Versöhnungsgottesdienst im Dom Güstrow: „Du bist ein Gott, der mich sieht“
04. Februar 2026
Rund 60 Menschen kamen am 31. Januar 2026 zu einem bewegenden Versöhnungsgottesdienst im Dom Güstrow zusammen. Thema war das Fehlverhalten von kirchlicher Seite hinsichtlich privater Beziehungsverhältnisse von Mitarbeitenden. Stellvertretend für die Nordkirche bekannten der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern in der evangelischen Kirche in Norddeutschland Tilman Jeremias und Oberkirchenrat Dr. Thomas Schaack öffentlich Leitungsversagen gegenüber Mitarbeitenden und baten Betroffene um Vergebung.
In dichter, stiller Atmosphäre fand am Sonnabend, 31. Januar 2026, unter Leitung von Bischof Tilman Jeremias und Oberkirchenrat Dr. Thomas Schaack ein Versöhnungsgottesdienst im Güstrower Dom statt. Die Winterkirche des Doms war mit rund 60 Teilnehmenden gut gefüllt. Der Gottesdienst stand unter dem biblischen Leitwort „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (Genesis 16) und wurde zu einem eindrücklichen Zeichen des Hinschauens, Anerkennens und Benennens kirchlichen Unrechts.
Offenes Bekenntnis von Leitungsversagen
In Begrüßung und Predigt wurde offen das Versagen kirchlicher Leitung in der ehemaligen Mecklenburgischen Kirche angesprochen. Im Mittelpunkt standen die Erfahrungen von Mitarbeitenden, die aufgrund ihres privaten Beziehungslebens, etwa durch unverheiratetes Zusammenleben, Scheidung oder Alleinerziehendsein, Abwertung, Ausgrenzung und massive berufliche Nachteile erfahren hatten. Betroffene schilderten offen ihre Erfahrungen und machten deutlich, wie tiefgreifend und langanhaltend diese Verwundungen bis heute wirkten, Lebenslaufbahnen veränderten und das Verhältnis zur eigenen Kirche belasteten. Die Nordkirche als Rechtsnachfolgerin der Mecklenburgischen Kirche bekannte sich ausdrücklich zu ihrer Verantwortung für diese Verwundungen.
Gemeinsames Hinschauen gibt Raum für Heilung
„Wir sind heute zusammengekommen, um hinzuschauen. Wir sehen, was euch geschehen ist. Wir übernehmen die Verantwortung. Und wir bitten euch, soweit euch das möglich ist, um Vergebung“, sagte Bischof Tilman Jeremias. Er betont, dass dieser Gottesdienst bewusst kein Ort der gegenseitigenVersöhnung sei, sondern ein Raum, in dem das klare Unrecht der Betroffenen durch ihre eigenen Worte öffentlich benannt werde und vonseiten der Kirche um Vergebung gebeten werde, in der Hoffnung, dass für die Betroffenen ein Stück Heilung und innerer Frieden möglich werde. Die persönlichen Geschichten zeigten, wie exemplarisch die erlittenen Verletzungen für strukturelles Leitungsversagen in der Kirche stehen. Bischof Tilman Jeremias führte in seiner Predigt die biblische Geschichte der Hagar aus; eine rechtlose, zutiefst verletzte Frau, die in ihrem durch eine komplizierte Beziehungskonstellation hervorgerufenen Elend von Gott gesehen wird. Anhand dieser Geschichte wurden die Erfahrungen der Anwesenden sichtbar gemacht: „Mehr geschieht zunächst nicht, als dass jemand gesehen wird. Und doch beginnt genau dort neues Leben. Einheitlich bezeugt die Bibel: Gott steht auf der Seite derer, denen im familiären Kontext Unrecht geschieht, Ausgrenzung, Übervorteilung. Sie sind es, die er in besonderer Weise sieht. Diesem klaren biblischen Zeugnis hat kirchliches Leitungshandeln in Mecklenburg, aber auch an vielen weiteren Orten, nicht entsprochen“, so Bischof Tilman Jeremias.
Verantwortung übernehmen und Lernprozess fortsetzen
Der Versöhnungsgottesdienst ist Teil eines größeren Lern- und Aufarbeitungsprozesses innerhalb der Nordkirche. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Aufarbeitung von Machtmissbrauch und Fehlverhalten kirchlicher Leitung, wie beispielsweise in der AG Aufarbeitung der Nordkirche zu kirchlichem Unrecht in DDR-Zeiten oder der Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommission zum Thema sexualisierter Gewalt. Der Versöhnungsgottesdienst im Dom Güstrow setzte damit ein deutliches Zeichen: gegen das Vergessen, gegen Vertuschung und für eine Kirche, die sich ihrer Verantwortung stellt und den Mut hat, Verletzungen beim Namen zu nennen. Vorbereitet wurde der Gottesdienst von einer ehrenamtlichen Gruppe von Betroffenen. Ihnen galt ein besonderer Dank für die Gestaltung eines Rahmens, der Offenheit, Ernsthaftigkeit und Würde miteinander verband.
