Mittwoch den 21. Januar 2026 | Kulturkirche St. Stephani, Bremen

Vortrag zum 7. Heinrich-Albertz-Symposium

21. Januar 2026 von Kirsten Fehrs

Frei, mutig, gelassen – Wie wir stark bleiben in einer gestressten Demokratie / Vortrag von Bischöfin Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der EKD

„In St. Stephani in Bremen, am Sonntag nach der Wahl, sitzt die Gemeinde vor mir, und spreche ihn aus, meinen Anspruch. Wissend, wo ich spreche, zu dem ich spreche, wissend, wer spricht: ein Mann, der nichts ändern konnte.“

Es ist der 1. Februar 1987, der dritte Sonntag nach Epiphanias mit seinen hellen Texten und Pastor Heinrich Albertz predigt genau hier, an diesem Ort. Eine Woche nach der Bundestagswahl am 25. Januar 1987, in der Helmut Kohl erneut zum Kanzler gewählt wird. Natürlich schaut er kritisch auf das „Weiter so“ und verbindet diese Kritik mit der Auslegung der biblischen Geschichte vom sinkenden Petrus, der wie Jesus versucht übers Wasser und nicht unterzugehen. Schöne Geschichte übrigens. Auch für die heutige Zeit.

Worauf vertrauen wir – und wie sind die Ängste unterzugehen, den Boden unter den Füßen zu verlieren, angesichts der täglichen, aberwitzigen Szenarien zu bewältigen? Heinrich Albertz jedenfalls hätte auch heute am Puls der Zeit gepredigt, dieser politisch wache Christenmensch, der mich stets beeindruckt hat. So dass ich ungelogen schon als 15-Jährige seine Worte zum Sonntag gebannt verfolgt, ja, aufgesogen habe. Ein Mann, der aus meiner Sicht sehr wohl viel ändern konnte. Zumindest hätte ich ohne ihn letztlich nicht Theologie studiert. Insofern:

Sehr geehrter Herr Kirchenpräsident, lieber Bernd,
sehr geehrte, liebe Senatorin Schilling, lieber Herr Dr. Lissau,
sehr geehrte Frau Klapper, liebe Gäste,

ich fühle mich, mit Dank für diese freundliche Einführung, aufrichtig geehrt, zum 7. Heinrich-Albertz-Symposion den Vortrag halten zu dürfen, ja, mehr noch, mit Ihnen ins Gespräch kommen zu können. Denn das ist entscheidend in einer gestressten, weil angegriffenen Demokratie: im Gespräch zu bleiben. Nicht sich zurückziehen. Nicht schweigen. Sondern reden. Hören. Innehalten.

Das also, was auch Heinrich Albertz ausgemacht hat. Der das hatte, was Willy Brandt einmal „eine manchmal unbequeme, oft anstoßend hilfreiche Haltung“[2] nannte. Als Pastor, der zu den prominentesten Sprechern der Friedensbewegung zählte, in Mutlangen, auf den Kirchentagen, nicht allen in den Kirchenämtern zur Freude. Als Politiker, der sich 1948, als jüngster Minister überhaupt, an die Seite der Menschen stellte, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und alles verloren hatten. Auch als langjähriger Bundesvorsitzender der AWO mit seinem Credo: „Wenn es unter den Schwachen Schwächere gibt, stehen wir auf der Seite der Schwächsten.“ Dann natürlich als aufrechter Christenmensch, der sich freiwillig 1975 in die Hände von Terroristen begab, damit ein anderer Mensch freikommt. Und nicht zuletzt als Regierender Bürgermeister, der tatsächlich die Fähigkeit besaß, einen Irrtum öffentlich einzugestehen, weil er 1967 die Studentenbewegung schärfstens verurteilt hatte.

