Beutel auf gleich und gleich,               

Jedermann
Mein Geld muß für mich werken und laufen
Mit Tod und Teufel hart sich raufen,
Weit reisen und auf Zins ausliegen,
Damit ich soll, was mir zusteht, kriegen.

»Ein reicher Mann« ist schnell gesagt,
Doch unsereins ist hart geplagt
Und allerwegen hergenommen,
Das ist dir nicht zu Sinn gekommen!
Da läufts einher von weit und breit
Mit Anspruch und Bedürftigkeit.
Wär all mein Geld und Gut gezählt
Und ausgeteilt auf jeden Mann,
Der Almosens gebrauchen kann,
Es käm mein Seel nit mehr auf dich
Als dieser Schilling sicherlich,
Drum empfang ihn unverweil,
Ist dein gebührend richtig Teil.

Gesell
Dem hast dus gegeben recht mit Fug,
Ja, das weiß Gott, viel Geld macht klug.

Jedermanns 
Wir wollen jetzt vors Stadttor gehen
und den Lustgarten besehen.

Szene 3
Gesell

Was ist das für einer Mutter Sohn,
Den sie da bringen hergeführt,
Die Arme kreuzweis aufgeschnürt?
Mich dünkt, das geht an ein Schuldturmwerfen,

Jedermann
Hätt sich auch mehr in acht nehmen derfen.
Jetzt muß er's bei Wasser und Brot bedenken
Oder sich an einen Nagel henken.

Gesell
Ja, Mann, du hast halt ein Reimspiel trieben
Und Schulden auf Gulden, die reimen gar gut.

Schuldknecht
In deiner Haut wollt ich mich schämen.

Jedermann
Gibst harte Wort mir ohn Gebühr,
Dir gehts nit wohl, was kann ich dafür?

Schuldknecht
Für harte Stöß sind sanft meine Wort.

Jedermann
Wer stößt dich?

Schuldknecht
Du, an einen harten Ort.

Jedermann
Ich kenn dich auch vom Ansehen nit.

Schuldknecht
Ist doch dein Fuß, der auf mich tritt.
Dein Nam steht auf einem Schuldschein,
Der bringt mich in diesen Kerker hinein.

Jedermann tritt hinter sich
Ich wasch in Unschuld meine Händ
Als einer, der diese Sach nit kennt.

Schuldknecht
Deine Helfers-Helfer und Werkzeug halt,
Die tun mir Leibes- und Lebensgewalt.
Der Hintermann bist du von der Sach,
Das bring dir zeitlich und ewig Schmach.
In Grund und Boden sollst dich schämen.

Jedermann eckige Gebärde
Wer hieß dich Geld auf Zinsen nehmen?
Nun hast du den gerechten Lohn.
Mein Geld weiß nit von dir noch mir
Und kennt kein Ansehen der Person.
Verstrichne Zeit, verfallner Tag,
Gegen die bring deine Klag.

Schuldknechtwendet sich gegen sein Weib und seine Kinder
Er höhnt und spottet meiner Not!
Da seht ihr einen reichen Mann.

Schuldknechts Weib
Kannst du dich nit erbarmen hier,
Zerreißen ein verflucht Papier,
Anstatt daß meinen Kindern da
Der Vater wird in Turm geschmissen,
Von dem dir nie kein Leid geschah!
Hast du kein Ehr und kein Gewissen,

Jedermann
Weib, du sprichst was du schlecht verstehst,
Es ist aus Bosheit nit gewest
Man hat sich voll und recht bedacht,
Eh man die scharfe Klag einbracht.

Gesell
Wär schimpflich um die Welt bestellt
Wenns anders herging in der Welt.

Schuldknecht
Geld ist nicht so wie andre War
Ist ein verflucht und zaubrisch Wesen,
Wer seine Hand ausreckt darnach
Nimmt an der Seele Schaden und Schmach,
Davon er nimmer wird genesen.
Des Satans Fangnetz in der Welt
Hat keinen andern Nam als Geld.

