Warum Versöhnung eine Kraft ist, die unsere Gesellschaft jetzt braucht
01. April 2026
Karfreitag ist für Bischöfin Nora Steen ein stiller Tag. Einer, der bewusst einen Kontrast setzt zum oft lauten, schnellen Alltag: "Im Zentrum steht eine Erfahrung, die viele Menschen kennen, unabhängig von religiöser Bindung: Es gibt Schmerz, Brüche und Schuld im Leben, die sich nicht einfach lösen lassen. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung dieses Tages."
Für Bischöfin Nora Steen erinnert der Karfreitag daran, dass Leid zum Leben gehört. "Gleichzeitig stellt dieser Tag uns eine Frage, die aktueller kaum sein könnte: Wie kann Versöhnung gelingen?"
Wenn das Leben aus dem Gleichgewicht gerät
Krankheit, Konflikte in der Familie, zerbrochene Beziehungen oder persönliche Krisen: Viele Menschen erleben Situationen, in denen Sicherheiten wegbrechen. Oft bleiben Verletzungen zurück, die lange nachwirken.
"Versöhnung bedeutet in solchen Momenten nicht, das Geschehene ungeschehen zu machen. Sie verlangt auch nicht, Schmerz zu verdrängen", so Nora Steen. Vielmehr beginnt sie dort, wo Menschen den Mut finden, sich anzusehen in ihrem Schmerz und sich selbst und anderen gegenüber ehrlich zu werden.
Ein Gegenakzent zur Verdrängung
In einer Zeit, in der vieles auf Effizienz, Funktionieren und positive Selbstdarstellung ausgerichtet ist, fällt es oft schwer, Raum für Trauer oder Schuld zu lassen. Karfreitag setzt hier bewusst einen anderen Akzent.
Der Tag lädt dazu ein, innezuhalten:
nicht alles sofort zu bewerten,
nicht alles lösen zu müssen,
und nicht alles zu überdecken, was schmerzt.
Diese Haltung kann entlasten, gerade weil sie anerkennt, dass nicht alles im Leben kontrollierbar oder „reparierbar“ ist.
Versöhnung beginnt im Alltag
Versöhnung ist kein großes abstraktes Konzept. Sie zeigt sich im Kleinen:
im Gespräch nach einem Streit,
im Eingeständnis eigener Fehler,
im Versuch, sein Gegenüber zu verstehen.
Bischöfin Nora Steen macht deutlich: "Solche Schritte sind oft unspektakulär, aber sie verändern Beziehungen im privaten Raum, und eben auch das gesellschaftliche Miteinander."
Hier in Schleswig-Holstein lohnt sich als Beispiel dafür ein Blick in das deutsch-dänische Grenzland. Diese Versöhnung ist über Generationen gewachsen. Trotz historischer Konflikte ist hier ein Alltag des respektvollen Zusammenlebens entstanden. Unterschiedlichkeit wird nicht aufgehoben, sondern gemeinsam gestaltet.
Für Nora Steen stellt sich angesichts globaler Krisen, wachsender Spannungen und zunehmender Polarisierung die Frage nach Versöhnung auch im größeren Maßstab: Wie können Gräben überwunden werden, wenn politische Positionen sich verhärten? Wie kann Zusammenhalt entstehen, wo das Vertrauen in gemeinsame Werte fehlt?
"Karfreitag erinnert daran, dass Versöhnung nicht bei den „großen Lösungen“ beginnt, sondern bei der Haltung jedes Einzelnen."
Die Stärke, Verletzlichkeit zuzulassen
Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg ist die Bereitschaft, eigene Verletzlichkeit zu zeigen. Wo Menschen nicht nur Stärke demonstrieren, sondern auch Brüche und Grenzen sichtbar werden, kann Vertrauen entstehen. Die Bischöfin macht deutlich:
"Versöhnung bedeutet deshalb nicht Schwäche, sondern Mut:den Mut, sich selbst und anderen ehrlich zu begegnen."
Karfreitag bietet die Gelegenheit, diesen Perspektivwechsel bewusst zuzulassen. Einen Tag lang nicht nur auf das zu schauen, was gelingt, sondern auch auf das, was offen, schmerzhaft oder unvollendet ist.
Gerade darin kann eine neue Kraft liegen: Für den Umgang mit sich selbst, mit anderen und mit den Herausforderungen unserer Zeit.
Predigt im Fernsehgottesdienst im St. Petri-Dom zu Schleswig
Am Karfreitag, den 3. April 2026, predigt Bischöfin Nora Steen um 10 Uhr im Dom zu Schleswig. In diesem besonderen Gottesdienst, der bundesweit übertragen wird, steht das Thema der Versöhnung im Mittelpunkt.
Mit eine Redebeitrag zu Gast ist der Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein, Claus Ruhe Madsen.
Für Besucherinnen und Besucher: Einlass in den Dom ist an diesem Tag aus technischen Gründen zwischen 9.00 Uhr und 9.30 Uhr.