Summa: Heinrich Albertz, ein Mann, der sich ändern und auch damit bei anderen viel bewegen konnte. Zumindest nachdenklich machte. Nicht weiter so – aber weiter anders. Für eine liberale Demokratie. Politische Geradlinigkeit. Mit Gottvertrauen. Eben: frei, mutig, gelassen. Um stark zu bleiben in einer gestressten Demokratie! Dieser Vortragstitel hätte 1987 aus Gründen auch gepasst. Heinrich Albertz beschreibt es in besagter Predigt so: „Liebe Freunde: Wie lange steht jedem, der noch sehen und hören, lesen und schreiben kann, nicht schon der Wind entgegen? Was ist uns alles weggeblasen worden nach 1945? Wie stolz sind wir damals losgefahren. Befreit. Zu neuen Ufern. Zum Frieden. Zu mehr Menschlichkeit. Und welche Briefe bekomme ich heute jeden Tag von Alten und Jungen. Der Wind steht uns entgegen. Wir werden müde. Wir können das Ruder nicht mehr halten. Wir gehen womöglich unter.“[3]

Unglaublich aktuell, oder? Wie stark bleiben in einer gestressten Demokratie? Ich will mit dem Titel des letzten Buches von Albertz eine erste Antwort versuchen. Er schrieb dieses Buch in Bremen, kurz vor seinem Tod 1993, und es klingt wie sein Lebensmotto: „Wir dürfen nicht schweigen“. In der Tat. Wir dürfen nicht schweigen. Wir müssen reden.

Heute, einen Tag vor seinem 111. Geburtstag, sind also wir gefragt. Was bedeutet es, 2026 in Deutschland Demokrat, Christin, Bürgerin und Mitmensch zu sein? Wozu dürfen wir nicht schweigen? Was braucht unser Wort? Allemal in diesen extrem stressigen Zeiten – mit Machthabern, diesseits und jenseits des Atlantiks, mit überschaubarer Impulskontrolle. Gewaltkonflikte in der Sub-Sahara in Afrika. Hunger. Mehr Kriege weltweit denn je. Nicht nachlassende russische Angriffe auf die Ukraine. Der so unlösbar eskalierte Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die barbarische Gewalt gegen Protestierende im Iran. Wie schaffen wir es, inmitten der Krisenängste und tektonischen Weltverschiebungen unsere Demokratie zu stärken? Denn das braucht sie jetzt; es geht um viel. Wie bleibt eine Demokratie stark und lebendig, wenn sie unter Druck gerät, bedroht wird von ihren Gegnern und den Feinden der Freiheit? Wie schützen wir die Grundwerte, auf denen sie basiert, ganz zuvorderst die Menschenwürde? „Wir dürfen nicht schweigen“ – das erscheint mir aktueller denn je.

Denn wir erleben weltweit einen besorgniserregenden Aufschwung von Rechtspopulismus, Nationalismus und autoritären Versuchungen. Das betrifft nicht mehr nur autoritär regierte Staaten wie Russland oder China, sondern in zunehmendem Maße auch die USA und Europa. Demokratische Institutionen werden infrage gestellt oder lächerlich gemacht, demokratische Regeln werden relativiert, Minderheiten zu Sündenböcken erklärt. Der Ton wird rauer, die Sprache brutaler, gefördert durch die Echokammern der sogenannten sozialen Medien. Die Bereitschaft zum Kompromiss schwindet. Das Prinzip „Me first – Ich zuerst“ verdrängt den Gedanken gemeinsamer Verantwortung und destruiert jeglichen Gemeinschaftssinn.

Der Drang zum Autoritären, und in Verbindung damit ein zunehmend wahrnehmbarer Rechtsruck, zeigt sich global – und er greift ganz offen die Grundlagen der Demokratie an: Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Und die Suche nach dem Kompromiss wird als Schwäche deklariert. Die Demokratie ist dadurch verwundet. Und sie gerät in einen Dauerstress, der sie erodieren lässt. Gestresst sind dabei auch die Menschen. Die Vielzahl der Krisen – geopolitisch, wirtschaftlich, ökologisch, gesellschaftlich – sind hohe Stressoren. Und die machen etwas mit uns, wie jeder Stress: Die Atmung wird schneller, die Haut dünner, die Ungeduld steigt, Angst und Erschöpfung nehmen zu. Es herrscht Tunnelblick statt Horizonterweiterung. Und dann versagt nicht selten das Herz – in vielerlei Hinsicht, auch gesamtgesellschaftlich.