Jedermann
Du lästerst als ein rechter Narr,
Weiß nicht wozu ich hier verharr,
Gibst vor, du achtest das Geld gering
Und war dir schier ein göttlich Ding!

Schuldknecht
Aus meinen Leiden hab ich Gewinn
Daß ich vermag in meinem Sinn
Des Teufels Fallstrick zu erkennen
Und meine Seel vom Geld abtrennen.

Gesell
Geld ist längst abgetrennt von dir
Drum hast dort im Turm Quartier.

Jedermann
Nimm die Belehrung von mir an
Das war ein weiser und hoher Mann
Der uns das Geld ersonnen hat,
An niederen Tauschens und Kramens statt
Dadurch ist unsere ganze Welt
In ein höher Ansehen gestellt
Und jeder Mensch in seinem Bereich
Schier einer kleinen Gottheit gleich.
Daß er in seinem Machtbezirk
Gar viel hervorbring und bewirk.
Gar vieles zieht er sich herbei
Und ohn viel Aufsehen und Geschrei
Beherrscht er abertausend Händ,
Ist allerwegen ein Regent.
Da ist kein Ding zu hoch noch fest,
Das sich um Geld nicht kaufen läßt.

Schuldknechts Weib
Du bist in Teufels Lob nit faul,
Wie zu der Predigt geht dein Maul.
Gibst da dem Mammonsbeutel Ehr,
Als obs das Tabernakel wär.

Jedermann
Ich gebe Ehr, wem Ehr gebühr,
Und läster nicht wo ich die Macht verspür.
Schuldknecht indem ihn die Büttel fortschleppen
Was hilft dein Weinen, liebe Frau,
Der Mammon hat mich in der Klau.
Warum hab ich mich ihm ergeben,
Nun ists vorbei mit diesem Leben.

Schuldknechts Weib
Kannst du das sehn und stehst wie Stein?
Wo bett ich heut die Kinder mein?

Szene 4

Anfang von Szene 4 (Jedermann-Monolog) und Szene 5 werden gespielt.

Landesbischof:

"Das ist ein erzverdrießlich Sach
Man lebt geruhig vor sich hin
Hat wahrlich Böses nit im Sinn
Und wird am allerschönsten Tag
Hineingezogen und weiß nit wie
In Hader, Bitternis und Klag
Und aufgescheucht aus seiner Ruh."

Ach, ja: das reale Leben ist eine Kette von Störungen. Und der Tod ist die größte Störung. Eine Störung auf dem Weg zurück ins Paradies, in den Lustgarten. Dahin wollen wir doch. Wo es schön ist, wo die Fülle uns erwartet. Wo wir ungestört uns ausleben. Aber dass das erst im Jenseits uns blühen soll? – Inakzeptabel! Das Jenseits ist nicht mein Ort des Lebens: jetzt lebe ich, hier. Ich kauf mir das Paradies. Stattdessen: überall die Begegnung mit der Vergänglichkeit, mit dem Tod, mit der Schwäche. Mit dem Elend der anderen.

Ich bin der Herr über Leben und Tod. Wer wagt es, mich zu unterbrechen? Das Leben ist meins. Freiheit ist alles. Ich nehme mir, was ich brauche für meine Lust. Was mir in den Weg tritt, schiebe ich beiseite. Gott? – eine Erfindung der Pfaffen zur Zähmung der Lust.

Ein Urthema der Menschheit spricht Hoffmannsthal an – orientiert an einem Mysterienspiel aus dem 15. Jahrhundert, einem Jahrhundert grauenvoller Angst, Krankheit, Unfreiheit: Teufelsfurcht. Ein Moralspiel, ein Spiegelspiel. Wer hat Macht über Leben und Tod?

Zum Grundstück wolln wir gehen und schnell.