Wie also kann uns das gelingen: Mensch zu sein, Mitmensch mit Herz. Wie in diesem Sinne stark bleiben in einer Zeit, in der die Demokratie verwundet und gefährdet ist und unsere Gesellschaft von Krisen durchgeschüttelt wird? Was ist uns Kraftquelle, die uns tagsüber energisch gegen Unrecht aufstehen, aber auch abends zuversichtlich schlafen gehen lässt? Mich beschäftigen diese Fragen zutiefst – auch im Blick auf unsere Kirche. Klar ist: Wir müssen nicht zu jedem tagespolitischen Thema etwas sagen. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass wir Räume bieten müssen, in denen wir wieder lernen, innezuhalten, hinzuhören – und verschiedene Meinungen auszuhalten. Aber in einem Punkt sind wir ganz klar: Wenn aus christlicher Sicht das große Ganze auf dem Spiel steht, wenn der gesellschaftliche Frieden und die Menschenwürde bedroht sind, dann haben wir die Pflicht, dagegen aufzustehen. Dann gilt jenes Albertz-Wort auch heute: „Wir dürfen nicht schweigen“. Als Kirche, als Christinnen und Christen haben wir eine Botschaft weiterzusagen: Weil Gott die Welt liebt, dürfen wir sie nicht einfach aufgeben. Wir sind aufgerufen zur Nächstenliebe, zur Barmherzigkeit und zur Verantwortung füreinander und unsere ganze Mit-Welt oder Mit-Schöpfung. Davon müssen wir reden!

In einer öffentlichen Rede just am 7. Oktober des vergangenen Jahres stellte Prof. Michel Friedman eine Frage, die mich aufgewühlt hat. Und dies auch deshalb, weil bei internationalen Besuchen, etwa in Brüssel, mehrfach die Rede davon war, dass in Deutschland 2029 die nächste Bundestagswahl anstehe und die übernächste 2033 … „Können Sie mir garantieren“, so Friedman zu den vor ihm sitzenden Parlamentariern, „können Sie mir garantieren, dass ich in 5 bis 10 Jahren noch in einer Demokratie lebe? Dass ich hier ohne Angst reden kann und unbehelligt aus dem Saal rausgehe? Wie lange noch? […] Wollen wir demokratisch leben, ja oder nein? Dann müssen wir mehr tun als bisher. Tun wir‘s nicht, soll bitte keiner sagen, er habe nichts gewusst. Denn heute wissen wir als Zeugen unserer Zeit alles.“

Recht hat er. Wir wissen‘s. Die Demokratie hat viele, hochaggressive Gegner. Solche, die sich herausnehmen, bestimmten Mitmenschen die Menschenwürde abzusprechen. Solchen, die das Recht des Stärkeren anstelle eines regelbasierten Miteinanders durchsetzen wollen – auch mit Gewalt, verbal und körperlich. In diesem Jahr stehen in Deutschland fünf Landtagswahlen an. Umfragen aus dem Herbst sahen starke Zuwächse für die AfD, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern lag sie mit Abstand an erster Stelle. Es ist sehr bitter, wie viele Menschen bereit sind, eine Partei zu wählen, die die Würde bestimmter Menschengruppen längst schon für antastbar erklärt hat. Eine Partei, die damit die Grundlagen unseres Grundgesetzes infragestellt, insbesondere seinen ersten Artikel. Das erschreckt, aber es verpflichtet uns auch. Und dabei geht mir die Beobachtung nach, wie viele diesen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus inzwischen mit einer gewissen Ratlosigkeit hinnehmen, und erschöpft wirken in ihrem Protest. Aber: Noch sind es nur Umfrageergebnisse. Noch ist nichts entschieden. Immer noch besteht die Chance, Menschen zu erreichen, zu warnen, zu überzeugen. Wir sehen aktuell in den USA, was geschieht, wenn die Demokratie ihren Verächtern in die Hände fällt. Lassen wir nicht zu, dass Zuversicht und Hoffnung von Bitterkeit und Resignation geraubt werden!

Und also: Wie schaffen wir es, Haltung zu zeigen? Im Dauerlärm aus Meinungsmache und Abschätzigkeiten nicht taub zu werden? Denn das ist es ja auch, was es der Demokratie so schwer macht. Statt Dialog und Verständigung haben Social Media wie TikTok, X und Instagram übernommen: schnelle Hiebe, harte Urteile, keine Differenzierung. Die Wahrheit verschwimmt, weil Fakten und Meinung über eine Tatsache nicht mehr zu unterscheiden sind. Zwischentöne und Stimmen der Vernunft werden vom Radau der Zutexter und Angstschürer erstickt. Sachargumente und Besonnenheit gehen im Gewühl von Schlagzeilen und dem Kampf um Klickzahlen unter.

„Wir werden irre ohne Zuversicht“ – so sagte es letztes Jahr ein Politiker zu mir. Ich finde, er trifft damit genau den Nerv. Eine Gesellschaft ohne Hoffnung verliert ihren inneren Kompass. Was wir brauchen, ist eine Hoffnung, die nicht naiv ist, sondern tragfähig. Etwas, das über das hinausweist, was wir derzeit erleben an Friktionen, politischem Irrsinn, Polarisierung. Etwas, das uns Kraft gibt. Widerstandskraft. Ich bin überzeugt: Diese Kraft kommt nicht aus uns selbst, sondern aus unserem Glauben. Ich kann sie nicht „machen“, sondern sie wächst mir zu.

Eine Zuversicht, ja Widerstandskraft, die sich aus tiefer Hoffnung speist, die weit mehr ist als Optimismus. Christliche Hoffnung. Sie rechnet mit Gott in dieser verwundeten Welt und hofft zugleich über diese Welt hinaus. Sie ist keine Flucht, sondern eine Quelle der Standhaftigkeit. Sie macht widerständig gegen das Zerstörerische, ohne selbst zerstörerisch zu werden. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem, heißt es in der Bibel. Ein kluger Satz in dieser Zeit. Mit einem gewissen Hoffnungstrotz den toxischen Verstörungen die Stirn bieten, darum geht es. Und genau deshalb sind wir als Kirche herausgerufen, Ekklesia, die Herausgerufene, nicht zu schweigen, wenn Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und die Würde eines jeden Menschen angetastet werden.

Und solcher Glaube ist zugleich eine Art Zweifel gegenüber den einfachen Erklärungen. Und er lebt Vertrauen. Gottvertrauen. Zutrauen. Das genaue Gegenteil von Misstrauen, von Ausgrenzung und Manipulation, die den Stresspegel unserer Demokratie maximal nach oben treiben. Er lebt Vertrauen, dessen Verlust vielerorts in unserer Gesellschaft betrauert wird. Und also: Können wir im Vertrauen auf Gott auch wieder mehr Zutrauen zum, Interesse am Anderen finden?

Denn Vertrauen, bedeutet ja auch: Ich traue mich. Ich traue mich zu hoffen – all dieser Verzagtheit zum Trotz. Ich traue mich, nicht zu schweigen. Und: Ich traue mich, zuzuhören, dem anderen etwas zuzutrauen – und mich zuzumuten. Ich traue mich, den anderen anzuerkennen, auch wenn ich seine Meinung nicht teile, zu verhandeln, Kompromisse zu finden. Mit dem Ziel, so wenig Verlierer wie möglich zu schaffen und so viel Gerechtigkeit wie möglich zu realisieren, also Gewinn-Gewinn-Lösungen gemeinsam zu suchen. Unaufgeregt, faktenbasiert, gelassen. Dies alles sind Basistugenden menschlicher Kommunikation und Kultur – und alles auch entscheidende Merkmale der bisher immer noch besten Staatsform, trotz aller Fehler: die Demokratie.