"Ist doch der einzige Ort in der Welt
Wo nichts mir meine Lust vergällt.
Der Garten zusamt dem Lusthaus drein
Soll alls für meine Freundin sein
Auf einen Jahrtag ein Angebind.
Ist recht ein partadiesisch Gut
Was ihre Lieb mir bereiten tut."

Der reiche Herr Jedermann steht satt im Leben, schöpft es aus  in vollen Zügen, feiert und glänzt. Ein Gott in seiner kleinen Welt.

Noch ahnt er nicht, dass er sterben muss. Will es gar nicht wissen, schiebt es weg mit Geld, Herrschaft und schönem Schein.

„Ein prächtig Schwelger und Weinzecher“
ist er.

„Ein Buhl, Verführer und Ehebrecher,
Ungläubig als ein finstrer Heide,
In Wort und Taten frech vermessen
Und seines Gottes so vergessen
Wie nicht das Tier auf seiner Weide,
Witwen und Waisen Gutsverprasser,
Ein Unterdrücker, Neider, Hasser!“

So wird ihn der Teufel später charakterisieren.

Eben hat er Geschäfte in Gang gesetzt und Bittsteller mit spitzfindigen Argumenten abgewiesen. Nun ist er gut gelaunt auf dem Weg zu einem, zu seinem fröhlich-lustvollen Bankett. Da begegnet er seiner Mutter. 

Die Begegnung mit der eigenen Mutter macht dich wieder zum Kind. All die Erziehung, Prägung, der Glaube, die Geschichten vom kleinen Jungen. All das, was Du abgeschüttelt meinst. Um endlich frei zu sein.  Doch: viel schlimmer wird’s noch. Die Zukunft  wird sich andeuten.  Jedermanns Zukunft. Und die Zukunft - das ist sein Ende.

Aus der Mutter spricht Sorge. Niemand kennt so gut wie sie seine Oberflächlichkeit, Arroganz und – Einsamkeit. Der mütterliche Instinkt weiß, wenn der Sohn in Gefahr ist, wenn sein Leben bedroht ist. Sie weiß auch, was gut ist für ihn. Das bringt ja so auf die Palme. Ratschläge gibt sie, die einer scheinbar naiven Religiosität  entstammen. Wirkung erzielt sie auf ihren Sohn nicht - so scheint‘s. Eine von vielen Störungen auf dem Weg ins Paradies – das sind den Söhnen die Mütter. Dieser Jedermann ist steckengeblieben in seiner Pubertät.

Wie so mancher großartige, selbsternannte Herrscher des Lebens: alle verfolgen mich, hören mich ab, wollen meinen großartigen Sieg klein machen. Sehen nicht meine Unwiderstehlichkeit, mit der ich die Welt umwandle in einen Lustgarten, groß wieder mache mein Land, unsterblich meine Seele. Störungen sind dazu da, ausgeräumt, beiseite gelogen zu werden. Fake news? Das sind die andern! Terroristen, die meinen Weg kreuzen, es wagen, nicht meiner Meinung, nicht mir zu Diensten zu sein. Demut ist Schwäche. Ist was für Muttersöhnchen.

Sterblich, vergänglich und: ganz klein aber ist Jedermann. In jedem Schritt dem Ende näher. Eine gute Mutter weiß das. Und sie redet mit den Tricks der Schwachen:

Du hast nicht genügend Zeit für deine Mutter – für alles, was nicht Kommerz und Vergnügen ist, meint sie.

Er will sie loswerden und tut, als sei er um ihre Gesundheit besorgt – ein Sohn, wie Mütter ihn sich wünschen. Es geht nicht um‘s „zeitlich Teil“, sondern ums „ewig Heil“ mahnt sie. Noch einmal versucht er auszuweichen – mit platter Religionskritik: Glaube, Gott, Gericht  -Erfindungen der Pfaffen seien das, um Menschen abhängig und selber Kasse zu machen.