Unsere Kirchen in Deutschland – ich wähle bewusst den Plural, weil das auch ökumenisch gilt – halten bewusst zur Demokratie. Wir halten eine demokratische Staatsform für am ehesten in der Lage, Frieden und Gerechtigkeit zu fördern und die Würde des Menschen zu schützen. Nicht, dass die Demokratie keine Fehler und Schwächen hätte, nicht, dass sie nicht permanent zu verbessern wäre. Aber die Demokratie ist und bleibt eben die beste Form, um so vielen Menschen, wie nur irgend geht, ein gutes Leben in Freiheit zu ermöglichen – auch der Freiheit, die von Gott geschenkten Gaben zu entfalten.

Dass die Kirchen das heute so klar formulieren können, ist das Ergebnis eines Lernprozesses. Denn Sie wissen, nicht immer waren die Kirchen für die Sache der Demokratie begeistert. Sie weisen wahrlich auch eine unrühmliche Geschichte als Demokratieverächterinnen auf; nicht zuletzt in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts haben sie sich der nationalsozialistischen Diktatur – in weiten Teilen – nicht entgegengestellt und in ihrem eklatanten Versagen große Schuld auf sich geladen. Und genau deshalb auch wohnt der Evangelischen Kirche eine institutions- und selbstkritische Haltung inne, die verbunden ist mit einer hohen Sensibilität, wenn Menschen Macht missbrauchen und andere abwerten, niedertreten, mit Hass überziehen. Es gilt, dem Abgrund des Unmenschlichen etwas entgegenzuhalten: Gott hat den Menschen Würde verliehen, indem er ihn und sie als sein Ebenbild geschaffen hat. Der Mensch, und zwar jeder Mensch, ohne jeden Unterschied, ist ein einzigartiges, geliebtes Geschöpf, dessen Würde nicht verhandelbar ist. Und genau dafür mit aller Kraft, auch der Kraft der Hoffnung einzustehen, ist Christenpflicht, nichts weniger.

Bereits 1948 hat die Weltkirchenkonferenz in Amsterdam dies in eindringlicher Weise beschrieben. Ich zitiere einige Sätze, weil es gültig bleibt und berührend:

„Wir wollen Gott bitten, dass Er uns miteinander lehre:
Ein echtes Nein und ein echtes Ja zu sprechen;
ein Nein zu allem, was der Liebe Christi zuwider ist,
zu jedem System, zu jedem Programm, zu jedem Menschen,
die einen Menschen behandeln, als wäre er nicht Gottes Geschöpf,
sondern ein Stück Ware, das man ausnutzen kann;
ein Nein zu denen, die im Namen der Ordnung das Unrecht zum Recht machen,
zu denen, die die Saat des Krieges säen oder zum Kriege drängen.
Ein Ja zu allem, was mit der Liebe Christi zusammenstimmt,
zu allen Menschen, die das Recht aufrichten
zu allen, die in der Welt einen echten Frieden schaffen möchten,
zu allen, die um des Menschen willen hoffen, kämpfen und leiden;
ein Ja zu allen denen, die – selbst ohne es zu wissen –
sich ausstrecken nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde,
in welchen Gerechtigkeit wohnt.“

Vor allem geerdet, nach einer neuen Erde haben sich auch die Mütter und Väter des Grundgesetzes ausgestreckt. Sie haben sich nach der Katastrophe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, einem an Grauen nicht zu überbietenden Holocaust und einem mörderischen Zweiten Weltkrieg auf diesen humanitären Wurzelgrund besonnen. Militärisch und moralisch zerstört, hat Deutschland Halt gesucht und gefunden in einer neuen Ordnung der Mitmenschlichkeit. Aufgestanden aus Zerstörung, Menschenverachtung und Amoralität.

Unantastbar ist die Würde des Menschen! Die das schrieben, wussten wahrlich um den Wert dieser Würde. Und waren zutiefst inspiriert von der biblischen Tradition. Mit faszinierender Prägnanz haben sie in den Grundrechten schlicht und ergreifend die Schutz- und Freiheitsrechte formuliert: mit einem Vor-Satz, einem Grund-Satz, der in sechs Worten alles sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Und daraus entwickelt: „Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ (Artikel 2), „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ (Artikel 3), „Eine Zensur findet nicht statt.“ (Artikel 5), „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ (Artikel 16). Was für wunderbar gültige Sätze, die wir heutzutage gar nicht oft genug hören und sagen sollten.

Unser Grundgesetz ist in vielem verwandt mit den Grundorientierungen des christlichen Glaubens. Darum sprechen die Kirchen ein klares Nein zu allen rassistischen, antisemitischen oder völkisch-nationalen Positionen. Eine Ideologie der völkischen Überlegenheit ist mit christlicher Haltung nicht vereinbar.

So klar die Position. Und trotzdem oder genau deswegen werden und müssen wir alles tun, um mit Menschen, deren Meinung wir nicht teilen, zu reden und uns auseinanderzusetzen. Auf dem Regelwerk des Gesprächs müssen wir bestehen. Auf allen Ebenen der Gesellschaft. Die gemeinsame Initiative der Diakonie Deutschland und der EKD mit Namen: #VerständigungsOrte hat sich genau dem verschrieben: Gesprächskultur an allen Ecken und Enden. In Kirchen, Dorfgasthöfen, Bundestagsräumen, Schulen, Kitas, interreligiösen Foren und Akademien, in Ost und West über Gartenzäune kommen Menschen zusammen und jede Menge auf den Tisch, worum zu ringen und zu streiten nötig ist: Frieden, Gesundheit, Bildung, Perspektive, Zukunft. Und wie das gelingen kann?

Ein konkretes Beispiel: Wir befinden uns an einem Verständigungsort in einem Dorfgemeindehaus. Es ist gefüllt mit schlecht gelaunten und angefassten, etwa 60 Dorfbewohnern; es liegt Konflikt in der Luft und man sitzt sich grummelnd in Tischgruppen gegenüber. Die Moderatorin beginnt mit einer Frage: Wann haben Sie zuletzt eine Meinung geändert, von der Sie sehr überzeugt waren? – Die Meinung ändern? Man merkt, wie die Frage etwas auslöst. Die Moderatorin fährt fort: Setzen Sie sich zu viert zusammen. Jede und jeder redet 4 Minuten, keine unterbricht, und man bezieht sich nicht aufeinander. Klare Regeln – faszinierendes Ergebnis. Binnen kürzester Zeit ändert sich die Atmosphäre. Sie wird ruhiger, nicht so gehetzt. Man hat ja immerhin 4 Minuten Zeit. Reden Sie mal 4 Minuten am Stück! Und keiner unterbricht Sie! Da kommt vieles auf den Tisch, was länger schon schwelte.

Vorbei die Attitüde des: Das wird man doch mal sagen dürfen! – Ja, darf man, alles. Wir sind freie Menschen in einem freien Land. Gott sei Dank sind wir das! – Und dann: 12 Minuten zuhören, keine leichte Übung. Für niemanden ... Faszinierend, zu sehen, wie die geballten Fäuste sich öffnen. Nach eineinhalb Stunden erscheinen gar erste Lösungen am Horizont. Zwar heiratet man einander nicht gleich, aber zumindest scheiden lassen möchte man sich nicht mehr. Es keimt Zuversicht auf, dass sich etwas zum Guten verändern lässt. Und dass doch nicht alles so schlecht ist. Und dass dieses „Da kann man nichts machen“ womöglich gar nicht stimmt …

Für mich ist das Hoffnungskraft. Neu wachsendes Vertrauen. Ich bin überzeugt, dass Vertrauen dort lebendig wird, wo wir das Wir anstelle eines Die wagen, wo wir einander begegnen, zuhören, miteinander reden, streiten, ringen. Das Ziel ist nicht, einer Meinung zu sein, sondern die unterschiedlichen Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen, bisweilen auch auszuhalten, ohne sie zu diskreditieren – und sie miteinander ins Gespräch zu bringen.