Und: Das find ich echt gemein, dass die Kirche Dir so „finstre Gedanken“ macht.  Mütter geben nicht auf: Mein Junge: „Die Finsternis ist woanders dicht.“ Bei Dir. Du stehst im Dunkeln. Hast keine Perspektive über Dein Hier und Jetzt hinaus.

 „Auf 40 Jahre bin ich kaum alt“. Ein Weltmeister im Weggucken ist er. Die Mutter bringt es auf den Punkt: Dein Leben, das soll für dich immer weitergehen, ja muss es. Und wenn’s plötzlich abbricht. Hat sich dein Soll und Haben dann gerechnet? Oder stehst Du vielleicht mit nichts da?

„Das Leben flieht wie Sand dahin…“ – Cape diem, nutze den Tag: Du kennst weder Tag noch Stunde, sagt Jesus einmal. Du bist nicht Deines Lebens Herr.

Auch wenn wir sterben alt und betagt. Können wir es noch so sagen wie zu Abrahams Zeiten, dass wir lebenssatt sterben? Können wir damit zuversichtlich von der Bühne des Lebens abtreten: auf Ewigkeit nie mehr zu sein. Ins Nichts geschoben? Können wir uns tatsächlich diese Welt vorstellen ohne uns?

Ein Zufallsprodukt, für 80 Jahre geworfen in ein fremdes, gleichgültiges und stummes Universum – wie ein Findelkind, das nicht verwandt ist mit dem Haus, in dem es aufwächst. Zu leben wie ein Vagabund am Rande des Alls. Und dieses All: Taub ist es für unsere Musik. Bleibt unberührt von unserm Hoffen und Sehnen, unserm Leiden und Versagen.

Die Mutter hat ein „Ahnen“ vom nahenden Tod. Und dieses Ahnen frisst sich in die Seele Jedermanns hinein. Wird er nicht mehr los. Trotz Ablenkung. Der Reiche spürt die Nähe des Todes. Der seinen Namen ruft. Glockengeläut, das andere nicht hören. Und schließlich die unheimliche Gestalt des Todes, die nach ihm greift. Das Selbstgefühl des Reichen und Mächtigen wird zerstört. Der nur noch um ein wenig Aufschub betteln kann. Der zusammenschnurrt auf sein reales Maß: ein Staubkorn nur im Universum.

Angst essen Seele auf. Doch längst sind alle geflohen, die sonst um ihn waren. Da besinnt er sich auf das, womit er bisher alles gekriegt hat: seinen Reichtum. Der soll ihn auch dieses Mal retten. Doch aus der Geldtruhe springt Mammon. Sein Verführer, Teil seines Ich zugleich, und verspottet ihn.

„Du Laff, du ungebrannter Narr,
Erznarr du, Jedermann sieh zu
Ich bleib dahier und wo bleibst du?“

Sollte das Geld, sollten die Werte tatsächlich unvergänglicher sein als der Mensch? Kehren sich die Besitzverhältnisse um, wenn ich genau hinsehe: nicht ich besitze: ich werde besessen! Nicht bin ich Subjekt meines Handelns, sondern Objekt bin ich.

Einsam steht Jedermann da. Verzweifelt. Da hört er aus dem Hintergrund eine leise Stimme, die seinen Namen ruft. Als er sich umdreht, sieht er eine gebrechliche Frau. „Werke“ heißt sie: die guten Taten des Jedermann. Ein Teil von ihm ist sie, ein sehr schwacher - natürlich. Sie konfrontiert ihn mit sich selbst. Er versteht sein eigentliches, aber nicht gelebtes Ich. Bereut seine Lebensführung. Und doch: „Werke“ ist nicht einfach Teil von ihm. Bleibt etwas Eigenes. Will ihn begleiten, mit ihm in den Tod gehen. Für ihn eintreten bei Gott.