Das ist gar nicht so einfach. Auch innerhalb der EKD nicht. Im November haben wir die Friedensdenkschrift vorgestellt. Ein Ergebnis des Miteinander-Ringens und langer kontroverser Diskussionen innerhalb der Evangelischen Kirche. Die Denkschrift ist ein Kompromiss. Ich persönlich empfinde durchaus die Zerrissenheit, die sich in ihr widerspiegelt. Haben viele von uns doch höchst überzeugt Heinrich Albertz pazifistische Haltung geteilt. In Mutlangen. Im Bonner Hofgarten. „Frieden schaffen ohne Waffen.“ Und: „Schwerter zu Pflugscharen“. Im Blick auf die weltpolitischen Veränderungen und einer für viele beängstigenden Bedrohungslage nun offenbart sich heute ein nicht auflösbares Spannungsfeld zwischen zwei christlichen Grundhaltungen: dem Gewaltverzicht Jesu, dem es zu folgen gilt, einerseits und der Nächstenliebe andererseits, also der Verantwortung, Opfer völkerrechtswidriger Gewalt zu schützen. Eine eindeutige Lösung gibt es hier nicht. Politisch werden etliche solcher komplexen Abwägungen nötig sein, um das jeweilig kleinere Übel zu orten. Und dabei gilt es auszuhalten, dass es die eine klare, moralisch unanfechtbare Entscheidung nicht gibt. Gleich was man tut, man wird schuldig. Umso wichtiger bleibt das Gespräch. Und der Zusammenhalt darin. Denn es steht viel auf dem Spiel, nicht zuletzt unsere Demokratie als Staatsform des aufgeklärten Gesprächs.

Ich wünsche mir von meiner Kirche und auch von Vereinen, Gemeinschaften, Symposien, Freundinnen und Freunden, dass sie dafür ganz bewusst Begegnungsräume öffnet wie heute. Räume und Zeiten fürs kontroverse Miteinander. Für Menschen, die Meinungen haben und sie nicht mehr ins Gespräch bringen. Denn nicht die Auseinandersetzung, zuvorderst der Rückzug befördert Spaltung. Konflikte brauchen Sprache! Verständigung, auch wenn Positionen kilometerweit auseinandergehen. Wollen wir Hass und Hetze den Boden entziehen, müssen wir mehr voneinander verstehen, einander zuhören und eben: reden. Wieder und wieder … Nützt ja nix.

Michel Friedman schließt seine Rede vor den Parlamentariern sichtlich berührt. „Ich möchte, dass Sie sich mit mir als Mensch identifizieren und nicht mit mir als Juden solidarisieren. Ich bin nämlich ein Mensch. Und jeder ist jemand. Und ich möchte nie mehr erleben, dass es in meinem Land Menschen gibt, die bestimmen, ob ein Mensch ein Mensch ist.“

Es braucht jetzt ein klares Ja zu Recht und Demokratie, auch weil in ihr die Werte, die die christliche Hoffnung teilt, bestimmend sind, und das ist zuallererst ein Leben in Freiheit und Verantwortung. Es ist unser Glauben, der uns Zuversicht und Widerstandskraft gibt, das ist meine Überzeugung. Aus dieser Hoffnungskraft heraus sind wir gefordert, alles uns Mögliche zu tun, damit die Saat der Angst und des Hasses, die rechtsextreme, islamistische, terroristische, antisemitische, rassistische Saat all der Menschen- und Demokratiefeinde nicht aufgehen wird. Oder, um es in Gedanken an Heinrich Albertz zu sagen: „Wir dürfen nicht schweigen“. – Ich danke Ihnen.

 


[1] Heinrich Albertz: Miserere Nobis. Eine politische Messe, 1987, S. 15 f.

[3]Heinrich Albertz: Miserere Nobis. Eine politische Messe, 1987, S. 19.

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