 Jedermann erahnt die Bedeutung davon:

„Mir ist, könnt deiner Augen Schein
Durch meine Augen dringen ein,
Ein großes Heil und Segen dann
Geschäh an einem armen Mann.“

In Werke - die voller Liebe um ihn wirbt - scheint auf die Stimme und die Person Gottes. Zum Glück, denn sonst würde Jedermann nicht geholfen – mit seinen allzu mickrigen Werken. Werke und Gottesfurcht: sie gehören zusammen für den Menschen seiner Zeit. Sie sind die Fußabdrücke vor Gott und der Welt. Das Bleibende. Zu Martin Luthers Zeiten das, was gerecht macht, was die Sünden tilgt. Fast verrückt gemacht hat das den Mönch Martin Luther: so viel er auch versuchte, gute Werke anzuhäufen: so trauriger, ängstlicher, panikhafter verlief sein Leben.

Gott aber, so die reformatorische Erkenntnis, liebt mich nicht wegen meiner Werke, sondern trotz meiner Werke, trotz meiner Schwächen, meiner Mickrigkeit.

Das geht doch nicht, bäumt Jedermann sich auf. Ich hab doch was anderes verdient, keinen gnädigen, nein,  einen strafenden Gott: Gott schlägt Pharao, schlägt Sodom und Gomorra, schlägt, schlägt…. Auch mich! So stellt er sich Gott vor. So wünscht er ihn sich fast. Das passt in sein Weltbild. Gott muss sein, wie ich selbst mich verstehe, wie ich selbst gern sein möchte: allmächtig, unwiderstehlich, hart – da habe ich lange dran gebastelt!

Doch Gottes Gerechtigkeit ist Liebe, ist die Sympathie, mit der er sich auf unsere Seite schlägt. So sehr, dass er uns tatsächlich ähnlich wird. Im Menschen Jesus unser Bruder wird. Der Gott lebt. Für uns. Der stirbt. Für uns.  Und in seiner Liebe stärker ist als die Mächte, die ihn ans Kreuz nageln und stärker als der Tod selbst.  

Werke will Jedermann gerne durch den Tod hindurch begleiten. Ist aber zu schwach dafür, weil Jedermann sie so vernachlässigt hat. Doch hat sie einen Bruder: „Glaube“. Der kann helfen.

Szene 13 wird gespielt.

Auch Glaube ist einer, der Jedermann mit Sympathie zugewandt ist, ihn retten will. Und ist zugleich der Glaube in Jedermann, der klein ist. Aber dann – von der Liebe der beiden wachgeküsst – zu wachsen beginnt. Werke und Glaube – da tritt uns Jesus entgegen. Jesus der uns im Leben, Sterben und Tod zum ewigen Leben führen will. Der möchte, dass wir uns ihm anvertrauen. Dem nicht wichtig ist, dass wir die „zwölf Artikel“ des Glaubensbekenntnisses „mit Fleiß“ hinunterbeten können. Der zu uns kommt, dass wir uns auf ihn einlassen. Und wir spüren, dass wir „neugeborn“ sind. Und ‚so lang wir atmen auf Erden…durch ihn gerettet werden‘. Gerechtfertigt allein durch Glauben. Nicht durch unsere Werke, unser Tun.

Hier erzählt uns der Katholik Hugo von Hofmannsthal von einem Jedermann, dem es im Angesicht seines Schöpfers und Richters widerfährt: ganz neu zu verstehen, was über Heil oder Unheil des Menschen entscheidet.

Es ist dieses Widerfahrnis, das auch Martin Luther ergriff und veränderte. Dieses Erlebnis, das wir gerne mit der Chiffre „Turmerlebnis“ benennen: Martin Luther  kämpft  mit der Frage, wie Gottes Gerechtigkeit zu verstehen sei. Er kann sie zunächst nur verstehen wie die Gerechtigkeit der Justiz, die ohne Ansehen der Person fragt, ob einer nach den  geltenden Regeln gehandelt hat. Wenn nicht: dann bestraft sie. Wer, fragt sich Martin Luther, kann schon Gottes Regeln befolgen: den Nächsten wie sich selbst zu lieben? Gott stets und aus ganzem Herzen zugeneigt sein? Ich kann‘s nicht, schreit es aus ihm heraus. Und Gott wird mich bestrafen. Noch 30 Jahre nach diesen Anfechtungen hat Martin Luther seine Angst vor diesem, seine Wut auf diesen tyrannischen Gott drastisch beschrieben.

Bis ihm klar wird: Gott ist anders. Seine Gerechtigkeit ist keine strafende Instanz. Es ist eine schenkende Gerechtigkeit. Und sie sieht die Person gerade an. Gott schenkt sich uns Menschen. Erweckt uns aus Glauben zu neuem, ewigem Leben.

Darum: wir müssen nicht erst beweisen, dass wir gut sind. Wir sind es schon vor Gott. Geliebte Kinder. Wir brauchen nicht zu glänzen mit guten Werken – wir leben schon im Glanz Gottes. Wir brauchen deshalb auch keine Begleitung durch unsere Werke bis in den Tod. Das ist für Martin Luther „die Pforte ins Paradies gewesen“.

Die Pforte ins wirkliche Paradies, nicht in den pubertären Lustgarten des Jedermann. Gott hat in der Kraft seiner Liebe seine Welt ins Sein gebracht. Nicht, damit sie im Tod endet und vergeht. Er will, dass sie erneuert und vollendet wird. Dafür scheut er keinen Einsatz. Dafür ist er Mensch geworden, glauben wir. Und dann: „gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten“ – um uns zu neuem Leben zu führen.

Der Apostel Paulus beschreibt diese Verwandlung, diesen Weg in das Leben im 2. Brief an die Korinther im 5. Kapitel:

„Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden... Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott... So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen... Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist...

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Das ist die Perspektive des Ewigen Lebens, das unser vergängliches Leben umschließt und trägt. Wo uns nichts mehr von Gott trennen kann. Wo dem Tod schon jetzt sein Stachel genommen ist. Daran kann auch Jedermann teilhaben: Dein Leben –  keine Sackgasse, die im Tod endet. Es ist nicht das, wovor du immer so schreckliche Angst hattest und durch ein Operettenleben verdrängen wolltest.

Jedermann ist jetzt erwachsen genug, dies anzunehmen. Ja, ich sterbe und weiß: Jesus lebt und ich werde mit ihm leben, auch wenn ich sterben muss. Ich gehe durch den Tod hindurch zu jenem unvergänglichen Leben mit Gott. Schon jetzt. Die Furcht vor der letzten Stunde: sie ist noch da. Aber ich bin nicht allein. Alles ist gut – im Leben und mit dem Tod. Der mag mich holen. Aber er löscht mich nicht aus. Nicht den Glauben, nicht mein Tun und mein Lassen.

Komm, denn es ist alles bereitet. In der Welt hast du Angst. Aber siehe: ich habe die Welt überwunden, sagt Jesus. Habe überwunden die Enge, die dir die Luft abschnürte zum Atmen.

Gottes Haus will nicht leer bleiben. Jedermann und wir alle sollen Teil haben an der Fülle des Ewigen Lebens. Wo alle bekommen, was sie  wirklich brauchen: Friede und Gemeinschaft, Brot und Freiheit. Leben in Fülle – das beginnt schon heute im Kleinen - einem Samenkorn gleich - und wird groß und schön aufblühen in Ewigkeit in Gottes Reich. Und da ist das Versprechen für Jedermann von uns auf dem Weg dorthin. Ihr seid nicht allein unterwegs. Ich bin bei euch. Alle Tage. Von euch lasse ich nicht. Ich begleite euch. Im Glauben und in den Werken.
Amen

 

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